„Wenn Gott alles geschaffen hat – wer hat dann Gott geschaffen?“
Kaum eine Frage wird Christen so häufig gestellt: von Kindern, die ehrlich staunen, bis hin zu Atheisten, die damit eine vermeintliche Schwachstelle im christlichen Glauben aufdecken wollen. Doch hinter ihr verbirgt sich ein tieferes Thema: Ist Gott selbst ein Geschöpf oder der ewige Ursprung aller Dinge?
1. Niemand hat Gott erschaffen
Die Bibel beginnt in Genesis 1:1 mit: „Im Anfang schuf Gott.“ Das bedeutet: Alles hat einen Ursprung, einen Anfang – und dieser Ursprung ist Gott selbst. Er stand am Anfang aller Dinge, doch selbst wurde er von keinem anderen Wesen ins Dasein gebracht. Keine langen Vorreden, kein Versuch, Gottes Herkunft zu erklären. Die Bibel setzt sie einfach voraus. Und sie bleibt durchgängig dabei. Ein paar Beispiele:
| Bibelstelle | Bildliche Zusammenfassung |
|---|---|
| Ps 90:2 | „Bevor es Berge oder Meere gab – du warst schon immer Gott.“ |
| Jes 57:15 | „Gott wohnt außerhalb der Zeit – in der Ewigkeit.“ |
| Kol 1:17 | „Bevor irgendetwas entstand, war er da, und alles hängt bis heute von ihm ab.“ |
| Offb 1:8 | „Ich bin das A und das Z … der war, der ist und der kommt.“ |
Paulus drückt es so aus: „Er ist vor allen Dingen, und in ihm bestehen alle Dinge“ (Kol 1:17). Alles, was wir sehen können – und alles, was unsichtbar ist – stammt von Gott. Er ist immer gewesen und wird in Ewigkeit bestehen.1
2. Drei Vernunftgründe für einen unerschaffenen Schöpfer
Die folgenden Überlegungen stützen sich auf klassische Positionen der Metaphysik und Religionsphilosophie – von Aristoteles und Thomas von Aquin bis zu Gottfried Wilhelm Leibniz – und zeigen, weshalb die Annahme eines ewigen, unerschaffenen Gottes nicht nur theologisch, sondern auch logisch geboten ist.
2.1 Das Problem des infiniten Regresses
a) Formulierung des Problems
Wenn man behauptet, Gott selbst habe einen Urheber, entsteht sofort die Frage nach dem Urheber dieses Urhebers usw. Es entsteht eine Kausalkette ohne erstem Glied (causa prima).
b) Logische Konsequenz
Eine solche unendliche Rückwärtsverweisung erklärt nichts:
- Keine aktualisierte Ursache: In einer Kette ausschließlich abgeleiteter Ursachen tritt niemals eine hinreichende, gegenwärtig wirkende Quelle auf.
- Keine zureichende Begründung: Nach dem Prinzip der ausreichenden Begründung (Leibniz) muss es letztlich etwas geben, das in sich selbst den Grund seiner Existenz trägt.
c) Schlussfolgerung
Um reale Wirkungsketten (etwa das Bestehen des Universums) verständlich zu machen, ist ein erstes, unverursachtes Prinzip erforderlich – klassisch „ipsum esse subsistens“ (das subsistierende Sein selbst) genannt.
2.2 Notwendiges versus kontingentes Sein
a) Kontingenzanalyse
Definition: Kontingenz betont, dass Dinge nicht notwendig so sein müssen, wie sie sind, und dass sie auch anders sein könnten. Es ist das Gegenteil von Notwendigkeit und schließt die Möglichkeit von Alternativen ein.
Alles Erfahrbare ist kontingent: Es existiert, muss aber nicht existieren. Seine Möglichkeit ist von externen Faktoren abhängig (Ursachen, Bedingungen, Zeit).
b) Metaphysische Ableitung
Eine Gesamtheit nur kontingenter Entitäten bleibt erklärungsbedürftig. Denn für jede kontingente Wirklichkeit kann man sinnvoll fragen: Warum existiert sie überhaupt und nicht vielmehr nichts?
c) Erforderlichkeit eines notwendigen Seins
Die Vernunft verlangt daher mindestens ein notwendiges Sein, das
- in sich den Grund seiner Existenz besitzt,
- logisch unmöglich ist, nicht zu existieren,
- ontologisch prior zu allem Kontingenten ist.
Thomas von Aquin spricht vom „unbewegten Beweger“, Leibniz vom „absolut notwendigen Wesen“. Dieses notwendige Sein identifiziert die christliche Tradition mit Gott.
2.3 Ockhams Rasiermesser
a) Prinzip
„Entitäten dürfen nicht ohne Not vermehrt werden“ (non sunt multiplicanda entia sine necessitate).
b) Anwendung
- Hypothese A: Ein einziger ewiger Schöpfer erklärt Ursprung, Ordnung und Erhaltung des Kosmos.
- Hypothese B: Eine potenziell unendliche Serie von „Vor-Göttern“ erklärt dasselbe, fügt aber zusätzliche unbegründete Postulate ein.
c) Bewertung
Die metaphysische Erklärungskraft von A ist identisch, ihr theoretischer Aufwand geringer. Gemäß Ockhams Prinzip ist daher Hypothese A zu bevorzugen.
Gesamtergebnis
- Infinites Regressproblem: Ohne einen ersten, unverursachten Ursprung gäbe es keine aktualisierten Ursachen, mithin kein Sein.
- Notwendiges Sein: Die Existenz kontingenter Wirklichkeit weist logisch auf ein notwendiges, selbstbegründetes Wesen hin.
- Sparsamkeitsprinzip: Der unerschaffene Schöpfer ist die schlichteste und zugleich hinreichende Erklärung.
Somit korreliert die philosophische Vernunft präzise mit dem biblischen Zeugnis: Niemand hat Gott erschaffen; er ist der notwendige, ewige Ursprung aller Wirklichkeit.
3. Welche Bedeutung hat das für uns?
Paulus fasst die Konsequenz in einem einzigen Vers zusammen:
„Denn in ihm ist alles geschaffen worden im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare … alles ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen.“ (Kol 1:16)
Wenn wirklich alles – auch wir selbst – „zu ihm hin“ geschaffen wurde, folgt daraus:
| Dimension | Konkrete Auswirkung |
|---|---|
| Zweck unseres Lebens | Wir existieren nicht zufällig, sondern um Gott zu kennen, zu lieben und zu verherrlichen. Sinn und Erfüllung finden wir letztlich nur, wenn unser Leben auf ihn ausgerichtet ist. |
| Anbetung und Dank | Als Schöpfer und Erlöser gebührt Gott „alle Ehre und Herrlichkeit“ (Offb 4:11). Jede Form von Gottesdienst, aber auch unser Berufsalltag und unsere Beziehungen werden zum Ort der Anbetung, wenn sie auf ihn verweisen. |
| Vertrauen und Gelassenheit | Der, der alles ins Dasein gerufen hat und erhält, trägt auch unser persönliches Leben. Das schafft Zuversicht in Krisen und Gelassenheit angesichts unkontrollierbarer Umstände. |
| Demut und Verantwortlichkeit | Zu wissen, dass wir Geschöpfe sind, bewahrt vor Selbstüberhöhung. Zugleich verpflichtet es uns mit Gottes Schöpfung und unseren Mitmenschen verantwortungsvoll umzugehen. |
| Mission und Zeugnis | Wer erkannt hat, dass alles „zu ihm hin“ geschaffen wurde, wird anderen von diesem Schöpfer erzählen wollen – nicht als Theorie, sondern als Einladung zum Leben in seinem ursprünglichen Sinn. |
Fazit: Die Einsicht, dass Gott der unerschaffene Ursprung aller Wirklichkeit ist, bleibt keine abstrakte Metaphysik. Sie definiert unseren Lebenssinn, verwandelt unseren Alltag in Anbetung und schenkt uns begründete Hoffnung – „denn in ihm leben, weben und sind wir“ (Apg 17:28).
- https://africa.thegospelcoalition.org/article/who-created-god/ ↩︎

















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