Ob es beim Bibellesen oder im echten Leben ist: Oftmals verstehe ich das Handeln Gottes nicht – oder das, was ich als dieses interpretiere. Ich versuche, Gott schematisch mit Begriffen zu beschreiben und sein Vorgehen unter bestimmte Prinzipien zu fassen. Doch leider (oder zum Glück?) versagen beide Vorgehensweisen früher oder später. Unglücklicherweise gibt es Situationen, in denen dieses Nichtverstehen Gottes zu echter Not führt, in der sich Menschen von ihm abwenden. Allerdings bietet es auch eine große Chance, Weisheit zu erlangen und dadurch gute Entscheidungen zu treffen. Wie soll das funktionieren? Das versuche ich nun zu erklären.
Ein prinzipienloser Gott?
Über Arsaja, den König von Juda, wird berichtet, dass er in den Augen Gottes (= Jahwe) weitestgehend gerecht handelte:
„Wie sein Vater Amazja tat auch er, was Jahwe gefiel. Die Opferstätten auf den Höhen ließ er allerdings bestehen, sodass das Volk dort auch weiterhin Schlacht- und Räucheropfer brachte.“ 2. Könige 15:3f
Arsaja ist also jemand, der Gott die Ehre gibt, allerdings die Altäre anderer Götter nicht niederreißt. Der anschließende Vers drückt eine drastische Handlung Gottes aus:
„Jahwe schlug den König mit Aussatz. Er musste bis zu seinem Tod in einem abgesonderten Haus wohnen.“ 2. Könige 15:5a
Warum sollte Gott also den weitestgehend gerechten Arsaja mit dieser Krankheit strafen, falls es eine Strafe war? Nun kann man argumentieren, dass die Nichtabschaffung der anderen Höhenheiligtümer zur Bestrafung führte. Eine solche Bestrafung wird aber bei anderen Königen, die ebenfalls prinzipiell gerecht lebten, götzendienerische Heiligtümer aber nicht abschafften, mit keiner Silbe erwähnt (vgl. z.B. Asa von Juda in 1. Könige 15:9-24; Joschafat von Juda in 1. Könige 22:41-51; Joasch von Juda in 2. Könige 12; Amazja in 2. Könige 14:1-22; zwar gibt es bei allen auch negative Einschnitte, vor allem bei den beiden Letztgenannten, die von Verschwörern ermordet wurden; alles dies wird aber nicht in Zusammenhang zu Gott selbst gebracht).
Auf der anderen Seite lesen wir von Naaman, dem Obersten Militärführer der Aramäer, dass er zwar von Aussatz befallen war, allerdings durch den Tipp einer jüdischen Kriegsgefangenen (!) auf den Propheten Elisa aufmerksam gemacht wurde, der ihm eine siebenfache Waschung im Jordan empfahl. Als er sie praktiziert hatte, wurde er wieder gesund und musste laut anerkennen, dass der Gott Israels ihn geheilt hatte (vgl. 2. Könige 5:1-15).
Nun haben wir gesehen, dass Gott einem weitestgehend gerechten Mann aus seinem auserwählten Volk eine Krankheit schickt, die er aber anderen vergleichbar gerechten Königen nicht gesandt hatte. Darüber hinaus heilt er noch einen heidnischen Mann, der als oberster Militär einem Königreich diente, das oftmals Krieg gegen Israel führte und jüdische Kinder versklavte. Das passt irgendwie nicht zusammen. Zumindest scheint es nicht zusammenzugehen. Es wirkt so, als hätte Gott keine Prinzipien, vielleicht sogar, als wäre er willkürlich.
Der nichtverstehbare Gott 1.0
Vor ein vergleichbares Dilemma war auch Hiob gestellt, der ein gerechter und gottesfürchtiger Mann war, das Böse mied (Hiob 1:1) und enormes Leid ertragen musste. Der Grund dafür war die Erlaubnis Gottes dem Satan gegenüber, Hiob zu prüfen. Er verlor alle seine Kinder, seinen ganzen Besitz und seine Gesundheit (Hiob 1-2:10).
Seine Freunde leiteten aus der Tatsache dieser harten Schicksalsschläge ab, dass er irgendetwas verbrochen haben musste, worauf die Strafe Gottes folgen würde (vgl. Hiob 4:7-10; Hiob 8:5f; Hiob 11:13f). Für sie galt also das Prinzip: Wenn jemand leidet, muss er von Gott bestraft sein.
Hiob wiederum fragte Gott aufgrund seines Leides verbittert, ob er sich versündigt habe bzw. warum Gott ihn zur Rechenschaft ziehe (vgl. z.B. Hiob 7:20f; Hiob 10:2). Für ihn galt also das Prinzip: Wenn jemand gerecht lebt, darf er kein Leid erfahren.
Hinter den gedanklichen Vorstellungen der Freunde und Hiobs selbst steckt letztlich das Prinzip des Tun-Ergehen-Zusammenhangs. Dieser besagt, dass derjenige, der gerecht handelt, von Gott gesegnet wird und derjenige, der ungerecht handelt, von Gott bestraft wird. Hiob verfolgt den ersten Gedankengang, während die Freunde den zweiten Gedankengang logisch unzulässig umkehren (genauso wie folgende Umkehrung logisch nicht richtig ist: jeder Audi ist ein Auto, daraus folgt, dass jedes Auto ein Audi ist).
Der Prediger bringt diese gedankliche Verwirrung auf den Punkt:
„Einiges habe ich beobachtet in meinem nichtigen, flüchtigen Leben. Da ist ein Gerechter, der in seiner Gerechtigkeit zugrunde geht, und da ist ein Ungerechter, der in seiner Bosheit lange lebt.“ Prediger 7:15
An der Geschichte von Hiob sehen wir, dass die üblichen Gerechtigkeitsvorstellungen ins Leere laufen, dass also das, was dem Protagonisten passiert, nicht in ein übliches Schema gepresst werden kann. Und da Gott bei Hiob mindestens indirekt seine Finger im Spiel hat, können Gott und sein Handeln auch nicht in einem Prinzip beschrieben werden.
Hiob ist also damit konfrontiert, dass er Gottes Handeln nicht einordnen, nicht verstehen kann. Und zwar einerseits auf sachlicher, aber anderseits auch auf tiefer emotional-existenzieller Ebene. Alle seine gedanklichen Vorstellungen, die er über Gott hat, muss er beiseitelegen, weil sie Gott und sein (Nicht-)Handeln offensichtlich nicht adäquat beschreiben können.
Der nichtverstehbare Gott 2.0
In der Erzählung von Hiob ist es nun Gott selbst, der das Unverständnis Hiobs produktiv transformiert, nicht, indem er sein Nichtverstehen aufhebt, sondern indem er es in eine tiefere Ebene überführt. Gott möchte, dass Hiob nicht nur gedanklich Gott nicht verstehen kann, was bei ihm zu Frust und Anklage geführt hat. Sondern Gott möchte, dass Hiob mit all seinem Sein in jeder Faser spürt, dass er ihn aufgrund seiner unfassbaren Größe und Stärke nicht verstehen kann. Dass also Gott so überwältigend viel größer, schöner, besser, mächtiger und wissender ist, sodass die eigene menschliche Existenz dagegen völlig verblasst:
„Da antwortete Jahwe aus dem Sturm und sagte zu Hiob: Wer verdunkelt da den Beschluss mit Worten, denen das Wissen fehlt? Steh auf und zeige dich als Mann! Dann will ich dich fragen, und du belehrst mich. Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sag an, wenn du es weißt! Wer hat ihre Maße bestimmt? Weißt du es? Wer hat die Messschnur über sie gespannt? Wo sind ihre Pfeiler eingesenkt? Wer hat ihren Eckstein gelegt, als alle Morgensterne jubelten und alle Gottessöhne jauchzten? Wer verschloss das Meer mit einem Tor als es berstend aus dem Mutterleib schoss? Ich gab ihm die Wolken als Kleid, das Wetterdunkel als Windel. Ich brach ihm eine Grenze aus dem Gestein, setzte ihm Riegel und Torflügel ein. Ich sagte: ‚Bis hierher und nicht weiter! Hier bricht der Stolz deiner Wellen!‘“ Hiob 38:1-11
Das Reden Gottes geht in ähnlicher Weise noch weiter. Die Antwort Hiobs folgt knapp:
„Schau, ich bin zu gering. Was soll ich erwidern? Ich lege die Hand auf den Mund. Einmal habe ich geredet, ich wiederhole es nicht, zweimal, und ich tu es nicht wieder.“ Hiob 40:4f
In Hiobs Antwort drückt sich eine tiefe Ehrfurcht vor Gott aus, die in der Anerkennung der im Vergleich zu Gott niedrigen, eigenen Existenz mündet.
Ehrfurcht ist meines Erachtens die Durchdringung der menschlichen Gedanken und Gefühle von der Gewissheit der unfassbaren Größe und Heiligkeit Gottes, die dafür sorgt, dass man das eigene Sein als gering anerkennt.
Wahre Erkenntnis
Nach 1. Korinther 8:2 ist wahre Erkenntnis diejenige, die sich gar nicht bewusst ist, etwas erkannt zu haben. Genau das passiert gerade bei Hiob: Im Angesicht von Gottes Größe, die er mit seinem Verstand nicht fassen kann, sieht er sich selbst als sehr klein. Er meint also berechtigterweise, dass er im Vergleich zu Gott nichts ist und ist vom Gefühl der eigenen Machtlosigkeit überwältigt. Hiob hat den Eindruck, im Vergleich zu Gott nichts verstehen zu können, womit er goldrichtig liegt. Damit hat er das Wichtigste erkannt. Im Nichtverstehen Gottes liegt also eine fundamentale Erkenntnis: die von Gott selbst.
Was sich zuerst paradox anhört, drückt Hiob aber deutlich aus:
„Ja, bloß vom Hörensagen wusste ich von dir (= Gott), jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“
Der gerecht lebende Hiob hatte von Gott nur vom Hörensagen gewusst.
Der leidgeprüfte, von Gottes Größe überwältigte und Gott nicht verstehende Hiob hat ihn aber nun mit seinem Auge geschaut.
Da nun Gott derjenige ist, der ideell und zeitlich vor allem steht, Schöpfer aller Dinge ist und das Leben ins Dasein gerufen hat (vgl. 1. Mose 1-2,4; 1. Korinther 8,6), ist die Erkenntnis Gottes für uns als Menschen existenziell wichtig. Das Nichtverstehen Gottes trägt zur Ehrfurcht vor Gott bei. Diese Ehrfurcht vor Gott hilft uns, unser Leben auf einen guten Kurs auszurichten und richtige Entscheidungen zu treffen. Richtig bedeutet hier, dass die Entscheidungen des Lebens nahe an den Vorstellungen sind, die sich Gott als Schöpfer über ein gelingendes Leben macht. Komprimiert kann man sagen:
„Ehrfurcht vor Jahwe ist Erziehung zur Weisheit; und Demut geht der Ehre voraus.“ Sprüche 15:33
















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