Wir werden unser Land nicht angemessen regieren, unsere Kinder nicht gut erziehen, unsere Schüler nicht sinnvoll unterrichten und unsere Gemeindeglieder nicht treu anleiten können, solange wir nicht klären, wer wir als Menschen sind und was uns ausmacht. Diese Aufgabe, die zu allen Zeiten herausfordernd war, ist in einer Epoche noch schwieriger geworden, die behauptet, Mann und Frau, Sexualität und Ehe seien fluide Konzepte; dass Menschen durch die Gruppen definiert werden, denen sie angehören; dass es keine festen, transzendenten Maßstäbe der Moral gibt; dass Wahrheit nur ein anderer Name für Macht ist; und dass Maßstäbe für Schönheit notwendigerweise relativ und subjektiv seien.
Viele in der Gemeinde heute meinen, diese Probleme ließen sich durch die Wiederherstellung eines traditionellen Verständnisses von Philosophie, Theologie, Ethik, Soziologie, Pädagogik und Ästhetik lösen. Diesen Zielen stimme ich ausdrücklich zu. Ich würde jedoch argumentieren, dass wir sie nicht erreichen werden, wenn wir nicht zugleich auch ein traditionelles Verständnis der Anthropologie zurückgewinnen. Solange wir nicht den Mut und die Weisheit haben, zu einem biblischen Menschenbild zurückzukehren, werden wir denen nichts entgegensetzen können, die uns regieren, prägen, bilden und geistlich leiten wollen – und dies auf eine Weise tun, die ebenso selbstzerstörerisch wie unmenschlich ist.
Im Zentrum der biblischen Anthropologie stehen zwei nicht verhandelbare Grundüberzeugungen. Erstens: Wir sind nicht das Produkt unpersönlicher, willkürlicher evolutionärer Kräfte, sondern Geschöpfe, die im Bild Gottes (imago Dei) geschaffen sind und daher einen innewohnenden Wert und eine unveräußerliche Würde besitzen. Zweitens: Obwohl wir gut geschaffen wurden, sind wir gefallen und verdorben. Wir benötigen daher nicht nur die Errettung in Christus, sondern auch die Einübung der Tugenden, die Schulung unserer Affekte und die Ordnung unserer Begierden gemäß objektiven, absoluten Maßstäben von Güte, Wahrheit und Schönheit. Diese Maßstäbe sind keineswegs vom Menschen gemachte soziale Konstrukte, sondern universell gültig und verbindlich.
Weggefährten für die Sache
Christen, die heute entschlossen sind, ein richtiges Verständnis des Menschen wiederherzustellen, haben einen Verbündeten im bedeutendsten Apologeten des 20. Jahrhunderts: C. S. Lewis (1898–1963). Zwar bietet Lewis bereits in seinen bekanntesten apologetischen Werken (Pardon, ich bin Christ, Das Problem des Schmerzes, Dienstanweisung für einen Unterteufel, Die große Scheidung) sowie in den geliebten Chroniken von Narnia wertvolle Hilfe. Doch es lohnt sich, die Lektüre auszuweiten und auch seine scharfsinnige Kritik an der modernen Bildungsphilosophie (Die Abschaffung des Menschen) sowie seine anthropologisch durchdrungenen Science-Fiction-Romane zu lesen: die sogenannte Ransom- oder Kosmische Trilogie – Jenseits des schweigenden Sterns, Perelandra und Die böse Macht.
Die Abschaffung des Menschen (1943) entstand ursprünglich als eine Reihe von drei Vorträgen, die Lewis an der Universität Durham im Rahmen der Riddell Memorial Lectures hielt. Darin zeigt er, was mit Schule und Gesellschaft geschieht, wenn objektive moralische Werte auf subjektive Gefühle reduziert werden und der Mensch selbst zu einem Werkzeug und Rädchen wird, das manipuliert und konditioniert werden kann.
Die Ransom-Trilogie schildert die kosmischen Reisen und die persönliche Verwandlung eines materialistisch geprägten Philologen namens Ransom. In Jenseits des schweigenden Sterns (1938) wird Ransom vom wahnsinnigen Wissenschaftler Weston entführt und zum Mars gebracht, wo er rationalen, ungefallenen Wesen begegnet, die in einer gerechten Gesellschaft leben, die an Platons Politeia erinnert. Dort werden ihm tiefere geistliche Wirklichkeiten und das wahre Wesen der Tugend erschlossen. In Perelandra (1943) wird Ransom zur Venus gebracht, um zu verhindern, dass die venusianische Eva den Versuchungen eines von Dämonen besessenen Weston erliegt. In Die böse Macht: Ein modernes Märchen für Erwachsene (1945) gerät ein bürgerliches Ehepaar – Mark und Jane Studdock – in einen Konflikt zwischen einer totalitären, dämonisch geführten dystopischen Organisation und einer mystischen, von Liebe geprägten Gemeinschaft unter der Leitung Ransoms.
Im Folgenden greife ich zentrale Einsichten aus den drei kurzen Kapiteln von Die Abschaffung des Menschen („Menschen ohne Brust“, „Der Weg“ und „Die Abschaffung des Menschen“) auf und illustriere sie mit Textstellen aus den drei Romanen, um so einen Kommentar – und hoffentlich auch Lösungsansätze – zu unserer anthropologischen Orientierungslosigkeit zu geben.
„Menschen ohne Brust“
Lewis beginnt seine Entlarvung der Gefahren des Subjektivismus mit einem Zitat aus einem Schulbuch, dessen Titel er unter dem Pseudonym The Green Book verbirgt. In dem Text erzählen die Autoren – von Lewis „Gaius“ und „Titius“ genannt – eine Geschichte, in der der romantische Dichter Samuel Taylor Coleridge zwei Touristen belauscht, die unterschiedlich auf einen Wasserfall reagieren. Coleridge stimmt demjenigen zu, der ihn „erhaben“ nennt, und verachtet den, der ihn lediglich „hübsch“ findet. Anstatt diese Geschichte zu nutzen, um jungen Lesern zu vermitteln, dass Wasserfälle tatsächlich objektiv erhaben sind und Ehrfurcht hervorrufen sollten, weisen die Autoren Coleridges Urteil zurück und bestehen darauf, dass Wasserfälle weder erhaben noch hübsch seien. Erhabenheit – ebenso wie Schönheit – existiere allein im Auge des Betrachters.
„Der Schüler, der diese Passage im Green Book liest“, argumentiert Lewis, „wird zwei Überzeugungen übernehmen: Erstens, dass alle Sätze mit einem Wertprädikat Aussagen über den emotionalen Zustand des Sprechers sind; und zweitens, dass alle derartigen Aussagen unwichtig sind.“ Ginge es lediglich darum, ob eine bestimmte Naturlandschaft erhaben oder hübsch ist, wären die Konsequenzen gering. Tragischerweise jedoch weiten sich solche „Sätze mit einem Wertprädikat“ sehr schnell auf alle Aussagen über Religion (heilig oder lästerlich), Philosophie (wahr oder falsch), Moral (gut oder böse), Tugend (mutig oder feige) und Kunst (schön oder hässlich) aus.
Im subjektivistischen Weltbild, das Gaius und Titius den Schülern subtil einprägen, sind Dinge und Handlungen nicht an sich oder ihrem Wesen nach erhaben oder hübsch, heilig oder lästerlich, wahr oder falsch. Vielmehr sind es unsere Wahrnehmungen und Gefühle, die ihnen solche Wertungen zuschreiben. Diese Sichtweise – von den meisten modernen (und postmodernen) Pädagogen als selbstverständlich vorausgesetzt – steht in direktem Gegensatz zum klassischen griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Verständnis. Absolute Güte, Wahrheit und Schönheit sind ebenso in das Gefüge unseres Kosmos eingeschrieben wie die Naturgesetze und mathematischen Grundsätze. Weil wir aufgrund der imago Dei mit Vernunft und moralischer Urteilsfähigkeit ausgestattet sind, können wir diese apriorischen Prinzipien erkennen; weil wir jedoch in einem gefallenen Zustand leben, müssen unsere Vernunft und unsere Tugenden geschult werden, um sie wahrzunehmen und ihnen zu folgen.
„Der heilige Augustinus“, schreibt Lewis, „definiert Tugend als ordo amoris, als die geordnete Beschaffenheit der Affekte, in der jedem Gegenstand die Art und das Maß an Liebe entgegengebracht wird, die ihm gebührt.“ Vor der Aufklärung und dem Aufstieg von Fortschrittsglauben und Utopismus war man im christlichen Abendland weithin davon überzeugt, dass die zentrale Aufgabe von Bildung darin besteht, die Begierden junger Menschen richtig zu ordnen. Nur so konnten sie zu tugendhaften, moralisch selbstregulierten Bürgern heranwachsen, die angemessen auf Gut und Böse, Mut und Feigheit, Schönheit und Hässlichkeit reagieren.
Dasselbe gilt für das Denken jener „höheren Heiden“, von denen die frühe Kirche lernte und die sie schätzte. Lewis fährt fort:
Aristoteles sagt, das Ziel der Erziehung sei es, den Schüler dazu zu bringen, das zu lieben und zu hassen, was er lieben und hassen soll. Wenn das Alter des reflektierten Denkens erreicht ist, wird der Schüler, der so in „geordneten Affekten“ oder „gerechten Empfindungen“ erzogen wurde, die ersten Prinzipien der Ethik leicht erkennen. Dem verdorbenen Menschen hingegen werden sie niemals sichtbar, und er kann in dieser Wissenschaft keine Fortschritte machen. Schon Platon hatte dasselbe gesagt. Das kleine menschliche Wesen wird zunächst nicht die richtigen Reaktionen zeigen. Es muss darin geschult werden, Freude, Zuneigung, Abscheu und Hass gegenüber den Dingen zu empfinden, die tatsächlich erfreulich, liebenswert, abscheulich und hassenswert sind.
Soll Bildung wieder zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückfinden, dann müssen wir uns selbst wieder als Geschöpfe verstehen, die dazu gemacht sind, sich mit der Güte, Wahrheit und Schönheit der Welt zu verbinden – und nicht als ziellose Produkte materieller Kräfte, die einer sinnlosen Welt lediglich ihre subjektive Bedeutung überstülpen. Gelingt uns dies, können wir auch das wiederherstellen, was Lewis „die Lehre vom objektiven Wert“ nennt: den Glauben, „dass bestimmte Haltungen wirklich wahr und andere wirklich falsch sind – gemessen an der Art des Universums, in dem wir leben, und der Art von Wesen, die wir sind“.
Wie kann eine solche Wiederherstellung gelingen? Indem wir das wiederbeleben und ernst nehmen, was Lewis das Tao nennt: den universalen moralisch-ethischen Kodex, der in unser Gewissen eingeschrieben ist und uns sagt, was wir tun sollen und wie wir leben sollen – selbst und gerade dann, wenn wir es nicht wollen. Indem Lewis einen Begriff aus dem Taoismus verwendet, unterstreicht er den transzendenten und kulturübergreifenden Charakter dieses Gesetzes, das für westliche Juden und Christen ebenso gilt wie für östliche Hindus und Buddhisten.1 „Diejenigen, die das Tao kennen“, schreibt Lewis in seiner Widerlegung des Subjektivismus von Gaius und Titius, „können daran festhalten, dass es beim Lob der Liebenswürdigkeit von Kindern oder der Ehrwürdigkeit alter Menschen nicht bloß darum geht, einen psychologischen Zustand unserer elterlichen oder kindlichen Gefühle zu beschreiben, sondern darum, eine Qualität anzuerkennen, die eine bestimmte Reaktion von uns fordert – ganz gleich, ob wir ihr nachkommen oder nicht.“
Dass Schüler darin geschult werden müssen, das Tao zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, ist nicht nur notwendig, um tugendhafte Bürger hervorzubringen; es ist ebenso notwendig, um eine freie Gesellschaft zu bewahren. In Anlehnung an ein Bild Platons argumentiert Lewis, dass unser Kopf (der Sitz der Vernunft) unseren Bauch (den Sitz selbstsüchtiger und zerstörerischer Begierden) nur dann regieren kann, wenn ihm die Brust (der Sitz der Tugend und der Empfindungen) als Mittlerin zur Seite steht. Leider untergräbt der Subjektivismus von Gaius und Titius genau diese Brust, indem er Schülern einprägt, dass unser Verlangen, uns an Güte, Wahrheit und Schönheit auszurichten, nichts weiter sei als ein persönlicher Wert ohne reale Verankerung. So wird die Brust ausgehöhlt, bis sie schrumpft und verkümmert.
Diese Verkümmerung der Brust führt zu der tragischen Ironie moderner (progressiver) Bildung. Gerade in dem Moment, in dem unsere Gesellschaft verzweifelt nach Bürgern mit Mut und Opferbereitschaft ruft, verschließt sie die einzige Quelle, aus der solche Tugenden hervorgehen können. „In einer Art gespenstischer Einfachheit“, schreibt Lewis im Schlusssatz des Kapitels, „entfernen wir das Organ und verlangen dennoch die Funktion. Wir machen Menschen ohne Brust und erwarten von ihnen Tugend und Tatkraft. Wir lachen über Ehre und sind entsetzt, wenn wir Verräter in unserer Mitte entdecken. Wir kastrieren und befehlen den Wallachen, fruchtbar zu sein.“
Ransoms wiedergewonnene Brust
Ransom, der Held von Jenseits des schweigenden Sterns, beginnt den Roman als moderner Skeptiker, der nur dem vertraut, was seine Sinne ihm bestätigen, und alle Werte, die sich nicht materiell messen lassen, als sentimental oder abergläubisch verwirft. Als er erstmals den Bewohnern des Mars begegnet, hält er sie für primitiv, weil sie keine Technologie besitzen und unter einem aristokratischen System leben. Im Verlauf des Romans begegnet er jedoch einem Volk biberähnlicher Krieger, mit denen er jagt und lebt – und durch die er eine „Brust“ gewinnt, indem er ihre mittelalterlichen Tugenden wie Mut, Ritterlichkeit, Gerechtigkeit und Hierarchie schätzen lernt.
Ransoms Bildung öffnet ihm die Augen für die Güte, Wahrheit und Schönheit des Mars, seiner drei vernunftbegabten Spezies und seines Schutzgeistes. Weston, der ihn auf der Reise begleitet, schlägt hingegen einen völlig anderen Weg ein, der ihn blind und taub macht für all die Wunder um ihn herum. Anstatt anzuerkennen, dass die Marsbewohner dasselbe Tao ehren, das auch auf der Erde gilt, isoliert Weston einen einzelnen Aspekt des Tao – den Auftrag, das Überleben der menschlichen Rasse zu sichern – und missbraucht ihn als Rechtfertigung dafür, das einheimische Leben auf dem Mars auszurotten, um Platz für menschliche Kolonisation im endlosen Kampf um Arterhaltung zu schaffen.
In seiner Begründung für dieses Vorgehen bringt Weston genau jene „Moral“ zum Ausdruck, die übrig bleibt, wenn das Tao zerlegt und die Brust verkümmern gelassen wird: „Das Leben ist größer als jedes Moralsystem; seine Ansprüche sind absolut. Nicht durch Stammes-Tabus und Schulbuchweisheiten hat es seinen unerbittlichen Marsch von der Amöbe zum Menschen und vom Menschen zur Zivilisation vollzogen“ (Kapitel 20). In Wahrheit jedoch sind es gerade diese „Stammes-Tabus“ und „Schulbuchweisheiten“, durch die jede Generation ihre Weisheit und Tugend an die nächste weitergegeben hat – und so sichergestellt wurde, dass Menschen menschlich bleiben.
Ransom und Weston verdeutlichen, dass der Unterschied zwischen einer traditionellen Erziehung im Tao und der progressiven Bildung, wie sie The Green Book propagiert, in der Sicht auf den Schüler liegt – und folglich in der Art, wie man ihn behandelt:
„Die alte Erziehung behandelte ihre Schüler so, wie erwachsene Vögel junge Vögel behandeln, wenn sie ihnen das Fliegen beibringen; die neue behandelt sie eher so, wie der Geflügelzüchter junge Tiere behandelt – indem er sie für Zwecke formt, von denen die Tiere nichts wissen. Mit einem Wort: Die alte war eine Art Weitergabe des Lebens – Menschen vermittelten Menschsein an Menschen; die neue ist bloße Propaganda.“
„Der Weg“
Im zweiten Kapitel von Die Abschaffung des Menschen entfaltet Lewis das Wesen des Tao („der Weg“) ausführlicher. Wie wir bereits bei Weston gesehen haben, besteht eine weitverbreitete Gewohnheit unserer Zeit darin, jene Teile des Tao zu verwerfen, die man nicht akzeptieren will – etwa sexuelle Normen, die Ehrung der Eltern oder traditionelle Rollen in der Ehe – und das eigene Denken und Handeln dennoch mit Verweis auf etwas zu rechtfertigen, das nur innerhalb des Tao Sinn ergibt.
Der „Skeptizismus gegenüber Werten“ von Gaius und Titius, erklärt Lewis, „ist oberflächlich“. Er fährt fort:
„Er richtet sich gegen die Werte anderer Menschen; gegenüber den Werten, die in ihrem eigenen Milieu gelten, sind sie bei weitem nicht skeptisch genug. Und dieses Phänomen ist sehr verbreitet. Viele von denen, die traditionelle oder – wie sie sagen würden – ‚sentimentale‘ Werte entlarven, haben im Hintergrund ihre eigenen Werte, von denen sie glauben, sie seien gegen jeden Entlarvungsprozess immun. Sie behaupten, sie schnitten das parasitäre Gewucher von Emotionen, religiöser Weihe und überlieferten Tabus weg, damit ‚wirkliche‘ oder ‚grundlegende‘ Werte zum Vorschein kommen könnten.“
Das Problem besteht jedoch darin, dass sie nicht sagen können, woher diese „wirklichen“ oder „grundlegenden“ Werte stammen sollen. Sicherlich können sie nicht aus der darwinistischen natürlichen Selektion hervorgegangen sein! Viele haben kein Problem damit, ihnen missliebige Tugenden als abergläubisch oder mittelalterlich abzutun, während sie zugleich die absolute Güte von Dingen wie Vielfalt, Gleichheit und Toleranz heiligen. Doch alle drei dieser „Werte“ wurzeln in einer tao-geprägten Überzeugung vom innewohnenden Wert jedes Menschen – und diese wiederum gründet in der imago Dei. Selbst der Glaube an die Gültigkeit der Wissenschaft ruht letztlich auf zwei Annahmen, die sich nicht aus den bloßen „Fakten“ unserer Erfahrung ableiten lassen: (1) dass es eine Ordnung und Harmonie im Kosmos gibt, die unabhängig von uns existiert, und (2) dass wir unseren Sinnen trauen können, diese Ordnung wahrzunehmen.
Lewis hat bei seiner Aussage möglicherweise Weston im Blick, wenn er schreibt, dass der Satz „Dies wird die Gesellschaft bewahren“ uns nur dann zu einer Handlung führen kann, wenn er durch den Satz vermittelt wird: „Die Gesellschaft soll bewahrt werden“ (Hervorhebung im Original). Doch die Überzeugung, dass „die Gesellschaft bewahrt werden soll“, stammt aus dem Tao – nicht aus bloßen Tatsachenbeobachtungen der „realen“ Welt. Gaius und Titius scheinen zu glauben, tierischer Instinkt könne diese Aufgabe übernehmen. Doch das Tao ist gerade das, was uns befähigt, zwischen konkurrierenden Instinkten zu wählen. Ja, es fordert uns häufig dazu auf, dem schwächeren Instinkt zu folgen – etwas, das in einer rein darwinistischen Welt keinen Sinn ergäbe, in der das einzige Ziel die Weitergabe der eigenen Gene wäre.
„Es hat niemals“, so schließt Lewis, „und wird niemals in der Geschichte der Welt ein radikal neues Werturteil geben.“ Weiter führt er aus:
„Was als neue Systeme oder – wie man heute sagt – ‚Ideologien‘ auftritt, besteht durchweg aus Bruchstücken des Tao selbst, die willkürlich aus ihrem Zusammenhang im Ganzen herausgerissen und dann in ihrer Isolierung bis zur Raserei aufgebläht werden. Doch jede Gültigkeit, die sie besitzen, verdanken sie allein dem Tao. Ist meine Pflicht gegenüber meinen Eltern ein Aberglaube, dann ist auch meine Pflicht gegenüber der Nachwelt ein Aberglaube. Ist Gerechtigkeit ein Aberglaube, dann ebenso meine Pflicht gegenüber meinem Land oder meiner Rasse. Ist die Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis ein wirklicher Wert, dann ebenso eheliche Treue. Die Rebellion neuer Ideologien gegen das Tao ist eine Rebellion der Zweige gegen den Baum: Gelingt sie, so werden die Rebellen feststellen, dass sie sich selbst zerstört haben.“
Das Tao ist ein Gesamtpaket; wir können nicht die Pflicht gegenüber den Eltern zugunsten der Pflicht gegenüber der Nachwelt opfern – oder umgekehrt. Wenn wir unsere Menschlichkeit bewahren wollen, müssen wir das ganze Tao annehmen. Der Versuch, uns vom Tao zu befreien, führt nicht zur Freiheit, sondern zur Zerstörung. Wir können nur dann richtig funktionieren, wenn wir wissen, wozu wir geschaffen sind – was Aristoteles unser telos, unser Ziel oder Zweck, nannte. Doch es ist das Tao, das uns mit diesem telos verbindet und uns so menschlich hält. Wie Lewis bereits in „Menschen ohne Brust“ argumentiert hat, sind wir durch die Brust – den Wohnort des Tao – am meisten Mensch: Denn mit unserem Kopf gleichen wir den Engeln, mit unserem Bauch den Tieren.
Zur Zerstörung befreit
In Perelandra reist Ransom zu einer neu geschaffenen Welt – der Venus –, die sich noch im edenhaften Anfangszustand befindet. Auch Weston ist dort. Dreimal versucht er, die venusianische Eva dazu zu verleiten, sich im Kern vom Tao zu lösen und zu einem autonomen Individuum zu werden, das keine Grenzen für seine Begierden anerkennt und sich das Recht vorbehält, sich selbst neu zu entwerfen – unabhängig von dem telos, das ihr von ihrem Schöpfer (Maleldil) und durch das Tao gegeben ist.
Weston beginnt seine Versuchung der „Eva“, indem er ihr Bilder moderner, emanzipierter Frauen vor Augen führt, um in ihr einen Groll gegen Maleldil zu wecken für das, was er ihr angeblich vorenthalten habe. Diese starken Frauen, so Weston, „strecken ihre Hände immer nach dem Neuen und Unerwarteten aus und erkennen, dass es gut ist, lange bevor die Männer es begreifen. Ihr Denken eilt dem voraus, was Maleldil ihnen gesagt hat. Sie müssen nicht auf ihn warten, um zu erfahren, was gut ist, sondern wissen es selbst – so wie er. Sie sind gewissermaßen kleine Maleldils“ (Kapitel 8). Wie die biblische Schlange verlockt Weston Eva mit dem Versprechen, sie werde „sein wie Gott“ (1Mo 3:5).
Tragischerweise aber gilt: Wer versucht, über seinen geschöpflichen Status hinauszuwachsen (das Tao zu verlassen), um wie ein Engel zu werden, fällt am Ende unter diesen Status zurück und wird wie ein Tier. Gerade durch die Brust sind wir am meisten Mensch – nicht durch den Kopf und nicht durch den Bauch!
Nachdem es Weston nicht gelungen ist, Eva nach Göttlichkeit streben zu lassen, versucht er es mit einer noch raffinierteren Lüge: der Behauptung, Maleldil wünsche sich ihren Ungehorsam.
„[Maleldil] sehnt sich – oh, wie sehr sehnt er sich – danach, sein Geschöpf ganz es selbst werden zu sehen, aufrecht stehend in eigener Vernunft und eigenem Mut, sogar gegen ihn. Aber wie könnte er ihm das sagen? Das würde alles verderben. Alles, was es danach täte, wäre nur ein weiterer Schritt mit ihm. Dies ist das eine von allem, was er begehrt, bei dem er keinen Finger im Spiel haben darf. Glaubst du, er sei nicht müde, überall nur sich selbst in allem Geschaffenen zu sehen? Wenn ihn das zufriedenstellte, warum sollte er überhaupt erschaffen? Das Andere zu finden – das, dessen Wille nicht mehr der seine ist –, das ist Maleldils Wunsch.“
Ich kenne kaum eine treffendere Zusammenfassung des modernen Strebens nach radikaler Selbstgenügsamkeit, die dadurch erreicht werden soll, dass man alle nicht selbstgesetzten Grenzen abschüttelt. Das Tao steht diesem Wunsch im Weg – und deshalb muss das Tao beseitigt werden, selbst wenn das vorgeschlagene utopische Programm totaler menschlicher Befreiung ohne das Tao überhaupt nicht zu begründen ist.
„Die Abschaffung des Menschen“
Im letzten Kapitel betrachtet Lewis, was mit einer Gesellschaft geschieht, die über das Klassenzimmer hinausgeht und auf politischer Ebene eine vom Tao losgelöste Utopie verwirklichen will. Das Ziel einer solchen Gesellschaft besteht darin, den Menschen über die Natur zu erheben, ihn so zu reinigen und zu perfektionieren, dass er von allem außerhalb seiner selbst unabhängig wird. Doch was als Herrschaft über die Natur erscheint, entpuppt sich letztlich als „Macht, die von einigen Menschen über andere Menschen ausgeübt wird – mit der Natur als Werkzeug“.
Sobald die wenigen Mächtigen – Lewis nennt sie die Conditioners – lernen, die Gene von Millionen Menschen so zu verändern und zu manipulieren, dass sie genau die Art von Menschen hervorbringen, die sie für ihre schöne neue Welt benötigen, verlieren die so Geformten die Fähigkeit, überhaupt noch bedeutsame Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Ohne einen festen Maßstab aus dem Tao, der bestimmt, was die rechte Natur und das telos des Menschen ist, werden solche Eingriffe nicht nur erlaubt, sondern verpflichtend. Nichts wird dann mehr im Weg stehen, um die „Vervollkommnung“ der Spezies voranzutreiben – um zu vollenden, was die Natur begonnen hat!
Dieser dystopischen Zukunft fügt Lewis eine düstere Wendung hinzu. Seine Conditioners unterscheiden sich grundlegend von den Lehrern, Tyrannen und Inquisitoren früherer Zeiten:
„In den älteren Systemen waren sowohl die Art des Menschen, die die Lehrer hervorbringen wollten, als auch ihre Motive dafür durch das Tao vorgegeben – eine Norm, der auch die Lehrer selbst unterstanden und von der sie nicht glaubten, abweichen zu dürfen. Sie schnitten den Menschen nicht nach einem von ihnen selbst gewählten Muster zu. Sie gaben weiter, was sie empfangen hatten. … Das wird sich ändern. Werte sind nun bloße Naturphänomene. Werturteile sollen im Schüler als Teil der Konditionierung erzeugt werden. Was immer an Tao existiert, wird Produkt, nicht Motiv der Erziehung sein.“
Und dann folgt eine zweite, noch dunklere Wendung. Von dem Tao „befreit“, besitzen die Conditioners selbst keinerlei Maßstäbe mehr, um ihr eigenes Handeln zu beurteilen. Wer – oder was – wird sie dann kontrollieren? Sie werden, so Lewis, von zufälligen Impulsen beherrscht werden. Doch Zufall ist nur ein anderer Name für Natur.
„Aus Vererbung, Verdauung, dem Wetter und der Assoziation von Vorstellungen werden die Motive der Conditioners entspringen. … Im Augenblick also des Sieges des Menschen über die Natur finden wir die gesamte Menschheit einigen wenigen Individuen unterworfen – und diese Individuen wiederum dem in ihnen, was rein ‚natürlich‘ ist: ihren irrationalen Impulsen. Die Natur, von Werten entbunden, beherrscht die Conditioners und durch sie die ganze Menschheit. Die Eroberung der Natur durch den Menschen erweist sich im Moment ihrer Vollendung als die Eroberung des Menschen durch die Natur.“
Ironischerweise führt der Versuch, sich von der Kontrolle der Natur zu befreien, dazu, dass wir der Natur völlige Kontrolle über uns überlassen. Am Ende wird nicht die Natur abgeschafft, sondern der Mensch. Hätten wir uns an die imago Dei erinnert, hätten wir alles bewahrt, was uns menschlich macht, indem wir innerhalb der schützenden Grenzen des Tao geblieben wären. Hätten wir daran gedacht, dass wir gefallen sind, hätten wir die Torheit und Vergeblichkeit erkannt, uns selbst in unserem gegenwärtigen Zustand perfektionieren zu wollen.
Grausame N.I.C.E.-Typen
Um die prophetische Warnung von Die Abschaffung des Menschen eindringlich zu unterstreichen, ließ Lewis seine Ransom-Trilogie in einem dritten Roman gipfeln, der literarisch durchspielt, was geschehen könnte, wenn eine Gruppe von Conditioners, losgelöst vom Tao, versucht, ihre unmenschlichen utopischen Pläne umzusetzen. In Lewis’ Erzählung will das National Institute for Coordinated Experiments (N.I.C.E.!) mithilfe der Wissenschaft einen effizienten, technokratischen, allzuständigen Staat errichten. Als Symbol ihrer Ambitionen gelingt es ihnen, den abgeschlagenen Kopf eines Verbrechers zu konservieren. Sie nennen ihre Schöpfung schlicht „den Kopf“ und empfangen von ihm ihre Anweisungen – ohne zu ahnen, dass der Kopf nicht vom toten Gehirn des Verbrechers gesteuert wird, sondern von Dämonen.
In Kapitel 3 von Die Abschaffung des Menschen erinnert Lewis seine Leser daran, dass der Aufstieg der Magie in der Renaissance nicht ein Gegenstück zur Kirche war, sondern eine Parallele zum gleichzeitigen Aufstieg der Wissenschaft. Beide, so Lewis, entsprangen demselben Wunsch: die Natur zu kontrollieren und sie dem menschlichen Willen zu unterwerfen – koste es, was es wolle. In Die böse Macht führen die Versuche von N.I.C.E., den Menschen zu beherrschen und neu zu erschaffen, aus dem Tao heraus und öffnen sie dadurch für dämonische Mächte.
Im Roman erhält der Protagonist Mark die Chance auf eine Karriere bei dieser unheilvollen Institution. Je tiefer er in die Welt von N.I.C.E. hineingezogen wird, desto klarer wird ihm, dass er, um selbst ein Conditioner zu werden, vor dem Kopf niederknien muss. Um ihn von möglichen „abergläubischen Skrupeln“ abzubringen, bringt man ihn in einen schiefen Raum voller architektonischer Elemente und Kunstwerke, die bewusst verzerrt, trügerisch und nihilistisch gestaltet sind. Ziel ist es, Mark dazu zu bringen, jeden festen, transzendenten moralischen, philosophischen oder ästhetischen Maßstab aufzugeben, der ihn daran hindern könnte, seine wahre Natur der gotteslästerlichen, bösen Hässlichkeit des Kopfes zu opfern.
Doch als man ihn zwingt, sich diesem Raum zu stellen, geschieht etwas, womit die Anführer von N.I.C.E. nicht gerechnet haben:
„Die gebaute und gemalte Perversion dieses Raumes hatte zur Folge, dass [Mark] sich – wie nie zuvor – des Gegenteils dieses Raumes bewusst wurde. So wie die Wüste den Menschen erst lehrt, Wasser zu lieben, oder wie Abwesenheit erst Zuneigung offenbar macht, erhob sich vor dem Hintergrund des Sauren und Schiefen eine Art Vision des Süßen und Geraden. Etwas anderes – etwas, das er vage das ‚Normale‘ nannte – schien zu existieren. Er hatte nie zuvor darüber nachgedacht. Doch nun war es da: fest, massiv, mit eigener Gestalt, fast wie etwas, das man berühren oder essen oder lieben könnte“ (Kapitel 14).
Im letzten Moment erinnert Mark sich daran, wer er ist: nicht nur Mark Studdock, sondern ein Mensch, geschaffen im Bild Gottes, dem der Schöpfer ein Gewissen eingeschrieben hat, das zwischen Recht und Unrecht, Tugend und Laster, Ordnung und Perversion unterscheiden kann. So wird seine Menschlichkeit bewahrt – nicht durch eine trotzig-autonome Ablehnung aller Regeln, sondern durch eine erneute Verbindung mit dem Tao, das ihn vor der selbstzerstörerischen Rebellion seiner sündigen Natur schützt.
Durch den schiefen Raum hindurchsehen
Fast jedes Mal, wenn jemand Netflix einschaltet, einen Hollywoodfilm sieht, endlos durch Facebook scrollt, ein TikTok-Video anschaut oder sein erstes Semester an Harvard, Columbia oder Stanford beginnt, läuft er Gefahr, in Lewis’ schiefen Raum hineingezogen zu werden – einen Raum, in dem tao-geprägte Anständigkeit und gesunder Menschenverstand verzerrt und auf den Kopf gestellt werden. Umso dankbarer dürfen wir dafür sein, dass Die Abschaffung des Menschen und die Ransom-Trilogie uns sowohl eine Sprache als auch eine Erzählung an die Hand geben, um die Lügen und den Wahnsinn einer Welt zu entlarven, die uns mit der einen Hand zu Göttern erhebt und uns mit der anderen zu Tieren degradiert.
Wir dürfen weder unser Erbe als Individuen von innewohnendem Wert und unverlierbarer Würde preisgeben noch vergessen, dass wir gefallen und leicht verführbar sind. Die Zukunft unserer Gesellschaft, unserer Bildungseinrichtungen und unserer eigenen Seelen hängt davon ab.
Fußnoten:
- Lewis belegt dies, indem er in seinem umfangreichen Anhang die Moralkodizes eines Dutzends verschiedener Kulturen aus aller Welt zusammenträgt, die alle dasselbe grundlegende Verständnis ethischen Handelns widerspiegeln. ↩︎
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von John Schröder.
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