Wie progressives Christentum ein anderes Evangelium predigt

Review: “Another Gospel?” von Alisa Childers

Alisa Childers, ehemaliges Mitglied der beliebten christlichen Band ZOEgirl, begann eine neue Kirche zu besuchen, ohne zu ahnen, dass der Pastor ein progressiver Christ war, bis sie eingeladen wurde, an einem exklusiven Kurs teilzunehmen. Tatsächlich bezeichnete sich der Pastor nicht einmal als Christ, sondern als „hoffnungsvoller Agnostiker“. Dieser Kurs führte Childers in das progressive Christentum ein und säte Zweifel in ihrem Denken, was sie dazu brachte, sich auf die Suche danach zu machen, was wahrer christlicher Glaube ist und was nicht.

Es mag verlockend sein zu denken, dass die Emerging-Church-Bewegung (ca. 2000–2012) in die Bedeutungslosigkeit verschwunden ist, doch die Emerging Church ist weit davon entfernt, verschwunden zu sein. Sie ist lediglich für eine Zeit in den Untergrund gegangen und hat sich als progressives Christentum neu erfunden. Ihre Vertreter sind heute einflussreicher denn je durch Podcasts, Konferenzen und Bücher.

In ihrem Buch Another Gospel?: A Lifelong Christian Seeks Truth in Response to Progressive Christianity untersucht Childers diese neue progressive christliche Bewegung und möchte den Glauben an das historische Evangelium stärken.

Berechtigte Bedenken, falsche Antworten

Progressives Christentum ist, zugegeben, schwer zu definieren, da seine Anhänger sich nahezu weigern, eine klare Definition abzugeben. Wie Childers erklärt, lässt sich eher eine „Stimmung“ erkennen als ein festes Glaubensbekenntnis, auch wenn es einen allgemeinen Konsens über bestimmte Überzeugungen gibt, selbst wenn diese oft eher durch das definiert werden, was sie nicht sind, als durch das, was sie sind. „Progressive Christen betrachten die Bibel in erster Linie als ein menschliches Buch und legen den Schwerpunkt auf persönliches Gewissen und Praktiken, statt auf Gewissheit und Glaubenssätze“, schreibt sie. „Sie sind auch sehr offen dafür, zentrale Lehren des Glaubens wie die Jungfrauengeburt, die Göttlichkeit Jesu und seine leibliche Auferstehung neu zu definieren, umzudeuten oder sogar abzulehnen.“

Was bringt jemanden überhaupt dazu, sich dem progressiven Christentum zuzuwenden? Die Gründe dafür sind nahezu endlos. Childers nennt mehrere: Machtmissbrauch, unbeantwortete Zweifel, hohe moralische Anforderungen, Schwierigkeiten im Umgang mit der Bibel, gesellschaftliche Anliegen, Reaktionen auf extremen Fundamentalismus und Leid.

Das Problem ist, dass all diese Gründe berechtigte Anlässe für Skepsis sind. Viele Kirchen sind in diesen Bereichen nicht für Differenzierung und Verständnis bekannt. Skandale und Vertuschungen sind weit verbreitet, Fragen werden abgewiesen oder bestraft, moralische Anforderungen werden ohne angemessene Erklärung verkündet, die Heilige Schrift wird gepredigt, ohne den historischen Kontext und die literarischen Formen zu berücksichtigen, Anliegen der sozialen Gerechtigkeit werden als „liberal“ oder „marxistisch“ verspottet, nicht zentrale Lehren werden als heilsnotwendig gelehrt, und für tiefes Leiden gibt es kaum Raum. Wenn jemand ein oder zwei dieser Erfahrungen gemacht hat, wer könnte es ihm verdenken, nach einer Alternative zu suchen?

Childers versteht das. Sie schreibt: „Als das progressive Christentum zum ersten Mal in Erscheinung trat, äußerten seine Befürworter einige berechtigte Kritiken an der evangelikalen Kultur, die die Kirche neu untersuchen und bewerten musste“ (8). Es wäre falsch, diese Kritiken zu hören und sie als von Häretikern stammende, von Angst getriebene Beschwerden abzutun. Dies sind legitime Probleme, mit denen sich die Kirche auseinandersetzen muss.

Doch das bedeutet nicht, dass die Lösungen der progressiven Christen bessere Ergebnisse liefern als die Kultur, gegen die sie sich wenden. Anstatt ihre Kirchen zu reformieren und gesunde Praktiken einzuführen, die stärker mit Jesus übereinstimmen, haben sie die ältesten Häresien der Kirchengeschichte, wie den Gnostizismus und den Marcionismus, übernommen und als neu und revolutionär bezeichnet. Im Versuch, den Glauben zu reformieren, haben sie ihn umdefiniert. Im Versuch, ihn zu verbessern, haben sie ihn hinter sich gelassen.

Gleiche Wörter, neue Bedeutungen

Obwohl progressive Christen oft die gleiche Sprache wie das historische Christentum verwenden, definieren sie Begriffe auf eine Weise um, die kaum wiederzuerkennen ist. Childers konzentriert sich auf drei dieser Begriffe: die Bibel, die Hölle und die Sühne.

Progressive Christen sagen, dass sie daran glauben, dass die Bibel inspiriert sei. Doch wenn sie von „Inspiration“ sprechen, meinen sie damit die Art und Weise, wie ein Lied oder ein Gedicht inspiriert ist, wie ein Kunstwerk oder ein Mensch bei der Arbeit inspiriert ist. Es unterscheidet sich kaum von anderen klassischen Schriften; es trägt keine innewohnende Autorität. Es ist lediglich ein menschlicher Bericht über Gottes Begegnungen mit einer bestimmten Gruppe von Menschen in der Geschichte.

Wenn man diesen Weg einschlägt, verliert die Bibel jede Autorität im eigentlichen Sinne. Der Leser selbst wird zum Richter darüber, was wahr ist; er ignoriert Jahrtausende gemeinsamer hermeneutischer Prinzipien und wird zur eigenen Autorität. Childers fasst zusammen: „Wenn die Bibel nach unserem eigenen Bild neu geschaffen wird, gehorchen wir nicht mehr Gott; stattdessen folgen wir unseren eigenen Gedanken, Gefühlen und Vorlieben“ (164).

Childers setzt sich anschließend mit den Ansichten progressiver Christen über die Hölle und die Sühne auseinander. Sie widerspricht der Vorstellung, dass die Hölle kein Ort sei, an den Menschen nach ihrem Tod gehen, sondern lediglich eine Realität, die Menschen hier auf der Erde selbst erschaffen.

Bezüglich der Sühne wendet sie sich gegen die Behauptung, Jesus sei lediglich von einem Mob getötet worden, weil er ein politischer Revolutionär gewesen sei, oder dass er in einem Akt des „kosmischen Kindesmissbrauchs“ von Gott, dem Vater, als Prügelknabe misshandelt worden sei.

Wiederaufbau des historischen Glaubens

„Sicherlich gibt es einen guten Grund, warum Christen dies seit zweitausend Jahren geglaubt haben? Wir können doch nicht die erste Generation sein, die diese Frage stellt“, schreibt Childers (139). Sie hat recht. Viele der lehrmäßigen Herausforderungen, die progressive Christen aufwerfen, sind keineswegs neu. Sie wurden im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder behandelt; wir täten gut daran, die Antworten der Kirche auf diese Herausforderungen zu studieren. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, und die progressive Christenheit bildet da keine Ausnahme. Sie präsentiert lediglich Altbekanntes in einem modernen, ansprechenden Gewand.

Es wäre töricht, die berechtigten Kritikpunkte, die progressive Christen an bestimmten evangelikalen Gemeinden äußern, einfach abzutun. Ebenso töricht wäre es jedoch, ihre Lösungen zu übernehmen. Stattdessen sollten wir unsere Herzen und unsere Gemeinden danach ausrichten, Christus ähnlicher zu werden. Und das geschieht durch den überlieferten historischen Glauben, nicht trotz, sondern gerade durch ihn.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Ronny Käthler. Mehr von The Gospel Coalition.

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