Wir brauchen Gemeinde-Opas und -Omas!

Einer der bedeutendsten Herausforderungen, mit denen die Gemeinde heute konfrontiert ist, ist der sogenannte double literacy loss – ein doppelter Verlust an Lesekompetenz. Gemeint ist damit zum einen die abnehmende Lesepraxis unter jungen Menschen allgemein, zum anderen die mangelnde vertiefte Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift – selbst bei denen, die in christlichen Familien und Gemeinden aufwachsen.

In einer kürzlich erschienenen Folge meines Podcasts Reconstructing Faith („Die Bibel lesen, wenn niemand mehr liest“) habe ich dieses Phänomen mit dem Autor und Professor Brad East besprochen. Er plädiert für neue Wege und kreative Ansätze, um das Bibellesen unter der nächsten Generation zu fördern – gerade in einer Zeit, in der es immer weniger dieser „Gemeinde-Omas“ gibt. Diese Frauen mögen zwar keine begeisterten Leserinnen literarischer Klassiker gewesen sein, doch sie kannten die Bibel in- und auswendig, weil sie sich ihr über Jahrzehnte hinweg intensiv gewidmet haben.

Ich denke dabei nicht nur an ihr tägliches Bibellesen, sondern an die Art von biblischem Wissen, das sie spontan im Unterricht oder in Gesprächen weitergeben konnten – ein Wissen, das nur durch jahrelange persönliche, tiefgehende Beschäftigung mit dem Wort Gottes wachsen konnte. Und das begann nicht erst mit 50, sondern schon in ihrer Kindheit oder Jugend – und begleitete sie ihr Leben lang.

Diese „Gemeinde-Omas“ waren vielleicht keine Viel- oder Schnellleserinnen im literarischen Sinne, aber sie waren wahre Bibel-Vielleserinnen. Brad East beschreibt es treffend: „Sie begannen und beendeten ihren Tag wirklich mit dem Wort – in ruhiger, geduldiger Zeit in der Gegenwart Gottes, der sich ihnen in den Schriften offenbarte.“

Meine eigenen Gemeinde-Großeltern

Das ist auch mein geistliches Erbe. Ich hatte das Vorrecht, vier meiner Urgroßeltern persönlich zu kennen, und auch meine Großeltern waren fest in der Heiligen Schrift verwurzelt.

  • Meine Urgroßmutter Ollie hatte nur einen Schulabschluss bis zur achten Klasse, aber sie kannte ihre Bibel – viele Stellen konnte sie auswendig aufsagen.
  • Mein Urgroßvater Champ lebte die meiste Zeit seines Lebens in ländlichen Gegenden von Tennessee. Wenn ich ihn im hohen Alter besuchte, zitierte er regelmäßig Bibelverse oder dachte über eine Predigt nach, die er kürzlich auf einer Kassette gehört hatte.
  • Auch meine Großeltern waren tief im Wort verwurzelt. Mein Opa Wax widmete Jahre seines Lebens dem Druck von Bibeln, die weltweit verteilt wurden.
  • Mein Opa Bill unterrichtete eine Jungschargruppe in der Sonntagsschule, und fast jedes Mal, wenn ich ihn besuchte, fragte er mich nach einem Bibeltext, den er am Morgen gelesen hatte: „Trevin, was meinst du, wenn Paulus sagt, dass alle Verheißungen Gottes in Christus ihr Ja haben?“ Und immer wieder hatte er Tränen in den Augen, wenn er über Gottes Gnade sprach.
  • Meine beiden Großmütter, die heute noch leben, beginnen jeden Tag mit der Bibel.
  • Auch meine Eltern lieben und studieren die Schrift. Mein Vater lernt ständig neue Psalmen auswendig. Und meine Mutter lebt ihre Rolle als „Gemeinde-Oma“ ganz bewusst aus: Sie hat sich vorgenommen, in den nächsten 14 Jahren jedes Jahr einmal die ganze Bibel durchzulesen und in besonderen Notizbibeln Kommentare, Gebete und geistlichen Rat für jedes ihrer Enkelkinder zu hinterlassen. Zwei unserer Kinder haben bereits ihre „Oma-Bibeln“ erhalten – wahre Schätze.

Das Schöne an den „Gemeinde-Großeltern“ ist: Jeder kann ein Bibel-Vielleser werden. Man braucht dafür keinen akademischen Abschluss. Meine Großeltern gehörten nicht zur intellektuellen Elite. Einige waren auf dem College, andere nicht. Manche lasen viel, andere begnügten sich mit dem Reader’s Digest oder dem neuesten Roman von John Grisham.

Ich werde mit meinen Großmüttern wahrscheinlich nie über Dostojewskis Der Idiot oder Kierkegaards Existenzialismus sprechen – aber sehr wohl über die Evangelien. Sie kennen die Geschichten von Jesus aus dem Effeff. Sie sind in den Psalmen zu Hause. Sie lesen die Briefe des Neuen Testaments vielleicht nicht nur regelmäßig, sondern auch ehrfürchtiger als so mancher neutestamentlicher Gelehrter. Die Bibel ist für sie Leben.

Eine Vision für zukünftige Gemeinde-Opas und -Omas

Hier liegt der Kern unserer Herausforderung in einer Zeit des doppelten Verlusts an Lesekompetenz. In meinem Podcast vergleicht Brad East die „Gemeinde-Oma“ mit dem typischen christlichen College-Studenten, der in einer Gemeinde aufgewachsen ist. Viele dieser jungen Erwachsenen kennen weder grundlegende biblische Personen noch deren Platz im heilsgeschichtlichen Zusammenhang. Manche tun sich sogar schwer damit, den Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament zu erklären.

„Selbst wenn wir uns keine Sorgen um Technologie oder allgemeine Lesefähigkeit machen müssten“, sagt Brad, „ist da etwas in der Luft, das bewirkt, dass junge Menschen aus christlichem Elternhaus nicht in einer Weise unterwiesen werden, die sie mit einem tiefen Wissen über die Schrift prägt.“

Ich fürchte, er hat recht. Und das verheißt nichts Gutes, wenn wir uns eine Zukunft voller älterer Gläubiger wünschen, die tief in der Bibel verwurzelt sind. Gemeinde-Opas und -Omas entstehen nicht über Nacht. Sie beginnen ihre tägliche Bibellese nicht erst mit Eintritt in den Ruhestand. Dieses geistliche Erbe wächst über Jahrzehnte hinweg – langsam, geduldig, mit bedachtvollem Nachsinnen und hörendem Herzen für das Reden Gottes in seinem Wort.

Deshalb ist es wichtig, vielfältige Wege zu nutzen, um Menschen zur Auseinandersetzung mit der Bibel zu ermutigen – auch über die klassische stille Zeit hinaus: durch Hörbibeln, das regelmäßige Vorlesen von Schrifttexten im Gottesdienst, biblisch geprägte Lieder oder Podcasts, die unterwegs zur Auseinandersetzung mit Gottes Wort anregen. Wir müssen kreativ denken – im Bewusstsein, dass viele Menschen heute auf andere Weise Zugang zur Schrift finden als nur durch stilles Lesen im Alleingang. (Die „stille Zeit“ ist ein wunderbarer, aber historisch relativ junger Ausdruck christlicher Frömmigkeit.)

Und doch hoffe ich, dass wir neben diesen kreativen Zugängen auch eine neue, überzeugende Vision davon vermitteln können, was es heißt, zukünftige Gemeinde-Opas und -Omas geistlich zu formen. Wenn wir junge Menschen lehren können, wie man klug mit Geld umgeht – wie man spart und langfristig investiert, um später Gewinn zu erzielen –, warum sollten wir sie nicht auch lehren, geistlich zu investieren? Regelmäßiges Bibellesen ist eine solche geistliche Investition, die Früchte trägt – nicht nur für einen selbst, sondern auch für Kinder, Enkel und Urenkel. Jedes Mal, wenn wir uns mit der Bibel beschäftigen, zahlen wir auf ein geistliches Vermögen ein, das generationenübergreifend Gewinn bringt.

Stellen wir uns vor, wie es in 40 Jahren aussehen könnte: Werden unsere Enkel die abgegriffene Bibel neben unserem Lesesessel entdecken? Werden sie sehen, wie wir von Jesus und seinem Wort ergriffen waren? Wenn wir alt und grau sind – oder schon nicht mehr da –, werden unsere Enkel mit Überzeugung sagen können: „Opa kannte die Bibel“ oder „Oma liebte Gottes Wort“? Wird unser Leben von jener Heiligkeit und Ehrfurcht geprägt sein, die aus jahrelanger, stiller und treuer Hingabe an das Wort der Wahrheit erwächst?

Um der künftigen Timotheus-Generation willen bete ich, dass Gott viele geistliche Mütter und Großmütter wie Eunike und Lois (2 Tim 1:5) hervorbringt. Ich bete, dass er Großeltern erweckt, deren Leben und Lieben geprägt sind von der Hingabe an die Schrift. Ich wünsche mir, dass ich meinen Enkeln das geistliche Erbe weitergeben kann, das mir meine Großeltern hinterlassen haben – ein Leben, durchdrungen vom Wort Gottes, zum Segen für alle, die den Lauf des Glaubens hinter mir aufnehmen.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Trevin Wax.

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