ZUSAMMENFASSUNG: Als der Verfasser des Hebräerbriefes Jesus in den Psalmen sah, las er die Schrift nicht nur als inspirierter Sprecher, sondern auch als sorgfältiger Exeget. Wenn wir seinen Argumenten genau folgen, entdecken wir mindestens vier Grundsätze, um die Psalmen mit offenen Augen für die Herrlichkeiten Christi zu lesen: Achte auf die genaue Wortwahl, achte auf den Sprecher, erwarte, dass der Psalm die Wahrheit sagt, und lies mit der Geschichte von Jesus im Blick. Wenn wir die Psalmen zusammen mit dem Verfasser des Hebräerbriefes lesen, lernen wir, sie als die Lieder Jesu zu sehen, in denen er spricht, von ihm gesprochen und er angebetet wird.
Für unsere fortlaufende Artikelreihe für Pastoren und christliche Leitende baten wir Daniel Stevens (PhD, University of Cambridge), außerordentlicher Professor für Neues Testament an der Boyce College, zu erklären, wie uns der Verfasser des Hebräerbriefes hilft, Christus in den Psalmen zu erkennen.
Aber von dem Sohn sagt er:
„Dein Thron, o Gott, währt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das Zepter deines Reiches ist ein Zepterdes Rechts.“ (Hebräerbrief 1:8, zitiert aus Psalm 45:6)
Der Verfasser des Hebräerbriefes macht dies deutlich in seinem großen Vergleich zwischen den Engeln Gottes und dem Sohn Gottes. In jeder Hinsicht ist der Sohn den Engeln überlegen, und wir erkennen dies an dem, was Gott in der Schrift gesagt hat. Zwar greift der Verfasser auch auf andere Stellen des Alten Testaments als Belege für seine Aussagen über Jesus zurück, doch seine am häufigsten genutzte Quelle sind die Psalmen.¹
Und wenn der Verfasser die Psalmen heranzieht, um die Botschaft von Jesus zu verkünden, stoßen wir auf eines der vielen Geheimnisse des Hebräerbriefes: Wie sieht der Verfasser diese Dinge in den Psalmen?² Es gibt mit Sicherheit einen Grund, warum der Hebräerbrief so selbstbewusst sagen kann, dass dies der Vater über den Sohn sagt, doch er erklärt uns den Grund nicht. Beim ersten Lesen erscheint die Art und Weise, wie der Hebräerbrief die Psalmen liest, ganz anders als unsere.
Dies ist bei weitem nicht das einzige Mal, dass der Verfasser eine solche Auslegungsstrategie verfolgt.³ Nicht nur spricht der Vater in den Psalmen vom Sohn, sondern der Verfasser deutet den Sohn auch so, dass er mit den Worten von Psalm 22:22 in Hebräer 2:12 zum Vater zurück spricht.⁴ Stellen, die scheinbar von Gott handeln, werden ausdrücklich auf die Person des Sohnes bezogen, wie zum Beispiel bei der Anführung von Psalm 102:25–27 in Hebräer 1:10–12. Dies reicht aus, um den modernen Leser fragen zu lassen, was der Hebräerbrief genau tut.
Wie Christen das Alte Testament lesen
Wir haben verschiedene Möglichkeiten. Eine, die ich über Jahre vertreten habe – heute jedoch nicht mehr – besteht darin zu sagen, dass der Verfasser des Hebräerbriefes die Psalmen auf eine Weise auslegt, die wir nicht nachvollziehen können. Nach dieser Auffassung blickt der Verfasser unter der Autorität der Apostel prophetisch in das Alte Testament, sieht Dinge, die uns sonst verborgen blieben, und spricht neue Offenbarung durch den Geist. Wir müssen die Auslegungen der neutestamentlichen Autoren akzeptieren, sollten jedoch nicht versuchen, sie nachzuahmen.⁵
Der Verfasser des Hebräerbriefes stellt sich jedoch nicht so dar, als füge er den alttestamentlichen Texten eine neue Bedeutung hinzu oder offenbare etwas Geheimes, das ohne seine inspirierte Führung unmöglich zu erkennen wäre. Vielmehr zeigt er sich als sorgfältiger Ausleger des Alten Testaments, der aus dem Kontext der zitierten Texte schließt (Hebräer 3:7–4:10)⁶ und die notwendigen Folgerungen zieht (Hebräer 2:5–9).⁷ Er beruft sich nie auf seine eigene Autorität, um sein Publikum von der Überlegenheit Jesu zu überzeugen, sondern verweist direkt auf das Alte Testament. Er geht davon aus, dass sein Publikum dieselben Texte – am häufigsten die Psalmen – ansehen und dasselbe sehen kann wie er. Das heißt: Der Verfasser des Hebräerbriefes lehrt nicht nur, was das Alte Testament offenbart; er gibt uns auch ein Muster dafür, wie das Alte Testament gelesen werden sollte.
Wenn dies der Fall ist, können wir fragen: Wie lehrt uns der Hebräerbrief, die Psalmen zu lesen?⁸ In diesem Artikel werden wir mehrere Grundsätze untersuchen, die sich aus der Auslegung der Psalmen im Hebräerbrief ableiten und durch sie veranschaulicht werden, um uns zu helfen, den restlichen Psalter so zu lesen, dass wir dem Text treu bleiben und erkennen, wo Christus in den Psalmen gegenwärtig ist.⁹
Methodischer Ansatz
Bevor wir darauf eingehen, wie der Hebräerbrief die Psalmen liest und dort Christus findet, sollten wir zunächst klären, ob dieses gesamte Vorhaben überhaupt legitim ist. Schließlich gehören die Psalmen zum Alten Testament, sie waren das Liederbuch Israels, und sie mussten die Zeiten und Umstände ansprechen, in denen sie geschrieben wurden. Wie könnten sie zugleich – oder vielleicht sogar in erster Linie – Lieder über Jesus sein?¹⁰
Die Antwort findet sich am deutlichsten in der Predigt des Petrus in Apostelgeschichte 2. Unmittelbar nachdem er Psalm 16 zitiert hat, erklärt Petrus:
Ihr Männer und Brüder, es sei mir erlaubt, freimütig zu euch zu reden von dem Stammvater David: Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist unter uns bis zu diesem Tag. Da er nun ein Prophet war und wusste, dass Gott ihm mit einem Eid verheißen hatte, dass er aus der Frucht seiner Lenden, dem Fleisch nach, den Christus erwecken werde, damit er auf seinem Thron sitze, hat er vorausschauend von der Auferstehung des Christus geredet, dass seine Seele nicht dem Totenreich preisgegeben worden ist und auch sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat. (Apostelgeschichte 2:29-31)
Wenn Petrus Psalm 16 liest, erkennt er, dass der Psalm zwar von David stammt, aber nicht von David handelt, und zwar deshalb, weil David ein Prophet war. Woher weiß Petrus das? Nicht weil er eine inspirierte Einsicht hätte, die dem Psalm eine neue Bedeutung hinzufügt, sondern weil er aus der Schrift heraus schlussfolgert.
Der Sprecher von Psalm 16 sagt: „denn du wirst meine Seele nicht dem Totenreich preisgeben und nicht zulassen, dass dein Heiliger die Verwesung sieht.“ (Apostelgeschichte 2:27). Petrus aber weiß, dass David im Grab geblieben ist und sein Leib die Verwesung gesehen hat. Also ist entweder der Psalm falsch (was unmöglich ist) oder es handelt sich um eine Prophetie, die nicht von David handelt. Mehr noch als eine Prophetie ist es ein prophetisches Reden in einer Rolle.¹¹ Ein Nicht–David spricht durch David. Dies ist keine Typologie, bei der David von sich selbst in einer Weise spricht, die Christus entspricht. Wäre es so, hätte Petrus nicht mit solcher Deutlichkeit betont, dass sich Psalm 16:8–11 nicht auf David bezieht. (Natürlich gibt es in der Schrift Raum für Typologie, und zwar reichlich, doch hier liegt sie nicht vor.)
Die Psalmen sind prophetische Texte. Zumindest teilweise bedeutet dies, dass ein Psalm nicht vom Kontext seines Verfassers oder seiner ursprünglichen Hörerschaft spricht, sondern direkt von Christus – von seinem Leben und seinem Werk. Diese Einsicht in das Wesen der Psalmen versetzt uns überhaupt erst in die Lage, nach den Weisen zu fragen, wie der Hebräerbrief die Psalmen liest und Christus in ihnen erkennt. Weil die Psalmen selbst prophetisch sind, bedeutet es nicht, ihnen eine fremde Bedeutung aufzuzwingen, wenn man Christus in ihnen findet – so wie es das Neue Testament häufig tut –, sondern vielmehr, das zu entdecken, was bereits vorhanden ist. Das heißt nicht, dass jeder Psalm auf dieselbe Weise funktioniert – ganz und gar nicht. Vielmehr eröffnet es eine Möglichkeit, die andernfalls verschlossen bliebe.
Nachdem damit der methodische und der kontextuelle Rahmen abgesteckt ist, stellt sich die Frage: Welche Grundsätze gibt es, um die Psalmen nach der Art des Hebräerbriefschreibers auszulegen?
1. Achte auf die genaue Wortwahl.
Kehren wir zu dem Zitat zurück, mit dem wir diesen Artikel begonnen haben, Hebräer 1:8, und gehen nun weiter zu Vers 9: „Von dem Sohn aber sagt er: ‚Dein Thron, o Gott, bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das Zepter deines Reiches ist ein Zepter des Rechts. Du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst; darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl mehr als deine Gefährten.‘“
Der Verfasser verwendet diese beiden Verse aus Psalm 45, um die Göttlichkeit des Sohnes im Gegensatz zu den Engeln zu bekennen. Was erlaubt ihm, die Stelle auf diese Weise zu lesen?
Erstens gilt es, genau auf die exakte Wortwahl des zitierten Abschnitts zu achten. Durchgehend wird eine Person – „du“ – angesprochen, und über diese Person werden mehrere Dinge ausgesagt. Erstens ist dieses „du“ Gott mit einem ewigen Thron. Zweitens hat dieses „du“ innerhalb der Welt gehandelt und ist dafür belohnt worden. Drittens hat dieses „du“ einen Gott – „darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt“ (Hebräer 1:9, Psalm 45:7). Viertens besteht die besondere Form der Belohnung, die dieses „du“ empfangen hat, in einer Salbung mit Freude.¹²
Dies sollte uns dazu bringen zu fragen: Auf wen kann dies zutreffen? Wer ist der Gott, der einen Gott hat? Wer ist der Gott, der in die Welt eingetreten ist, gehandelt hat und infolge dieser Handlungen erhöht wurde? Das ist Jesus, der Gott-Mensch. Er ist Gott in seiner göttlichen Natur, und in seiner Menschheit ordnet er sich Gott dem Vater unter.¹³ Er hat Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst, und aufgrund seines Handelns in der Welt ist er von Gott erhöht und belohnt worden. Diese Stelle spricht von Jesus in seiner Göttlichkeit und in seiner Menschlichkeit.
Wenn wir zu Psalm 45 zurückkehren, erkennen wir noch mehr. Dieser Psalm ist geschrieben, um einen hervorragenden, schönen, gerechten König (Verse 1–5) am Tag seiner Hochzeit (Verse 10–17) zu feiern. Es ist üblich, in diesem Psalm, zumindest zu Beginn, eine Bezugnahme auf Salomo zu sehen, die nur eine typologische Beziehung zu Jesus hat.¹⁴ Aber das ist nicht das, was der Hebräerbrief sieht.¹⁵
Das „du“ des Psalms ist der König, der heiratet. Aber es wäre blasphemisch, wenn der Psalmist sich an Salomo wenden und ihn als Gott mit einem ewigen Thron bezeichnen würde.¹⁶ Vielmehr sollten wir den gesamten Psalm so verstehen, dass er uns Fragen stellt: Wer ist dieser, der Mensch und zugleich Gott ist? Wer ist dieser schöne und gerechte König am Tag seiner Hochzeit?¹⁷
Der Psalm hat die Mittel, diese Fragen zu stellen, aber nicht, sie endgültig zu beantworten. Tatsächlich hat das gesamte Alte Testament die Mittel, diese Fragen zu stellen, aber nicht zu beantworten. Uns werden Hinweise und Anhaltspunkte gegeben. Wir können vielleicht sogar wissen, dass ein Sohn Davids die Antwort auf diese Frage sein muss. Doch erst wenn wir die Fülle der Schrift empfangen, offenbart sich das Geheimnis, das in dem Psalm verborgen ist. Der Psalm wies stets auf Christus hin, und zwar speziell auf Christus als den Gott-Mensch; wir konnten dies nur nicht vollständig erfassen, bis Christus selbst kam.
2. Achte auf den Sprecher.
Das erste Zitat der Psalmen im Hebräerbrief bereitet modernen Lesern oft weniger Schwierigkeiten, da es Begriffe verwendet, die uns vertraut sind, wenn wir über Jesus und Gott sprechen. Doch wenn wir genau darauf achten, wie der Hebräerbrief die Sprecher identifiziert, lernen wir mehr darüber, wie die Psalmen zu lesen sind.
Der Verfasser schreibt:
Denn zu welchem von den Engeln hat er jemals gesagt:
„Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt“? (Hebräerbrief 1:5, zitiert aus Psalm 2:7)
Ganz einfach, oder? Der Vater spricht zum Sohn und erkennt ihn als in einzigartiger Weise mit ihm verbundenen Sohn an. Aber was sagt uns dieser Dialog darüber, wie Psalm 2 zu lesen ist?
Wenn wir vom Hebräerbrief aus auf Psalm 2 zurückblicken, stellen wir fest, dass diese Aussage des Vaters zum Sohn nicht direkt in der Erzählung des Psalms steht, sondern selbst eine berichtete Rede ist. Der vollständige Vers lautet: „Ich will den Ratschluss des Herrn verkünden; er hat zu mir gesagt: ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.‘“ (Psalmen 2:7).18 Der Sohn, der in der Ich-Form spricht, gibt die Worte des Vaters wieder. Anders gesagt: In Psalm 2:7–9 (zumindest) haben wir die Worte des Sohnes, die durch den Psalmisten sprechen. In Psalm 2 findet der Hebräerbrief also nicht bloß Worte über Jesus, sondern die Worte Jesu selbst.¹⁹
Wenn wir den Psalm auf diese Weise betrachten, erkennen wir sowohl, dass der Psalm in all seinen Teilen Sinn ergibt (Jesus ist der König, der über das Schicksal der Nationen entscheidet und dem sich alle unterwerfen müssen, Psalm 2:10–12), als auch, dass er auf theologische Weise spricht, die wir zunächst vielleicht nicht erwarten, die jedoch mit dem Rest der Schrift übereinstimmt. In Psalm 2 spricht der Vater zum Sohn, und der Sohn verkündet uns das Wort und den Willen des Vaters. Genau dies finden wir im Johannesevangelium, wo Jesus das Wort Gottes ist, das allein Gott vollständig versteht. Er verkündet uns Gott (Johannes 1:1, 14–18) und verkündet, was der Vater ihm zu sagen gegeben hat (Johannes 12:49). Wir sehen, dass Psalm 2 auf die Dreieinigkeit im Verhältnis zwischen Vater und Sohn hinweist. Dieselben trinitarischen Beziehungen und Rollen ad extra, die im Neuen Testament expliziter dargestellt sind, treten auch in den Worten des Sohnes in Psalm 2:7–9 zutage.
Diese Beobachtung sollte unser Lesen der Psalmen prägen. Der dreieinige Gott ist der Ursprung der gesamten Schrift, und wir sollten erwarten, in der ganzen Schrift Zeugnisse seines Wesens zu finden. Erneut gilt: Der Verfasser des Hebräerbriefes legt den Psalmen keine neue Bedeutung bei und entdeckt auch nichts, was nicht bereits vorhanden wäre. Vielmehr können wir durch genaues Achten auf die Sprecher in den Psalmen erkennen, wann wir uns lediglich auf der menschlichen Ebene bewegen und wann uns Einblicke in göttliche Wirklichkeiten gewährt werden.
3. Erwarte, dass der Psalm die Wahrheit spricht.
Wenn der Hebräerbrief Psalm 8 auslegt, stößt der Verfasser auf ein Problem:
An einer Stelle bezeugt jemand ausdrücklich und spricht:
„Was ist der Mensch, dass du an ihn gedenkst, oder der Sohn des Menschen, dass du auf ihn achtest? Du hast ihn ein wenig niedriger sein lassen als die Engel; mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt und hast ihn gesetzt über die Werke deiner Hände; alles hast du seinen Füßen unterworfen.“
Indem er ihm aber alles unterworfen hat, hat er nichts übrig gelassen, das ihm nicht unterworfen wäre. Jetzt aber sehen wir noch nicht, dass ihm alles unterworfen ist. (Hebräerbrief 2:6-8, zitiert aus Psalm 8:4-6)
Psalm 8 betrachtet Gottes Schöpfung und die Erhöhung des Menschen. Über all unsere höchsten Erwartungen hinaus kümmert sich Gott um uns, achtet auf uns, krönt uns mit Herrlichkeit und Ehre und legt seine Schöpfung unter unsere Füße. Gott hat uns zu großen und herrlichen Zielen geschaffen, und entsprechend beginnt und endet dieser Psalm mit der Herrlichkeit Gottes (Psalm 8:1, 9), der Herrlichkeit, wegen der und für die wir geschaffen wurden.
Doch wie der Verfasser des Hebräerbriefes feststellt, besteht eine Spannung zwischen der Beschreibung des Menschen in Psalm 8 und unserer tatsächlichen menschlichen Erfahrung. Psalm 8 sagt, dass Gott ihm „alles unter seine Füße gelegt“ hat, doch „jetzt aber sehen wir noch nicht, dass ihm alles unterworfen ist“ (Hebräer 2:8). Vor dem Sündenfall hatten wir eine ungehinderte Herrschaft, doch das ist heute nicht mehr der Fall. Der Psalm muss wahr sein, also muss es eine Lösung für dieses Problem geben. Der Hebräerbrief findet die Lösung nicht innerhalb des Psalms selbst, sondern in der Geschichte Jesu: „wir sehen aber Jesus, der ein wenig niedriger gewesen ist als die Engel wegen des Todesleidens, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt; er sollte ja durch Gottes Gnade für alle den Tod schmecken.“ (Hebräerbrief 2:9).20
Nun müssen wir sorgfältig lesen. Der Hebräerbrief sagt nicht, dass Psalm 8 niemals vom Menschen gehandelt habe, sondern von Anfang an nur von Jesus. Vielmehr sagt der Verfasser, dass das Leben Jesu die Geschichte der Menschheit erlöst. Wir sind niedriger als die Engel – durch die Schöpfung und durch unseren Fall –, deshalb wurde Jesus Mensch und für eine kurze Zeit niedriger gemacht als die Engel. Durch Sünde und Tod sind wir von dem entfremdet, wozu Gott uns geschaffen hat, und von unserer bestimmten guten Herrschaft über die Schöpfung, deshalb unterwarf sich Jesus um unseretwillen einem Tod, den er nicht verdient hatte. In der Auferstehung und Himmelfahrt wurde Jesus aufgrund seines vollkommenen Lebens und seiner Treue mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt und zur Rechten des Vaters gesetzt. Diese Herrlichkeit trägt er in seinem auferstandenen menschlichen Leben, damit alle, die aus Gnade mit ihm verbunden sind, an seiner Herrlichkeit teilhaben. Alles ist unter seine Füße gelegt, und wenn wir ihm gehören, wird alles unter unsere Füße gelegt sein. Er ist unser Vorläufer (Hebräer 6:20). Wo er ist, dort werden wir sein. Was er hat, das werden wir aus Gnade haben.
Psalm 8 beschreibt nicht nur, was in der Schöpfung galt oder was über den Menschen wahr sein sollte, sondern auch, was in Christus wahr ist – dem vollkommenen und verherrlichten Menschen – und was über uns alle wahr sein wird, die wir mit ihm verbunden sind. Indem der Verfasser des Hebräerbriefes der Schwierigkeit nachgeht und fragt, wie der Psalm angesichts von Sünde und Leiden wahr sein kann, ist er in der Lage, uns zu zeigen, wie dieser Psalm Wahrheiten sowohl über die Schöpfung als auch über die Erlösung in Christus offenbart.
An diesem Punkt sollten wir den Eindruck gewonnen haben, dass die Psalmen zumindest teilweise ein nach vorn gerichtetes Buch sind. Während das Volk Israel die Psalmen sang, wurden sie darauf vorbereitet, auf einen kommenden König, Retter und vollkommenen Menschen zu blicken. Wenn wir sie singen, schulen sie uns darin, auf die Weise zu achten, in der Jesus die in den Psalmen eingeführten Motive erfüllt.
4. Lies mit der Geschichte Jesu im Blick.
Wie wir in der Auslegung von Psalm 8 im Hebräerbrief gesehen haben, greift der Verfasser auf die Geschichte Jesu zurück – seine Herrlichkeit vor der Menschwerdung, seine Menschwerdung, sein Leben, seinen Tod, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt –, um die theologischen Ressourcen zu finden, mit denen er eine vom Psalm aufgeworfene Spannung auflöst. Dieser Auslegungsschritt, der auf die gesamte Geschichte Jesu blickt, ist einer, zu dem der Verfasser immer wieder zurückkehrt.
Kurz darauf in Hebräer 2 erklärt der Verfasser, dass Jesus sich „nicht schämt, sie Brüder zu nennen, indem er spricht: ‚Ich will meinen Brüdern deinen Namen verkündigen; inmitten der Gemeinde will ich dir lobsingen‘“ (2:11–12, zitiert aus Psalm 22:22). Beachte, dass er seine theologische Aussage dadurch untermauert, dass er sagt, Jesus spreche die Worte dieses Psalms.²¹ Wie kann er das sagen? Zum Teil mag es daran liegen, dass er weiß, dass Jesus die Anfangsworte von Psalm 22 am Kreuz gesprochen hat (Matthäus 27:46; Markus 15:34; vgl. Psalm 22:1). Doch umfassender scheint der Verfasser den gesamten Psalm im Licht der Geschichte Jesu gelesen zu haben. Der Sprecher ist ein gerechter Leidender, der ausgeschüttet wird (Vers 14) und verspottet wird (Verse 7–8), dessen Hände und Füße durchbohrt sind (Vers 16), der in den Staub des Todes hinabgeht (Vers 15) und dennoch von Gott gerettet wird (Vers 21) – und zwar auf so bedeutsame Weise, dass seine Rettung die Nationen dazu bringt, Gott anzubeten (Vers 27), und von Geschlecht zu Geschlecht verkündigt wird (Verse 30–31). Genau dies ist die Geschichte Christi, der gelitten hat, gestorben und auferstanden ist und dessen Auferstehung den Nationen Heil bringt.
Ebenso stellt sich die Frage: Wer ist der König, der in Psalm 110:1 zur Rechten Gottes sitzt, der herrscht und zugleich Priester ist (Psalm 110:2–4)? Auch hier liest der Hebräerbrief den Psalm durch das Prisma von Leben, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, der, „nachdem er die Reinigung von unseren Sünden durch sich selbst vollbracht hatte, sich zur Rechten der Majestät in der Höhe setzte“ (Hebräer 1:3).
Auch hier gilt: Das „Ich“, das in Psalm 40:6–8 kommt, um den Willen Gottes zu tun (weil Gott kein Gefallen an den Opfern hatte, die er selbst geboten hatte), lässt sich nur im Blick auf den Sohn verstehen, der im Fleisch gekommen ist, um den Willen Gottes zu erfüllen, das endgültige und vollkommene Opfer zu sein und der Urheber des Heils für alle, die im Glauben mit ihm verbunden sind.
Die Geschichte Jesu ist die Geschichte, auf die die ganze Bibel hinweist. Das gilt für die Psalmen nicht weniger als für die offensichtlich prophetischen Bücher. Um die Psalmen richtig zu lesen und die Fülle dessen zu erkennen, was schon immer in ihnen angelegt war, müssen wir sie im Licht der ewigen Existenz, der Menschwerdung, des Lebens, des Todes, der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu lesen.
Wie man die Psalmen liest
Wie lehrt uns also der Hebräerbrief, die Psalmen zu lesen?
Zunächst führt uns der Hebräerbrief dazu, zu erwarten, Jesus dort zu begegnen. Es sind seine Lieder, denn die Psalmen gehören zu seinen Schriften. Das bedeutet nicht, dass jeder Psalm direkt von ihm handelt, noch dass jeder Psalm, der von Jesus spricht, dies auf dieselbe Weise tut. Vielmehr bedeutet es, anzuerkennen, was die Psalmen sind: inspirierte, prophetische Schriften, die sowohl vom Herzen des Menschen als auch vom Werk Gottes sprechen. Wie der auferstandene Herr Jesus seinen Jüngern sagte, sprechen die Psalmen von Dingen, die er erfüllen musste, von Dingen, die sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung betreffen (Lukas 24:44).
Zweitens zeigt uns der Hebräerbrief Wege auf, die Psalmen zu lesen, die uns helfen, Jesus dort zu finden, wo er wirklich ist. Wir sollten sorgfältige Leser sein, die auf die Wortwahl und die Wechsel der Sprecher achten. Wir sollen Fragen an die Psalmen stellen und erwarten, dass sie die Wahrheit sprechen. Und wir sollten die Geschichte Jesu im Blick haben, damit wir empfänglich dafür sind, wo und wie die Psalmen von ihm sprechen oder wo er in prophetischen Personalpronomen in den Psalmen selbst spricht.
Drittens sollten wir nicht erwarten, dass jeder Psalm von allem spricht, was Christus ist oder tut. Psalm 8 führt uns dazu, über die Erlösung nachzudenken, die Christus bringt, indem er den Platz der Menschheit im Kosmos wiederherstellt, doch Psalm 8 ist weder der Römerbrief, noch ist er das Matthäusevangelium. Wir sollen nicht das gesamte Neue Testament oder eine vollständige Evangeliumsverkündigung in jeden Psalm hineinlesen, in dem Jesus präsent ist. Vielmehr sollten wir auf die Facetten seiner Herrlichkeit und seines Wirkens achten, die der Psalm uns zeigen möchte. Mal werden wir über seine Schönheit nachdenken, mal über seine Ewigkeit, mal über seine Herrschaft. Dadurch werden wir davor bewahrt, Jesus fälschlicherweise in den Psalm hineinzuinterpretieren. Wir wollen ihn dort sehen, wo er ist, und so, wie er ist.
Die Psalmen verdienen einen festen Platz in deiner Anbetung, deinem Studium und der Verkündigung deiner Gemeinde. Und der Hebräerbrief (zusammen mit dem restlichen Neuen Testament) zeigt uns, dass wir beim Singen, Studieren und Predigen der Psalmen mehr finden als schöne Poesie oder den Ausdruck gottgefälliger Gefühle. Wir finden auch eine reiche Theologie und eine vielschichtige Darstellung Jesu, des größeren David, des Priesters und Königs, des Erlösers der Menschheit. Scheue dich nicht davor, ihn dort zu sehen, sondern nimm die Psalmen an als das, was sie sind und was der ganze Bogen der Schrift sie als das erkennen lässt. Sie sind die Lieder Jesu, in denen er spricht, von ihm gesprochen wird und er angebetet wird.
Der Bericht, den ich gebe, unterscheidet sich von der oben genannten Definition der prosopologischen Exegese vor allem dadurch, dass ich präzisiere, dass der Verfasser des Hebräerbriefes die Sprecher und Adressaten einzelner Abschnitte der Schrift identifiziert, statt zu sagen, dass er sie zuweist (insofern bin ich unschlüssig, ob das, was ich hier oder in Songs of the Son getan habe, überhaupt als prosopologische Exegese im eigentlichen Sinne gelten kann). Das heißt, der Verfasser des Hebräerbriefes legt die Psalmen auf eine Weise aus, die eine Frage beantwortet, die der des äthiopischen Kämmerers sehr ähnlich ist: „Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet dies? Von sich selbst oder von einem anderen?“ (Apostelgeschichte 8:34). Der Hebräerbrief fügt dazu die Frage hinzu: „In wessen Stimme sagt der Prophet dies?“ Oder anders ausgedrückt: Die Lesart, die ich vorschlage und die ich im Hebräerbrief verwirklicht sehe, ist der Versuch, das zu erkennen, was bereits im Text vorhanden ist, wenn die Propheten unter der Inspiration des Geistes in der Ich-Form nicht von sich selbst, sondern von Christus sprachen. Das heißt nicht, dass Christus in jedem Psalm in seiner eigenen Person spricht, sondern dass er es in einigen von ihnen tut und dass wir es erkennen sollten, wenn dies geschieht.
Fußnoten:
1 Dieser Artikel ist ein Versuch, die Einsichten zusammenzufassen, die beim Schreiben von Songs of the Son: Reading the Psalms with the Epistle to the Hebrews (Crossway, 2025) gewonnen wurden.
2 Spätestens seit der Veröffentlichung von William Wredes Das literarische Rätsel des Hebräerbriefs – The Literary Riddle of the Epistle to the Hebrews (Vandenhoek und Ruprecht, 1906), das mit der Frage beginnt, ob der Hebräerbrief überhaupt ein Brief ist, ist es üblich geworden, den Hebräerbrief in einem weiteren Sinn als ein „Rätsel“ oder ein „Geheimnis“ zu bezeichnen.
3 In der historischen christlichen Auslegung war es üblich, zumindest teilweise Christus in den Psalmen sprechen zu sehen und von ihm sprechen zu hören. Augustinus beginnt seine Auslegung von Psalm 1 mit den Worten: „Diese Aussage sollte so verstanden werden, dass sie sich auf unseren Herrn Jesus Christus bezieht, also den Gott-Menschen.“ Expositions of the Psalms 1–32, übers. Maria Boulding, hrsg. John E. Rotelle (New City, 2000), S. 67. Ebenso beginnt er seine erste Auslegung von Psalm 22 mit den Worten: „Bis zum Ende, weil hier der Herr Jesus Christus spricht und für seine eigene Auferstehung betet“ (Expositions of the Psalms 1–32, S. 221). Augustinus entwickelt sogar eine Lehre, die als totus Christus bekannt ist, nach der Christus in jedem Psalm spricht oder von ihm gesprochen wird, entweder in Bezug auf seine eigene Person oder auf seinen Leib, die Gemeinde. Calvin, der als frühere Ausleger oft zurückhaltender war, Christus direkt als Sprecher zu sehen, erkennt dennoch bisweilen prophetische Rede, die sich sowohl auf den Psalmisten als auch auf Christus bezieht. So schreibt er in seinem Kommentar zu Psalm 22: „Kurz gesagt, es besteht kein Zweifel daran, dass Christus, indem er diesen Ausruf am Kreuz äußerte, deutlich zeigte, dass, obwohl David hier seine eigenen Bedrängnisse beklagt, dieser Psalm unter dem Einfluss des prophetischen Geistes über Davids König und Herrn verfasst wurde.“ Commentary on Psalms 1–35, übers. John King, Accordance Electronic Ed. (Edinburgh, 1847), Absatz 13352. neuerer Zeit bemerkt Spurgeon in seiner Auslegung von Psalm 2:7: „Dieser Psalm trägt etwas von einer dramatischen Form an sich, denn nun wird eine andere Person als sprechend eingeführt“, und fährt fort, vom Sohn Gottes, Christus, zu sprechen. Charles H. Spurgeon, The Treasury of David, 7 Bde., Accordance Electronic Ed. (OakTree, 2004), Absatz 153.
4 Für eine neuere wissenschaftliche Diskussion darüber, wie Vater, Sohn und Geist im Hebräerbrief die Schrift sprechen, siehe Madison Pierce, Divine Discourse in the Epistle to the Hebrews: The Recontextualization of Spoken Quotations of Scripture, SNTS Monograph Series 178 (Cambridge University Press, 2020). Pierce legt eine Leseweise vor, die als „prosopologische Exegese“ bekannt ist und Texte so auslegt, dass sie ihnen „Gesichter“ [prosōpa] oder Rollen zuweist, also Charaktere, zu mehrdeutigen oder nicht näher bestimmten personalen (oder personifizierten) Größen, die im jeweiligen Text dargestellt werden (4). Dabei baut sie unter anderem auf die Arbeiten von Carl Andresen, „Zur Entstehung und Geschichte des trinitarischen Personbegriffes“, Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft 52 (1961): 1–39, sowie Matthew W. Bates, The Hermeneutics of the Apostolic Proclamation: The Center of Paul’s Method of Scriptural Interpretation (Baylor University Press, 2012), auf.
5 Dieser Ansatz wird in Robert L. Thomas, „The New Testament Use of the Old Testament“, The Master’s Seminary Journal 13 (2009): 79–98 dargestellt. In solchen Fällen, die Thomas als „inspired sensus plenior application“ bezeichnet, merkt er an, dass der Gebrauch des Neuen Testaments „zeitgenössischen Auslegern nicht das Recht verleiht, die Methodik der neutestamentlichen Autoren zu kopieren“ (79). In einer unvollständigen Liste, die sich weitgehend auf den Gebrauch Jesajas durch neutestamentliche Autoren konzentriert, führt Thomas unter anderem die Zitate in Hebräer 2:13; 8:6, 10–12 an (83–84).
6 Der Verfasser setzt sich nicht nur mit Psalm 95 auseinander, sondern auch mit Ereignissen aus dem Buch Numeri, auf die der Psalm zurückblickt, sowie mit deren Konsequenzen im Buch Josua.
7 Der Verfasser argumentiert auf der Grundlage der Spannung zwischen den klaren Aussagen von Psalm 2 und den Tatsachen menschlicher Erfahrung. Siehe unten.
8 Man könnte auch fragen, wie das Neue Testament uns lehrt, das Alte Testament zu lesen. Diese Frage ist für einen Artikel dieses Umfangs zu groß. Eine gute Einstiegshilfe bietet D. A. Carson und G. K. Beale, Hrsg., Commentary on the New Testament Use of the Old Testament: A Comprehensive Bible Commentary on Old Testament Quotations, Allusions, & Echoes That Appear from Matthew Through Revelation (Baker Academic, 2007).
9 Eine andere Liste von Grundsätzen, die alle in verschiedenen Kapiteln veranschaulicht werden, findet sich im Schluss von Songs of the Son (149–51).
10 Während wir die Psalmen oft vor allem als ein Gebetsbuch lesen, das uns lehrt, unsere Gefühle auszudrücken, war es in der Kirchengeschichte ebenso verbreitet, die Psalmen als ein Buch zu lesen, in dem Christus in jedem Psalm sowohl spricht als auch Gegenstand der Rede ist. Augustinus lehrte seine Hörer, beim Lesen der Psalmen mit Hinweisen auf Jesus zu rechnen, indem er sagte: „Lasst uns ihn vor Augen haben, wenn wir den Psalm hören. … Das wird euch befähigen, nicht nur diesen Psalm zu verstehen, sondern auch viele andere.“ „Auslegung 2 von Psalm 90“, Expositions of the Psalms 73–98, übers. Maria Boulding, hrsg. John E. Rotelle (New City, 2002), 330.
11 In Jared Comptons Rezension von Pierces Divine Discourse stellt er die Frage: „Wie verhält sich prosopologische Exegese zu anderen, traditionelleren Beschreibungen der Auslegungsmethode des Hebräerbriefes? Verheißung–Erfüllung und Typologie würden, so vermute ich, beide einen Anspruch darauf erheben, Mehrdeutigkeiten aufzulösen.“ „Review of Divine Discourse in the Epistle to the Hebrews: The Recontextualization of Spoken Quotations of Scripture“, Themelios 46, Nr. 3 (2021): 690. Auch wenn ich mich selbst nicht als jemanden sehe, der prosopologische Exegese in dem von Pierce vertretenen Sinn betreibt, meine ich doch, dass die Kategorien prophetischer Rede und prophetischer Rede in einer Rolle (die im Griechischen der Spätantike als prosopeia bezeichnet worden wäre) einen erheblichen Beitrag dazu leisten, den Umgang des Neuen Testaments mit den Psalmen zu erklären. Zudem stimme ich Compton darin zu, dass Verheißung–Erfüllung und Typologie viele Mehrdeutigkeiten im Hebräerbrief auflösen, und ich habe ausführlich darüber geschrieben, wie beide im Hebräerbrief zusammenwirken. Siehe Daniel Stevens, The Theme of Promise in the Epistle to the Hebrews: A Promise Remains, LNTS 706 (T&T Clark, 2025). Ich bin jedoch nicht der Ansicht, dass diese Kategorien die gesamte Auslegung des Alten Testaments im Hebräerbrief erklären.
12 Es ist bemerkenswert, dass das in dieser Stelle verwendete griechische Verb echrisen (Psalm 44:8 LXX) etymologisch mit dem Titel christos verbunden ist – „Christus“ oder „Gesalbter“.
13 Zur Funktionsweise dessen im Hebräerbrief und zu den beiden Bedeutungen, in denen Jesus Sohn ist (ewiger Sohn Gottes und menschlicher Sohn), siehe R. B. Jamieson, The Paradox of Sonship: Christology in the Epistle to the Hebrews, Studies in Christian Doctrine and Scripture (IVP Academic, 2021).
14 So Johannes Calvin: „Wie diese Vorzüglichkeit sich in Salomo zeigte, so leuchtete sie später noch voller in Christus auf, dem seine Wahrheit als Zepter dient, wie wir später noch ausführlicher sehen werden.“ Siehe Commentary on the Book of Psalms, übers. James Anderson, Bd. 2 (Edinburgh, 1847), 176.
15 Wie Charles Spurgeon bemerkt: „Manche sehen hier nur Salomo und die Tochter des Pharao – sie sind kurzsichtig; andere sehen sowohl Salomo als auch Christus – sie sind schielend; geistliche Augen mit klarem Fokus sehen hier nur Jesus, oder wenn Salomo überhaupt gegenwärtig ist, dann höchstens wie jene verschwommenen Schatten von Vorübergehenden, die über das Objektiv einer Kamera huschen und deshalb auf einer fotografischen Landschaft nur schwach erkennbar sind.“ Siehe The Treasury of David, Bd. 2 (New York, 1881), 315.
16 Das heißt nicht, dass Salomo nicht typologisch mit Jesus verbunden wäre. Vielmehr bedeutet es, dass wir zwar in Salomos Herrlichkeit einen Schatten Christi sehen, in diesem Psalm jedoch einen unmittelbareren Blick auf die Herrlichkeit Jesu haben.
17 Interessanterweise wurde die griechische Auslegung der Überschrift dieses Psalms von einigen frühen christlichen Auslegern notwendigerweise eschatologisch verstanden. Sie lautet: Eis to telos. Hyper tōn alloiōthēsoménōn. Tois huiois Kore eis synesin. Ōdē hyper tou agapētou. „Auf das Ende hin. Um derer willen, die verwandelt werden sollen. Den Söhnen Korachs, zur Einsicht. Ein Lied für den Geliebten“ (Psalm 44:1 LXX). Die Wendung „auf das Ende hin“ führte häufig zu eschatologischen Deutungen, während andere, wie Gregor von Nyssa, darin einen Hinweis auf Sieg sahen und sie daher für die moralische Unterweisung nutzbar machten.
18 Es wird häufig darüber diskutiert, ob sich dies auf die ewige Zeugung des Sohnes oder auf die menschliche Geburt des Sohnes in der Menschwerdung bezieht. Eine kurze Darstellung moderner und antiker Vertreter beider Positionen findet sich bei Daniel Stevens, „Changes: Literary and Theological Consideration of Two Variation Units in Hebrews 1:8b“, Tyndale Bulletin 74 (2023): 77–80.
19 Solche Merkmale im Hebräerbrief haben mich dazu veranlasst, mein Buch Songs of the Son zu nennen. Die Psalmen sind Lieder Jesu, sowohl im Sinne von „Liedern über ihn“ als auch von „Liedern, die er singt“. Dasselbe gilt, wenn der Hebräerbrief Jesus als den Sprecher von Psalm 22:22 (Hebräer 2:12) oder Psalm 40:6–8 (Hebräer 10:5–7) darstellt. Zumindest manchmal ist das „Ich“ eines Psalms Jesus.
20 Du wirst bemerken, dass dies derselbe Auslegungsschritt ist, den Petrus bei der Auslegung von Psalm 16 in Apostelgeschichte 2:29–31 vollzieht. Der Psalm sagt etwas, das den vorliegenden Tatsachen zu widersprechen scheint, doch der Psalm muss wahr sein. Seine Auflösung findet sich nicht in seinem ursprünglichen Sprecher oder seiner ursprünglichen Hörerschaft, sondern in Christus.
21 Wie bei Psalm 2 deutet der Verfasser an, dass das „Ich“ in Psalm 22 Jesus ist.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzt von Lynn Wiebe. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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