Alles weihen, nicht nur ein wenig

Manche Gebete ticken wie Zeitbomben. Wir bitten um Zufriedenheit und Demut, während wir die Augen zusammenkneifen, aus Angst, wir könnten tatsächlich bekommen, worum wir gebeten haben. Wir sind abergläubisch und ängstlich, besorgt, dass Gott uns, wenn wir alles hingeben, auf eine abgelegene Insel schickt, gekleidet wie Johannes der Täufer. Oder noch schlimmer: Wir versinken in unseren gewöhnlichen Umständen und tragen ein Abzeichen der Zufriedenheit, während unsere Sehnsüchte wie unerwünschte Post beiseitegeschoben werden.

Wenn wir pflichtbewusst die schweren Gebete sprechen, tun wir das oft zu einem bösartigen Gott unserer eigenen Vorstellung. Dieser Gott ähnelt weniger einem liebenden Vater als vielmehr einem Tyrannen in einer Schneeballschlacht mit einem Vorrat an eisiger Munition. Doch Gott ist kein Schreckgespenst. Wenn wir uns dem Chor der Gläubigen anschließen wollen, die aufrichtig singen: „Alles will ich weihen“, dann müssen wir zu dem Gott der Schrift beten und zu keinem geringeren. Wir werden die Schlüssel zu dem sprichwörtlichen Auto unserer Träume erst dann aus der Hand geben, wenn wir darauf vertrauen, dass Jesus ihrer würdig ist (und noch so viel mehr).

Ehre verletzt

Als Zwölfjährige kniete ich bei einem lodernden Lagerfeuer im Sommercamp und sagte Ja zu der Frage meines Vaters: „Wirst du für mich überall hingehen?“ Ich ahnte nicht, dass ich Jahrzehnte später weinend in einem abgelegenen Gebirge stehen würde wie eine Kriegsgefangene. Mission war auf dem Papier herrlich romantisch, aber Stromausfälle, Wassermangel, Magen-Darm-Viren, Monsunschimmel und die immer wiederkehrende Frage „Warum ist deine Sprachkenntnis nicht so gut wie die deines Mannes?“ machten mich wütend.

War ich nicht, wie Petrus, im eifrigen Gehorsam aus dem Boot in unbekanntes Gebiet gestiegen? Doch die Wellen waren rauer, als ich erwartet hatte. Meine Hingabe hatte sich in Gottes Händen immer sicher angefühlt, bis mein Herz auf dem Missionsfeld meiner Träume zerbrach.

Viele von uns haben sich in Hingabe auf den Altar gelegt, nur um das Messer zu sehen. Wir bitten um mehr von Jesus und vergessen dabei, dass es schmerzhaft ist, ja, ein Sterben für den alten Menschen in uns ist, „in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt zu werden“ (2. Kor 3:18). Wie Eustace in Die Reise auf der Morgenröte haben wir Schicht um Schicht Drachenhaut, die abgeschnitten werden muss. Christus sagt wie Aslan: „Du musst mich dich ausziehen lassen.“ Verzweifelt, seine Schuppen loszuwerden, fügt sich Eustace. Doch später erinnert er sich: „Schon der allererste Schnitt war so tief, dass ich dachte, er ginge direkt in mein Herz. Und als er begann, die Haut abzuziehen, tat es mehr weh als alles, was ich je gespürt habe“ (S. 474–475).

Glaube erscheint der Welt wie Wahnsinn, doch wer das väterliche Herz Gottes und sein liebevolles Nachgehen kennt, sieht keinerlei Risiko für unsere Seele. Wir sind dazu geschaffen, in den guten Absichten unseres Gottes zu ruhen, zu arbeiten und zu leben, im Vertrauen darauf, dass er sich tief um uns kümmert, selbst wenn das Boot schwankt (Mk 4:35–41). Wir sind nie die Ersten, die ihr Leben hingeben, sondern Nachahmer des Beispiels Christi. Nackt an einem Kreuz hing Jesus und gab bis zum letzten Atemzug alles hin, ohne auch nur einen Moment an den guten Absichten seines Vaters zu zweifeln.

Wenn Gott hier in den Bergen nicht die aufrührerischen Teile meines Wesens amputieren würde, wäre Psalm 84:11 vielleicht nur ein weiterer Vers und nicht mein morgendliches Opfer und meine nächtliche Meditation, während die Straßenhunde heulen. Ein Tag in seinen Vorhöfen ist besser als tausend anderswo. Ich gehe in diesem Dorf nicht so auf, wie ich es mir erhofft hatte, und diese Berge werden nie  Beifall für meine Arbeit klatschen, doch sie werden weiterhin den Einen preisen, der jede ihrer Schluchten und jeden Gipfel geformt hat (Jes 55:12). Ich bin gerne eine Türhüterin in seinem Haus, auch wenn meine Tränen diese Hügel weiterhin salzen.

Hingabe der Heiligen

Stell dir vor, was Hingabe für dich bedeuten könnte. Welche Angst lässt deinen Kiefer verkrampfen und deinen Nacken sich verspannen? Welche Frage stellst du ChatGPT in einem Dutzend verschiedener Varianten? Stell dir vor, du legst die Schuppen von Perfektionismus, Menschengefälligkeit oder Kontrollbedürfnis ab. Was wäre, wenn der Stolz, der uns unsere Karten dicht am Körper halten lässt und echte Freundschaften auf Distanz hält, wie alte Schindeln von einem undichten Dach abgerissen würde? Mit der Zeit wird Hingabe zu einem Leben ohne Schatten, mit offenen Fenstern, der Brise in deinen Lungen. Gehalten von den durchbohrten Händen, die das Universum tragen, haben wir nichts mehr zu verbergen.

Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, wenn wir „von einer so großen Wolke von Zeugen umgeben sind“ (Hebr 12:1). Beobachte die Hingabe der Menschen in deiner Kleingruppe, deiner Gemeinde und in der weiteren Welt, deren Leben wie das der Israeliten (nach Sklaverei, Wüstenzeit und Krieg), bezeugt: „Kein Wort von all den guten Verheißungen, die der HERR dem Haus Israel gegeben hatte, ist unerfüllt geblieben; alles ist eingetroffen“ (Jos 21:45).

Corrie ten Boom bemerkte nach Jahren in Konzentrationslagern: „Wenn Gott uns auf steinige Wege schickt, dann gibt er uns auch starke Schuhe.“ In ähnlicher Hingabe dachte Dr. Helen Roseveare, die inmitten politischer Unruhen im Kongo diente und Vergewaltigung, Misshandlungen und Gefangenschaft erlitt, darüber nach:

“Konnte ich erkennen, dass Gott mein Leben von einem eher hässlichen, nutzlosen Ast in einen Pfeil verwandeln wollte, ein Werkzeug in seiner Hand zur Förderung seiner Ziele? … Um so verwandelt zu werden war ich bereit – bin ich immer noch bereit – für das Schnitzen, Schleifen und Abstreifen, das in meinem christlichen Leben notwendig ist?” (Living Sacrifice, S. 26)

Beobachte die Hingabe unseres fruchtbaren Liederdichters und Lehrers des Gebets, der wie eine Vorspeise unseren Hunger nach dem König Jesus anregt, den „Mann nach [Gottes] Herzen“ (1Sam 13:14). David hebt Gottes Wesen hervor, egal ob es um einen Riesen, einen fliegenden Speer oder eigenes moralisches Versagen geht. Schon als Junge glaubt David, was ganz Israel vergisst: Wenn jemand Gott herabsetzt, enden seine großspurigen Worte als Futter für die Vögel (1Sam 17:45–47). Als sein eigener Sohn ihm nach dem Leben trachtet, zieht David nicht das Schwert, sondern erhebt den HERRN als seinen Schild und seine Herrlichkeit (Ps 3:3). Man würde denken, vor Abimelech Wahnsinn vorzutäuschen und zu sabbern, würde kein Loblied über Gottes Nähe, Versorgung und Rettung hervorbringen doch genau dorthin richtet sich Davids Herz (Ps 34).

Selbst nach schwerer Sünde, von der sich nur wenige erholen, weiß David: Wenn der Herr ihn reinigt, wird er weißer als Schnee sein (Ps 51:7). Am Ende seines Lebens sagt David zu allen, die sich fragen, ob Hingabe sicher ist: „Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie den Gerechten verlassen gesehen oder seine Kinder um Brot betteln“ (Ps 37:25).

Gott wirkt

Hingabe ist keine Treppe hinab in einen dunklen, feuchten Keller, sondern ein offenes Feld, auf dem „die Sonne der Gerechtigkeit“ uns freisetzt „wie Kälber, die aus dem Stall kommen“ (Maleachi 4:2). Gott ist nicht überrascht, dass wir in unseren Versuchen, uns hinzugeben, immer wieder scheitern und wieder aufstehen. Er formt unsere Zuneigungen geduldig über lange Zeit hinweg; er lässt unser Vertrauen reifen wie einen Pfirsich in der Sommersonne. Seine Verheißung, „weit über alles hinaus zu tun, was wir bitten oder verstehen“ (Epheser 3:20), gilt nicht einer elitären Gruppe, sondern allen, die auf Jesus schauen, „den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete“ (Hebräer 12:2).


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzt von Ronny Käthler. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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