Mit jedem neuen Tag ziehen zwei der größten Wunder Gottes unmittelbar vor unseren Augen an uns vorbei.
Diese zwei Wunder sind so alltäglich geworden, dass wir ihre Herrlichkeit oft übersehen. Sie sind in gewisser Weise gewöhnlich — doch von Zeit zu Zeit tut es gut, innezuhalten und Gott und seine besonderen Mittel zu unserem Besten mit neuen Augen zu bestaunen.
Das erste Wunder ist, dass Gott spricht. Der Gott, der die Welt geschaffen hat, hätte sich uns gegenüber nicht zu äußern brauchen. Aber er tut es. Und er redet. Er ist gesprächig, könnte man sagen: Er spricht durch den Himmel und die Erde, mit noch größerer Klarheit durch seine Propheten und Apostel, und auf dem Höhepunkt durch seinen eigenen Sohn im menschlichen Fleisch — das göttliche Wort, das Mensch geworden ist.
Es ist überwältigend, sein Wort in dem Buch zu besitzen, das wir Heilige Schrift nennen. Der, der uns geschaffen hat, redet mit uns.
Das zweite große Wunder ist, dass ein solcher Gott zuhört. Genauso wie er redet, hört er auch zu. Er neigt sein Ohr zu seinen geliebten Kindern, ist nicht nur bereit, sondern sehnsüchtig darauf bedacht, von ihnen zu hören. Er lädt uns ein in das Hin und Her einer echten Beziehung. Er spricht, um gehört zu werden — und hört zu, um uns zu hören. Das, was wir Gebet nennen, ist in seiner Schlichtheit und Alltäglichkeit, in seinen tiefen Geheimnissen und seinen realen Auswirkungen ein Wunder, das sich nicht ergründen lässt.
Wie viele unbeantwortete Fragen wir zum Gebet auch haben mögen — Gott macht unmissverständlich klar, dass er will, dass wir beten. Er erduldet unsere Gebete nicht bloß; er freut sich an ihnen. Er lädt ein. Er winkt. Er wirbt. Er ruft zum Gebet auf, erinnert uns daran zu beten, und wirkt durch seine souveräne Fürsorge, um unser Beten zu wecken. Er möchte von seinem Volk hören.
Und einer der deutlichsten Ausdrücke dieses Herzens sind die vielen „Bittet um alles, was ihr wollt“-Stellen aus dem Mund seines Sohnes.
Wirklich um alles bitten?
Matthäus, Markus und Lukas berichten jeweils von Jesu fast überschwänglichen Aufrufen zum Gebet:
Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, werdet ihr empfangen. ()
Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangen werdet, so wird’s euch werden. ()
Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. ()
Diese großzügigen Einladungen klingen von echter göttlicher Autorität. Welcher Mensch würde es wagen, sich so etwas auszudenken und es Jesus in den Mund zu legen? Nur Jesus, nur Gott selbst, konnte das ersinnen und aussprechen. Diese Aufrufe häufen sich besonders im Johannesevangelium, im Abendmahlssaal, in der Nacht vor seinem Tod:
Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde in dem Sohn. Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun. ()
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. ()
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt … damit ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit der Vater euch gebe, was ihr ihn bittet in meinem Namen. ()
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, das wird er euch geben. Bis jetzt habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei. ()
Ja, diese weitreichenden Verheißungen werfen Fragen auf — aber bevor wir uns beeilen, sie mit Kontext und Bedingungen einzuschränken, sollten wir das großherzige Wesen Gottes nicht übersehen, das hinter ihnen allen steht: Gott will, dass du betest. Er ist nicht nur bereit, deine Stimme zu ertragen. Dass du mit ihm redest im Gebet, ist seine Idee, sein Plan, sein Wunsch. Oh, wie sehr will er, dass du betest!
Frischer Wind für dein Gebet
Ich räume ein, dass manche Theologen dieses Angebot so stark eingeschränkt haben, dass wir am Ende weniger und mit weniger Hoffnung beten als zuvor. Das ist tragisch — und es verfehlt den Sinn dieser unverblümten Verheißungen Jesu. Wenn er sagt: „Bittet um was ihr wollt“, versucht er keineswegs, dein Beten zu dämpfen; er facht jede noch so kleine Flamme deines Gebets neu an.
Jesus sagt immer wieder „Bittet um was ihr wollt“, weil er wirklich möchte, dass du betest. Inmitten der verschiedenen berechtigten Einschränkungen dieser Einladung wollen wir uns hier auf ein übergeordnetes Leitprinzip und eine ermutigende Absicherung konzentrieren, die uns freier und mutiger beten lassen.
Das Leitprinzip: Im Sohn
Der wichtigste Kompass, den Jesus in –16 hinzufügt, ist sein eigener Name: „Was ihr [den Vater] bittet in meinem Namen …“ (; 15:16; 16:23). „Was ihr mich bittet in meinem Namen …“ ().
„In seinem Namen“ zu beten bedeutet nicht, dass wir Jesus als magisches Zauberwort anhängen. „Gebete in seinem Namen“, kommentiert D.A. Carson, „sind Gebete, die in vollständiger Übereinstimmung mit allem dargebracht werden, wofür sein Name steht“ (John, 497). Sein Name repräsentiert ihn selbst — seine ganze Person und sein Werk — und alles von ihm, das von dem Betenden recht empfangen und genossen wird.
In Jesu Namen zu beten bedeutet, als jemand zu beten, der mit der vollen Offenbarung des wahren Gottes auf dem neuesten Stand ist. Anders als Abraham, Mose und David beten wir in Jesu Namen — im Wissen, dass Gott selbst in der Person seines Sohnes zu uns gekommen ist und unter uns gewohnt hat, dass er unseren Opfertod gestorben ist und auferstanden ist, um jetzt über alles zu herrschen, damit er seine Gemeinde aufbaut.
„Gott erduldet unsere Gebete nicht bloß — er freut sich an ihnen. Er lädt ein. Er winkt. Er wirbt.“
In Jesu Namen zu beten ist nicht bloß eine Formel zu gebrauchen („Im Namen Jesu beten wir“); es bedeutet, ihn als den Höhepunkt und Helden der Geschichte zu kennen und ihn freudig als meinen eigenen Erlöser und vollkommene Gerechtigkeit anzunehmen. In Jesu Namen zu beten heißt zu erkennen, dass Gott die Welt geschaffen hat, die Geschichte lenkt und Sünder versöhnt, um seinen Sohn zu verherrlichen. In Jesu Namen zu beten bedeutet, für seine Majestät wach zu sein, seine Herrlichkeit zu begehren und ihrer Zunahme und Ausbreitung in Zeit und Raum entgegenzuschauen.
Das führt uns wieder zu dieser tiefen Beziehung zwischen Gottes Wort und unserem Gebet. Jesus teilt in einen bemerkenswerten Einblick über das Gebet und sein Erhörtwerden — in der Bedingung, die dem „Bittet um was ihr wollt“ vorangeht:
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
Wie bleiben wir in Jesus? Hier verweist er auf seine Worte — und zwar nicht darauf, dass wir in ihnen bleiben, sondern dass seine Worte in uns bleiben. Was offenbaren Jesu Worte? Sein eigenes Herz und seinen Willen, und das Herz und den Willen seines Vaters. Wer also Jesu Worte (und Willen) tief in Herz und Verstand eingraviert hat, „erweist sich als wirksam im Gebet, da alles, worum er oder sie bittet, dem Willen Gottes entspricht“ (John, 518).
Das Geheimnis bleibt, aber es erleuchtet und beflügelt mich zu wissen: Wenn Gottes Wort in meinem Inneren Wurzeln schlägt, nährt und wärmt und formt es nicht nur meinen inneren Menschen — es macht mich auch weit wirksamer im Gebet. Denn meine Seele selbst wird so geformt, dass sie nach genau dem fragt, was Gott selbst liebt.
Die Absicherung: Durch den Geist
Ein weiteres Element kommt hinzu: die kostbare „Absicherung“, die wir im Gebet haben, wenn wir den Heiligen Geist so nennen dürfen. Eines der großen Wunder des neuen Bundes ist, dass der auferstandene Christus seinen Geist gibt, der in den Gläubigen wohnt. Sein Geist ist nicht nur bei uns, sondern in uns (; vgl. 7:38–39). Und der Geist in uns treibt uns nicht nur zum Beten an, sondern tritt auch für uns ein, wenn wir beten — damit unsere Gebete wirksam werden, selbst wenn wir nicht wissen, worum wir bitten sollen:
Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. ()
Bete also in Jesu Namen — und bete im vollen Bewusstsein, dass du in Christus den Heiligen Geist hast, der in dir wirkt, dich zum Beten antreibt und deine Gebete dem Willen Gottes angleicht, zu deinem letzten Besten und zu deiner vollen Freude.
Befreit zum Bitten
Der Geist in dir ist ein weiterer Ausdruck davon, wie sehr dein Vater will, dass du betest. Er möchte nicht, dass du zögerst, mit ihm zu reden. Nicht zu wissen, worum man beten soll, darf kein Hindernis sein. Unser Vater möchte nicht, dass seine Schafe schüchtern sind, wenn es darum geht, ihn zu bitten. Er will, dass wir wissen: Er ist großzügig. Er will uns unsere heiligen Wünsche erfüllen. Und er will uns zu der Art von Söhnen und Töchtern formen, die wollen, was er will — indem sie vor allem ihn wollen.
Gott möchte von uns hören — von denen, die von seinem Wort leben, seinen Willen durch seine Worte in der Seele verankern und dann, mit dem Blick auf Jesus, mit der Kühnheit eines geliebten Kindes zu ihm sprechen. Ein heiliges Herz ist befreit zu bitten und zu bitten und zu bitten — und es weiß: Selbst wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen, haben wir den Geist in uns, der für uns eintritt.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
Mehr Ressourcen von Desiring God.