Das Abendessen geht zu Ende, und du verabschiedest dich mit einer Umarmung von deinen Freunden. Als du aus ihrer Einfahrt fährst, fühlst du dich von all dem, was deine aufmerksamen Augen während des Essens bemerkt haben, völlig aufgedreht. Du platzt förmlich vor „aufschlussreichen“ Urteilen und bist überzeugt, dass dein Ehepartner dankbar ist, mit jemandem zusammen zu sein, der die menschliche Natur so gut versteht.
In Wirklichkeit zerlegst du deine Freunde mit einem unfreundlichen Skalpell und sezierst ihr Leben wie Frösche im Biologieunterricht. Wer hätte gedacht, dass sie so auf Bio-Lebensmittel hereinfallen! Junge, etwas Hausarbeit würde ihren Kindern guttun! Zu Hause angekommen, hast du drei bis fünf Lösungen für die Schwächen deiner Frösche – ich meine, deiner Freunde – parat. Doch tief in deinem Inneren weißt du, dass es dir letztlich dazu diente, dich selbst zu erhöhen, indem du ihren Namen in den Schmutz gezogen hast.
Es liegt ein gewisser Reiz darin, mit dem Finger auf andere zu zeigen – ein süchtig machender Kick darin, die vermeintlichen Sünden und Eigenheiten anderer zu analysieren. Die amerikanische Autorin Flannery O’Connor ließ in ihren Kurzgeschichten immer wieder „Außenseiter“ auftreten, damit sie zu leichten Zielen wurden, die Stolze mit Füßen treten konnten. Sie erkannte, wie oft wir, um uns selbst besser zu fühlen, bei anderen so vieles finden, das angeblich falsch ist.
Ein kritischer Geist zieht sich durch die Geschichte der Welt: Die Schlange redete schlecht über Gott, Adam gab Eva die Schuld, Kain verachtete Abel, Ham beschämte Noah und so weiter. Natürlich kann Kritik wahr sein und es wert, sorgfältig ausgesprochen zu werden. (Man denke nur an Nathan gegenüber David.) Doch allzu oft versucht unsere Kritik, die Zielscheibe auf unserem eigenen Rücken gegen eine Krone einzutauschen, die allein auf Gottes Haupt gehört.
Halten wir inne und bekennen es: Richter und Geschworener zugleich zu spielen, steht im völligen Gegensatz zum Evangelium.
Ein Teil der guten Nachricht des Evangeliums besteht darin, dass das Blut Jesu selbst in unserem schlimmsten Zustand „ein besseres Wort redet“ (). Wir sind die eigentlichen Außenseiter, und doch will er uns. Gott hatte jedes Recht, uns dem endgültigen, sofortigen Tod auszuliefern. Die Dreieinigkeit hätte sich hinter verschlossenen Autotüren über unseren Untergang freuen können. Stattdessen offenbarte der Vater öffentlich seine Liebe und Gnade, als er „ihn als Sühnopfer durch sein Blut hingestellt hat, wirksam durch den Glauben“ (). Unsere Erlösung war kein glücklicher Zufall, als hätten wir Gott an einem besonders guten Tag erwischt; vielmehr „hat er uns in ihm erwählt vor Grundlegung der Welt“ (). Gott sucht nicht nach Fehlern an toten Fröschen. Er macht sie wieder lebendig.
Das Evangelium gibt uns Grund, auf andere zuzugehen – im Bewusstsein, dass wir selbst hinken. Jakob hatte über Esau nicht viel Gutes zu sagen. Voller Neid auf das, was seinem älteren Bruder gehörte, schmiedete Jakob gemeinsam mit seiner Mutter hinter den Zeltplanen Pläne. Vieles geschah, das Jakob veranlasste, weit, weit vor seiner Familie zu fliehen – bis Gott ihm in einem unerwarteten Ringkampf begegnete. Mit einer ausgerenkten Hüfte und einem neuen Herzen erklärte Jakob: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und doch ist mein Leben gerettet worden“ ().
Schweiß stand Jakob noch auf der Stirn, als er Esau nach einem lebenslangen, schmerzhaften Getrenntsein auf sich zukommen sah. Esau muss sich über das veränderte Aussehen und Verhalten seines Bruders gewundert haben: Der stolze Betrüger hinkte nun wie ein zugerittenes Pferd, ruhig und gezähmt. Wenn wir mit Gott gerungen und seine Barmherzigkeit empfangen haben, dann folgt daraus, dass wir dieselbe Barmherzigkeit auch anderen erweisen. Wir treten unserem Esau als Mit-Sünder und Mit-Leidender entgegen, nicht als Richter.
Jakob, der hinkend auf Esau zugeht, ist eine eindrucksvolle Umkehrung der Geschichte. Doch Jesus, der hinkend auf uns zukommt, nimmt den Hochmütigen den „Spaß“ daran, andere von oben herab zu beobachten. Wagen wir es wirklich, mit verschränkten Armen über unserem Nächsten zu stehen, während Jesus in seiner Menschlichkeit hinkend auf uns zukommt – oder, wie Johannes Calvin sagt, sich zu uns „herabbeugt“, wie eine Krankenschwester, die sich der Sprache eines Kindes anpasst und mit dem Säugling auf ihrem Arm spricht?
In den Evangelien trägt die Liebe Jesu gewissermaßen ein Hinken in sich, indem er „alles hofft“ und zugleich „alles erduldet“ (). Er hofft das Beste für uns, während er freiwillig das Schlimmste auf sich nimmt. Wir wiederum dürfen das faszinierende Verhalten anderer weiterhin beobachten und bedenken – aber nur, wenn unsere Betrachtung in der hoffenden und ausharrenden Liebe des Evangeliums eingerahmt ist.
Denke daran: Jesus lebte den Menschen ganz nahe und teilte mit seinen Jüngern den gewöhnlichen Alltag. Er hörte reichlich „harmlosen Klatsch“ und ungefilterte Urteile. Achte darauf, wie er seine Jünger bei zwei Gelegenheiten zurechtweist.
Die erste Begebenheit findet sich in . Dort bittet die Mutter der „Donnersöhne“ (die selbst wohl ebenfalls ein temperamentvoller Mensch gewesen sein muss) Jesus darum, ihren beiden Söhnen die besten Plätze in seinem Reich zu geben. Die anderen Jünger reagieren empört auf diese Dreistigkeit. Jesus hält sie an und macht ihnen deutlich, dass sie nicht länger am Wettlauf dieser Welt teilnehmen. Im Reich des Himmels wird ausgerechnet der Diener geehrt. Selbst der Sohn Gottes ist gekommen, um zu dienen und „sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ ().
Das ist Jesu Neuausrichtung: Wenn du versucht bist, Freunde kleinzumachen oder deinen Ärger mit treffenden Urteilen zu rechtfertigen, dann diene stattdessen. Diene, indem du zuhörst, wartest, vergibst und das Beste glaubst. Diene, indem du manches übersiehst, mehr Fragen stellst und – wenn nötig – liebevoll konfrontierst. Diene wie Jesus, der dies bis in den Tod hinein tat.
Die zweite Neuausrichtung finden wir in . Jesus bereitet Petrus auf schwere Zeiten vor, die vor ihm liegen. Als Petrus Johannes bemerkt, der Jesus besonders nahestand, möchte er wissen, ob es diesem ebenso schwer ergehen wird. Jesus antwortet: „Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!“ ().
Wir können Jesus nicht nachfolgen, wenn unsere Augen ständig allen anderen folgen. Wenn wir viel Zeit damit verbringen, über die lästigen Gewohnheiten unserer Mitmenschen nachzudenken oder ihre Segnungen mit unseren eigenen zu vergleichen, werden wir nur wenig von Gott sehen. Jesus richtet unseren Blick neu aus. Wenn wir die unendliche Herrlichkeit Gottes betrachten, dann wird uns niemand aufhalten können, wenn Jesus sagt: „Folge mir nach!“
Wenn wir andere Menschen und uns selbst nicht bewusst im Licht des Evangeliums betrachten, wird unser kritischer Geist immer weiter anschwellen, bis wir schließlich zu geübten Fehlersuchern geworden sind, die selbst auf ihrem Sterbebett noch nach Fehlern Ausschau halten. Das Evangelium ist das Gegenmittel. Wir verkünden unserem Nächsten und auch uns selbst: Jesus liebt den Außenseiter – mit der Hoffnung und Ausdauer, von der spricht. Diesem Liebenden folgen wir bis an die Enden der Erde und dienen Menschen, über die wir lieber schlecht reden würden. Die Welt wird stehen bleiben und staunen über die Jakobs, die ihre Brüder nicht länger berauben, sondern hinkend auf sie zugehen, um sie zu umarmen.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr Ressourcen von Desiring God.
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Über den Autor
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Jessica B. lebt im Himalaya mit ihrem Mann und ihren sechs Kindern. Sie schreibt für A Wasteland Turning.
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