Das zweite Mitglied der Trinität ist, wie das erste und dritte, allgegenwärtig. Wohin du auch gehst – er ist dort. Mehr noch: Die Bibel sagt, dass er alle Dinge trägt. Er „trägt das All durch sein machtvolles Wort“ (), und „es besteht alles in ihm“ ().
Das Wunder, das wir jedes Jahr zu Weihnachten feiern – die Menschwerdung, bei der der Sohn Gottes Mensch wurde –, wirft eine theologische Frage auf. War er im Jahr 10 n. Chr., als er als Junge durch Nazareth ging, noch immer allgegenwärtig? Oder was ist mit seiner Zeit als Säugling, der an Marias Brust unter den Stallieren lag – können wir uns wirklich vorstellen, dass er gleichzeitig das gesamte Universum erfüllte und jedes Teilchen und jeden Stern regierte?
Nach dem sogenannten Extra Calvinisticum lautet die Antwort, erstaunlicherweise: Ja. Gott wird Mensch, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Daher war der fleischgewordene Sohn Gottes nicht auf seine menschliche Natur beschränkt, sondern erfüllte und erhielt das Universum weiterhin, auch während der Menschwerdung.
Der fleischgewordene Sohn Gottes war nicht auf sein menschliches Fleisch beschränkt.
Wie kann das sein? Ganze Bibliotheken ließen sich der Erforschung dieser Lehre widmen. Stellen wir aber einfach drei grundlegende Fragen, in der Hoffnung, unser Herz und unseren Verstand neu auf das atemberaubende Ereignis auszurichten, das wir in dieser Zeit des Jahres feiern.
Was bedeutet es?
Extra Calvinisticum ist ein lateinischer Ausdruck – Calvinisticum bedeutet „Calvins“ und extra bedeutet „außerhalb“ oder „jenseits“. Er stammt aus den Debatten lutherischer und reformierter Theologen im 16. und 17. Jahrhundert über die Gegenwart Christi beim Abendmahl. Die Lutheraner lehnten die reformierte Lehre ab, dass der fleischgewordene Sohn Gottes eine Existenz „jenseits“ seines Fleisches beibehielt. In den Institutio Christianae Religionis schrieb Johannes Calvin:
Der Sohn Gottes stieg vom Himmel herab auf solche Weise, dass er, ohne den Himmel zu verlassen, im Schoß der Jungfrau getragen werden, auf Erden wandeln und am Kreuz hängen wollte; und dennoch erfüllte er fortwährend die Welt, wie er es von Anfang an getan hatte!
Der Grundgedanke dieser Lehre stammt jedoch nicht von Calvin. Er ist uralt. Schon im vierten Jahrhundert schrieb Athanasius:
Das Wort war nicht durch seinen Leib eingeengt, noch hinderte seine Gegenwart im Leib ihn daran, auch anderswo zugegen zu sein. Als er seinen Leib bewegte, hörte er nicht auf, das Universum durch seinen Geist und seine Kraft zu lenken. … Zur selben Zeit – das ist das Wunderbare – lebte er als Mensch ein menschliches Leben, und als Wort erhielt er das Leben des Universums, und als Sohn war er in beständiger Einheit mit dem Vater.
Beachte, dass Athanasius nicht nur die Existenz des Sohnes Gottes jenseits des Fleisches seines menschlichen Leibes betont, sondern auch seine Rolle als Erhalter und Lenker des Universums. In Calvins Predigten und Kommentaren betont er nicht nur den räumlichen Charakter des Extra, sondern auch dessen Bedeutung für Christi Herrschaft über die Welt und sein Mittleramt gegenüber den Engeln. Das Entscheidende ist nicht die Allgegenwart an sich, sondern dass der Sohn Gottes auch während der Menschwerdung vollständig göttlich bleibt – mit allem, was das einschließt.
Wie lässt es sich denken?
Das Extra Calvinisticum ist, gelinde gesagt, ein schwer fassbares Konzept. Als ich es zum ersten Mal hörte, kamen mir sofort zwei Einwände in den Sinn.
Erstens: Ist das nicht irrational? Wie verletzt es nicht den Satz vom Widerspruch, wenn man sagt, Christus sei sowohl endlich als auch unendlich, sowohl ortsgebunden als auch allgegenwärtig? Zweitens: Wie lässt sich das mit der orthodoxen, chalzedonischen Christologie vereinbaren? Führt die Annahme eines Christus, der zugleich endlich und unendlich ist, nicht zum alten nestorianischen Irrtum einer Trennung der menschlichen und göttlichen Naturen Christi?
Es gibt eine Analogie, die mir geholfen hat, das zumindest ein wenig zu verstehen. Stell dir vor, J. R. R. Tolkien hätte sich selbst als Figur in Der Herr der Ringe hineingeschrieben und wäre mit Gandalf, Frodo und den anderen umhergewandert. Er würde dadurch natürlich nicht aufhören, in Oxford zu existieren – seine gesamte Existenz in Mittelerde würde ja von seiner fortgesetzten Tätigkeit als Autor in Oxford abhängen. Auch ist nicht klar, dass die Einheit seiner Person oder die Gesetze der Logik durch eine solche Situation notwendigerweise verletzt würden. Denn Oxford und Mittelerde sind nicht einfach verschiedene Orte in derselben Welt, wie etwa Chicago und New York, sondern ganz verschiedene „Reiche“ oder „Welten“.
Die Beziehung zwischen Gott und seiner Schöpfung ähnelt viel mehr der Beziehung zwischen Oxford und Mittelerde als der Beziehung zwischen Chicago und New York.
Natürlich ist das nur eine Analogie. Es gibt Unterschiede zwischen dem Schöpfer, der in die Schöpfung eintritt, und einem Autor, der sich selbst in eine Geschichte hineinschreibt. Aber die Beziehung zwischen Gott und seiner Schöpfung ähnelt viel mehr der Beziehung zwischen Oxford und Mittelerde als der zwischen Chicago und New York. Sich vorzustellen, wie Tolkien durch die Auenland wandert und gleichzeitig an seinem Oxforder Schreibtisch sitzt, ist vielleicht ein Weg, um sich dem Gedanken anzunähern, wie der Sohn Gottes in seiner göttlichen Natur unendlich und in seiner menschlichen Natur endlich sein kann – und dabei doch eine einzige Person bleibt.
Warum ist es wichtig?
Ich würde nicht persönlich darauf bestehen, dass christliche Traditionen oder Einzelpersonen, die das Extra Calvinisticum ablehnen, damit notwendigerweise und vollständig die orthodoxe Christologie verlassen. Dennoch liegen dem Extra mehrere wichtige chalzedonische Anliegen zugrunde. Es schützt die göttliche Natur Christi als vollständig göttlich und unveränderlich, während es gleichzeitig der Versuchung wehrt, Christi menschliche Natur zu „vergöttlichen“ – wie etwa jene es getan haben, die die Allgegenwart von Christi Fleisch vertraten, um seine leibliche Gegenwart im Abendmahl zu erklären. Wie Kevin DeYoung zusammenfasst:
Das Extra ist eine wichtige Lehre, weil es die Transzendenz von Christi göttlicher Natur schützt (d. h. sie kann nicht eingeschlossen werden) und die Echtheit der menschlichen Natur bewahrt (d. h. sie besitzt keine der Gottheit vorbehaltenen Eigenschaften).
Indem das Extra Calvinisticum die Eigenständigkeit der göttlichen und menschlichen Naturen Christi wahrt, hilft es uns, die Menschwerdung als Hinzufügung zu verstehen, nicht als Verringerung. Das heißt: Der Sohn Gottes schrumpft nicht zu einem winzigen Embryo in Marias Schoß zusammen und lässt dabei seine göttliche Majestät hinter sich. Vielmehr kommt er zu uns, indem er bleibt, was er ist. Eine Studie fasst die Bedeutung des Extra so zusammen: „Die Menschwerdung war nicht die Abdankung des ewigen Sohnes von seinem universalen Reich, sondern die Wiederdurchsetzung dieses Reiches über die rebellische Schöpfung.“
Die Menschwerdung ist eine Hinzufügung, keine Verringerung. Der Sohn Gottes schrumpft nicht zu einem winzigen Embryo in Marias Schoß zusammen und lässt dabei seine göttliche Majestät hinter sich. Vielmehr kommt er zu uns, indem er bleibt, was er ist.
Darüber hinaus kann das Extra Calvinisticum uns in einem grundlegenderen Sinne helfen, neu über das Staunen nachzudenken, das wir jedes Weihnachten feiern.
Bedenke es nur! Der Eine in der Krippe ist zugleich:
- fest in Windeln gewickelt – und füllt doch den Himmel aus;
- an seine Mutter geklammert – und hält doch jedes Atom an seinem Platz;
- weinend vor Hunger – und trägt doch die Sterne;
- schlafend unter den Eseln – und angebetet von den Engeln.
Das verleiht den Worten, die wir singen, gewiss eine neue Tiefe: Verhüllt in Fleisch schaut die Gottheit, grüßt die fleischgewordene Gottheit.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.
