Christentum und Evolution haben sich noch nie sonderlich gut vertragen können. Die Geschichte einer 6-Tage-Schöpfung lässt sich aber auch beim besten Willen nicht mit der wissenschaftlichen Evolutionstheorie vereinbaren, oder? John Walton ist anderer Meinung. Er ist emeritierter Professor für Altes Testament am Wheaton College und ein Experte für den Alten Vorderen Orient (AVO) sowie für das Buch der Genesis im Speziellen. In seinem Buch „The Lost World of Genesis One“ untersucht er das erste Kapitel der Bibel (Gen 1), in dem die Schöpfung der Welt beschrieben wird, und kommt zu dem Schluss, dass sich die biblische Schöpfungserzählung und die Evolutionstheorie nicht widersprechen. Dieser Artikel stellt John Waltons Sichtweise dar und bewertet sie.

Hermeneutik ist die Art und Weise, wie man etwas versteht. Hermeneutik ist bei alten Texten wie Genesis 1 besonders wichtig, weil die Erstadressaten ganz anders gedacht haben als wir heute. Wer die Schöpfungsgeschichte liest, muss versuchen herauszufinden, wie die ersten Leser diese Geschichte gelesen haben. Die Bibel ist zwar für uns geschrieben, aber nicht an uns. John Walton betont in seinem Buch, dass sich die Israeliten im „kulturellen Fluss“ des Alten Vorderen Orients befanden. Das heißt, sie haben die Welt so betrachtet, geordnet und interpretiert wie die Menschen ihrer Zeit und nicht so wie wir heute. Deswegen ist es erstens notwendig, dass man kulturelle Studien macht, um die damalige Kultur wirklich zu verstehen und zweitens, dass man diese Ergebnisse dann mit den biblischen Texten vergleicht (komparative Studien).
John Walton geht davon aus, dass die Israeliten Genesis 1 nicht als naturwissenschaftlichen Text verstanden haben, sondern im Kontext altorientalischer Schöpfungsmythen. Man muss sich also andere Schöpfungsmythen genau angucken, um die Schöpfungstexte aus der Bibel richtig verstehen zu können. Der Begriff „Mythos“ sagt für Walton erstmal nichts über die Fiktionalität des Textes aus, sondern ist nur eine Gattungsbezeichnung. Schöpfungsmythen sind für ihn eine Literaturgattung aus dem Alten Vorderen Orient (AVO), die eine Erklärung dafür liefern, wie die Welt funktioniert.
Waltons gesamte Argumentation basiert auf der Prämisse, dass die Menschen des Alten Vorderen Orients eine funktionale und keine materielle Ontologie hatten. In der Ontologie (= Lehre vom Sein) geht es um die Frage, was es für etwas bedeutet, zu existieren. Während für uns als Menschen des 21. Jahrhunderts Dinge dann existieren, wenn sie materiell vorhanden sind, haben für Menschen aus dem AVO (Alten Vorderen Orient) Dinge erst dann existiert, wenn sie eine Funktion hatten. Wir sagen heute: „Ein Stuhl existiert, wenn seine Materie da ist.“ Die Israeliten hätten damals gesagt: „Ein Stuhl existiert, wenn man darauf sitzen kann (sprich: wenn er seine Funktion erfüllt).“ Für die Erstadressaten der Schöpfungsgeschichte existierte ein Objekt also erst dann im vollen Sinne, wenn seine Funktion, seine Rolle, seine Bestimmung festgelegt waren. Walton wird nicht müde zu betonen, dass Menschen mit einer funktionalen Ontologie einen ganz anderen Blick auf Schöpfung haben als Menschen mit einer materiellen Ontologie.
Bevor Walton die biblischen Schöpfungstexte untersucht, versucht er an verschiedenen Schöpfungstexten aus der Umwelt des AVO eine Sache zu zeigen: nämlich, dass die Menschen damals geglaubt haben, dass Schöpfung nicht darin besteht, Materie zu erschaffen, sondern Funktionen zu etablieren. Ich werde die konkreten Textstellenbelege aus der altorientalischen Literatur, die er nennt, nicht aufzählen, sondern seine Argumente nur grob zusammenfassen.

Der erste Grund ist die funktionale Gestalt des Kosmos in damaligen Schöpfungsmythen. So existierte das feste Firmament zum Beispiel nur, um den Regen zurückzuhalten. Ohne diese Funktion wäre das feste Firmament quasi inexistent. Ein weiterer Grund ist die Rolle der Götter im Kosmos. Die Menschen im AVO verknüpften verschiedene Naturelemente wie Sonne, Mond, Erde etc. mit den Göttern. Daran sieht man, sagt Walton, dass die Erschaffung der Materie immer auch eine theologische Funktion hatte. In altorientalischen Schöpfungsmythen gab es außerdem immer einen funktionsuntüchtigen Urzustand. Dieser Urzustand wurde als unproduktiv, unordentlich und unorganisiert verstanden. Durch Schöpfung entstand aus diesem Chaos ein Kosmos.
Ein weiterer Grund sind funktionale Schöpfungsaktivitäten. Schöpfung geschieht im AVO bspw. durch Namensgebung. Namen waren in der damaligen Zeit eng mit der Identität, der Bestimmung, der Funktion verbunden. Walton nennt noch einen letzten Grund, den er in seinem Buch besonders stark macht, nämlich, dass der Kosmos als Tempel verstanden wurde. Die Menschen damals hätten die gesamte Welt als ein Tempel angesehen und die Erschaffung dieser Welt als einen Tempelbau bzw. eine Tempeleinweihung. Auch hier würde dann nicht so sehr die Materie der geschaffenen Welt im Zentrum stehen, sondern die Funktion, die sie als Tempel innehat.
Walton macht mit diesen Argumenten eins deutlich: Schöpfung wurde im AVO nicht materiell, sondern funktional verstanden.
Wie sieht es aber nun mit der biblischen Schöpfungsgeschichte aus? Ist auch dort eine funktionale Ontologie, wie Walton sie in der Umwelt des AVO findet, vorhanden? Waltons Antwort ist eindeutig: JA. Genesis 1 beschreibt nicht die Entstehung von Materie, sondern die Etablierung von Funktionen. Er macht das anhand von Genesis 1 an diversen Textstellen deutlich.
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1). Im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten, den ersten Satz der Bibel zu interpretieren. Entweder man sieht ihn als ersten Schöpfungsakt Gottes und danach folgen die restlichen sieben Schöpfungstage. Oder man sieht ihn als Überschrift für das gesamte Kapitel. Walton entscheidet sich für letztere Interpretation und zwar aus zwei Gründen: Erstens bezeichnet das hebräische Wort für „Anfang“ (רֵאשִׁית) eher eine Zeitperiode als einen Zeitpunkt. Dieses periodische Verständnis würde gut zu den sieben Tagen passen, die dann folgen. Und zweitens bilden Gen 1,1 und Gen 2,1 eine literarische Klammer, sodass am Anfang und am Ende das gesamte Schöpfungshandeln Gottes zusammengefasst wird. Für Waltons Argumentation ist es wichtig Gen 1,1 als Überschrift zu sehen, da ansonsten der funktionslose Urzustand in Gen 1,2 hinfällig wäre [siehe unten Punkt c)] .
In Genesis 1 werden zwei Verben für „schaffen“ verwendet, nämlich „asa“ (עשׂה) und „bara“ (ברא). Während „asa“ eine sehr allgemeine Bedeutung hat, wird „bara“ ausschließlich mit Gott als Subjekt verwendet. Walton meint nun, dass sich das Verb „bara“ zwar auch sehr allgemein auf etwas beziehen kann, was in Existenz gebracht wird, dass dieses Verb aber meistens eine funktionale Existenz im Blick hat.
„Die Erde aber war wüst und leer und Finsternis lag über der Tiefe…“ (Gen 1,2). Weil Walton den Vers 1 als eine Überschrift betrachtet, geht er von Gen 1,2 als dem Urzustand aus. Dieser Urzustand ist nicht immateriell, sondern funktionslos – für Walton ein weiteres Argument, dass die biblische Schöpfungsgeschichte eine funktionale Ontologie hat. Die Materie ist da, aber sie ist chaotisch. Also bedeutet Schöpfung aus dem Chaos einen Kosmos zu schaffen.
Walton meint, dass an den ersten drei Tagen keine Materie geschaffen wird, sondern, dass Funktionen etabliert werden. Nicht Licht, Firmament und Erde/Pflanzen werden geschaffen, sondern Zeit, Wetter und Nahrung.
Zeit: Die biblische Schöpfungsgeschichte beschreibt also am ersten Tag nicht die Erschaffung von Licht als Materie (falls es das so überhaupt gibt), sondern vielmehr als Funktion, um Tag und Nacht zu regulieren („er nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht“).
Wetter: Für den zweiten Tag nimmt Walton Bezug auf die altorientalische Vorstellung von einem festen Himmel, der das Wetter reguliert und kontrolliert. Auch hier gehe es – so Walton – nicht um das Firmament an sich, sondern um seine Funktion. Walton begründet sein Verständnis des zweiten Tags allerdings nicht weiter aus dem Text, da dort nichts mehr steht.
Nahrung: Am dritten Tag schafft Gott keine weiteren materiellen Objekte, sondern er teilt Wasser und Erde und ermöglicht somit Vegetation. Hier wird die Grundlage für menschliche Nahrung geschaffen.
| Funktionen | Funktionsträger |
| Tag 1: Zeit (Licht) | Tag 4: Himmelskörper |
| Tag 2: Wetter (Firmament) | Tag 5: Wasser- und Flugtiere |
| Tag 3: Nahrung (Erde) | Tag 6: Landtiere und Menschen |
Die Tage 4-6 beziehen sich auf die Tage 1-3 insofern, dass der geschaffene Raum nun bevölkert wird. In den Tagen 4-6 kommen – so Walton – Funktionsträger ins Spiel.
Die Himmelskörper am vierten Tag sollen Funktionen ausüben, nämlich als Zeichen dienen, Tag und Nacht regieren, Licht und Finsternis scheiden und auf die Erde leuchten.
Die Wasser- und Flugtiere am Tag fünf sollen ihre Funktion erfüllen, indem sie „wimmeln und fliegen“.
Am sechsten Tag werden die Landtiere und der Mensch geschaffen. Vor allem der Mensch bekommt eine hohe Funktion in der Schöpfung Gottes zugesprochen. Er soll erstens als Ebenbild Gottes auf der Erde herrschen. Das bedeutet, dass er die Funktion Gottes auf der Erde ausüben soll. Er soll sich zweitens vermehren. Und er soll drittens als Mann und Frau seiner jeweiligen Rolle nachkommen.

Den siebten Tag, an dem Gott ruht, stellt Walton in den Zusammenhang des Tempels. Er verweist darauf, dass im AVO göttliche Ruhe immer im Tempel stattgefunden hat. Auch in der hebräischen Bibel findet Walton Anzeichen dafür. In Ps 132,7-8.13-14 wird die Ruhe Gottes mit Herrschaft verbunden. Außerdem waren Stiftshütte und Tempel im Alten Testament voll mit kosmischen Elementen, die eine enge Beziehung von Kosmos und Tempel im jüdischen Denken implizieren. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass, ähnlich wie in Eden, wo es einen Wasserstrom gab (Gen 2,10), auch andere Bibelstellen (Hes 47,1-12; Sach 14,8) das Bild vom Fluss im Tempel kennen. Letztlich interpretiert Walton Genesis 1 als einen kosmischen Tempelbau. Dieser kosmische Tempel wird dann am siebten Tag eingeweiht, sodass Gott in diesem neuen Tempel ruhen kann.
Schöpfung oder Evolution? Walton sagt: sowohl das eine als auch das andere. Seine Exegese von Genesis 1 führt ihn dazu, dass beides miteinander versöhnt werden kann. Denn wenn die biblischen Schöpfungstexte keine materielle, sondern „nur“ eine funktionale Erschaffung der Welt beschreiben, ist die Evolutionstheorie kein Problem für den christlichen Glauben. Die Evolutionstheorie befasst sich ausschließlich mit der materiellen Komponente dieser Welt; die biblischen Schöpfungstexte befassen sich ausschließlich mit der funktionalen Komponente dieser Welt. Somit kommen sich beide „Ansätze“ nicht in die Quere. Walton möchte in seinem Buch einerseits gute Exegese betreiben, andererseits aber auch den wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung tragen.
Insgesamt ist „The Lost World of Genesis One“ ein überzeugendes Buch mit tiefgehenden exegetischen Beobachtungen. Besonders gut ist der methodische Ansatz, der die Schöpfungstexte konsequent im Kontext der damaligen Kultur verstehen will. Komparative – also vergleichende – Studien sind nötig, um das Alte Testament wirklich verstehen zu können. Walton arbeitet überzeugend heraus, dass die Menschen im AVO (inkl. Israeliten) eher in funktionalen als in materiellen Kategorien gedacht haben. Auch Genesis 1 hat an vielen Stellen einen funktionalen Charakter, der nicht zu leugnen ist. Ein weiterer Vorteil von Waltons Interpretation liegt meines Erachtens im seelsorgerlichen Umgang mit (jungen) Christen, die sich einerseits den Bibeltexten, andererseits aber auch den Erkenntnissen der Wissenschaft verpflichtet sehen. Angenehm ist außerdem der populärwissenschaftliche Charakter des Buches. Es ist gut zu lesen und auch für den theologischen Laien klar verständlich.
Es gibt allerdings einige Aspekte, die an Waltons Buch zu kritisieren sind:
Trotz dieser Schwächen überwiegen meines Erachtens die Stärken des Buches. „The Lost World of Genesis One” ist lesenswert für jeden, der sich mit dem Thema „Schöpfung und Evolution“ aus einer theologisch-exegetischen Perspektive auseinandersetzen will. Ein Theologe, der von Konservativen als liberal und von Liberalen als konservativ bezeichnet wird, macht vielleicht einiges richtig. Ausführlich wird John Waltons Buch hier behandelt.
Quellen/Leseempfehlung:
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Über den Autor
Autor
John Schröder hat seinen Bachelor in Theologie an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in Gießen abgeschlossen und studiert derzeit auf Lehramt. Er ist glücklich mit seiner Frau Anita verheiratet und lebt seinen Glauben in einer Freikirche in Siegen aus. Auf Dreieinigkeit.de schreibt er über theologische Themen und ihre Anwendung im Alltag.
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