Der kürzeste Vers in der Bibel steht in : „Jesus weinte.“ Doch so schlicht dieser Satz grammatikalisch ist, so unerschöpflich ist seine theologische Tiefe.
Jesus weinte, nachdem er mit den trauernden Schwestern des Lazarus – Marta und Maria – gesprochen und all die Weinenden gesehen hatte. Das erscheint zunächst ganz natürlich. Und doch ist es bemerkenswert: Jesus war nach Bethanien gekommen, um Lazarus von den Toten aufzuerwecken. Er wusste, dass sich die Tränen in wenigen Minuten in staunende Freude, dann in tränenreiches Lachen und schließlich in Anbetung verwandeln würden.
Man könnte also erwarten, dass Jesus inmitten dieses Sturms der Trauer eine ruhige, zuversichtliche, ja freudige Gelassenheit ausstrahlte. Doch er war „sehr erschüttert“ () – und er weinte. Warum?
Ein Grund ist das tiefe Mitgefühl, das Jesus für die Leidenden empfand. Es stimmt: Jesus ließ Lazarus sterben. Er verzögerte sein Kommen, und er sprach – anders als beim Knecht des Hauptmanns () – kein Heilungswort aus der Ferne. Seine Gründe waren gut, barmherzig und herrlich. Doch das bedeutet nicht, dass ihm das dadurch verursachte Leid gleichgültig gewesen wäre. „Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschenkinder“ ().
Auch wenn Jesus stets das wählt, was letztlich seinem Vater die größte Ehre bringt () – und das, wie im Fall des Lazarus, Leid und Trauer einschließen kann –, hat er kein Gefallen am Leid selbst. Nein, Jesus ist mitfühlend (vgl. ). Und als „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ () zeigt er uns am Grab des Lazarus etwas davon, wie der Vater das Leid und die Trauer seiner Kinder empfindet.
Jesus weinte zudem über das Verhängnis der Sünde. Als Gott der Sohn, der in die Welt gekommen war, um die Werke des Teufels zu zerstören (), stand er kurz davor, dem Tod den entscheidenden Schlag zu versetzen (). Doch die Sünde betrübt Gott zutiefst – und ebenso ihr Lohn: der Tod (). Seit dem Sündenfall von Adam und Eva hatte er die verheerende Zerstörungskraft der Sünde ertragen. Der Tod hatte nahezu jeden Menschen verschlungen, den er geschaffen hatte – alle außer Elia und Henoch. Er hatte Lazarus genommen, und er würde ihn erneut holen, bevor alles vollendet sein würde. In Jesu Tränen mischten sich Trauer, heiliger Zorn und sehnsüchtiges Verlangen.
Ein dritter Grund für seine Tränen war der Preis, den er im Begriff stand zu bezahlen – nicht nur für die zeitliche Auferweckung des Lazarus, sondern für dessen ewiges Leben. Das Kreuz lag nur wenige Tage vor ihm, und kaum jemand ahnte die innere Bedrängnis, die Jesus durchlebte (vgl. ). Die Auferweckung des Lazarus erschien – und war – für Lazarus und alle Anwesenden ein Geschenk der Gnade. Doch sie war keineswegs kostenlos. Jesus würde einen qualvollen Tod sterben, um sie zu erkaufen.
Und das Schrecklichste daran war nicht einmal die Kreuzigung, so unvorstellbar sie für sich genommen auch war. Er fürchtete den Zorn seines Vaters. Jesus, der keine Sünde kannte, sollte zur Sünde gemacht werden – die Sünde des Lazarus und die Sünde aller, die an ihn glaubten oder noch glauben würden –, damit sie in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden (). Er blickte auf die vor ihm liegende Freude (). Doch die Wirklichkeit dessen, was dazwischenlag, lastete schwer auf ihm.
Ein weiterer möglicher Grund für Jesu Tränen war sein Wissen, dass die Auferweckung des Lazarus die religiösen Führer endgültig dazu bewegen würde, seinen Tod zu beschließen (). Wir staunen in dieser Begebenheit oft über Jesu gewaltiges Vertrauen darauf, dass der Vater ihn erhören würde. Unser eigener Glaube ist oft so schwach. Wenn Jesus an diesem Tag rang, dann nicht mit der Frage, ob der Vater antworten würde, sondern mit den Folgen dieser Antwort. Lazarus aus dem Grab zu rufen, erforderte eine andere Art von Entschlossenheit, als wir vielleicht annehmen. Indem er Lazarus das Leben gab, besiegelte er sein eigenes Todesurteil.
Diese wenigen Gründe für Jesu Weinen am Grab des Lazarus gewähren uns einen tiefen Einblick in Gottes Herz angesichts unseres Leidens und Sterbens. Seine Gründe, uns diese Erfahrungen nicht zu ersparen, sind gerecht und herrlich. Doch in allem ist er voller Erbarmen (). Er hasst das Verhängnis, das die Sünde bringt, und er selbst hat mehr gelitten, als wir je begreifen können, um den vollen Preis unserer ewigen Erlösung zu bezahlen.
„Am Abend kehrt das Weinen ein, und am Morgen ist Jubel da“ (). Und wenn dieser Morgen anbricht, „wird der Tod nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ ().
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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Über den Autor
Autor
Jon Bloom ist Mitbegründer von Desiring God, Autor mehrerer Bücher und über 750 Artikeln zu Glaube und Nachfolge. Er lebt mit seiner Frau Pam und ihren fünf Kindern in den USA.
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