Interview mit Kornelius Ens: Sind Russlanddeutsche bildungsfern?

Interview mit Kornelius Ens: Sind Russlanddeutsche bildungsfern?
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Hinweis: Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt eines ausführlicheren Interviews. Die Fragen werden hier einzeln veröffentlicht. Weitere Teile der Interviewserie finden sich hier: LINK ZUR SERIE

Da folgender Artikel aus einem Interview stammt, sind keine Quellenbelege für die Aussagen aufgeführt. Allerdings sind im Anschluss an die Antwort Artikel von Kornelius Ens zu ähnlichen Themen verlinkt, in denen auch Quellenverweise vorhanden sind.

Redaktion von Dreieinigkeit.de:

Kornelius, du bist Leiter des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte. Stimmt es, dass viele russlanddeutsche Christen eine Abneigung gegen theologisch-akademische Bildung haben? Gibt es dafür historische Gründe?

Kornelius Ens: 

Um dieser Frage nachzukommen, muss ich zumindest einmal ins 19. Jahrhundert zurückspulen. Die Mitte des 19. Jahrhunderts stellt eigentlich eine Blütezeit für das Thema der Russlanddeutschen dar. Dadurch, dass die Industrialisierung zu einem Wohlstandsgewinn in den russlanddeutschen Kolonien geführt hatte, begann dort die Gründungsinitiative von Hochschulen. Dementsprechend gab es in diesen Kolonien im Russischen Reich eigene Hochschulen. 

Zur damaligen Zeit, also Mitte des 19. Jahrhunderts, galt die „Theologie“ als Königsdisziplin, und diese wurde an den Hochschulen in den russlanddeutschen Kolonien unterrichtet. Diese Fakultäten kooperierten sogar mit Hochschulen in Kerneuropa, beispielsweise mit der renommierten Universität in Heidelberg. 

1880 wurde das Bildungsniveau unter den Minderheiten im Russischen Reich gemessen, und tatsächlich schnitten die Russlanddeutschen ziemlich gut ab. Die Lese- und Schreibkompetenz der über Zehnjährigen lag bei 85 Prozent – das war damals höher als im Deutschen Reich. Geschichtlich lässt sich also sagen, dass die Russlanddeutschen im Russischen Reich keineswegs bildungsfern waren. 

Es änderte sich jedoch einiges seit den 1920er-Jahren mit der Gründung der Sowjetunion und der Person Lenins an der Spitze. Lenin stellte sich die Frage, wie er eine Union mit so vielen (27) Minderheiten aufbauen solle. Ab dem Jahr 1924 sprach er zunehmend von dem sogenannten „neuen sowjetischen Menschen“ – er wollte also eine neue Gattung Mensch schaffen. „Sowjetisch“ war für ihn nicht einfach russisch, sondern ein Gattungsbegriff. 

Um das zu verwirklichen, begann er, die Hochschulen der Russlanddeutschen zu schließen. 1925 wurde die letzte deutsche Hochschule geschlossen. 1929 wurden der Bibeldruck und die Verbreitung geistlicher Literatur verboten. Die Kirche blieb zwar offen, die Bibel durfte jedoch nicht mehr rezipiert werden. 1933 wurde das letzte deutsche Theater geschlossen, also das Kulturwesen eingestellt, und 1938 die letzte deutsche allgemeinbildende Schule. 

Anders als im NS-Staat setzte Stalin nicht auf eine Massenvernichtung wie in den Vernichtungslagern, sondern auf Arbeitslager. Interessanterweise versuchte er jedoch, eine bestimmte Gruppe weitestgehend zu vernichten, und man geht davon aus, dass es ihm gelungen ist, etwa 80 Prozent der Menschen dieser Gruppe auszulöschen – nämlich die sogenannten Erzähler der Gesellschaft, die Intelligenzija. Darunter fielen Pastoren, Lehrkräfte und Professoren. Diese wurden gezielt hingerichtet. 

Anders als in Deutschland konnten einige der Juden, die zu ebendieser Gruppe gehörten und die Gefangenschaft in den Arbeitslagern überlebt hatten, in die Gesellschaft zurückkehren und wurden stückweise aufgefangen, sodass sie das Erlebte verarbeiten konnten, zum Beispiel in Form von Lyrik, Musik oder wissenschaftlicher Arbeit. Das war bei den Russlanddeutschen anders, weil diese Personen im Kern nicht mehr aus den Arbeitslagern zurückkamen. 

So muss man sagen, dass es spätestens seit dem Deportationsgesetz von 1941 eine Art „Davor“ und „Danach“ gibt. Das, was danach kam, ist bildungsfern, auch theologisch regelrecht abgerissen. Die Gefühle, v.a. auch die kirchlichen, waren jedoch stark in den 1930er-Jahren verhaftet. In den 1990er-Jahren gab es einen großen Umbruch in den russlanddeutschen Freikirchen. In diesem Zeitraum wurden viele Inhalte mit Signalwirkung verändert. Dabei ging es zum Beispiel um Gefühle wie den „Umgang mit Alkohol“ oder das „verpflichtete Tragen eines Damenrockes“ in der Öffentlichkeit. Diese Themen waren stärker in den 1930er-Jahren verortet – es waren „abgerissene“ Diskussionen, die nie weitergeführt wurden, dann aber in den 1990er-Jahren wieder aufgegriffen wurden.  

Verweise

Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen – Überblick über die kulturhistorisch geprägte Migrationsgeschichte, Sprachentwicklung, Identität und Bildungswesen der Russlanddeutschen. Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen (russlanddeutsche.de)

Kirche, Religion und Religiosität – Einführung in die religiöse Identität der Russlanddeutschen, Rolle von lutherischen und katholischen Gemeinden sowie freikirchlichen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Kirche, Religion und Religiosität (russlanddeutsche.de)

Frömmigkeit integrieren – Darstellung der religiösen Praxis russlanddeutscher Gemeindemitglieder, eigener Gemeinden und Herausforderungen bei der Integration kirchlicher Frömmigkeit in Deutschland. Frömmigkeit integrieren (russlanddeutsche.de)

Kornelis Ens

Von 2004 bis 2011 studierte Kornelius Ens Geschichtswissenschaft, Theologie, Sozialwissenschaft und Kulturwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, der Kirchlichen Hochschule in Bethel, der Universität Bielefeld, der Freien Universität Berlin sowie der Universität Osnabrück. 2018 absolvierte er darüber hinaus ein Studium der Psychologie an der Universität Bielefeld. Seine Studien schloss er mit mehreren Hochschulabschlüssen ab. 

Von 2011 bis 2013 war er Studienreferendar für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen mit den Fächern Geschichte und Evangelischer Religionslehre sowie Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Von 2014 an lehrte Ens als Gymnasiallehrer. 

Seit 2016 ist Ens der Direktor des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte. Seit 2018 engagiert er sich als Landesbeirat in der Landesregierung für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen Nordrhein-Westfalen. 2020 wurde er zum Extraordinary Professor an die LCC-University in Klaipėda (Litauen) mit Schwerpunkt auf Erinnerungskulturen von Russlanddeutschen berufen. 

In dieser Funktion ist er ab 2023 wieder tätig als Lehrbeauftragter am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Seit 12/2022 ist er zudem Korrespondierendes Mitglied des IMIS. 

Avatar von Hedrik Seel

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