Im Zuge der Reformation kam es in Europa zu einigen konfessionell geprägten Kriegen, von denen der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) wohl der bekannteste ist. Dies liegt an seiner langen Dauer und den schlimmen Verheerungen, die er anrichtete. Die unheilvolle Konstellation von Gewalt, Hunger und Krankheit sorgte dafür, dass auf dem Gebiet Deutschlands in den Grenzen von 1914 die Bevölkerung von 17 Millionen auf 10 Millionen Einwohner dezimiert wurde.
Bekannt wurde der Dreißigjährige Krieg dafür, dass Katholiken und Protestanten gegeneinander kämpften. Oftmals hört man deshalb das Argument, dass Religion für Kriege verantwortlich sei mit der Schlussfolgerung, dass wir ohne Religion besser dran seien. Das ist ein Vorwurf, auf den an dieser Stelle nicht eingegangen werden soll. Hier soll lediglich die Frage behandelt werden, ob man in Bezug auf den Dreißigjährigen Krieg wirklich von einem Religionskrieg sprechen kann.
Die hier vertretene Position schließt sich Wilson an, der meint, dass der Dreißigjährige Krieg nicht in erster Linie ein Religionskrieg war.[1] Zwar stellte der Glaube „in der Frühen Neuzeit das leitende Prinzip in allen Bereichen öffentlichen oder privaten Handelns“[2] dar, doch darf man deswegen nicht andere Faktoren vernachlässigen:
„Religion und Konfession stellten wirkmächtige Identifikationsmerkmale dar, keine Frage; doch mussten sie sich dabei gegen politische, soziale, sprachliche, geschlechtliche und andere Unterscheidungen durchsetzen.“[3]
Im Folgenden sollen also Gründe für (Pro) und gegen (Kontra) die These geäußert werden, dass der Dreißigjährige Krieg ein Religionskrieg war.
Pro: Interkonfessionelle Spannungen führen in den Krieg
Ohne Zweifel sorgte die Konfessionsbildung (neben den Katholizismus traten mit der Reformation das Luthertum und die reformierte Konfession) dafür, dass Spannungen zwischen den verschiedenen Blöcken auftraten bzw. diese konnten schon vorhandene Spannungen noch verstärken. Mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 erkannte das Heilige Römische Reich neben den Katholiken auch Lutheraner rechtlich an. So konnte also ein Landesherr ab sofort zum Luthertum konvertieren, wobei seine Untertanen ebenso den Glaubenswechsel vollziehen mussten.
Ein Beispiel für interkonfessionelle Spannungen ist der Streit um den Kölner Erzbischof Gebhard Truchsess von Waldburg, der 1577 in dieses geistliche und politische Amt gewählt worden war. Er verliebte sich in eine protestantische Stiftsdame, heiratete sie 1582 und konvertierte zum Calvinismus. Das sorgte für massive Empörung in Teilen der Bevölkerung und für die Absetzung durch den Papst im nächsten Jahr. Die ganze Situation eskalierte so sehr, dass es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem vom Kaiser unterstützten Katholiken Ernst von Bayern und Gebhard kam, in denen sich Gebhard geschlagen geben musste. Ernst wurde neuer Erzbischof in Köln.
Auf nichtmilitärischer Ebene forderte die calvinistische Kurpfalz die Einführung konfessioneller Parität am Reichskammergericht, der höchsten gerichtlichen Instanz des Reiches. Das bedeutete auch, dass der Vorsitzende des Gerichtes abwechselnd Katholik und Protestant sein sollte. Für den Kaiser war dieser Vorschlag ein Affront, den er auch damit abwies, dass konfessionelle Streitigkeiten schon durch einen Senat, der aus drei protestantischen und drei katholischen Richtern bestand, bearbeitet wurden. Hier wird deutlich, dass die Konfession eine entscheidende Rolle auch im politischen und juristischen Bereich spielte und dass sie große politische Auseinandersetzungen entfachen konnte.
Am eindrücklichsten spiegeln sich die interkonfessionellen Spannungen in der Gründung der Union von 1608 wider, die ein protestantisches Verteidigungsbündnis aus Städten und Herrschern war. Ihre Mitglieder versprachen sich gegenseitige Unterstützung, gegenseitig auf Gewalt zu verzichten und sich bei Beteiligung in den Reichsinstitutionen abzusprechen. Im Jahr darauf folgte die katholische Antwort mit der Gründung der Liga, dem katholischen Gegenbündnis.
Die Polarisierung in Bezug auf die Konfessionen sorgte auch mit dafür, dass es zum Kriegsausbruch kam. In Böhmen wurde 1617 der katholische Fundamentalist Ferdinand – von den protestantischen Adligen – als neuer König gewählt. Von ihm ist der Ausspruch überliefert, dass er lieber über eine Wüste herrschen wolle, als die Ketzerei (also eine andere Konfession als die katholische) zu erdulden. Nach seiner Wahl gab es große Nachteile für die Protestanten: im Statthaltergremium erhielten die Katholiken die Mehrheit, Protestanten wurden aus ihren staatlichen Ämtern entlassen und zwei neue protestantische Kirchen abgerissen. Das führte zu einem Aufruhr unter den Protestanten, im Zuge dessen zwei Statthalter des katholischen Kaisers und deren Sekretär aus dem Fenster der Prager Burg geworfen wurden – der sogenannte Prager Fenstersturz. Die Böhmen gaben sich eine neue Verfassung und wählten einen calvinistischen König, den Pfälzer Kurfürsten Friedrich. Das wiederum stellte für den katholischen Kaiser ein massives Problem dar, da es mit einem protestantischen böhmischen König insgesamt vier protestantische Kurfürsten gab, die nun gegen drei katholische Kurfürsten einen Kaiser wählen konnten. Diese machtpolitisch heikle, durch die Konfessionsfrage maßgeblich heraufbeschworene Situation wird als Anfangspunkt des Dreißigjährigen Krieges angesehen.

Interkonfessionelle Auseinandersetzungen führten aber nicht nur in den Krieg, sondern erhielten ihn teilweise auch aufrecht. So ließ Kaiser Ferdinand während der Friedensverhandlungen mit Dänemark 1629 sein Restitutionsedikt herausgeben. Dieses besagte, dass die Protestanten alle katholischen Kirchengüter, die sie nach 1552 in ihren Besitz überführt hatten, zurückgeben mussten. Die Umsetzung davon hätte enorme machtpolitische Verschiebungen bedeutet, sodass die Protestanten sich dagegen auflehnen mussten. Diese Frontstellung führte dazu, dass der protestantische Schwedenkönig Gustav II. Adolf in den Krieg eintreten konnte.
Pro: Religiöse Kriegspropaganda
Bei allen Kriegsparteien wurde religiöse Kriegspropaganda verbreitet. Diese beinhaltete meistens die Erhöhung eines Herrschers, weil er die vermeintlich richtige Konfession gegen die falsche verteidigte. Nun kann es natürlich immer sein, dass religiöse Propaganda von Herrschern eingesetzt wird, um weltliche, machtpolitische Interessen zu verschleiern. Die Tatsache, dass religiöse Propaganda eingesetzt wurde, macht aber deutlich, dass diese in der Bevölkerung zumindest teilweise verfangen musste und somit als Rechtfertigung von Kriegshandlungen diente.
Das beste Beispiel dafür ist der protestantische König Gustav II. Adolf von Schweden, der 1630 mit seiner Invasionsarmee in den Krieg eingriff:
„Der großgewachsene Gustav Adolf mit seinen kurzen blonden Haaren und dem markanten Spitzbart war ein überzeugter Protestant, besaß Sendungsbewusstsein und das Charisma, seine Leute aufrichtig zu begeistern. Zudem verfügte er über eine hervorragende Propaganda: Flugblätter und Münzen stilisierten den Kriegerkönig zum rettenden >>Löwen aus Mitternacht<< (Mitternacht steht für Norden), anknüpfend an eine angebliche Prophezeiung […].“[4]
Diese Prophezeiung stammte von dem Arzt und Mystiker Paracelsus aus dem 16. Jh., in der er den Sieg eines Löwen aus Mitternacht über den Adler, also den Kaiser vorhergesagt hatte. Um sein krisengebeuteltes Volk vom Kriegseintritt zu motivieren, hielt er eine „pathosgeladene Blut-, Schweiß- und Tränen-Rede“[5] in der Reichsversammlung. Es gelte, die Katholiken aufzuhalten:
„Unsere hochbedrängten Nachbarn, Verwandten und Schwager haben uns dazu ermahnt, ja selbst ferne Könige haben uns dringendst zu diesem Kriege zugeredet; vor allem aber müssen unsere unterdrückten Religionsverwandten von dem päpstlichen Joch befreit werden […].“[6]
Auch die Motivationsansprache vor der Schlacht von Breitenfeld 1631 gegen die kaiserliche Armee, der größten Schlacht des Dreißigjährigen Krieges, war angereichert mit religiösen Begründungen.[7]
Zwischenfazit
Nach den bisherigen Ausführungen könnte man zu dem Ergebnis kommen, dass der Dreißigjährige Krieg sehr wohl ein Religionskrieg war. Und das ist auch nicht unbedingt falsch. Es gab definitiv religiöse bzw. konfessionelle Faktoren, die in den Krieg führten. Aber die Konfessionalisierung allein kann den Krieg und dessen Aufrechterhaltung nicht erklären, dafür waren die Interessen und Bündnisse deutlich differenzierter und die Realität komplizierter, wie wir jetzt sehen werden.
Kontra: Weltliche Interessen und gemischtkonfessionelle Bündnisse
Bei dem schon erwähnten Streit um den Kölner Erzbischof war die Lage auch verstrickter. Seine Absetzung durch den Papst rief nämlich auch die katholischen Kurfürsten auf den Plan, da diese einen solchen leichtfertigen Vorgang missbilligten. Und als die katholischen Spanier später gegen die Niederländer vorgehen wollten, da diese Gebhard unterstützt hatten, plünderten schlechtbezahlte spanische Soldaten Kirchengut des mittlerweile eingesetzten Katholiken Ernst von Bayern.
Während des Böhmischen Aufstands, der den Beginn des Dreißigjährigen Krieges einläutete, hofften die Böhmen vergeblich auf protestantische Unterstützung: Die protestantische Union schloss mit der katholischen Liga einen Nichtangriffspakt, da sie sich nicht in den Krieg hineinziehen lassen wollte. Dass der gewählte König einfach so wieder abgesetzt wurde, musste den meisten Protestanten missfallen. So stellte sich sogar Johann Georg von Sachsen, der mächtige lutherische Kurfürst, auf die Seite des katholischen Kaisers.
Die Privatisierung des Krieges trug maßgeblich dazu bei, religiöse Interessen zu unterminieren. Soldaten und Offiziere waren Söldner, also Angestellte, die eine gewisse Zeit vertraglich einem privaten Unternehmer unterstellt waren und für diesen kämpften. Der bekannteste unter ihnen war Albrecht von Wallenstein, der als Unternehmer für den Kaiser ein riesiges Heer aufstellte. Diese Privatisierung sorgte für eine Entideologisierung von wichtigen Militärs, aber vor allem von den zahlreichen Söldnern, die schlicht für den besten Sold kämpften. So kam es immer wieder vor, dass Soldaten während des Krieges (mehrfach) die Seiten wechselten:
„Mit Seitenwechseln nahm man es in den Armeen der frühen Neuzeit nicht so streng wie heute, und auch zwischen den Soldaten der gegnerischen Truppen herrschte in der Regel nicht der Hass, den man in vielen national oder ideologisch aufgeladenen Kriegen der Moderne beobachten muss. […] Die Söldner sahen sich als einen frontenübergreifenden Berufsstand, bei dem es oft reiner Zufall war, auf welcher Seite man tötete oder getötet wurde. […] Weit verbreitet war eine Kriegermoral, die ein schottischer Söldner aus dem Dreißigjährigen Krieg namens James Turner so beschreibt: >>Wir dienen unserem Herrn aufrichtig, aber es ist gleichgültig, welchem Herrn unser Dienst gilt.<<“[8]
So kam es öfters vor, dass Soldaten zwischen den Kämpfen miteinander aßen und sich für ihre kriegerischen Taten lobten.
Aber auch auf der großen, politischen Ebene waren – wie auch schon erwähnt – die Bündnisse oftmals nicht nach der Konfession ausgerichtet. So finanzierte das katholische Frankreich den Feldzug des Protestanten Gustav Adolf mit, der den katholischen Kaiser bekämpfte. Hier kam also das machtpolitische Interesse der Franzosen zum Tragen, welche das mächtige Heilige Römische Reich schwächen wollten. In der letzten Kriegsphase sollten sie sogar aktiv mit den Schweden gegen den Kaiser kämpfen. Im Gegenzug stellte sich der lutherische Kurfürst Johann Georg von Sachsen auf die Seite des Kaisers gegen die protestantischen Böhmen und den protestantischen Gustav Adolf – der Glaube an die Institutionen des Reiches war stärker als seine Gefühle für konfessionelle Verbundenheit.
Auch das Bewusstsein der damaligen Zeitgenossen war nicht so radikal konfessionell geprägt, wie es heute erscheinen mag ist:
„Die meisten zeitgenössischen Beobachter sprachen von kaiserlichen, bayerischen, schwedischen oder böhmischen Truppen, nicht von katholischen oder protestantischen – überhaupt sind ‚katholisch‘ und ‚protestantisch‘ anachronistische Kennzeichnungen, die sich seit dem 19. Jahrhundert aus Gründen der Bequemlichkeit eingebürgert haben, um zu einer einfacheren Darstellung des Geschehens zu gelangen.“[9]
Spätestens in der letzten Kriegsphase von 1635-1648, als die Franzosen an der Seite der Schweden gegen den Kaiser kämpften, war es nicht mehr ein Krieg der Religionen, sondern der Nationen.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Dreißigjährige Krieg sicherlich auch ein Religionskrieg war, aber eben nicht nur. Interkonfessionelle Spannungen trugen maßgeblich zum Kriegsausbruch bei und auch während des Krieges gab es religiös motivierte politische Handlungen, die den Krieg verlängerten. Die religiöse Propaganda tat ihr übriges. Dennoch darf man die Interessen der damaligen Mächtigen nicht monokausal allein mit der Religion erklären. Wahrscheinlich war Machtpolitik sogar ein gewichtigerer Faktor, die jedoch oftmals mit religiösen Begründungen einherging. Die zahlreichen gemischt-konfessionellen Bündnisse verdeutlichen, dass neben religiösen Angelegenheiten auch viele anderweitige Motive die Taten der Herrscher lenkten. Auf der Ebene des normalen Volkes bzw. der Soldaten spielte die Religion in der Hinsicht sowieso eine unbedeutendere Rolle.
[1] Vgl. Wilson, Peter H.: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, Darmstadt 2017, S.25.
[2] Ebd., S.25.
[3] Ebd., S.25.
[4] Pantle, S.66.
[5] Ebd., S.71.
[6] Gustav Adolf zitiert nach ebd., S.70.
[7] Vgl. Rill, Bernd: Tilly. Feldherr für Kaiser und Reich, München 1984, S.267.
[8] Pantle, S.55.
[9] Wilson, S.25.
Literatur:
- Pantle, Christian: Der Dreißigjährige Krieg. Als Deutschland in Flammen stand, Berlin 2017.
- Wilson, Peter H.: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, Darmstadt 2017.
















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