Einleitung
Wer behauptet, die Gottheit Jesu sei von der Kirche erfunden worden, braucht ein Ereignis, dem er diese Erfindung zuschriebt, oder zumindest den Beginn einer Entwicklung, die zur Gottheit Jesu führte. Für viele muss das Konzil von Nizäa (325)1 dafür herhalten. Ein Konzil auf dem Kaiser Konstantin (regiert von 306-337) die Gottheit Jesu per Dekret durchgesetzt hat. Die Trinität also als Folge eines kaiserlichen Dekrets. So zum Beispiel Dan Brown: „By officially endorsing Jesus as the Son of God, Constantine turned Jesus into a deity who existed beyond the scope of the human world, an entity whose power was unchallengeable.“2
In diesem Artikel möchte ich zuerst die Theologie des Presbyters Arius (ca. 260- caa.327) untersuchen, der auf dem Konzil ausgeschlossen wurde. Danach möchte ich zeigen, was nach dem Konzil geschehen ist und welche Autorität dieses Konzil hatte und seit wann es als unumstößliche Autorität gilt.
Arius
Hintergrund
In Alexandria kam es um das Jahr 318 zu einem Streit. Der Presbyter Arius behauptete, der Sohn Gottes sei nicht ewig, Bischof Alexander (gestorben 328) widersprach ihm. Letzterer berief eine Synode ein und ließ Arius aus der Kirche ausschließen. Dieser verließ daraufhin Alexandria und wandte sich an Euseb von Nikomedia und Euseb von Alexandria, woraufhin ihn zwei Synoden für rechtgläubig erklärten. Der Streit hatte begonnen, die Kirche war gespalten.
Nun aber zur Theologie des Arius:
Theologie
Gotteslehre
Für Arius gibt es nur einen Gott, den Vater, der der einzige Ungeschaffene und die Quelle von allem ist. Denn gäbe es noch einen weiteren Ungeschaffenen, müsste dieser ein Teil Gottes sein. Dann aber könnte Gott nicht mehr die Quelle von allem sein, da die Teile, aus denen er besteht, ursprünglicher sind als er. Daraus folgt natürlich auch, dass der Sohn nicht gleichewig mit dem Vater und nicht eines Wesens mit ihm sein kann. Der Sohn wurde aus dem Nichts erschaffen. Der Theologe Origenes (185-253/254) hatte behauptet, dass der Sohn vor ewiger Zeit aus Gott gezeugt wurde und Gott nie ohne seinen Logos, den Sohn existierte. Arius aber widerspricht ihm. Es gab eine Zeit, in der der Vater ohne den Sohn existierte. Damit meint er, dass der Sohn zwar auch geschaffen ist, aber nicht auf der Seite der Geschöpfe steht. Er ist zwar geschaffen, unterscheidet sich aber deutlich von den anderen Geschöpfen.
Christologie
Was also ist der Sohn? Alexander wirft Arius vor zu lehren, dass der Sohn eines der Geschöpfe sei. Der Sohn ist für Arius unwandelbar und unveränderlich, eine Eigenschaft, die er Gott zu- und den Geschöpfen abspricht. Doch der Sohn unterscheidet sich nicht nur dem Wesen nach von allen anderen Geschöpfen. Er unterscheidet sich auch hinsichtlich der Art und Weise, wie er geschaffen wurde. Er ist nämlich das einzige Wesen, das direkt von Gott erschaffen wurde, wohingegen alle andere Wesen von Gott durch den Sohn erschaffen wurden. Der Sohn ist also weder ganz Gott noch ganz Geschöpf. Die Christologie des Arius lässt sich am Besten mit der Logos-Christologie der Apologeten, die starke Einflüsse aus dem Platonismus aufweist, beschreiben; weil Gott einfach, die Schöpfung aber eine Vielfalt ist, muss Gott zuerst den Logos (die Vernunftkraft) aus sich heraus setzen, um die Vielheit der Welt zu erschaffen. Der Logos ist also von Gott geschaffen und dennoch in gewisser Hinsicht göttlich. Der jüdische Platoniker Philo bezeichnete den Logos als zweiten Gott, allerdings ohne den Monotheismus zu gefährden. Auch für Arius ist der Sohn Gott-Logos. Er ist also nicht eines Wesens mit dem wahren Gott und deshalb auch nicht als wahrer Gott zu bezeichnen, aber er ist auch nicht einfach nur Geschöpf. Weil der Sohn auf die Seite Gottes gehört, kann er ihn auch Gott (aber eben nicht wahren Gott) nennen.
Es ist bemerkenswert, dass die Gottheit Jesu schon so tief verwurzelt war, dass selbst Arius den Sohn problemlos Gott nennen konnte.
Nizäa
Nachdem Kaiser Konstantin die Alleinherrschaft über das römische Reich erlangt hatte, versuchte er die Einheit der Kirche zu wahren und den Streit zu schlichten. Doch es gelang ihm nicht, woraufhin er das Konzil von Nizäa einberief. Inwieweit hatte Konstantin nun Einfluss auf das Konzil? Eusebius von Cäsarea (260/64-340), der eher auf der Seite des Arius stand, berichtet davon, dass das Wort ὁμοούσιος (homooúsios) „wesensgleich, wesenseins“ auf Wunsch Konstantins hinzugefügt wurde. Sollte das zutreffen, wovon auszugehen ist, ist es dennoch nicht korrekt zu sagen, Konstantin habe die Gottheit Jesu erfunden. Nach Aussagen von Eusebius wurde das Nizänum nämlich nicht durch das Dekret des Kaisers verabschiedet, sondern durch die Abstimmung der Bischöfe und auch er selbst stimmte dem Bekenntnis zu, nachdem er genau nachgeforscht hatte, was die einzelnen Aussagen genau bedeuten.
Des Weiteren beschriebt Athanasius (ca.300-373), dass diejenigen, die auf der arianischen Seite standen, der Aussage, dass der Sohn wahrer Gott sei, zustimmten. Denn er sei ein wahrer gewordener Gott.
Es ging also überhaupt nicht um die Frage, ob der Sohn Gott ist oder nicht, sondern nur, wie diese Gottheit zu verstehen ist. Die Gottheit Jesu war, wie oben schon gezeigt, tief in der Theologie verwurzelt. Auf Nizäa wurde also nicht die Frage gestellt, ob Jesus Gott sei, sondern, was damit gemeint ist.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum auf Nizäa die Gottheit Jesu nicht erfunden wurde. Das Konzil galt in der Zeit danach keineswegs als verbindlich. Es musste sich viel mehr erst durchsetzen und wie wir sehen werden, waren die Kaiser oft nicht dafür und kämpften eher dagegen. Dass das Nizänum als Autorität in der Kirche galt, musste hart erkämpft werden, oft auch gegen politische Machthaber. Damit zum nächsten Punkt.
Nach Nizäa
Nach Nizäa wandte Konstantin sich nicht Athanasius und Alexander zu, sondern eher den Freunden des Arius. Eusebius von Nikomedia und Eusebius von Cäsarea hatten beide guten Kontakt zu Konstantin und wurden die einflussreichsten Männer in der Kirche. Athanasius wurde sogar von Konstantin verbannt, durfte nach dessen Tod aber aus dem Exil zurückkehren.
Konstans (regiert von 337 – 350), der Nachfolger Konstantins im Westen, bewirkte die Synode von Serdika (343), nachdem der Oströmische Kaiser Konstantius (337-350 Kaiser von Ostrom) nachgegeben hatte. Diese Synode spaktete sich allerdings früh und führte dazu, dass es zu einer westlichen und einer östlichen Teilsynode kam. Die westliche verwarf jegliche Subordination (Unterordnung) des Sohnes und sprach sich dafür aus, dass Vater und Sohn ein Wesen teilten. Die östliche betonte die Eigenständigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist. Auf diese Unterschiede reagierten beide Synoden mit der Exkommunikation der jeweils anderen.
Nach dem Tod von Konstans wurde Konstantius Herrscher über das ganze römische Reich (350-361). Es bildete sich neben den Homoousianern, die lehrten, dass der Sohn dem Vater wesensgleich sei, eine weitere Gruppe: die sogenannten Homöer, die behaupteten, der Sohn sei dem Vater nur ähnlich. Konstantius bevorzugte letztere Gruppe. Daneben gab es noch die Heterousianer, die besonders die Verschiedenheit von Vater und Sohn betonten. Der Kaiser konnte durch massiven Druck die Position der Homöer durchsetzen.
Nach dem Tod von Konstantius folgte Julian (361-363), der die römischen Kulte wieder etablieren wollte. In dieser Zeit ordnete sich die Kirche neu und das homöische Dogma verlor an Rückhalt, weil es den Heterousianern sehr nahe standen. So kamen sich Homöer und Homoousianer näher. Zu einer endgültigen Einigung kam es dennoch nicht, weil in Antiochia ein Kampf um den Bischofsstuhl entbrannte.
Der Nachfolger von Julian, Valentinian (364-375), machte Valens zum Mitregenten. Letzterer forderte wieder die Homöer. Die westlichen Bischöfe jedoch tendierten eher zum Nizänum.
Ein weiterer wichtiger Meilenstein für die Trinitätslehre waren die kapadokischen Bischöfe Basilis von Cäsarea (330-379), Gregor von Nazianz (329-390) und Gregor von Nyssa (335/340-394). Ihr Verdienst war es, dass sie die Unterscheidung von „ein Wesen“ und „drei Hypostasen“ auf den Weg brachten.
Im Jahre 381 fand dann das Konzil von Konstatinopel statt, das seine rechtliche Verbindlichkeit durch den neuen Kaiser Theodosius bekam. Auf diesem Konzil wurde das Nizänum bestätigt und die Passage über den Heiligen Geist erweitert. Die Verurteilungen der Arianer, die im Nizänum noch vorhanden war, wurde gestrichen. Erst jetzt, fast sechzig Jahre nach dem Konzil selbst, wurde das Nizänum gemeinsam mit dem Bekenntnis von Konstatninopel als Nizäno-Konstantinopolitanum allgemein anerkannt.
Fazit
Es lässt sich aus drei Gründen nicht behaupten, Nizäa sei der Ursprung für die Gottheit Jesu gewesen.
- Arius selbst und auch seine Anhänger glaubten daran, dass Jesus auf gewisse Weise Gott war (wenn auch nicht auf dieselbe, wie es der christliche Glaube lehrt).
- Bis auf den Begriff ὁμοούσιος (homooúsios) hatte der Kaiser keinen allzugroßen Einfluss auf das Glaubensbekenntnis von Nizäa. Dieses wurde zu einem großen Teil von den Bischöfen verabschiedet.
- Das Konzil wurde erst nach fast sechzig Jahren auf dem Konzil von Chalcedon anerkannt. Davor begünstigten viele Kaiser, nach dem Konzil auch Konstantin, die Seite, die Arius vor dem Konzil eher wohlgesonnen war. Selbst wenn also das Bekenntnis von Nizäa nur unter kaiserlichem Druck entstanden sein sollte, so kann man dies nicht von der Anerkennung dieses Konzils behaupten. Zwar profitierte das Konzil in Konstantinopel von den Beschlüssen des Theodosius, aber gingen nicht viele Konzilien und theologische Gespräche der Kirchenleute voraus, hätte dieser Druck allein nicht gereicht. Man kann nicht sagen, dass das Glaubensbekenntnis, das in Konstantinopel beschlossen wurde, nicht zustande gekommen wäre, wenn der Kaiser sich anders verhalten hätte.
- Bei Ereignissen, wie beispielsweise Konzilien/ Synoden (wird synonym verwendet) wird die Jahreszahl angegeben. Bei wichtigen Kirchenvertretern das Geburts- (sofern bekannt) und das Sterbejahr. Bei Kaisern jeweils die Regierungszeit. ↩︎
- Zitiert nach: Komoszewski J. Ed u.a.: Reinventing Jesus. How contemporary skeptics miss the real Jesus and mislead popular culture, Grand Rapids, 2006, 207. ↩︎
















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