Seelsorge

Der Körper erinnert sich. Aber Geist und Herz auch.

Beth Claes6 Min. LesezeitQuelle: The Gospel Coalition

Auf einen Blick

Bessel van der Kolks Bestseller „The Body Keeps the Score“ hat das Verständnis von Trauma grundlegend geprägt – doch eine neue Studie stellt seinen körperzentrierten Ansatz infrage. Dieser Artikel zeigt, warum eine biblische Anthropologie ein vollständigeres Bild bietet.

Seitdem im Jahr 2014 das Buch The Body Keeps the Score von Bessel van der Kolk erschienen ist, ist es eines der einflussreichsten und meistgelesenen Bücher über Traumata geworden. Es wurde mehr als drei Millionen Mal verkauft und war acht Jahre lang auf der Bestsellerliste der New York Times. Psychotherapeuten, Traumaüberlebende und viele andere haben es gelesen und weiterempfohlen, weil der Inhalt ihnen half, ihre Erfahrungen und Beziehungen besser zu verstehen.

Das verwundert kaum. Van der Kolk bestätigt die Realität, dass ein Trauma den Körper massiv beeinflusst. Er argumentiert, es forme das Gehirn um, indem es sich ins Nervensystem einschreibe und physiologische Reaktionen auslöse, die auch dann fortbestehen, wenn die Person das Trauma nicht mehr erlebt oder bewusst daran denkt.

In gewisser Weise war van der Kolks Arbeit eine Reaktion auf ein echtes Versagen im Umgang mit Traumata. Dieses Versagen existierte in der breiteren Gesellschaft und, als Folge davon, auch in der Gemeinde. Das frühere kulturelle Muster, Traumata kleinzureden oder nahezulegen, es lasse sich durch rein spirituelle Mittel lösen, war tief schmerzhaft und abweisend. Traumata sind in erster Linie kein spirituelles Problem. Es ist die ganzheitliche Reaktion eines Menschen auf echten Schaden.

Dort, wo van der Kolks Arbeit uns geholfen hat, die Komplexität von Traumata zu erkennen, dürfen wir dankbar sein. Wir sind verkörperte Seelen, und unser Körper zählt. Gute Fürsorge engagiert den ganzen Menschen. Jemandem zu helfen, Ruhe im Körper zu finden und Befreiung von überwältigenden Belastungen zu erfahren, ist eine bedeutsame Weise, den Körper zu ehren, den Gott uns Menschen geschenkt hat.

Und doch erfasst, wie eine neue Studie nahelegt, van der Kolks körperorientierter Ansatz nicht die ganze Komplexität menschlicher Trauererfahrung. Seine Perspektive birgt die Gefahr eines neu etikettierten Reduktionismus: einen Reduktionismus, der das Trauma so fest im Körper verankert, dass Geist und Herz zu bloßen Zuschauern werden, die weder an der Wunde noch an der Heilung wirklich beteiligt sind.

Ein komplexeres Bild

Ein kürzlich in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Frontiers in Systems Neuroscience veröffentlichter Artikel befasst sich mit dem potenziellen Reduktionismus in van der Kolks Konzept. Dies ist nicht die erste Kritik an seinem Werk. Andere haben bereits Bedenken geäußert hinsichtlich seiner Fehlinterpretationen von Forschungsergebnissen oder Schlussfolgerungen, die stärker berücksichtigt wurden, als die Belege es rechtfertigen. Doch diese neuere Studie geht über eine bloße Kritik seiner Schlussfolgerungen hinaus: Sie kehrt sie um, indem sie aktive kognitive und interpretative Prozesse ins Zentrum der Traumareaktion stellt.

Van der Kolks körperorientierter Ansatz erfasst nicht die ganze Komplexität menschlicher Trauererfahrung.

Anstatt zu behaupten, das Trauma werde im Körper weitgehend unabhängig vom Rest der Person gespeichert, schlägt der Artikel eine Computermodell-Analogie vor. Die Art, wie das Gehirn das Trauma verarbeitet, führt zu fehlerhaften Vorhersagen über gegenwärtige und zukünftige Ereignisse – was wiederum die körperliche Stressreaktion auslöst, auch wenn keine echte Gefahr besteht.

Die Autoren legen nahe, dass gesteigerte körperliche Reaktionen und ständige Alarmbereitschaft aus unbewussten Vorhersagen über Gefahr resultieren, die durch vergangene traumatische Erfahrungen geprägt wurden. Aus dieser Perspektive trägt das Trauma zu kognitiver Starrheit und einer anhaltenden Annahme von Bedrohung bei, sodass Menschen nur schwer von diesen Denkmustern losommen. Der Körper reagiert also auf die Einschätzung des Geistes, und nicht unabhängig vom Geist.

Kurz gesagt: Der Artikel argumentiert, dass aktive mentale Prozesse ein integraler Bestandteil der Traumareaktion sind – eine Sichtweise, die eine größere menschliche Komplexität bestätigt als van der Kolks reduktionistischeres Modell. Zu erkennen, dass körperliche Stressreaktionen in Wechselbeziehung mit mentalen Prozessen stehen, hilft auch zu erklären, warum unterschiedliche Interventionen bei Menschen mit posttraumatischer Belastung wirksam sein können. Entgegen van der Kolks Schlussfolgerungen stützen substanzielle Belege sowohl geistbasierte als auch körperbasierte Behandlungsansätze – was Sinn ergibt, wenn wir sie als miteinander verbunden und gegenseitig beeinflussend verstehen.

Die Bedeutung spiritueller Wirklichkeiten

Ein Bereich, den säkulare Forschung kaum in den Blick nimmt, ist die Rolle des Spirituellen im menschlichen Leid. Als Christen können wir es wertschätzen, wie der jüngste Artikel in Frontiers die Verflechtung von Geist und Körper hervorhebt – während wir gleichzeitig anerkennen, dass auch dieses Modell begrenzt ist, weil es dem Herzen und der geistlichen Verfassung eines Menschen zu wenig Aufmerksamkeit schenkt.

Eine biblische Anthropologie sagt uns, dass das, was im Herzen geschieht – dem biblischen Zentrum des Menschen –, Geist und Körper beeinflusst. Aber diese Beziehung ist keine Einbahnstraße. Die Gedanken, die wir denken, beeinflussen auch Herz und Körper. Und was im Körper geschieht, wirkt auf Herz und Geist zurück. Die Schrift ignoriert den Körper nicht, stellt ihn aber auch nicht als losgelöst vom Rest der Person dar.

Die Schrift ignoriert den Körper nicht, stellt ihn aber auch nicht als losgelöst vom Rest der Person dar.

Christ zu sein verhindert Traumata nicht und beseitigt keine körperlich-geistigen Reaktionen darauf. Aber zu erkennen, dass Gott uns mit einem verflochtenen Körper, Geist und Herz geschaffen hat, prägt unser Verständnis davon, wie das Trauma einen Menschen beeinflusst – und wie wir ihm helfen können.

Hier sind drei praktische Konsequenzen einer biblischen Anthropologie im Blick auf Traumata:

  1. Für Helfer: Eine biblisch ganzheitliche Perspektive schützt vor Überpezialisierung. Eine Person mit körperlichen Traumareaktionen kann nicht nur von körperbasierter Fürsorge profitieren, sondern auch von sorgfältiger Aufmerksamkeit für die Interpretationsmuster und Überzeugungen, die ihr Gefühl von Bedrohung und Sicherheit prägen.
  2. Für Traumaüberlebende: Wisse, dass deine körperlichen Reaktionen real sind du aber deinem Nervensystem nicht ausgeliefert bist. Die Interpretation deines Geistes und die Ausrichtung deines Herzens sind ebenfalls Teil des Bildes. Das bedeutet, du hast mehr Handlungsfähigkeit, als ein rein körperorientierter Ansatz vermuten lässt. Dies ist kein Aufruf, sich aus dem Trauma heraus zu denken oder herauszuglauben, sondern die Bestätigung, dass dein ganzes Selbst – einschließlich Geist und Glaube – eine Ressource sein kann.
  3. Für die Gemeinde: Das Gegenmittel zu van der Kolks Ansatz besteht nicht darin, zum rein spirituellen Umgang mit Traumata zurückzuschwingen. Diese neue Studie sollte uns ermutigen, uns mit der Komplexität auseinanderzusetzen, wie Menschen Traumata erleben. Jemanden zu ermutigen, körperbasierte Fürsorge in Anspruch zu nehmen, ist absolut vereinbar damit, ihn gleichzeitig in seiner geistlichen Formung zu begleiten. Das sind keine konkurrierenden Lösungen.

Angesichts der wunderbaren Komplexität, in der wir geschaffen sind, sollten wir bestätigen, dass Traumata Körper, Geist und Herz beeinflussen können – und dass ein Eingreifen in einem dieser Bereiche die anderen mitformt. Unser Herz in der Wirklichkeit von Gottes Gnade zu verankern (; ), in seiner Gegenwart mit uns im Leiden () und in der Hoffnung auf eine bessere Heimat bei ihm in der Ewigkeit () – das richtet uns inmitten tief schmerzhafter und verwundender Erfahrungen neu aus.

Unsere Identität in dem zu verankern, was Gott über uns sagt, und unsere Hoffnung auf dem zu gründen, was er uns zugesichert hat, umgeht die Reaktionen des Körpers nicht. Vielmehr setzt es an der Quelle an. Als Gläubige ehren wir Gott, indem wir für Geist und Körper Sorge tragen – und dabei zugleich bestätigen, dass die geistlichen Wirklichkeiten des Evangeliums tiefgreifende Bedeutung für Menschen haben, die traumatische Erfahrungen gemacht haben.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.

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