Ehe, Familie, Sexualität

Die erschreckende Möglichkeit des Ehebruchs

Benjamin Vrbicek6 Min. LesezeitQuelle: Desiring God

Auf einen Blick

Ehebruch passiert nicht einfach so – er ist das Ergebnis kleiner, angehäufter Sünden und vernachlässigter Heiligung. Dieser Artikel zeigt, warum wir Paulus‘ Warnung „Wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle“ ernst nehmen müssen – und warum die treue Liebe Jesu dennoch Hoffnung gibt.

Frisch verheiratet und gerade im Theologiestudium eingeschrieben, saß ich in der ersten Reihe meiner Kurse und versuchte, so viel wie möglich aufzusaugen. Ich wusste, dass ich noch enorm viel zu lernen hatte.

Eines Tages warnte uns ein erfahrener Professor, wie häufig außereheliche Affären in ganz normalen Gemeinden vorkommen. Ich glaubte ihm nicht. In meiner jugendlichen Unerfahrenheit nahm ich an, das Problem sage wohl mehr über seinen Dienst aus als über die Gemeinde im Allgemeinen. Mein behütetes Leben, zusammen mit Berichten in den Medien über Ehebruch bekannter christlicher Persönlichkeiten, hatte mich davon überzeugt, dass so etwas weit weg passiert, bei Menschen, die ich nicht persönlich kenne.

Nach zwanzig Jahren Ehe und Gemeindearbeit glaube ich meinem Professor und ich denke, du solltest es auch. Egal wie stabil eine Ehe ist: Männer und Frauen müssen Paulus‘ Warnung zu Herzen nehmen: „Wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle“ ().

Siehst du die Gefahr?

Der erste entscheidende Schritt des „Zusehens“ besteht darin anzuerkennen, dass Ehebruch tatsächlich in unseren Gemeinden vorkommt, bei Christen, die wir kennen und lieben. Manche wissen das nur zu gut, andere müssen es erst noch lernen, so wie ich damals.

Zwei Jahrzehnte nach diesem Seminarskurs kann ich ein Dutzend Fälle von Ehebruch nennen, in denen ich die Betroffenen persönlich kannte. Das sind zu viele Mütter und Väter, Ehemänner und Ehefrauen, Freunde und Gemeindemitglieder, die mehr Schaden angerichtet haben, als sie sich je hätten vorstellen können.

Oft hatten diese Männer und Frauen nicht nur einen Ehepartner, sondern auch mehrere Kinder und so umfasst der gemeinsame Schockradius manchmal an die hundert Menschen. Nicht eingerechnet sind dabei jene, die eine Stufe weiter entfernt stehen: enge Verwandte sowie Geschwister im Glauben, die gemeinsam mit ihnen Bibelkreise besucht und in verschiedenen Diensten mitgewirkt hatten. Das Ausmaß ist erschütternd.

Das ist ein Teil dessen, was Paulus meint, wenn er uns warnt, sorgfältig darauf zu achten, nicht in sexuelle Sünde zu fallen. Wir müssen wirklich glauben, dass dies keine bloß abstrakte Möglichkeit ist, sondern auch für uns eine reale Gefahr darstellt.

Kein Versehen

Ist fallen überhaupt das richtige Wort für Ehebruch? Normalerweise meinen wir mit „Fallen“ einen Vorfall, für den man keine moralische Verantwortung trägt.

Wenn die Bibel vom geistlichen Fall spricht, ist damit jedoch kein bloßes Versehen gemeint. Jesus sagt zur Gemeinde in Ephesus: „Denke daran, wovon du gefallen bist, tue Buße und tue die ersten Werke“ (). Der Hebräerbriefautor schreibt: „Lasst uns nun eifrig sein, in jene Ruhe einzugehen, damit nicht jemand in gleicher Weise des Ungehorsams falle(). Beide Verse und andere ähnliche setzen voraus, dass Tun und Unterlassen entscheidend dafür sind, ob ein Gläubiger steht oder fällt. Deshalb tragen wir Verantwortung, wenn wir fallen.

„Unsere kleinen Sünden können sich zu großen Sünden mit großen Konsequenzen aufaddieren.“

Stell es dir so vor: Wenn ich auf einer eisglatten Treppe nach einem Wintersturm ausrutsche, mag die Ursache Unachtsamkeit oder Tollpatschigkeit sein aber keine Sünde. Wenn ich jedoch jeden Tag eine Tasse Wasser auf die Stufen gieße und das auch im Winter weitermache, dann bin ich für diese Eisschicht verantwortlich, und mein Sturz ist weit weniger zufällig.

Genau das meint die Bibel mit Fallen. Als Adam und Eva fielen, stolperten sie nicht einfach. Wenn Paulus uns warnt zuzusehen, dass wir nicht fallen, meint er damit: Wir sollen Muster der Heiligung pflegen und Muster der Sünde meiden, egal wie unbedeutend dieses Muster im Moment noch erscheinen mag.

Kann mir das wirklich passieren?

Vielleicht denkst du immer noch: Kann mir das wirklich passieren? Uns?

Die Bibel ermutigt uns, diese Frage aus zwei Richtungen zu betrachten. Einerseits ist es weder gesund noch hilfreich, ständig zu befürchten, dass zwei glaubensmäßig gereifte Menschen, die jeweils mit jemand anderem verheiratet sind, plötzlich füreinander entbrennen könnten. Eine unbegründete Paranoia gegenüber uns selbst und den Menschen, die wir lieben, spiegelt kein gesundes biblisches Menschenbild wider. Gläubige landen nicht einfach so, aus dem Nichts heraus, im Bett eines anderen. Wir sollen Aaron nicht glauben, wenn er Moses erzählt, ein goldenes Kalb sei einfach so aus dem Feuer gesprungen (). Das Problem lag weniger in den vierzig Tagen ohne Mose als in den vierhundert Jahren, die Israel inmitten des ägyptischen Götzendienstes verbracht hatte.

Andererseits: Wenn wir anfangen, dem Herrn in unserem Herzen nicht mehr nachzufolgen, wenn wir tägliche Umkehr aufgeben und uns stattdessen berechtigt fühlen, uns „kleine“ Sünden zu gönnen, weil wir doch so viel leisten und so viel ertragen, dann ja, dann können wir von Jesus wegdriften und anderen Menschen Schmerzen zufügen, die sich heute noch unmöglich anfühlen. Mit der Zeit kann eine Grube, die mit einem Teelöffel und nicht mit einem Bagger gegraben wird, trotzdem zum Krater werden.

Krieg gegen „kleine“ Sünden

Was Paulus kurz vor schreibt, macht deutlich, dass unsere kleinen Sünden sich, wie bei denen im Alten Testament, zu großen Sünden mit großen Konsequenzen aufaddieren können. Man denke nur daran, wie es bei König David geschah. Als wir lesen: „Im Frühling des Jahres, zur Zeit, wenn die Könige in den Krieg ziehen“, erkennen wir, dass David offensichtlich ein Muster der Verantwortungsabgabe entwickelt hatte: er schickte Leute hierhin und dorthin, sodass es sich nicht besonders falsch anfühlte, Batseba in sein Schlafzimmer zu rufen und Urija ins Schlachtfeld zu schicken (vgl. , wo das Wort „sandte“ zehnmal vorkommt).

In der Ehe kann anhaltender Konflikt ohne Versöhnung und stilles Verachten ohne Buße tödlich werden, besonders in Kombination mit einem rastlosen Lebenstempo, das kaum Raum für Ruhe mit Gott und miteinander lässt. Dann können Komplimente von einer anderen Person wie z.B.: „Du sorgst so gut für deine Familie“ oder „Wie schaffst du es, bei allem, was du leistest, so fit zu bleiben?“, eine explosive Wirkung entfalten. Wir müssen, aus Liebe, den Sünden den Krieg erklären, die so harmlos wirken, den Groll, der so klein scheint, und der Kälte, die so unbedeutend erscheint.

Diese wachsame Pflege der Ehe hängt unmittelbar mit dem zusammen, was Paulus direkt nach seiner Warnung vor dem Fallen in die Sünde sagt: „Es hat euch noch keine Versuchung ergriffen als nur eine menschliche“ (). Auch gesunde Ehen sind gewöhnlichen Versuchungen ausgesetzt, die einen Keil in den Bund treiben können. Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob wir die Arbeit auf uns nehmen, diesen Keil herauszuziehen oder ob wir ihn noch tiefer einhämmern.

Deshalb erinnert Paulus uns auch an die Verheißung: „Gott ist treu, der euch nicht über eure Kraft hinaus versuchen lässt, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schafft, dass ihr sie tragen könnt“ ().

In meinen zwanzig Jahren Ehe und Gemeindearbeit habe ich zu viele Ehen und Dienste zerbrechen sehen. Aber ich habe auch erlebt, wie die treue Liebe Jesu Menschen heilt und trägt und zwar auf eine Weise und in einem Ausmaß, das ich nie für möglich gehalten hätte. Ich habe gesehen, wie Jesus Wege des Entkommens und Wege des Durchhaltens bereitet.

Es gibt vielleicht die erschreckende Möglichkeit des Ehebruchs aber es gibt auch die wunderbare Verheißung des Standhaltens und der Befreiung.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei desiringgod.org. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von desiringgod.org.

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