Die Zeit für deine Mission ist gekommen. Mülltüte in der Hand, bereit, dich durch einen Garten voller kleiner Spielzeug-Tretminen zu manövrieren, den Müllcontainer in der Einfahrt zu erreichen und unversehrt zurückzukehren.
Einen letzten Schritt noch, bevor es losgeht: ein kurzer Blick nach draußen, um zu sehen, wer dort hinten ist. Vielleicht wohnst du in einem ruhigen Vorort und siehst nur Eichhörnchen. Aber stell dir Häuser vor, die so dicht beieinanderstehen, dass du aus deinem Fenster direkt in die Augen deiner Nachbarn schauen kannst. Der amerikanischen Überlieferung nach soll Colonel William Prescott seinen Truppen in der Schlacht am Bunker Hill zugerufen haben: „Schießt nicht, bevor ihr das Weiß ihrer Augen seht!“ Mindestens zehn Haushalte liegen in genau dieser Reichweite.
Also lugst du wie ein Soldat heraus, bevor du feindliches Gebiet betrittst. In der Naivität der Jugend wärst du einfach rausgegangen, ohne diesen vorausschauenden Erkundungsblick. Ach, die Leichtigkeit von damals. Aber wie viele halbstündige Gespräche mit der lieben alten Frau Staley, Gespräche, in denen sie die neuesten medizinischen Befunde über Muffels, ihre einäugige Katze, enthüllt, kann ein Mensch ertragen? Und dabei ist die sich langsam entfaltende Saga von Frau Staleys Katze noch angenehmer als der peinliche Smalltalk mit Herrn Olson, von dem du in deiner genervten Stimmung zweifelst, ob er je einen interessanten Gedanken gehabt hat. Ganz zu schweigen von den Nachbarn an der Ecke, bei denen du vermutest, dass sie in illegale Aktivitäten verwickelt sind.
Du überblickst die Lage und berechnest ängstlich den Preis, wie ein klammer Student, der auf einem Date die Speisekarte eines teuren Restaurants studiert. „Es ist ein gefährliches Geschäft, Frodo, vor die eigene Tür zu treten“, würde Bilbo sagen. So wahr.
Sich vor den Verlorenen verstecken
Ich habe diesen selbstsüchtigen, zusammengekniffenen Blick viel zu oft.
Dieser schnelle Scan beschränkt sich nicht auf Hinterhöfe in der Stadt und richtet sich auch nicht immer auf Nachbarn. Es ist oft der „innerlich berechnende“ Blick des knauserigen Herzens, das wissen will, wie viel alles kosten wird, und das im Zweifelsfall lieber nicht zahlt (). Dieses Herz will keine bedürftigen oder verlorenen Nachbarn sehen, will nie in Unbequemlichkeit gestürzt oder schlicht von anderen belastet werden. Es ist wohltätig nach eigenen Bedingungen aber nicht um einäugiger Muffels willen.
Auch nicht um verirrter Schafe willen. Die alten Israeliten waren nicht gefeit vor einem Herzen, das nur auf die eigenen Interessen ausgerichtet ist. Deshalb gebot ihnen Gott: „Du sollst nicht sehen, wie deines Bruders Ochse oder Schaf sich verläuft, und dich verbergen vor ihnen, sondern du sollst sie zu deinem Bruder zurückbringen“ (). Ich zitiere hier die King James Version, nicht nur wegen ihrer wunderschönen Eleganz, sondern weil sie das Hebräische wörtlich wiedergibt. Sie erfasst das ursprüngliche Bild von jemandem, der aus dem Fenster schaut, bevor er den Müll rausbringt: sich verbergen. „Du sollst nicht sehen … und dich verbergen vor ihnen.“
Das „ignoriere sie“ anderer Übersetzungen beraubt den Befehl seiner Bildkraft und damit seiner Bedeutung. Es ist eine Sache zu sagen: „Ignoriere die verirrten Schafe nicht“; eine andere, sich einen Mann vorzustellen, der sich vor ihnen versteckt, wie Adam und Eva vor Gott oder Saul vor der Krone (; ). Man ignoriert keine Zeugen Jehovas, wenn sie an der Tür klingeln; man versteckt sich, schaltet das Licht aus und rührt sich nicht und atmet nicht laut aus, bis sie weg sind.
Der israelitische Mann wurde geboten, sich nicht zu verstecken, nicht vor guten Werken, nicht vor der Heiligkeit, nicht vor der Nächstenliebe. Aber Pflicht wird so kompliziert, wenn sie etwas kostet. Stell es dir vor. Er sieht das herumstreunende Tier und überlegt: Er hat sein Schaf nicht verloren. Außerdem hat er heute keinen Termin für eine Tier-Rückgabe eingeplant, erst recht nicht zur Haustür der lieben alten Frau Staley mit der Katze. Ehrlich gesagt hat er heute Wichtigeres zu tun. Und morgen. Und jeden Tag danach. Außerdem ist er nicht das städtische Tierheim.
Also versteckt er sich vor dem Scheinwerferlicht seines eigenen Gewissens. Er duckt sich hinter seiner Selbstsucht weg und lässt das Tier von seinem Grundstück aufs nächste wandern. Oder in die Fänge eines Raubtiers, das ist ihm egal. Er hat Wichtigeres zu tun und macht sich auf den Weg, genau wie Jona floh, um seiner Pflicht zu entkommen (). Er ist noch nicht weit gekommen, da hört er ein unverkennbares Schreien irgendwo unter sich. Er schaut empört nach unten. Schon wieder: „Du sollst nicht sehen, wie deines Bruders Esel oder Ochse auf dem Weg gefallen ist, und dich verbergen vor ihnen; du sollst ihm helfen, die Last aufzuladen“ ().
Er starrt das hilflose Tier an, es sieht wirklich kläglich aus. Er ist kein Tierarzt, aber er vermutet ein verletztes Bein. Er ist fast dabei, wie die Fliegen auf den Esel zuzugehen, aber was dann? Das Tier nach Hause bringen? Das würde den ganzen Nachmittag dauern. Er hat Wichtigeres zu tun, heute und morgen und übermorgen auch. Aber wie ist das, den Nächsten zu lieben wie sich selbst? fragt er sich mit einem kurzen Anflug von Scham, doch der vergeht schnell. Außerdem, so überlegt er, hat er keine stützenden Sandalen an, die für eine solche Aufgabe geeignet wären. Unter diesen Umständen wird sein Nachbar es verstehen, wenn er eines seiner Tiere den Raubtieren überlässt. Sein Nachbar kann wahrscheinlich sowieso auf eines verzichten.
Wer ist mein Nächster?
Es ist eine Sache, eine sündige Sache, sich vor der Hilfe für die Tiere eines Nachbarn zu verstecken. Das Eigentum eines Nachbarn missachten heißt, Gott ungehorsam zu sein. Es bedeutet, den unbequemen Preis der Freundlichkeit nicht zahlen zu wollen, die Kosten der Gerechtigkeit zu verweigern.
Eines Morgens jagte ich in Gehorsam gegenüber diesem Text ein Tier durch unsere Nachbarschaft. Eine Frau hatte ihr pelziges Haustier verloren, und dieser Text kam mir in den Sinn. Meine Nachbarn, die wieder alle das Geschehen aus nächster Nähe beobachten konnten, sahen mich in meinen Sonntagskleidern hinter Büschen, um Mülltonnen und unter Veranden herumspähen, auf der Suche nach einem streunenden Tier, das ich niemals in meinem Haus leben lassen würde.
„Soll ich mich vor jenen ewigen Wesen verstecken, um die ich auf Erden angenommen wurde?“
Aber bin ich wirklich schuldlos, weil ich bereit war, eine Katze zu jagen? Was ist mit meiner Unwilligkeit, mich auf meine Nachbarn einzulassen? Was ist mit diesem Herzen, das nach beiden Seiten schaut, um ein kurzes Gespräch mit einer verlorenen Seele zu vermeiden?
Nein, ich lasse meinen ausgeraubten und sterbenden Nachbarn nicht am Straßenrand liegen und gehe auf die andere Seite, wie die Männer in Jesu Gleichnis (). Aber schaue ich nicht aus meinem Fenster und prüfe, ob irgendeine ausgeraubte und sterbende Seele da draußen ist, ob die Luft rein ist, bevor ich das Risiko eingehe? Wenn Gott mir beibringen will, Mitleid mit dem Ochsen meines Nächsten zu haben, sollte ich dann nicht Mitleid mit der Seele meines Nächsten haben? Soll Frau Staley in ihrer Sünde umkommen, weil du und ich kein Herz haben, ihr aus der Grube zu helfen? Ist Muffels‘ Krankengeschichte schwerer zu ertragen als ein Feuersee? Soll ich mich vor jenen ewigen Wesen verstecken, um die ich auf Erden angenommen wurde?
Den Müll zur Ehre Gottes rausbringen
Geschwister, Jesus ist gestorben, um uns zu einem anderen Volk zu machen. Er ist gestorben, damit wir eifrig nach Gelegenheiten aus sind, Gutes zu tun. Er ist gestorben, damit wir denjenigen gleichen, die mit dem Müllrausbringen warten, bis sie draußen Seelen sehen, damit Gott sie durch uns segnen kann. Unser Heiland Jesus Christus ist derjenige, „der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöse von aller Gesetzlosigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken“ ().
Wir sind sein Eigentum. Wir leben nach seinem Zeitplan, für seine Zwecke. Der Griff, den die Selbstsucht auf unsere Herzen hatte, war so dunkel und tief, dass es seinen Tod brauchte, um uns von der Strafe und Macht unserer Selbstsucht zu befreien – und uns zu reinigen, damit wir voll Erwartung und Eifer für gute Werke brennen. Gute Werke, während wir unterwegs sind; gute Werke, wenn wir verirrte Schafe sehen; gute Werke, wenn wir den Müll rausbringen.
Lass einem selbstsüchtigen Herzen keinen Raum mehr, einem Herzen, das einen berechnenden Blick hervorbringt und sich vor all dem ungeplanten Guten versteckt, das wir in dieser Welt tun könnten. Sei bereit, ob es gelegen oder ungelegen kommt. Wandle in den Werken, die du nicht geplant hast, die der Vater aber schon zuvor für dich bereitet hat. Bringe sogar den Müll mit einem Auge auf die Ehre Gottes und das Wohl der Seelen raus.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.
