„Ist mein Leiden eine Strafe?“ Das ist oft unsere erste Frage, wenn unerwartetes Leid an unsere Tür klopft. Wir fragen uns, was wir falsch gemacht haben. Wir nehmen an, dass wir vor Tragödien geschützt werden, wenn wir alle Regeln befolgen, regelmäßig zur Kirche gehen und die Bibel lesen. Und wenn das nicht geschieht, sind wir voller Fragen über uns selbst und über Gott.
Wir wollen, dass Leid einen Sinn ergibt; denn dann könnten wir es kontrollieren und verhindern, dass es uns trifft. Hinter diesem Denken steckt eine allzu einfache Sicht auf das Leben: Schlechte Dinge passieren schlechten Menschen, und gute Dinge passieren guten Menschen.
Wenn andere unerwartete Prüfungen erleben, fragen wir uns vielleicht insgeheim, was sie getan haben, um das zu verdienen. Es muss doch einen verborgenen Grund geben, denn Leid muss schließlich jemandes Schuld sein. Diese Denkweise finden wir immer wieder in der Heiligen Schrift. Dort begegnen uns Menschen, die davon ausgingen, dass Leid zwangsläufig mit Sünde und Bestrafung zusammenhängen müsse.
Schlechte Annahmen
Die Jünger fragten sich, wer an der Blindheit eines Mannes schuld sei, und stellten Jesus deshalb die Frage: „Rabbi, wer hat gesündigt, dieser Mann oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ (). Für sie musste eine Behinderung mit einer bestimmten Sünde zusammenhängen. Jesus deckte dieselbe Annahme bei anderen Menschen auf, als sie ihn nach der schockierenden Züchtigung einiger Galiläer durch Pilatus fragten: „Meint ihr, dass diese Galiläer größere Sünder gewesen seien als alle anderen Galiläer, weil sie dies erlitten haben?“ (). Außergewöhnliches Leid müsse auf außergewöhnliche Sünde hindeuten.
Genau das nahmen auch Hiobs Freunde an, als er seine Kinder und seinen Besitz verlor und anschließend von schmerzhaften Geschwüren bedeckt wurde. Sie konnten sich keine andere Erklärung für diese verheerenden Verluste vorstellen als die Strafe für verborgene und schwere Sünde (; 8:4–6). Sie hatten nie beobachtet, was sie ihm vorwarfen, doch ihr Verständnis von Gott und vom Leben ließ keinen anderen Grund zu. Ihre Theologie war einfach: Die Gerechten haben Erfolg, die Gottlosen leiden.
Diese Theologie kommt uns vielleicht bekannt vor. Moderne Vertreter des Wohlstandsevangeliums behaupten, Leid sei eine Strafe, die man vermeiden könne, wenn man nur gerecht genug lebt. Sie versprechen ein Leben voller irdischer Segnungen und ohne Bedrängnisse, wenn man nur genügend Glauben an Jesus habe. Die meisten von uns würden nicht behaupten, an dieses falsche Evangelium zu glauben. Dennoch nehmen wir oft an, dass treuer Gehorsam Unglück von unserer Tür fernhalten sollte.
Geläutert durch Leiden
Auch ich hatte einmal diese Annahme. Nachdem ich zu Christus gekommen war, war ich überzeugt, dass Gott für mich nichts anderes vorgesehen hatte als gute Gesundheit, materiellen Erfolg und eine glückliche Familie. Und über Jahre hinweg hatte ich alles, was ich mir wünschte. Als mein kleiner Sohn dann unerwartet starb, war ich zutiefst verwirrt. Sollte Gott nicht seine Kinder beschützen, die ihm dienen? Ich fragte mich, was ich falsch gemacht hatte, dass ich meinen Sohn durch den Fehler eines Arztes verlor.
Ich erinnere mich, wie sehr mich diese Worte aus beunruhigten: „Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort“ und „Es ist gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Satzungen lerne“ (Verse 67 und 71). Diese Verse schienen die Annahme zu bestätigen, dass mein Leid eine Strafe für Sünde sei. Mein Magen zog sich zusammen. Bestrafte Gott mich?
Der Tod meines Sohnes zerstörte mein Vertrauen und mein Verständnis davon, wie das christliche Leben funktioniert. In Zorn und Verwirrung zog ich mich zurück und fragte mich, was an meinem Glauben überhaupt echt war. Nichts von dem, was geschehen war, passte zu dem Bild, das ich von Gott hatte. War Gott überhaupt gut?
Ich hatte Gott wirklich dienen wollen, aber dieses Verlangen hatte sich nicht so ausgezahlt, wie ich es erwartet hatte. Ich war überzeugt gewesen, dass Gehorsam Segen bringt und dass Gott mich vor Schmerz bewahren würde. In vieler Hinsicht war mein Gehorsam einfach ein Mittel, um von Gott das zu bekommen, was ich wollte. Gehorsam schien der beste Weg zu sein, Leid zu vermeiden, weil ich jedes Leid als Strafe für Ungehorsam verstand.
Doch als ich erkannte, dass Jesus „durch das, was er litt, den Gehorsam lernte“ (), begann ich, Leid anders zu verstehen. Es war nicht zwangsläufig eine Strafe. Es konnte auch ein Mittel sein, Gehorsam zu lernen.
Treue im Feuer
Wie lernte Christus Gehorsam durch Leiden? Charles Spurgeon kommentiert mit den Worten, dass Gehorsam durch das Tun gelernt werden muss und „niemals vollständig gelernt wird, bis unsere Gnaden im Leiden ins Feuer kommen und geprüft werden“. Christus ging nicht von Ungehorsam zu Gehorsam über; vielmehr ging er von ungeprüftem Gehorsam zu bewährter Treue. Und wenn auf diese Weise der Gehorsam Christi bewiesen wurde, sollten wir uns nicht wundern, wenn unser eigener Gehorsam auf ähnliche Weise geformt wird.
Zu erkennen, dass Leiden nicht zwangsläufig eine Strafe für Sünde ist, half mir, meinen eigenen Schmerz zu verarbeiten. Das Leiden Christi lehrte ihn, sich auf seinen Vater zu verlassen, und prägte seinen gelebten Gehorsam. So begann ich zu verstehen, dass auch mein Gehorsam auf diese Weise geformt werden konnte. Not konnte meinen Glauben stärken, indem sie ihn im Feuer prüfte. Gott hatte das Leiden zu meinem Besten bestimmt. Vielleicht bestrafte mich Gott nicht für irgendeine verborgene Sünde, sondern vertiefte meinen Glauben durch das Leiden und offenbarte mir mehr von sich selbst.
An diesem Punkt veränderte sich meine ganze Sicht. Gott erschien mir näher, als ich es jemals für möglich gehalten hätte, und ich erlebte seine Liebe und Gegenwart auf eine Weise, die ich zuvor nie gekannt hatte. Die Heilige Schrift wurde lebendig. Statt aus Pflichtgefühl zu lesen, verschlang ich sie nun aus Verlangen.
und 71 hatten einst hart auf mich gewirkt, doch nun ergaben diese Verse Sinn. Das Leiden brachte mich näher zu Gott und ließ mich sein Wort lieben. Es zeigte mir Schätze, die ich zuvor nur oberflächlich wahrgenommen hatte. Die Psalmen wurden zu einer Lebenslinie, weil sie meinen tief vergrabenen Gefühlen Worte verliehen. Die Evangelien offenbarten mir die Zärtlichkeit Christi und wie er uns in unserem Schmerz begegnet. Und in 1. Petrus sowie im 2. Korintherbrief begann ich zu erkennen, dass das Leiden meinen Glauben läuterte und eine ewige Herrlichkeit für mich vorbereitete. Nachdem ich den Reichtum der Schrift entdeckt hatte, wollte ich nirgendwo anders mehr hingehen. Zwischen den Versen, die mich einst so beunruhigt hatten, bemerkte ich auch Vers 68: „Du bist gut und tust Gutes.“ Dieser Vers wurde ein weiterer Schlüssel zum Verständnis meines Leidens. Nun konnte ich dem Charakter Gottes vertrauen und seine Güte in allem erkennen, sogar im Leiden.
Wenn wir Gottes größere Absichten im Leiden verstehen, betrachten wir Not und Bedrängnis anders. Jesus sagte seinen Jüngern, dass weder der blinde Mann noch seine Eltern gesündigt hatten, sondern dass seine Blindheit dazu diente, die Werke Gottes sichtbar zu machen (). Gott hatte sie zu seiner Verherrlichung bestimmt, nicht zur Bestrafung des Mannes. Ebenso erklärte Jesus in , dass die Galiläer keine größeren Sünder waren als andere Menschen, obwohl sie ein besonders schreckliches Ende erlitten. Und Hiob, ein gerechter Mann, kam nach seinem Leiden Gott sogar noch näher. Sein Leid wurde zu dem Ort, an dem Gott sich ihm am deutlichsten offenbarte. Hiob hatte zuvor von Gott gehört, doch durch das Leiden sah er ihn ().
Das Geschenk des Leidens
Ist unser Leiden also eine Strafe? Wenn wir mit „Strafe“ Gottes Zorn oder Vergeltung meinen, dann lautet die Antwort: Nein, niemals. Für diejenigen, die in Christus sind, gibt es „keine Verdammnis mehr“ (). Wenn du zu ihm gehörst, wurde deine ganze Strafe bereits von Christus getragen. Gott gießt seinen Zorn nicht durch dein Leiden über dich aus.
Unsere eigenen Entscheidungen können schmerzhafte Folgen nach sich ziehen. Aber selbst dann begegnet uns Gott nicht als verurteilender Richter, sondern als liebender Vater, der sogar unsere Fehler gebraucht, um uns zu sich zurückzubringen. Dieses väterliche Handeln nennt die Bibel Zucht oder Erziehung: Gott „züchtigt den, den er liebt, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt“ (). Manchmal beinhaltet diese Erziehung auch eine Korrektur unserer Sünde, wie Jesus sagt: „Welche ich liebe, die überführe und züchtige ich“ (). Doch selbst dann handelt es sich nicht um Verdammnis. Ihr Ziel ist vielmehr, „dass wir an seiner Heiligkeit Anteil bekommen“ und die „friedvolle Frucht der Gerechtigkeit“ hervorbringen (). Gott erzieht nicht im Zorn, sondern in Liebe; nicht zur Bestrafung, sondern zur Schulung.
Leiden ist daher nicht Vergeltung für Sünde, sondern ein Geschenk in den Händen eines guten Gottes, der es gebraucht, um uns das zu geben, was wir am dringendsten brauchen: eine Begegnung mit ihm selbst. Das Leiden hat mich Gott nähergebracht wie nichts anderes. Es hat mir die Schätze seines Wortes gezeigt, an denen ich früher achtlos vorbeigegangen war. Wahrhaftig, es war gut für mich, dass ich bedrängt wurde, denn gerade dort lernte ich, ihn zu lieben.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzt von Ronny Käthler. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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Über den Autor
Autor
Vaneetha Rendall Risner ist die Autorin mehrerer Bücher, darunter "This Was Never the Plan", "Watching for the Morning" sowie ihrer Memoiren "Walking Through Fire". Vaneetha lebt mit ihrem Ehemann Joel in Raleigh, North Carolina. Weitere Texte von ihr finden Sie auf ihrer Website. Außerdem ist sie eine regelmäßige Autorin bei Desiring God und wurde bereits bei FamilyLife Today, Joni & Friends und Christianity Today vorgestellt.
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