Neues Testament

Keine Rückkehr für Abtrünnige? Die wahre Bedeutung von Hebräer 6:4–6

Marcus Mininger6 Min. LesezeitQuelle: The Gospel Coalition

Auf einen Blick

Hebräer 6:4–6 bereitet vielen gläubigen Menschen Sorgen – besonders denen, die vom Glauben abgefallen sind. Dieser Artikel zeigt, was der Text wirklich bedeutet und warum er keine Tür vor reuigen Sündern verschließt.

Vor einigen Jahren schrieb mir eine Frau mit einer quälender Frage. Obwohl sie in der Gemeinde aufgewachsen war, hatte sie diese verlassen und war in Sünde geraten, nun bereute sie ihren Irrweg. Doch sie war sich nicht sicher, ob sie jemals zum Herrn zurückkehren und seine Vergebung empfangen könnte. Der Hauptgrund für ihre Unsicherheit war :

Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe gekostet haben und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind und das gute Wort Gottes geschmeckt haben und die Kräfte der kommenden Welt, und dann doch abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern, da sie den Sohn Gottes für sich selbst kreuzigen und zum Gespött machen.

Offensichtlich haben die in dieser Stelle beschriebenen Menschen viele Segnungen Gottes erfahren und sich dann abgewendet. Ebenso eindeutig macht der Verfasser eine kategorische Aussage darüber, dass Buße für sie „unmöglich“ sei. Was bedeutet das genau?

Leider verwässern einige verbreitete Auslegungen die Bedeutung dieser Stelle. Manche Gelehrten schlagen beispielsweise vor, das Wort „unmöglich“ bedeute lediglich „schwierig“. Die Stelle beziehe sich, so heißt es, auf eine besonders schwerwiegende Art des Abfallens, obwohl ihre Beschreibung des Abfallens denkbar schlicht ist: „abgefallen sind“. Andere meinen, der Hebräerbrief übertreibe aus rhetorischen Gründen. Solche Erklärungen werden dem Gewicht des Textes nicht gerecht.

Gleichzeitig widerspricht die Behauptung, dass jene, die Christus verleugnen, niemals zurückkehren und Vergebung empfangen könnten, anderen Stellen der Schrift, etwa dem Gleichnis vom verlorenen Sohn (), der Wiederherstellung des Petrus nach seiner dreimaligen Verleugnung Christi () und der Unterweisung des Paulus über den letztlich heilsamen Zweck des Gemeindeausschlusses ().

Wie lässt sich also eine Warnung wie heute treu verstehen und anwenden? Mein kürzlich erschienenes Buch behandelt diese Frage ausführlich, hier seien einige wesentliche Gesichtspunkte genannt.

Zwei Bedeutungen von Buße

Ein hilfreicher Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass „Buße“ in der Schrift mehrere Bedeutungen hat. Manchmal meint es ganz allgemein die reuige Abkehr von der Sünde und die Hinwendung zu Christus um der Vergebung willen (z. B. ; ). Wenn wir von Buße sprechen, meinen wir gewöhnlich diese Bedeutung.

Einige verbreitete Auslegungen verwässern die Bedeutung dieser Stelle.

In anderen Zusammenhängen trägt „Buße“ eine spezifischere Bedeutung: Sie beschreibt, wie Menschen im alten Bund in eine rechte Stellung vor Gott gelangten. Eine solche Bedeutung begegnet uns in . Paulus trifft dort auf Jünger, die unter dem alten Bund durch Johannes den Täufer getauft worden waren, aber noch nicht wussten, dass Christus gekommen war und an Pfingsten seinen Geist gesandt hatte.

Paulus erklärt, dass die Taufe der Buße durch Johannes nur vorbereitender Natur war und die Menschen in eine rechte Stellung im alten Bund brachte, während sie auf die Ankunft des neuen warteten (vgl. ; ). In diesem Sinne ist „Buße“ spezifisch für das Leben in der Epoche des alten Bundes: Sie ist das Eingangstor zu einer rechten Stellung in jenem Bund.

Welche dieser Bedeutungen liegt in vor?

Buße im Hebräerbrief

Die erste Aussage über Buße in findet sich in den Versen 1–2. Der Verfasser mahnt seine Leser, vorwärts zur Reife zu streben, anstatt „wieder den Grund zu legen mit Buße von toten Werken und Glauben an Gott, mit der Lehre von Taufen und Handauflegung und von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Gericht“.

Um zu verstehen, was hier gemeint ist, sollten wir zwei Eigenschaften antiker Fundamente beachten.

Erstens waren antike Fundamente, genauso wie moderne, auf Dauer ausgelegt. Die Wände oder Türen eines Gebäudes mochten im Laufe der Zeit repariert werden müssen. War aber das Fundament fehlerhaft, war das ganze Gebäude ruiniert, und die einzige Lösung bestand darin, von Grund auf neu zu beginnen. Wenn der Verfasser des Hebräerbriefs seine Leser ermahnt, kein neues Fundament zu legen, meint er damit, dass sie versucht waren, ihr gegenwärtiges Glaubensbekenntnis zu Christus aufzugeben und mit etwas völlig anderem von vorn anzufangen.

Zweitens bestanden antike Fundamente, anders als moderne, aus vielen Steinen, die zusammen das Wesen eines ganzen Gebäudes bestimmten. Deshalb werden die Fundamente des neuen Bundes an anderen Stellen der Schrift stets klar und nachdrücklich christuszentriert beschrieben. So gelten etwa die Lehre Christi (), das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus () und Christus selbst () als das Fundament der Gemeinde des neuen Bundes.

Man vergleiche dies mit dem Fundament in . Christus wird darin nicht nur nicht erwähnt, sondern alle seine Bestandteile sind im Hebräerbrief stark und in einigen Fällen ausschließlich mit dem alten Bund verbunden.

Einige Bestandteile dieses Fundaments sind für den alten wie den neuen Bund bedeutsam, etwa Glaube, Auferstehung und ewiges Gericht. Diese gemeinsamen Elemente bestätigen Kontinuitätsaspekte zwischen altem und neuem Bund. Doch der Glaube in wird nur als „Glaube an Gott“ bezeichnet, nicht als Glaube an Christus.

Einige Elemente dieses Fundaments gehören ausschließlich zum alten Bund. „Taufen“ (6:2; 9:10) etwa verweist auf die priesterlichen Riten des alten Bundes, wie sie am Versöhnungstag vollzogen wurden (3 Mo 16:4, 21, 24, 26, 28), die im Neuen Testament ihre Gültigkeit verloren hatten. Die „Handauflegung“ (; 9:9–14) beschreibt einen äußerlichen Akt der Priester des alten Bundes (3 Mo 16:21), den der Hebräerbrief dem inneren Wesen und der Wirksamkeit des neuen Bundes gegenüberstellt.

Das Fundament in hat also einen deutlich alttestamentlichen Charakter und das gilt ebenso für die dort erwähnte „Buße“. Zu ihrer Zeit war diese Buße eine große Wohltat Gottes: Sie bildete das Eingangstor in eine rechte Stellung im alten Bund vor dem Kommen Christi.

Die Warnung des Hebräerbriefes, damals und heute

Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Warnung in klar. Obwohl der alte Bund zu seiner Zeit eine gnädige Gabe Gottes war, ist es unmöglich, nach dem Erleben der größeren Segnungen Christi im neuen Bund zu der in Vers 1 genannten Buße zurückgekehrt zu werden. Der alte Bund war nur eine Vorbereitung auf Christus und die Segnungen des neuen Zeitalters.

sagt nicht, dass es unmöglich sei, für jene, die abgefallen sind, zu Christus zurückzukehren und Vergebung zu empfangen. Der Text besteht darauf, dass es unmöglich ist, den neuen Bund zu verlassen, Buße zu tun und zum Leben unter der mosaischen Ordnung zurückzukehren. Der Weg zwischen altem und neuem Bund ist nach Gottes Willen eine Einbahnstraße.

Der alte Bund war nur eine Vorbereitung auf Christus und die Segnungen des neuen Zeitalters.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Botschaft des Hebräerbriefs an gefallene Sünder lautet nicht, dass ihre Sünde so schwer wiegt, dass sie ihnen den Weg zurück zu Christus versperrt. Der Punkt ist vielmehr, dass gefallene Sünder an Christus festhalten sollen, denn es gibt keine Hoffnung auf Reinigung, auch nicht im alten Bund, ohne ihn.

Anstatt reuige Sünder von Christus und der Gemeinde wegzuweisen, drängt uns der Hebräerbrief also dazu, allein auf Christus zu schauen, als unsere Hoffnung und als die Quelle unserer Vergebung.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.

Teilen

Diesen Beitrag weitergeben

0 Kommentare

Noch keine Kommentare. Seien Sie der Erste!

Einen Kommentar hinterlassen

Wird nicht veröffentlicht

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit markiert.

Über den Autor

MM

Marcus Mininger

Autor

Beiträge über die Heilige Schrift, zentrale theologische Fragen und relevante Themen des Glaubens.

Alle Beiträge von Marcus Mininger →

Weiterlesen im Portal

Entdecken Sie weitere fundierte und verständliche Beiträge über die Heilige Schrift, zentrale theologische Fragen und relevante Themen des Glaubens.