Apologetik & Weltanschauungen

Sind Weltreligionen auf halbem Weg zu Gott?

Jon Hoglund6 Min. LesezeitQuelle: Desiring God

Auf einen Blick

Paulus nutzte in Athen den Altar des „unbekannten Gottes“, um zu zeigen, dass andere Religionen nicht auf halbem Weg zu Gott sind. Dieser Artikel untersucht, was das für die Begegnung mit Weltreligionen heute bedeutet.

In Jules Vernes Roman Reise um den Mond (1870) baut eine Gruppe begeisterter Schusswaffen-Enthusiasten des 19. Jahrhunderts eine kugelförmige Rakete, die sie zum Mond bringt. Leider stirbt auf dem Weg dorthin der Hund der Astronauten, und sie müssen den Körper loswerden. Ihr Weltraumexperte versichert ihnen, dass alles gut gehen werde, solange sie schnell genug seien, sie müssten ihn einfach durch das Fenster werfen. Sie öffnen und schließen die Luke rasch, und der Hund treibt ins All davon.

Heute wissen wir es besser. Das Ergebnis eines solchen Fehlers wäre wohl eher das, was Matt Damons Figur Dr. Mann im Film Interstellar erlebt. Er öffnet die Luftschleuse trotz einer mangelhaften Abdichtung zur Luke, mit katastrophalen Folgen. Wie die anderen Figuren im Film bemerken: „Was passiert, wenn man die Luftschleuse öffnet?“ „Nichts Gutes.“

Es gibt Fehler, die ein ganzes System zum Einsturz bringen. Die extremen Bedingungen des Weltraums oder der Tiefsee machen das für Wesen wie uns deutlich, die an die Erde gebunden sind. Es gibt keinen „kleinen“ Riss in einem Raumschiff und keinen „unbedeutenden“ Riss in einem U-Boot.

Das christliche Evangelium behauptet, dass jede andere Religion zu kurz greift. Aber wie wirken sich die Fehler in den Weltreligionen auf deren Integrität aus? Sind diese Mängel austauschbare Teile, die einfach ersetzt werden können — oder sind sie fester Bestandteil eines Systems, das dem Zusammenbruch geweiht ist? Paulus‘ Entscheidung, die Athener am Altar des „unbekannten Gottes“ abzuholen, deutet auf Letzteres hin. Wenn wir seiner Vorgehensweise aufmerksam folgen, lernen wir, wie wir Freunde und Nachbarn anderer Religionen am besten ansprechen können.

Unbekannte Götter

Hätten wir Athen im ersten Jahrhundert besucht, wäre uns die Hingabe der Stadt an die griechischen Götter nicht verborgen geblieben. Zeitgenössische Berichte sprechen von Tempeln und Altären in jede Richtung, und es gibt heute sowohl literarische als auch archäologische Belege für Altäre, die dem „unbekannten“ Gott oder den „unbekannten“ Göttern geweiht waren.

Als der Apostel Paulus in Athen ankam, diskutierte er über das Evangelium in der Synagoge, auf dem Marktplatz und mit stoischen und epikureischen Philosophen (). Als der Areopag ihn dann aufforderte, seine Absichten und den Gott oder die Götter, die er verkündigte, darzulegen (), begann er mit der athenischen Religion.

In seiner Rede vor dem Areopag weist er auf diesen „unbekannten Gott“ hin:

Als ich umherging und eure Heiligtümer betrachtete, fand ich auch einen Altar, auf dem stand: »Dem unbekannten Gott«. Was ihr nun verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch. ()

Man könnte versucht sein, diesen Altar als eine Brücke oder vielleicht als eine Luftschleuse zu sehen, die die griechisch-mythologische Gottesvorstellung mit dem christlichen Gott verbindet, als hätten die Griechen bereits die Hälfte des Weges zu Gott zurückgelegt. Tatsächlich greift Paulus Andeutungen aus der griechischen Philosophie über das wahre Wesen Gottes auf. Er zitiert überlieferte griechische Weisheit: „In ihm leben, weben und sind wir“ (a), um zu zeigen, dass die meisten Menschen einen transzendenten Bereich des Göttlichen anerkennen. „Wir sind seines Geschlechts“ (b) verweist auf unseren Ursprung als Geschöpfe. Nachdenkliche Griechen erkannten hier Gottes „ewige Kraft und Gottheit“ (). Und auch heute noch, obwohl weder Konfuzius noch der Buddhismus ausdrücklich eine höchste Gottheit bejahen, erkennen die meisten Menschen in Vietnam „Ông Trời“, den Großvater Himmel, als oberste Instanz an.

Doch obwohl die Griechen etwas Reales über den göttlichen Bereich erkannten, stellt Paulus fest, dass die griechische Religion nicht einmal annähernd in der Lage ist, Gott in seiner Fülle zu beschreiben. Statt einer Andockstation, die die griechische Religion mit dem Christentum verbindet, verweist der „unbekannte Gott“ auf ein offenes Fenster und auf ein katastrophales Versagen im griechischen System.

Unbekannte Götter hinterlassen unbekannte Lücken

Der unbekannte Gott zeigt, dass die heidnische Religion eine Lücke von unbekannter Größe und unbekannter Bedeutung enthält. „Wie schlimm ist es eigentlich, dass es Götter gibt, die wir nicht kennen?“ Die ehrliche Antwort der vorchristlichen Heiden musste lauten: „Wir wissen es nicht.“

Indem Paulus den unbekannten Gott in den Vordergrund rückt, zeichnet er ein entscheidendes Bild der religiösen Welt. „Dieses ganze Pantheon“, scheint er zu sagen, „erweckt den Eindruck eines umfassenden Wissens über das Göttliche. Sicherlich reicht diese Vielzahl von Göttern aus, um das Übernatürliche zu kennen, oder? Und doch gibt es in eurem eigenen System eine Lücke in der Rüstung, einen Spalt im Gebälk.“ Oder um im Bild zu bleiben: ein Fenster, das offen steht und direkt in das Vakuum des Weltraums führt.

Einen unbekannten Gott zu verehren bedeutet, zuzugeben, dass das eigene System unvollständig ist und diese Religion somit noch nicht einmal auf halbem Weg zu einer echten Erkenntnis Gottes gelangt ist.

„Einen unbekannten Gott zu verehren bedeutet zuzugeben, dass dein System unvollständig ist.“

Diese Einsicht bestätigt sich, wenn wir bedenken, dass Paulus aus vielen anderen Göttern und Göttinnen hätte wählen können. Er hätte jeden der anderen Altäre nehmen können. Warum nicht den Altar des Zeus? Er hätte sagen können: „Ihr verehrt Zeus als Oberhaupt der Götter, aber ich verkündige euch den wahren Zeus, das wirkliche Oberhaupt aller Götter.“ Warum nicht einen Altar des Apollon, der die Wahrheit spricht? Oder der Athene, die Weisheit schenkt?

Stattdessen wählt er eine Lücke in ihrem Wissen und nutzt sie. Hätten die Athener den Bereich des Göttlichen als Tortendiagramm dargestellt, hätten sie vielleicht ein Prozent davon dem unbekannten Gott gewidmet. Aber Paulus erklärt: Indem sie den unbekannten Gott in ihrem System beließen, haben sie enthüllt, dass sie wirklich keine Ahnung hatten, wie viel des Diagramms er tatsächlich einnimmt; keine Ahnung, wer oder was dieser Gott ist. Vielleicht hatten sie ihn als, auf einen bestimmten Lebensbereich eingeschränkt, eingeordnet, ähnlich wie die Athener einem Gott namens „Fieber“ Opfer darbrachten. Aber dieser unbekannte Gott, so Paulus, könnte der Gott über allem sein, der transzendente Gott, dem keine Menschenhände dienen, der Gott, der nicht in dieselbe Kategorie wie die anderen sogenannten Götter eingeordnet werden kann.

Nicht auf halbem Weg

Die Athener lebten vielleicht von einem Gebet zum unbekannten Gott, aber sie waren wie Paulus deutlich macht nicht auf halbem Weg zu ihm. Mochte ihre Suche nach dem Göttlichen auch aufrichtig sein, so hatte ihr religiöses System keinen Platz für den wahren Gott, der alle anderen überragt. Dasselbe gilt für die Weltreligionen heute. Wer sich als christlicher Zeuge mit anderen Religionen und Weltanschauungen auseinandersetzt, sucht dabei in erster Linie nicht nach gemeinsamen Grundlagen, sondern zeigt auf, wie das Evangelium die Gewissheit jener Weltanschauungen untergräbt oder ihre undichte Luftschleuse sichtbar macht.

Paulus verwendet zwar athenische religiöse Begriffe, wenn er auf Gott hinweist, doch der Kern seiner Rede in besteht darin zu zeigen, dass der christliche Gott alle anderen Gottesvorstellungen überwindet. Wenn Christen dem Islam, dem Buddhismus und dem Hinduismus begegnen, täten sie gut daran, sich an Paulus‘ Schlussfolgerungen zu erinnern: dass Ungläubige „entfremdet sind von dem Leben, das aus Gott kommt, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist“ (). Es gibt eine Unwissenheit über den wahren Gott bei denen, „die Gott nicht kennen“ (). Eine Aufgabe des christlichen Evangelisten ist es, diese Unwissenheit ans Licht zu bringen.

Das führt zu einer evangelistischen Praxis, die danach sucht, wo jemand eine Unstimmigkeit im eigenen Glauben wahrnehmen könnte. Nabeel Qureshi etwa spürte einen Widerspruch zwischen Mohammeds Anspruch, ein Prophet des Friedens zu sein, und seiner tatsächlichen Praxis. Das ließ die Luft aus Qureshis Vertrauen in den Islam.

Wenn wir Paulus‘ Rede auf dem Areopag als Modell nehmen, werden wir Weltreligionen als fehlerhafte Systeme betrachten, die dem Zusammenbruch ausgesetzt sind. Mögen sie auch Funken der Wahrheit enthalten, doch ihre Irrtümer und offenen Fragen lassen sich nicht einfach mit Klebeband beheben, wie man ein Leck in einem Raumschiff zu flicken versucht. Ein völlig neues Raumschiff ist gefragt.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.

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