„Für jedes Leben – von Anfang an“ – Gespräch mit einer unermüdlichen Lebensschützerin

Wir danken Frau Dr. Friederike Hoffmann-Klein für die Beantwortung unserer Fragen. Die Stimmen, die sich aktiv für den Schutz des ungeborenen Lebens einsetzen werden immer weniger. Ein Fels in der Brandung sind hier die Christdemokraten für das Leben (CDL), die in Fragen Lebensschutz eine klare und eindeutige Haltung behalten und sowohl fundiertes Informationsmaterial anbieten, Aktionen durchführen und eine Möglichkeit zur Vernetzung sind. Was ist lebenswertes Leben wird die Frage sein, die in Zukunft immer häufiger debattiert wird und gleichzeitig auch zunehmend immer mehr Leben als lebensunwert erklären wird.

Redaktion von Dreieinigkeit.de (D): Wieso setzen Sie sich persönlich so intensiv für das ungeborene Leben ein, dass Sie aktiv als Vorstand beim CDL tätig sind?

Friedericke Hoffmann-Klein (F): Ich bin vor 22 Jahren durch die Abtreibung einer guten Freundin, die damals in einer schwierigen Situation war, auf dieses Thema gekommen. Die Abtreibung konnten wir trotz unserer Bemühung nicht verhindern, aber sie war es, die mir damals Material mitbrachte, das tatsächlich in der Abtreibungspraxis auslag und sich mit dem Lebensschutz befasste. Ich habe dann viel gelesen und irgendwann mit der CDL Kontakt aufgenommen und mein
Interesse an aktiver Mitarbeit bekundet. Einige Zeit danach wurde ich von einer Dame kontaktiert, der Ehrenvorsitzenden und früheren Landesvorsitzenden, Julia Schätzle. Sie hat mich in das Thema tiefer eingeführt und 2003 für den Landesvorstand Baden-Württemberg
vorgeschlagen. Dort bin ich seit dieser Zeit im Vorstand, seit 2004 auch im Bundesvorstand. Bis 2024 war ich stellvertretende Landesvorsitzende und seitdem Landesvorsitzende vom CDL Baden Württemberg.

(D): Kann man heute noch etwas für Lebensschutz tun? Kennt die Debatte über die
Abtreibung nicht nur eine Richtung?

(F): Das Bewusstsein für den Wert eines jeden Lebens ist vollkommen abhandengekommen. Das Denken allein aus einer einzigen Perspektive dominiert, es zählt nur die Frage, ob eine Schwangerschaft gerade passt oder nicht. Umso wichtiger ist es, dass man dagegen die Stimme erhebt. Dass diejenigen, die Abtreibung als das erkannt haben, was sie ist, nämlich ein Unrecht (und in dem Fall ein teilweise legalisiertes Unrecht), nicht müde werden, darauf hinzuweisen. Das Unrecht beim Namen zu nennen und dafür eine mahnende, unbequeme Stimme zu sein. Allein die Existenz des Widerstands ist wichtig, heute wie damals, während der NS-Zeit. Der „Erfolg“ ist demgegenüber sogar zweitrangig.

(D): Welche Entwicklungen sind mit der (möglichen?) Berufung von Brosius-Gersdorf als
Bundesverfassungsrichter in der Entwicklung der Abtreibungsfrage zu erwarten?

(F): Frau Brosius-Gersdorf vertritt in Bezug auf das wichtigste Grundrecht, das Recht auf Leben, und in Bezug auf die allen Grundrechten voranstehende Garantie der Menschenwürde eine Position, die unhaltbar ist. Eine Verfassungsrichterin, die wesentliche Grundrechte in Frage
stellt – und das tut sie, indem sie Abstufungen vornimmt, indem sie sie nur bestimmten Gruppen von Menschen, nämlich den geborenen, zugesteht – ist für das Amt nicht geeignet. Sie hat keine Argumente für ihre Position, es ist eine reine „Argumentation“ im Hinblick auf
das wünschenswerte Ergebnis. In einem im Jahr 2016 in der „Zeitschrift für Lebensrecht“ (ZfL) veröffentlichten Artikel habe ich mich mit dieser Argumentation, die ja die Argumentation ihres Doktorvaters ist, näher auseinandergesetzt. Sie ist nicht haltbar. Das sog. Konzept des abgestuften Würdeschutzes, das Horst Dreier als Kommentator des
renommierten Grundgesetzkommentars Maunz/Dürig entwickelt hat, stellt auf unterschiedliche Phasen der Entwicklung des menschlichen Lebens ab und vertritt hierfür unterschiedliche Grade der Schutzwürdigkeit. Dies aber ist eine absolute Scheinlogik. Horst
Dreier und sein Kollege Matthias Herdegen vertreten einen Schutz der Menschenwürde mit entwicklungsabhängiger Intensität. Beide Autoren beziehen damit zwar grundsätzlich den Schutz der Menschenwürde auf menschliches Leben jeden Entwicklungsstadiums (Stufe des
„Ob“), lassen dabei aber Raum für eine entwicklungsabhängige Steigerung der Schutzintensität (Stufe des „Wie“). Herdegen nennt dies eine situationsgebundene Konkretisierung. Dabei erscheint ihm als Vorteil einer solch „entwicklungsorientierten Sichtweise“, dass damit die Schwierigkeit künstlicher, an bestimmte Entwicklungsschritte
anknüpfender Zäsuren vermieden werde. Dass dies einen Bruch mit dem bislang herrschenden Würdeverständnis bedeutet, ist ihm dabei durchaus bewusst. Diese scheinbar plausible Unterscheidung führt in die Irre. Tatsächlich geht es nämlich nicht um Kategorien unterschiedlicher Schutzbedürftigkeit. Das Leben ist unteilbar. Wird es in seiner Frühphase
nicht geschützt, dann wird es nicht geschützt, obwohl es sich nicht von dem stärker geschützten Leben unterscheidet. Man kann sich ausrechnen, was die Berufung einer solchen Richterin, die den Beginn des
Lebensrechts und der Menschenwürde auf die Geburt festlegt, für einen Schaden anrichten kann.

(D): Was kann jeder einzelne unternehmen? Welches sind gute Wege für den
Otto-Normal-Bürger sich für den Schutz des ungeborenen Lebens einzusetzen?


(F): Was man immer unternehmen kann – seine Position äußern, in den sozialen Medien, durch Leserbriefe, durch die Teilnahme an Kundgebungen wie dem Marsch für das Leben, der ja inzwischen nicht nur einmal im Jahr in Berlin stattfindet, sondern auch in Köln und in
München. Auch auf örtlicher Ebene gibt es solche Veranstaltungen. Man kann, des Weiteren, Mitglied werden in den verschiedenen Pro-Life-Organisationen, die unterschiedliche Schwerpunkte haben, aber alle demselben Ziel dienen. Man kann in seinem privaten Umfeld die Position des Lebens vertreten.

(D): Kann man Abtreibungsbefürworter erreichen, in ihrem Denken verändern? Welche Argumente ziehen heute noch? Wo findet man gute Informationen zu diesem Thema?
Schwierig! Es ist ja nicht so, dass es für die Pro-Life-Position keine Argumente gäbe! Das wissen die Abtreibungsgegner auch. Sie wollen es aber nicht wissen. Das beste Argument nützt bekanntlich nichts, wenn der andere nicht „wissen“, nicht sehen will. Wenn er seine Position nicht in Frage stellen will.

(D): Häufig werden Notsituationen wie Missbrauch oder Armut als Ursachen als
Abtreibungsgründe genannt? Was sind die wirklichen und häufigsten Ursachen für
Abtreibungen

(F): Ich würde sagen, es sind nicht primär finanzielle Gründe, sondern Beziehungsprobleme und – konflikte. Am häufigsten wahrscheinlich, der Partner, oder überhaupt das Umfeld, das einen nicht unterstützt. Es gibt nichts Schlimmeres für eine Frau, die schwanger ist, als die fehlende Unterstützung, die fehlende Freude in ihrer Umgebung. Am Wichtigsten ist hier natürlich der Partner. Aber auch die Familie, die Eltern, Geschwister, Freunde. Wie reagieren sie? Freuen sie sich über die Schwangerschaft? Oder ist das für sie eher eine schlechte Nachricht. In dieser sensiblen Phase gibt es nichts, was einem mehr die Kraft nehmen
könnte, als diese Zurückhaltung oder Gleichgültigkeit der Umgebung. Umgekehrt gilt das auch. Wenn nur ein einziger Mensch da ist, der sagt, „das schaffen wir“, dann sieht es anders aus. Natürlich gibt es auch die Situation der falschen, der unglückliche Beziehung, in der eine
Schwangerschaft als Katastrophe erscheint, weil sie den Weg nach vorn zu versperren scheint. Aber auch das ist ein Irrtum. Ein Kind verbaut nicht eine spätere glückliche Beziehung und es zwingt nicht zur Fortsetzung der falschen. Von einem Mann kann man sich trennen, von einem Kind nicht, auch dann nicht, wenn es noch ungeboren ist. Das wäre der
größte Fehler.

(D): Wie würde eine richtige Unterstützung von Frauen aussehen, die erwägen Ihr Kind abzutreiben oder durch eine durchgeführte Abtreibung leiden?


(F): Beratung „für das Leben“. Beratungsstellen wie „Tiqua“ oder „1000 plus“ oder die Hotline der ALfA, VitaL, leisten bereits Großartiges auf diesem Gebiet. Sie müssten noch besser bekannt gemacht werden.
Eine positivere Einstellung in der Gesellschaft „dem Leben“, also Kindern gegenüber wäre ein wichtiger Punkt. Gott sei Dank hat sich heute die Haltung gegenüber „ledigen Müttern“ gegenüber früheren, verurteilenden Sichtweisen vollkommen gewandelt. Aber dies ist
erstmal nur die Aufgabe einer negativen Sichtweise. Eine unerwartete, „ungewollte“ Schwangerschaft wird immer noch zu sehr als Beeinträchtigung der Lebensplanung gesehen. Das Kind ist noch nicht im Blick. Und ein Kind ist immer ein Glück und eine Bereicherung, nicht nur für die Familie, sondern für die Gesellschaft.

Auch die Rechtsordnung könnte dazu beitragen, ein verändertes Bewusstsein zu schaffen. Durch eine angemessene Anerkennung der Mutterschaft im Rahmen der Sozialversicherung. Durch ein „Begrüßungsgeld“ für ein drittes oder viertes Kind. Durch eine Mütterrente, die diesen Namen verdient. Was letzteres betrifft, das Leiden nach Abtreibung, hier hilft Seelsorge oder eine Psychotherapie, die das Leiden nach Abtreibung anerkennt als post-traumatische
Belastungsstörung.

(D): Vielen Dank für das Gespräch!

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