Das Letzte, woran ich mich erinnere, bevor ich in einen tiefen Schlaf fiel und zu träumen begann, war die Lektüre von Jesu Gleichnis über den unfruchtbaren Feigenbaum:
Es hatte aber einer einen Feigenbaum, der war in seinem Weinberg gepflanzt, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dieses Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn nicht, so hau ihn ab. ()
Plötzlich glitt ich in meinen Traum ab. Ich hielt einen Wanderstab in der Hand und folgte einem schmalen Pfad. Tagelang überquerte ich Flüsse und Straßen, bis ich, halb verhungert, auf einen Obstbaum stieß. Erfreut über das satte Grün der Blätter, Gottes Versprechen auf Frucht, streckte ich die Hand zwischen seine Äste, doch vergebens.
Ich versuchte es an einer anderen Seite, an einem anderen Ast: Blätter. Ich umrundete den ganzen Baum und kletterte sogar hinauf, um nachzusehen, ob sich Früchte außerhalb der Reichweite hungriger Tiere wie mir verborgen hielten. Aber nein. Nichts. Nur Blätter.
„Was für ein nutzloser Baum“, murmelte ich enttäuscht.
„Was für ein nutzloser Kerl“, schoss der Baum zurück.
Der fruchtlose Baum
Nicht gewohnt, dass Bäume sprechen, fiel ich von seiner Krone. Das tiefe Stöhnen des Baumes begleitete mich hinab auf den Boden, ebenso wie die Äste, die mit mir herabstürzten wie einst Luzifers Engel.
„Du kannst reden!“, rief ich aus, nachdem ich aufgeprallt war, halb erstaunt, halb beschämt.
„Du kannst hören!“, kläffte der Baum. „Sag mir, ist es deine gewöhnliche Art, unschuldige Fremde zu belästigen und sie dann auch noch zu beleidigen?“
„Nein“, sagte ich, verwirrt, einem Baum Rede und Antwort zu stehen. „Aber mein Magen knurrt vor Hunger, und du bist schließlich ein Obstbaum. Wo ist deine Frucht?“
„Junger Mann, meine Wurzeln haben aus dieser Erde gezogen, lange bevor du zum ersten Mal auf einen Ast geklettert bist, um zu stehlen, was du nie selbst hervorgebracht hast“, sagte der Baum hochmütig. „Falls es die Weisheit noch nicht erwähnt hat: Sprich respektvoll mit deinen Älteren, und maße dir nie an, über die Frucht anderer zu urteilen.“
„Aber siehst du nicht, dass es gar keine Frucht gibt, weder zum Essen noch zum Beurteilen? Ich frage nur, weil mir deine Seele am Herzen liegt.“
„Ja, ja, du bist die zweite Person diese Woche, die zu mir kommt, auf der Suche nach Frucht, mein Wesen in Frage stellend und ihre Kritik als ‚Sorge um meine Seele‘ verkleidend“, sagte der Baum mit ungeduldigem Rascheln seiner Blätter. „Ich muss sagen, wenigstens hast du nicht erklärt, dass ich ‚dem Boden die Kraft nehme‘, und auch nicht gedroht, nächstes Jahr wiederzukommen, um meine Frucht erneut zu prüfen. Jedes Jahr kommt dieser Reisende, urteilt und inspiziert. Sein Begleiter musste sich für mich einsetzen, damit er seinen heißen Unmut zurückhielt. Abhauen soll ich, wenn ich im nächsten Jahr nicht seinen Erwartungen entspreche.“
„Besser ein flügelloser Vogel, ein flossenloser Fisch oder ein höhenloses Gebirge als ein spöttischer, fruchtloser Obstbaum.“
„Zitterst du nicht“, fragte ich, „ob das vielleicht der große Herr des Weinbergs war? Hat er nicht das Recht, dich zu entwurzeln, wenn du dich weigerst, so zu leben, wie er dich berufen hat? Du gehörst ihm, stehst auf seinem Land, verdankst ihm alles oder etwa nicht? Außerdem bist du doch verpflichtet, in Wirklichkeit das zu sein, was du von dir behauptest. Wenn ein Mensch Arzt ist, muss er tatsächlich heilen. Wenn er ein Christ ist, muss er so wandeln, wie Christus gewandelt ist. Besser ein flügelloser Vogel, ein flossenloser Fisch oder ein höhenloses Gebirge als ein spöttischer, fruchtloser Obstbaum.“
„Ich tue mehr, als von mir verlangt wird“, erklärte der Baum, „und gewiss mehr als andere. Aufrecht genug, gesund genug, ich wachse aufwärts zum Himmel und male das Blau mit grünen Blättern an. Ich mache Musik, wenn der Wind durch meine vielen Arme rauscht. Meine Blätter ernähren hungrige Raupen unten, und meine Äste schützen Vögel oben. Auf meine eigene Art bin ich durchaus nützlich. Ich zweifle nicht daran, dass der König mich loben wird, wenn ich ihn herzlich mit ‚Herr, Herr‘ anspreche“ ().
Der immergrüne Baum
„Aber ein Obstbaum sollte mehr sein als ein Raupenversorger“, widersprach ich. „Und was das Übertreffen anderer betrifft, da kann ich dir keinen Augenblick zustimmen. Gleich hier auf diesem Weg begegnete ich einem Baum am Bach, der mir Frucht in seiner Zeit gab (), und einem Weinstock im Weinberg, der die saftigsten Trauben anbot. Beide haben mein Bedürfnis vollkommen gestillt.“
„Ach, so jung an Jahren, und doch so alt an Meinungen“, sagte der Baum mit einem Gähnen. „Ja, schauen wir uns diese beiden anderen an, von denen du so eingenommen scheinst. Zunächst der Baum, der unten am Fluss gepflanzt ist. Ich habe das Lob gehört, wie er immergrün bleibt, selbst im Winter. Ich will nicht leugnen, dass er für viele Wanderer auf dem Weg Frucht getragen hat, sodass Lieder ihn als ‚selig‘ preisen (). Schön. Er kann euch müßigen Landstreichern wie dir eine kostenlose Mahlzeit bieten. Aber hast du seine schreckliche Abgesondertheit bemerkt? Oh, wie entsetzlich er sich absondert!“
„Aber sondert er sich nicht ab, weil er Gott sucht statt weltlicher Dinge?“, hielt ich dagegen.
„Hah! So behauptet er, aber um welchen Preis?“, sagte der Baum. „Er weigert sich aufs Entschiedenste, mit Menschen umzugehen, die nicht seinesgleichen sind; er lehnt jeden Rat ab, der seinen hohen Maßstäben nicht genügt; und am schlimmsten: Er kann keinen Spaß vertragen. Seine Andersartigkeit ist so ermüdend, dass selbst ich, auch ein Obstbaum, seine Gesellschaft nicht lange ertrage. Und dann dieses ewige Murmeln der Lehre des Herrn vor sich hin. Zu fromm ist meine Beschreibung, da du mich dazu gebracht hast. Er ist in dieser Welt, aber nicht wirklich von ihr und das kann kaum sein Zweck sein. Warum ist er noch hier, wenn er sich vorstellt, seine Heimat sei anderswo? Mein Motto war stets: ‚Die Heimat liegt genau unter deinem Stamm.'“
Die Frucht des Weinstocks
„Und was ist mit den Reben, die Frucht des Weinstocks tragen?“, fragte ich.
„Oh, mein lieber Freund, das weißt du wohl nicht“, sagte der Baum. „Dass irgendjemand diese elenden Rebe sein wollte, so viel Frucht sie auch trüge! Du musst von den Gerüchten nichts wissen. Ihr Besitzer ist äußerst wachsam und brutal. Er läuft angeblich mit einem Messer herum und sucht Äste zum Abschneiden und Blätter zum Stutzen. Er macht es sich zur Aufgabe, zu beschneiden und zu kappen und wegzuschneiden, wer könnte ein solches Leben ernsthaft wollen? Wenn zehn Trauben dort entstünden, wo ein Arm oder eine Hand oder ein Auge abgeschnitten wurde, ich würde diesen Tausch niemals eingehen ().“
„Aber sicherlich“, unterbrach ich ihn, „willst du doch gute Frucht tragen? Sicherlich wünschst du, wenn der Herr des Obstgartens vorbeikommt, das darzureichen, was ihm Freude bereitet? Könnte es eine größere Ehre für einen Obstbaum geben, als dem König und seinem Volk Frucht anzubieten? Er braucht sie nicht, natürlich nicht, aber das zu sein, wozu er dich gemacht hat, und dass der Herr daran Freude hat: Ist das nicht dein eigentlicher Zweck?“
„Ah, jetzt sehe ich dich deutlich genug: Du kannst nicht einmal das Wort Gnade aussprechen“, sagte der Baum. „Du verehrst Mose mit seinen Gesetzen und Warnungen und drohenden Himmeln. Ich lebe im Sonnenschein der Barmherzigkeit. Mein Aufseher besteht nicht auf einem heiligen Leben und einem heiligen Wandel, denn das würde bedeuten, unser Heil verdienen zu wollen. Deine nichtigen Bedenken bewegen mich daher nicht; ich bin fest in der Überzeugung verwurzelt, dass Gott es mit dem, was du vielleicht Buße, Heiligkeit oder gute Werke nennst, nicht allzu genau nimmt.“
„Aber ich habe gehört, dass der Glaube ohne Werke tot ist“, sagte ich, meine Beunruhigung wuchs von Minute zu Minute (). „Wer nicht in dem Weinstock bleibt, wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt (). Wir werden nicht durch unsere Werke gerettet, das stimmt. Wir tragen Frucht durch unser Bleiben in ihm. Aber ein Glaube, der keine Frucht trägt, kann dieser Glaube ihn retten? ().“
„Beweine mich so viel du willst, drohe mir mit dem Verdorren, verfluche mich, hau mich ab, das sind die leeren Drohungen des Gesetzes, von dem ich eindeutig befreit bin“, sagte der Baum, seine Blätter zitterten in Aufregung. „Ich werde meine Äste keiner Gesetzesreligion beugen. Zeig deinen Glauben durch deine Werke, so viel du willst, zu deinem eigenen Ruhm, ich aber werde dir meinen Glauben durch meinen Glauben zeigen. Ich brauche nichts als Blätter; mein Herr wird alles Nötige bringen. Dein Verfluchen und Klagen ist die Stimme des Feindes, nicht die der ewigen Barmherzigkeit.“
Aufwachen und leben
Ich erwachte in kaltem Schweiß. Was wurde aus dem törichten Baum? Hat er schließlich doch noch „Frucht der Buße“ getragen ()? Wurde er zu seiner völligen Bestürzung gefällt? Ist er im Herrn geblieben und in Heiligkeit und Liebe gewachsen oder hat er seine Tage damit verbracht, auf Gnade zu spekulieren, um letztlich mit einer leeren Religion zu sterben? Hat er die Herrlichkeit eines nützlichen Lebens im Dienst des Herrn entdeckt, gestärkt durch Gnade? Oder wurde er beim Kommen des Herrn von Entsetzen ergriffen?
Lieber Leser, lass uns die Lektion von Jesu Gleichnis lernen: Religiöse Lippen sind nichts ohne ein Herz und ein Leben, das folgt. Bleib mit Freuden in ihm und geh und trage Frucht, damit er nicht wiederkommt und deine Äste kahl vorfindet.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.
