ZUSAMMENFASSUNG: Gott stellte sich Mose mit einem göttlichen Namen vor: JHWH. Dieser Name erscheint in verschiedenen Übersetzungen als Jehova, Jahwe oder HERR, verweist aber stets auf die Lehre der göttlichen Aseität. Die jüdische Tradition vermied die Aussprache des Gottesnamens, was das Neue Testament übernahm und sowohl Gott als auch Jesus als „Herr“ bezeichnete. Christen müssen heute weder zögern, den göttlichen Namen auszusprechen, noch die Verwendung von Ersatzformen ablehnen. Übersetzer und Prediger täten jedoch gut daran, den Unterschied zwischen Gottes Name und seinen Titeln im Blick zu behalten, wenn sie anderen helfen, ihn persönlich kennenzulernen.
Gelobt sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn er hat Weisheit und Stärke. ()
Eines der ersten Dinge, die Christen über den Gott der Bibel wissen sollten, ist: Er hat einen persönlichen Namen. Das deutsche Wort Gott ist kein Eigenname, sondern ein Gattungsbegriff, ähnlich wie Stuhl, Berg oder König. Bei Menschen unterscheiden wir ganz selbstverständlich durch Namen: Johannes, Maria, Hannah. Wir sagen nicht: „Mensch Nr. 1, Mensch Nr. 2, Mensch Nr. 3.“ Als Christen unterscheiden wir den wahren Gott Israels von anderen Göttern in der Schrift durch Großschreibung („Gott“ vs. „Götter“). Aber da unser Gott eine personale Wesenheit ist, sollten wir auch anerkennen, dass er einen einzigartigen persönlichen Namen trägt. Wir sollten deshalb so sein wie die versklavten Israeliten in Ägypten, von denen Mose voraussieht, dass sie nach ihrem bald kommenden Retter fragen werden: „Wie heißt er?“ ().
In diesem Artikel untersuche ich den Namen Gottes, so wie er ihn seinem Volk im Lauf der Heilsgeschichte offenbart. Zunächst betrachte ich verschiedene Titel für Gott und andere Götter, dann bespreche ich den Namen, mit dem Gott sich selbst offenbart, den unterschiedlichen Umgang des Gottesvolkes mit diesem Namen – und warum die Beschäftigung mit Gottes Namen auch heute noch wichtig ist, besonders für die Arbeit der Bibelübersetzung.
Was steckt in einem Titel?
Bevor wir den Namen Gottes betrachten, müssen wir noch stärker zwischen Eigennamen und Titeln (bzw. Epitheta) unterscheiden. Das Wort Baal etwa gilt allgemein als Name, ist aber streng genommen ein Titel (genauer: ein Epitheton) einer bestimmten kanaanäischen Gottheit. In den kanaanäischen Sprachen, einschließlich des Hebräischen, bedeutet das Wort baʕal schlicht „Herr“ oder „Gebieter“.1 Die Gottheit, die wir Baal nennen, war in Wirklichkeit der Sturm- und Wettergott Hadad (oder Haddu). Die Kanaanäer gaben Hadad häufig das Epitheton baʕal (Herr). In bestimmten Zusammenhängen konnte baʕal auch „Ehemann“ bedeuten. Diese semantische Breite ermöglicht dem Propheten Hosea ein kunstvolles Wortspiel: „Zu der Zeit, spricht der HERR, wirst du mich ›mein Mann‹ [ʔîšî = „mein Gemahl“] nennen und mich nicht mehr ›mein Baal‹ [baʕlî = „mein Herr“] nennen“ (). Der Prophet geißelt damit den religiösen Synkretismus der nördlichen Stämme, die auf beschämende Weise die Verehrung des wahren Gottes mit dem falschen Kult der kanaanäischen Gottheit Hadad vermischt hatten.
Dabei sollten wir festhalten: Auch der dreieinige Gott der Schrift trägt viele Titel und Epitheta. Am bekanntesten ist, dass der fleischgewordene Sohn Gottes im Neuen Testament hunderte Male als Christus bezeichnet wird. Das ist kein Familienname, wie manche meinen, sondern ein höchst bedeutungsvoller Titel: Christós ist ein griechisches Wort und bedeutet „der Gesalbte“, eine direkte Übersetzung des hebräischen Äquivalents māšîaḥ (ebenfalls „der Gesalbte“). Er heißt Christus, weil er die Erfüllung der drei großen Ämter des Alten Testaments ist, deren Inhaber mit Öl gesalbt wurden (eine Form der Weihe): Propheten, Priester und Könige.
Titel und Epitheta sind meist kurze, bedeutungsreiche Beschreibungen von Personen. Die biblischen Gottestitel sind dabei äußerst vielfältig. Ein Titel kann lang und präzise sein: „Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.“ Dieser Titel ist erstaunlicherweise selbstbezüglich und schließt gleichzeitig Menschen ein, der Gott des Universums beschreibt sich also in Beziehung zu sündigen Geschöpfen. Ein biblischer Titel kann aber auch rätselhaft und geheimnisvoll sein. So rätseln Gelehrte noch immer über die Bedeutung des hebräischen Titels ʔĒl Šadday (El Schaddai). Meist wird er mit „Gott, der Allmächtige“ wiedergegeben, doch die eigentliche Bedeutung dieses alten Titels bleibt unklar. Bestimmte Titel können auch weitgehend auf einen einzigen biblischen Verfasser beschränkt sein. Jesajas bevorzugter Gottestitel zum Beispiel, den kaum jemand sonst verwendet, lautet „der Heilige Israels“.2
Diese Titel tragen enorme theologische Bedeutung für das Verständnis dessen, wer Gott ist, besonders in seiner Bundestreue gegenüber seinem Volk. Aber sie sind für sich genommen nicht sein Name.
Gottes geheimnisvoller Name
Was ist also der eigentliche Name des Gottes Israels? Im biblischen Hebräisch wird er durch eine Folge von vier Konsonanten dargestellt, das berühmte Tetragrammaton: JHWH.3 Dieser Name kommt insgesamt 6.828 Mal im Alten Testament vor. Ein solches Wort ist in der Transliteration nicht aussprechbar, da es keine Vokale enthält. Diese fehlenden Vokale müssen im Licht der alten mündlichen Tradition des Lesens der hebräischen Bibel verstanden werden.
Die vollständige Vokalisation des Bibeltextes wurde verhältnismäßig spät von einer Gruppe jüdischer Schriftgelehrter festgelegt, die als Masoreten bekannt sind. Diese Gelehrten verbanden auf geniale Weise zwei alte Traditionen, eine schriftliche und eine mündliche, zu einem einzigen zusammengesetzten Text. Jahrhundertelang hatten jüdische Schreiber vor den Masoreten den konsonantischen Text des Alten Testaments nach höchsten Maßstäben sorgfältig abgeschrieben und bewahrt. Neben dieser schriftlichen Überlieferung pflegten sie jedoch eine ebenso strenge und reichhaltige mündliche Tradition des Gesangs des Textes mit all seinen Nuancen und Details. Diese Arbeit fand allerdings erst mehr als tausend Jahre nach dem Abschluss des alttestamentlichen Kanons statt, in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends n. Chr.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die mündliche Überlieferung die Praxis, den Gottesnamen auszusprechen, längst aufgegeben.4 Diese Tradition schrieb vor, dass an jeder der 6.828 Stellen, an denen JHWH steht, ein anderes Wort ausgesprochen werden musste. Gewöhnlich wurde der hebräische Titel ʔădōnāy, „(mein) Herr“, mit einer besonderen Vokalisation eingesetzt, die ausschließlich für das Tetragrammaton reserviert ist (dazu unten mehr). Die masoretischen Schriftgelehrten setzten diese Praxis treulich fort. Wann immer einem jüdischen Leser also JHWH im Text begegnete, las er ein völlig anderes Wort. Diese Verflechtung von Konsonanten und Vokalzeichen lässt sich vereinfacht so darstellen:5
JHWH → J-ĕ-H-ō-W-ā-H ← ʔă-d-ō-n-ā-y = Herr
Im Mittelalter missverstand man in christlichen Kreisen Europas offenbar die Absicht hinter dieser Doppeltradition und schloss fälschlicherweise, der Name Gottes sei „Jehova“.6 In vielen Übersetzungen, darunter die meisten deutschen und englischen Bibeln, wird dieses Grundprinzip der jüdischen Tradition jedoch beibehalten. Deutsche und englische Übersetzungen geben das Tetragrammaton in der Regel als „HERR“ in Kapitälchen wieder.7 Der Unterschied zwischen „Herr“ und „HERR“ ist wichtig und sollte Gläubigen erklärt werden, denn er ermöglicht es dem Leser, zwischen einem Titel (Herr) und einem persönlichen Namen (HERR = JHWH) zu unterscheiden. Außerdem gilt: Obwohl es angemessen ist, JHWH als „Herr“ zu bezeichnen, gilt das Umgekehrte nicht: Kein anderer „Herr“, weder Mensch noch Gottheit, ist je JHWH gleichgestellt.
Doch ob man nun JHWH, Jehova oder HERR verwendet, diese alte jüdische Praxis hat letztlich zu weitverbreiteter Unkenntnis über die genaue Aussprache des Gottesnamens geführt.
„Eines der ersten Dinge, die Christen über den Gott der Bibel wissen sollten, ist: Er hat einen persönlichen Namen.“
Dennoch erlauben uns einige Belege, die ungefähre Grundform des heiligen Tetragrammatons zu erschließen. Zunächst ist die abgekürzte Form Jāh (die eine Hälfte der vollständigen Form JHWH) 49 Mal im Alten Testament belegt, vor allem in den Psalmen. Es scheint, dass die jüdische mündliche Tradition die ursprüngliche Aussprache dieses Wortes nicht verändert hat. Das deutet darauf hin, dass der erste Vokal im Tetragrammaton eine /a/-Qualität hatte. Bekannt ist dieses abgekürzte Wort auch als Teil des allgemein vertrauten Ausrufs „Halleluja“, einer Transliteration des hebräischen halĕlû-jāh: „Preiset JHWH!“ Darüber hinaus enthielten die Namen zahlreicher Menschen im alten Israel, von Königen über Propheten bis hin zu einfachen Leuten, eine abgekürzte Form des Tetragrammatons. Ein bekanntes Beispiel genügt: Der hebräische Name des Propheten Elija bedeutet „JHWH ist (mein) Gott“ (ʔēlî-jāhû).
Zudem sind der Wissenschaft seit einiger Zeit altgriechische Transliterationen einiger hebräischer Wörter bekannt, darunter auch des Tetragrammatons. So erwähnt der frühe Kirchenvater Klemens von Alexandria in seinem Werk Stromata kurz das Tetragrammaton im Zusammenhang mit einer Besprechung der Stirnplatte des altisraelitischen Hohepriesters, auf der der göttliche Name eingraviert war. Klemens transliterierte diesen Namen in griechischen Buchstaben als IAOUE und erläuterte, es bedeute „der, der ist und der kommen wird“.8 Die Buchstabenfolge OU steht in diesem Kontext wahrscheinlich für den Laut /w/, was bedeutet, dass die neuere Rekonstruktion „Jahwe“ eine plausible Wiederherstellung von JHWH darstellt.9 Dennoch muss man festhalten, dass diese Form noch immer in gewissem Maß eine wissenschaftliche Rekonstruktion bleibt.10
Eine theologisch reiche Etymologie
Die Bedeutung dieses göttlichen Namens wird am deutlichsten in Moses berühmter Begegnung mit dem Gott Israels in angedeutet. Eine der grundlegendsten Herausforderungen für diesen zögerlichen Diener des Herrn, der am Hof des Pharaos aufgewachsen war, bestand in seiner Unwissenheit über den Namen des Gottes seiner Väter. Erstaunlicherweise gibt Gott Mose nicht nur einen Namen, sondern liefert auch einen starken Hinweis auf die eigentliche Bedeutung des Tetragrammatons:
Da sprach Mose zu Gott: Wenn ich nun zu den Israeliten komme und ihnen sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mich fragen: Wie heißt er? – was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde [ʔehyeh ʔăšer ʔehyeh]. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: „Ich-bin-da“ [ʔehyeh] hat mich zu euch gesandt. Weiter sprach Gott zu Mose: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der HERR [JHWH], der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für ewig, und das ist mein Gedenkname von Geschlecht zu Geschlecht. ()
An diesem kurzen Abschnitt gibt es vieles zu bedenken. Man beachte, dass Gott in seiner ersten Antwort die Frage von Mose scheinbar nicht direkt beantwortet, zumindest nicht so, wie wir es erwarten würden. Der Ausdruck „Ich werde sein, der ich sein werde“ ist alles andere als ein gewöhnlicher Name. Und doch fällt in der Lutherbibel 2017 auf, dass HERR in Kapitälchen geschrieben wird. Damit zeigen die Übersetzer an, dass dieser Ausdruck eng mit dem Tetragrammaton JHWH verknüpft ist (das ebenfalls in Kapitälchen erscheint).
Man beachte weiter, dass Gott in seiner zweiten Antwort eine verkürzte Form des Ausdrucks verwendet, „‚Ich-bin-da‘ [ʔehyeh] hat mich zu euch gesandt“, als wäre er das Subjekt des Satzes und damit ein gewöhnliches Substantiv oder ein Eigenname. In dieser Klasse hebräischer Verben wird die grammatische Person (erste, zweite oder dritte) durch Präfixe angezeigt. Man vergleiche die Erstpersonform ʔe-hjeh, „Ich bin“ (Vers 14), mit der Drittpersonform ji-hjeh, „er ist“. Letztere klingt dem Tetragrammaton sehr ähnlich (mit nur einem Schreibungsunterschied: JHJH vs. JHWH). Auch wenn hier nicht alle beteiligten Lautveränderungen vollständig dargelegt werden können, bedeutet der Name „Jahwe“ wahrscheinlich so viel wie „Er ist“.11 Diese Bedeutung macht ihn zu einem starken Schriftzeugnis für die klassisch-christliche Lehre der göttlichen Aseität. Der Gott der Bibel ist schlicht ewig aus sich selbst heraus existent, und alle anderen Dinge verdanken ihm ihr Sein.
Dieser grundlegende Schriftabschnitt und seine gewichtige theologische Botschaft hallen in anderen Teilen des Wortes Gottes wider. Ein besonders eindrückliches Beispiel hat Gary Schnittjer bei Hosea entdeckt. Man erinnere sich: Der Prophet wurde von Gott angewiesen, Gomer, eine untreue Frau, zu heiraten, um die anhaltende Untreue des Bundesvolkes Israel zu veranschaulichen. Das dritte Kind, das Gomer gebar, wurde „Nicht mein Volk“ genannt, weil Gott erklärte: „Gib ihm den Namen Nicht-mein-Volk [lōʔ ʕammî]; denn ihr seid nicht mein Volk [lōʔ ʕammî], und ich bin [ʔehyeh] nicht euer Gott“ (). Man erinnere sich an die Sprache aus : „‚Ich-bin-da‘ [ʔehyeh] hat mich zu euch gesandt.“ Die Wiederholung derselben Verbalform in erscheint als Anspielung auf jene frühere Stelle. Im Grunde sagt Gott zu Hoseas Volk: „Ich bin nicht euer ‚Ich bin da‘.“12
Ein weiteres Beispiel findet sich im Neuen Testament. In verwendet Johannes ein etwas ungewöhnliches Griechisch, um seinen Lesern zu signalisieren, dass Gnade und Friede von dem ewigen Gott selbst kommen: „Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.“ Der ewige, sich selbst genügende Gott, der Mose am Sinai erschien, ist derselbe Gott, auf den der Apostel Johannes gleichzeitig Bezug nimmt und den er den sieben Gemeinden beschreibt.
Die Verbindung von Altem und Neuem Testament
Die starke Tradition, den Gottesnamen nicht auszusprechen, entstand wahrscheinlich in der intertestamentlichen Zeit, aus Gründen, die noch immer etwas rätselhaft sind. Der jüdische Talmud überliefert eine Jahrhunderte zurückreichende Tradition über einen gewissen Simeon den Gerechten, einen Hohepriester in der frühen hellenistischen Zeit. Dem Volk sollen wegen ihm viele Wunder geschehen sein. Doch nach seinem Tod, so die Überlieferung, waren seine Mitpriester nicht mehr bereit, das Volk durch das Aussprechen des heiligen Gottesnamens zu segnen. Damit gingen auch die Wunderzeichen zurück, was man als Ausdruck der Überzeugung verstehen kann, dass die göttliche Offenbarung unter dem jüdischen Volk aufgehört hatte.13 Die jüdische Mischna (3. Jahrhundert n. Chr.) zeigt den Höhepunkt dieser langen Entwicklung: „Diese … haben keinen Anteil an der zukünftigen Welt … wer den Namen mit seinen Buchstaben ausspricht“ (Sanh. 10.1).
Am bedeutsamsten ist, dass diese Vermeidungspraxis weitreichenden Einfluss auf die älteste und wichtigste antike Übersetzung des Alten Testaments hatte, die griechische Bibel, die allgemein als „Septuaginta“ bezeichnet wird. Es war in der griechischen Bibel gängige Praxis, das Tetragrammaton mit dem griechischen Wort kýrios, „Herr“, wiederzugeben.14 Man erinnere sich: Die vormasoretische jüdische Lesetradition verlangte die Ersetzung durch das Wort ʔădōnāy, „(mein) Herr“, überall dort, wo das Tetragrammaton stand. Es ist daher fast sicher, dass beide Traditionen dieselbe Quelle haben, die früh in der Zweiten Tempelperiode entstand.
Als die neutestamentlichen Schriften verfasst wurden, bedienten sich die meisten Zitate aus dem Alten Testament verschiedener Formen griechischer Versionen, die in jüdischen Gemeinschaften zum Teil bereits seit Jahrhunderten umliefen.15 Die Konvention, das Tetragrammaton als kýrios wiederzugeben, fand so ihren Weg ins Neue Testament. Diese Erscheinung erstreckte sich auch auf andere neutestamentliche Abschnitte, die keine alttestamentlichen Zitate waren. Das erste Vorkommen von kýrios im Neuen Testament findet sich beispielsweise in , wo der alttestamentliche (griechische) Sprachgebrauch mit der Wendung ángelos kýriou, „Engel des Herrn“, nachgeahmt wird.
Das bei weitem faszinierendste Merkmal von kýrios im Neuen Testament ist jedoch die Tatsache, dass die Mehrzahl seiner 719 Vorkommen Jesus als Bezugspunkt hat. Dieses erstaunliche sprachliche Merkmal ist in das Gewebe des Neuen Testaments eingewoben und begegnet dem Leser auf nahezu jeder Seite. Mehrere neutestamentliche Autoren nutzen diesen Gebrauch von kýrios auf verschiedene Weise, um ihren Lesern ein anhaltendes und kraftvolles Argument zu liefern: Jesus Christus ist nicht nur „Herr“ – er ist JHWH. Oft durchdringen sich beide Wahrheiten über Christus in einem einzigen Abschnitt. So spricht Paulus etwa in seinem berühmten Carmen Christi (dem „Christuslied“) in fesselnder Sprache über das Herrsein Jesu Christi:
Darum hat ihn Gott auch erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr [kýrios] ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. ()
Die Identität Jesu Christi wird noch erstaunlicher, wenn man erkennt, dass Paulus hier direkt aus Jesaja zitiert, der den Gott Israels mit ähnlichen Worten beschreibt:
Sagt es und bringt eure Beweise vor, ja, lasst sie miteinander zu Rate gehen: Wer hat das schon von Anfang an angekündigt, wer hat es von jeher verkündet? War ich’s nicht, ich, der HERR [JHWH]? Und es gibt keinen Gott außer mir, ein gerechter Gott und Heiland; niemand außer mir. Wendet euch mir zu und lasst euch retten, alle Enden der Erde! Denn ich bin Gott, und sonst keiner. Ich habe bei mir selbst geschworen, Gerechtigkeit ist aus meinem Munde ausgegangen, ein Wort, das nicht zurückgenommen wird: Vor mir soll sich jedes Knie beugen und jede Zunge soll bei mir schwören [Gott bekennen]. ()16
Paulus bekräftigt damit nachdrücklich alles, was Jesaja verkündet hatte. JHWH ist der eine wahre Gott und der einzige Retter der Menschheit. Er allein ist des Ruhmes würdig, und alle, die auf Erden sind, werden eines Tages ihr Knie beugen und ihn als Herrn bekennen. Der Mensch Jesus Christus ist also kein aufstrebender Gott oder ein rivalisierender Retter. Er ist der Gott Israels und ihr einziger Heiland.17
Der Name Gottes in der Gemeinde Gottes
Wie sollten Christen mit dem Tetragrammaton umgehen? Diese Frage ist in den letzten Jahren besonders relevant geworden, da manche dafür eintreten, die Rekonstruktion „Jahwe“ stärker zu verwenden, vor allem in der Bibelübersetzung.18
Zunächst sollten Gläubige nicht meinen, dass das Aussprechen des Namens „Jahwe“ sündhaft oder auch nur unratsam sei. Solche Haltungen gehen zum Teil auf missverständliche Auslegungen des Gebots zurück, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen (). Tatsächlich hat dieses Gebot wenig damit zu tun, den Namen Gottes schlicht auszusprechen. Es geht vielmehr darum, wie das Handeln und Verhalten eines Gläubigen den Namen Gottes entweder verherrlichen oder entehren kann. Kurz gesagt: Obwohl das Wort „Jahwe“ eine wissenschaftliche Rekonstruktion bleibt, ist es theologisch gesehen nicht falsch, es als Gottesname auszusprechen.
Die tiefere Frage betrifft das Erbe der alten jüdischen Praxis, „Herr“ als Ersatz für das Tetragrammaton zu verwenden. Manche halten das für eine wenig hilfreiche Überlieferung und wollen es in der heutigen Gemeinde vollständig aufgeben. Diese Überlegung ist vor allem im Bereich der Bibelübersetzung relevant, da das Tetragrammaton tausende Male im Alten Testament vorkommt. Wenn man die Übersetzungspraxis in verschiedenen Sprachen der Welt untersucht, begegnet man verschiedenen Strategien. Manche Übersetzungen verwenden eine Art Transliteration, etwa die historische Form „Jehova“ oder in neueren Übersetzungen „Jahwe“. Andere Übersetzungen, wie die meisten deutschen und englischen Versionen, greifen auf die im Neuen Testament übernommene jüdische Tradition zurück und ersetzen das Tetragrammaton durch den Titel „HERR“. Wieder andere Versionen geben es schlicht als „Gott“ wieder oder verwenden einen Zusatz (wie das französische l’Éternel, „der Ewige“). Es sei darauf hingewiesen, dass nicht alle Übersetzungen in ihrer Praxis einheitlich vorgehen; manche kombinieren sogar mehrere Optionen.
Bibelübersetzung ist eine höchst komplexe Tätigkeit, bei der Übersetzer viele Faktoren berücksichtigen müssen – unter anderem: (1) die Treue gegenüber dem Ausgangstext; (2) die Lesbarkeit in der Zielsprache; (3) die Sensibilität für eine Vielzahl kontextueller, pragmatischer und historischer Faktoren; (4) das Bewusstsein für die Zielleserschaft, einschließlich ihrer Vertrautheit mit früheren Übersetzungen und dem beabsichtigten Verwendungszweck des aktuellen Werkes. Angesichts des vom Neuen Testament gesetzten Präzedenzfalls scheint es jedoch nicht so, dass die Ersetzung von JHWH durch „HERR“ ohne Weiteres als unzulässig angesehen werden sollte.
Letztlich wird jede Übersetzungsstrategie bis zu einem gewissen Grad unbefriedigend bleiben. Die Konsonantenfolge ʔDNJ bereitet beispielsweise erhebliche Schwierigkeiten bei der konsequenten Wiedergabe des Tetragrammatons. Geringe Vokalanpassungen ergeben drei Hauptoptionen: (1) ʔădōnîj, „mein Herr“ (ein einzelner menschlicher Herr; vgl. ); (2) ʔădōnaj, „meine Herren“ (mehrere menschliche Herren; vgl. ); (3) ʔădōnāj, „(mein) Herr“ (ausschließlich für den Gott Israels verwendet). Letzteres (ʔădōnāj) kommt hunderte Male im Alten Testament vor, ist in der Übersetzung jedoch kaum eindeutig identifizierbar, da es nicht die Konsonanten des Tetragrammatons (JHWH) enthält.
Dennoch kann diese Unterscheidung in manchen Fällen für die Exegese bedeutsam sein. Man nehme als Beispiel den berühmten . Der Psalm beginnt mit zwei verschiedenen „Herren“: „Ein Psalm Davids. Der HERR [JHWH] sprach zu meinem Herrn [ʔădōnîj = menschlicher Herr]: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache“ (). Da wir aus der Überschrift wissen, dass David spricht, schließen wir, dass JHWH hier mit jemandem spricht, dem David übergeordnet ist, da er ihn „meinen Herrn“ nennt. Dieser menschliche Herr wird in den nächsten Versen in erhabener Sprache beschrieben, und JHWH selbst verheißt ihm Großes.
„JHWH ist der eine wahre Gott und der einzige Retter der Menschheit.“
Wenn wir jedoch zu Vers 5 kommen, lesen wir Folgendes: „Der Herr [ʔădōnāj] ist zu deiner Rechten; er zerschmettert Könige am Tag seines Zorns.“ Die einzigartige Vokalisation dieses „Herrn“ im Hebräischen kann nur eines bedeuten: JHWH und Davids Herr haben die Plätze getauscht! Zuvor hatte JHWH angeordnet, dass Davids Herr an seiner Rechten sitzen solle – dem Ehrenplatz. Nun ist es offenbar JHWH selbst, der zur Rechten von Davids Herrn steht.
Dieses dramatische Merkmal des Psalms lässt sich nur durch eine sorgfältige Beschäftigung mit der hebräischen Vokalisation erfassen. Und ohne eine tiefere und weiter verbreitete Kenntnis des Wortes Gottes in den Ursprachen werden diese Wahrheiten das Gottesvolk nicht so mächtig durchdringen, wie sie es könnten.19
Am Ende des Tages kann keine einzelne Übersetzungsentscheidung all das zufriedenstellend leisten, was das Volk Gottes über den Namen Gottes wissen muss. Stattdessen arbeiten die Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer, die Gott seiner Gemeinde durch die Geschichte hindurch gegeben hat, unermüdlich daran, die Heiligen zuzurüsten (). Sie prägen dem Gottesvolk die tiefe Wahrheit ein, dass ihr Gott und Retter einen Namen hat. Mehr noch: Dieser Name sagt etwas über sein unvergleichliches Wesen aus: dass er der ewige, sich selbst genügende und unvergängliche Gott ist. Und schließlich lehren sie die Heiligen, dass der Herr Jesus Christus wahrhaftig derselbe Gott Israels ist, der im Fleisch kam, um die Seinen zu erretten.
Quellen
- Die linguistische Einordnung des Hebräischen als kanaanäischen Dialekt hat keine Auswirkungen auf den Ursprung oder das Wesen des israelitischen Gottesdienstes. ↩
- Von insgesamt dreißig Vorkommen erscheint der Begriff nur fünfmal außerhalb des Buches Jesaja. Eine Stelle in wird Jesaja in den Mund gelegt. Zwei Vorkommen finden sich im Psalter (; 89:19), zwei weitere bei Jeremia (; 51:5). ↩
- Der Begriff Tetragrammaton stammt aus dem Griechischen und bedeutet schlicht „viergliedrig“ (aus vier Buchstaben bestehend). ↩
- Soweit die verfügbaren Belege erkennen lassen, reicht diese mündliche Tradition tief in die Zweite Tempelperiode vor Christus zurück. ↩
- Es gibt eine geringfügige Anpassung beim ersten Vokal gemäß den Regeln der hebräischen Phonologie. ↩
- Diese Wiedergabe des Tetragrammatons findet sich in einer Reihe von Bibelübersetzungen der Reformationszeit, etwa in der Reina Valera (die Jehová verwendet). ↩
- In Fällen, in denen der Name JHWH selbst zusammen mit dem Titel ʔădōnāj, „(mein) Herr“, vorkommt, schreibt die Tradition vor, dass stattdessen die Vokale von ʔĕlōhîm („Gott“) eingesetzt werden müssen, um eine Tautologie zu vermeiden. Diese Sequenz wird in den meisten deutschen und englischen Bibeln als „der Herr GOTT“ wiedergegeben und kommt insgesamt 293 Mal im Text des Alten Testaments vor. ↩
- Klemens von Alexandria, Stromata 6. ↩
- Im biblisch-hebräischen Schriftbild muss das abschließende „h“ in „Jahwe“ einen Vokal repräsentieren – es fungiert also nicht als eigenständiger Konsonant (anders als das erste „h“ in „Jahwe“). ↩
- Bei der Rekonstruktion des Tetragrammatons gibt es tatsächlich eine Reihe weiterer Schwierigkeiten. Eine zentrale Herausforderung ist die Frage, wie der abschließende Vokalsbuchstabe „h“ zu verstehen ist, da diese Schreibweise in kanaanäischen Sprachen (wie dem Hebräischen) erst verhältnismäßig spät aufkam – nämlich im frühen ersten Jahrtausend v. Chr. ↩
- Es ist wahrscheinlich, dass der Name „Jahwe“ eine archaische Form ist, die die ältere Aussprache des Existenzverbs h-w-h bewahrt, das im biblischen Hebräisch später zu h-j-h wurde. Die archaische Form ist gelegentlich anderswo erhalten, etwa in b: „Sei [hĕwēh] Herr über deine Brüder.“ ↩
- Gary Schnittjer, „Hard Grader of the Bible: Listening to Criticism of OTUOT from Richard Schultz and Greg Beale, part 1 of 2″, Carpenter’s Student (Blog), 9. September 2025, https://garyedwardschnittjer.substack.com/p/hard-grader-of-the-bible-listening. ↩
- Manche haben vertreten, dass es Belege für die Vermeidung des Tetragrammatons gibt, die noch weiter zurückreichen. Der sogenannte „Elohistische Psalter“ (insbesondere –83) hat Gelehrte mit seiner offensichtlichen Neigung verwirrt, ʔĕlōhîm (Gott) anstelle von JHWH zu verwenden. Doch der Zusammenhang zwischen dem Elohistischen Psalter und diesen späteren Traditionen ist keineswegs gesichert, und daher ist hier Vorsicht geboten. ↩
- Es sind auch weitere, nur vereinzelt belegte Traditionen zur Wiedergabe des Tetragrammatons bekannt. Mehrere Handschriften aus der Region des Toten Meeres verwenden beispielsweise die alte paläohebräische Schrift nur an jenen Stellen, wo das Tetragrammaton erscheint. Diese Schrift geriet nach dem babylonischen Exil weitgehend außer Gebrauch und wurde durch die heute vertraute aramäische Quadratschrift ersetzt. Dieses Phänomen ist bekanntermaßen ein Merkmal der griechischen Schriftrolle der Kleinen Propheten (8ḤevXII gr), die in Naḥal Ḥever gefunden wurde. ↩
- Die Frage, welche Form des griechischen Textes ein bestimmter neutestamentlicher Autor verwendet hat, ist kompliziert und nicht immer leicht zu beantworten. Zum einen gab es keine einheitliche Größe namens „Septuaginta“, sondern nur mehrere Übersetzungs- und Rezensionstraditionen, die im Gefolge der ursprünglichen Übersetzungsarbeit am Pentateuch entstanden – wahrscheinlich im ptolemäischen Ägypten im dritten Jahrhundert v. Chr. Zudem muss stets die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass ein Autor seine eigene Übersetzung oder Paraphrase des hebräischen Originals vorlegte. ↩
- Der Text der Lutherbibel 2017 wurde hier leicht angepasst, um die griechische Übersetzung widerzuspiegeln. ↩
- Gerade diese Art offenbarter Wahrheit über die Identität Jesu Christi trieb die Kirche zu ihrer trinitarischen Gotteslehre. ↩
- Eine bemerkenswerte neuere Bibelübersetzung, die Legacy Standard Bible (LSB), erstellt von Gelehrten und Lehrenden des The Master’s Seminary, bevorzugt „Yahweh“ gegenüber dem traditionellen „Lord“. ↩
- Wie Martin Luther argumentierte: „Wir werden das Evangelium nicht lange bewahren ohne die Sprachen. Die Sprachen sind die Scheide, in der dieses Schwert des Geistes steckt; sie sind der Schrein, in dem dieses Kleinod verwahrt wird; sie sind das Gefäß, das diesen Wein hält; sie sind der Keller, in dem diese Speise liegt; und, wie das Evangelium selbst andeutet, sie sind die Körbe, in denen diese Brote und Fische und Brocken aufbewahrt werden.“ Luther’s Works, American Edition, hrsg. von Jaroslav Pelikan und Helmut T. Lehmann (Fortress, 1955–86), 45:360. ↩
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.