Hingabe & Nachfolge

Was wäre, wenn Schule deiner Freude an Jesus dienen könnte?

Ryan Griffith6 Min. LesezeitQuelle: Desiring God

Auf einen Blick

Viele erleben Schule als trockene Pflicht – getrennt von echter Freude am Lernen. Dabei hat Bildung einen tieferen Zweck: Sie soll uns zur Freude an Gott führen.

Als Kind war der August ein Monat der Klage. Er kündigte das nahende Schuljahr an und das Ende der langen, freien Sommertage voller Staunen und Abenteuer. Der Schulbeginn, witzelte C.S. Lewis einmal, lehre einen, im Glauben zu leben „denn am Anfang jedes Trimesters sind Zuhause und die Ferien so weit entfernt, dass man sie sich kaum vorstellen kann, genau wie den Himmel“ (Surprised by Joy, 42–43).

Das Ende des Sommers hätte eigentlich eine neue Saison des Staunens und der Entdeckung einläuten sollen. Doch wie ich es erlebte, trennte die Schule das Lernen von der Freude. Irgendwie zog sie eine Grenze zwischen Bildung und dem, was in mir aufflammte, wenn ich Schönheit in der Natur erlebte, Güte in einem Helden entdeckte oder einer Wahrheit begegnete, die mein Denken veränderte. Die Entdeckungen in guten Büchern, in ernsthaften Gesprächen und an langen Tagen im Wald hinter unserem Haus schienen paradoxerweise in der Schule weniger wert zu sein. Gewiss gab es einzelne Lehrer, die Funken der Begeisterung entfachten aber insgesamt ließ mich die Schule unbefriedigt und unvollständig zurück. Ich spürte eine Spannung zwischen der Freude am Lernen und dem Ort, an dem das eigentlich stattfinden sollte.

Erst Jahre später erkannte ich, dass dieser Widerspruch aus einer Verwirrung über das eigentliche Ziel von Bildung herrührte. Wofür war Schule überhaupt da?

Die alte Schule

Ein Hinweis auf den Sinn von Schule steckt bereits im Wort selbst. Unser deutsches Wort „Schule“ geht auf das griechische scholē zurück, was so viel bedeutet wie „Muße“ oder „Freizeit“. Das mag überraschend klingen, doch in der Antike bedeutete Muße nicht, auf dem Sofa Netflix zu schauen oder eine Runde Golf zu spielen. Muße meinte das Heraustreten aus der gewöhnlichen Arbeit, um die Welt zu beobachten und den wichtigsten Fragen des Lebens nachzugehen.

Was wir heute Wissenschaft nennen, nannten die Alten Naturphilosophie. Sie wussten, was viele seither vergessen haben: dass Fragen nach der Schwerkraft, der Planetenbewegung, der Tierhaltung oder der landwirtschaftlichen Produktivität untrennbar mit Fragen nach Gott, dem menschlichen Sinn, dem Bösen und Ähnlichem verbunden sind. Gelehrter zu sein bedeutete, sich Zeit zu nehmen, um über diese transzendenten Wirklichkeiten nachzudenken, dem Wahren, Guten und Schönen. Aber nicht allein.

Kontemplation war nie ein Soloprojekt. Die Freude der Entdeckung sollte geteilt werden. Bildung (vom lateinischen educatus, „herausführen“ oder „herausziehen“) war der Prozess des gemeinsamen Diskutierens, Förderns, Herausforderns und gegenseitigen Begeisterns auf der freudigen Suche nach der Wahrheit. Darin spiegelte sich die grundlegende Überzeugung wider, dass ein Schüler kein Gefäß ist, das mit Fakten gefüllt werden soll, sondern eine Seele, die im Staunen und in der Freude entfaltet werden will. Bildung erforderte das Engagement sowohl des Schülers als auch des Mentors, Letzterer leitete an und verkörperte selbst die Suche nach Wahrheit, Güte und Schönheit. Für weite Teile der griechischen und römischen Geschichte zielte diese bewusste Erziehung darauf ab, moralische Vortrefflichkeit zu kultivieren und den Menschen für das gute, das selige Leben zu formen. Im antiken Kulturraum war eine solche Bildung nur wenigen Privilegierten zugänglich und doch spiegelte sie eine Lebensvorstellung wider, die noch älter war als die Römer und die Griechen und im Garten Eden selbst ihren Ursprung hat.

Die wahre Schule

Gott hat die Muße von Anfang an eingesetzt, mit einem ganz bestimmten Ziel: dass wir ihn erkennen und für immer an ihm Freude haben (; ; ; ). Der Herzschlag des Lebens Israels war es, „den HERRN, deinen Gott, zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (). Deshalb verpflichteten der Sabbat und der Festkalender das Bundesvolk Gottes dazu, die gewöhnliche Arbeit zu unterbrechen und seine Werke, seine Worte und seine Welt zu bedenken (; ; ; 31:9–13). Der Stamm Levi wurde eigens damit beauftragt, das Volk Gottes sowohl durch Unterweisung als auch durch Gesang zu bilden (; ; ). So überrascht es nicht, dass die Psalmisten immer wieder ihre Freude über die Majestät und Feinheit von Gottes guter Schöpfung zum Ausdruck bringen (; 19; 104; 139). „Groß sind die Werke des HERRN“, heißt es in , „wer sie achtet, der hat Freude daran“ ().

Im Neuen Testament macht Jesus noch deutlicher, dass wir Gott auch mit unserem Verstand zu lieben haben (). Der Apostel Johannes verweist auf die Schöpfung des Universums durch den dreieinigen Gott, durch den Sohn, der selbst als wahrer Gott und wahrer Mensch in die Schöpfung eintrat (, 10, 14; ). Die Natur weist unwiderlegbar auf seine Herrschaft hin, eine Wirklichkeit, die kein Mensch leugnen kann (). Paulus bricht in Jubel aus angesichts der Weite von Christi schöpferischem Wirken: Der von Ewigkeit her existierende Sohn, das genaue Abbild des Vaters, hat „alles geschaffen … was sichtbar und was unsichtbar ist“, und ist so aktiv am Erhalt seines Werkes beteiligt, dass „alles in ihm zusammenbesteht“ (). Anders als die alten Griechen oder Römer wussten die Christen, dass das Universum geordnet und vernünftig ist, weil ein persönlicher Gott es zu seiner Herrlichkeit und zu ihrer Freude entworfen und erhalten hat.

„Alles Studium, alle Gelehrsamkeit, alle Bildung dient unserer Freude an Gott und darum geht es in der Schule letztlich um ihn.“

Jahrtausende lang hat diese grundlegende Überzeugung Christen zu freudiger Erkenntnis angetrieben: in Bewegungen wie dem Mönchtum mit seiner Bewahrung antiken Wissens, in der missionarischen Expansion mit dem Erlernen und Übersetzen von Sprachen, in der Reformationsbewegung des 16. Jahrhunderts mit ihrer Rückgewinnung der Lehrorthodoxie, im christlichen Humanismus des 17. Jahrhunderts und seinem Entdeckungsdrang, in den wissenschaftlichen Fortschritten des langen 18. Jahrhunderts sowie in den großen technologischen und politischen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Alles Studium, alle Gelehrsamkeit, alle Bildung dient unserer Freude an Gott und darum geht es in der Schule letztlich um ihn.

Die neue Schule

Genau das fehlte mir in jenen frustrierenden Schuljahren. Die große Kluft lag zwischen Bildung und ihrem eigentlichen Ziel. Allgemeine öffentliche Bildung war und ist ein bemerkenswerter Segen, einer, über den sich die Reformatoren des 16. Jahrhunderts und sogar unsere puritanischen Vorfahren in den Kolonien gefreut hätten. Doch leider setzt der vorherrschende Ansatz von Schule Prioritäten bei wichtigen, aber letztlich nachgeordneten Zielen. Er bereitet Schüler darauf vor, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, statt ein Leben zu führen. Er schätzt unverzichtbare Fähigkeiten,  mathematische Kompetenz, naturwissenschaftliches Denken, Lese- und Analysefähigkeit, selbstständiges Denken, starke schriftliche und mündliche Kommunikation, jedoch für die falschen Ziele. Moderne Bildung legt großen Wert auf Berufsreife und verantwortungsvolle Bürgerschaft. Das sind durchaus bedeutsame, ja sogar edle Ziele aber sie sind nicht das Höchste. Das eigentliche Ziel von Bildung ist die selige Schau, das gute Leben: Gott zu genießen und in ihm alles andere.

Wenn Schule richtig gemacht wird, stimmt sie unsere Bewunderung auf den hin ab, von dem und durch den und zu dem hin alles ist (). „Er ist jenes Objekt der Bewunderung“, schreibt C.S. Lewis, „das schlicht bedeutet: wach zu sein, die wirkliche Welt betreten zu haben; wer ihn nicht zu schätzen weiß, hat die größte Erfahrung verpasst und am Ende alles verloren“ (Reflections on the Psalms, 107–8).

Vielleicht sind wir versucht zu denken, dass nur theologische Seminare oder Bibelschulen Orte sind, an denen Bildung wirklich um Gott kreist. Doch in Wirklichkeit dreht sich alle Bildung um Gott. Ob in der Grundschule oder im Masterstudium, bedenke die Wunder, die noch zu entdecken sind in einer Welt, die von seiner Schönheit widerhallt. Wer Augen hat, das zu sehen, für den wird der Schulbeginn ein Grund zur Freude sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.

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Über den Autor

Ryan Griffith

Ryan Griffith

Autor

Ryan Griffith (PhD, The Southern Baptist Theological Seminary) ist Dekan des Classical Christian Honors College und außerordentlicher Professor an der University of Northwestern – St. Paul (MN). Außerdem ist er Senior Fellow am Andrew Fuller Center for Baptist Studies.

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