Ich starre auf die Uhr: 3:00 Uhr. Wenn ich jetzt sofort einschlafe, bekomme ich noch drei Stunden. Solche nüchternen Rechnungen kennt jeder, der unter Schlaflosigkeit leidet.
Schlaflosigkeit begleitet mich schon seit der Schulzeit. Manche Phasen sind schlimmer als andere, doch die schwerste meines Lebens begann kurz nach dem ersten Geburtstag meiner Tochter, als ihre beiden älteren Brüder drei und vier Jahre alt waren. Ich ging wie gewohnt ins Bett, wachte zwei Stunden später auf und fand keinen Schlaf mehr. Manchmal schlief ich ganze Nächte lang nicht, bis zu dreimal pro Woche. Ich hoffte, Ärzte könnten mir helfen. Aber als die Wochen zu Monaten und die Monate zu Jahren wurden, wurde mir klar: Das ist keine kurze Prüfung.
Es ist schwer zu beschreiben, wie verzweifelt ich mich fühlte, wenn ich um 4:00, um 5:00 und schließlich um 6:00 Uhr noch immer wach lag und der Wecker läutete und der Tag offiziell begann. Viele Nächte verzweifelte ich. Doch dann geschah langsam etwas Überraschendes: Gott lehrte mich, so wie er unzählige seiner Kinder lehrt, „die Welle zu küssen, die mich gegen den Felsen der Ewigkeit wirft.“1
Leg deine Hand auf deinen Mund
Ich wandte mich den Psalmen zu und fühlte eine tiefe Verbundenheit mit jenen, die Gott noch lange nach Einbruch der Dunkelheit anriefen. Ich hoffte, Gott würde auch mir ein „Lied in der Nacht“ geben (). Ich bemühte mich, „seiner zu gedenken auf meinem Lager und über ihn nachzusinnen in der Nachtwache“ (). Meine Hand war ausgestreckt, ohne zu ruhen, flehend um Erleichterung, doch es war, als würde Gott „meine Augen offen“ halten und mir den Schlaf verwehren, den ich so ersehnte (.5). „Warum hast du mich vergessen?“, klagte ich mit dem Psalmisten (). Hast du „deine Barmherzigkeit für immer verschlossen?“ (). Es fiel mir schwer zu glauben, dass Gott ausgerechnet meine Tränen in seiner Flasche sammelte ().
Immer wieder flehte ich Gott an, mich schlafen zu lassen. Ich warf ihm vor, mir das Versprochene zu verweigern; dann bereute ich halbherzig meine falschen Anklagen und erinnerte mich daran, dass ich im Tageslicht wahrscheinlich klarer denken würde. Es ist weise, sich abzulenken, wenn man einer anderen Art von Welle nicht Herr werden kann, der Welle aufsteigender Zweifel und widerspenstiger Seufzer. Ich lernte aufzustehen und etwas anderes zu tun, bis ich wieder zu einer geistlicheren Klarheit finden konnte.
Eine der einprägsamsten Ablenkungen jener Zeit war ein Podcast, in dem ein Engländer aus Liverpool Abschnitte aus der King-James-Bibel vorlas. Ich hörte hoffnungsvoll zu, vielleicht würde mich der Klang des liverpooler Dialekts einschläfern. Meistens aber fand ich mich geistig hellwach. Die Worte waren so schön. (Auch fragte ich mich: Was ist ein „sackbut“? Ein „ensample“? „Lucre“?) In dieser verwirrenden Zeit lehrte Gott mich, meine Seele zu beruhigen, indem ich der Wahrheit zuhörte, anstatt über meine Ängste und Zweifel nachzugrübeln (). Ich lernte, „meine Hand auf meinen Mund zu legen“ und Gott reden zu lassen (). Außerdem war ich oft zu müde zum Streiten.
Gott versüßt die Prüfung mit Gaben
Gott hatte weitere Lektionen für mich in diesem zweijährigen Schmelztiegel. Ich lernte, dass er es liebt, seine Prüfungen mit maßgeschneiderten Geschenken zu begleiten. Er schenkte mir so viele Gnaden, die gezielt darauf ausgerichtet waren, meinen Geist aufzurichten: treue Freunde, gute Bücher, sonnige Tage, einen Mann, der mich zum Lachen bringen konnte, ein kleines Mädchen, das die besten Umarmungen gab, Schwiegereltern, die die Kinder für ein paar Stunden übernahmen, Kinder, die gut schliefen, einen neuen Arzt, der wirklich zuhörte, medizinische Antworten und unerwartete Gelegenheiten, die Bibel zu unterrichten, was mich tiefer in das Wort trieb, genau dorthin, wo ich sein musste. Ich erlebte Gott als ebenso persönlich in seiner Gnade wie in seinem Schmerz.
Ein guter Vater züchtigt seine Kinder
Vielleicht das beste Geschenk jener Zeit war eine dringend nötige Züchtigung. Schlafentzug raubt einem die Energie für Wutausbrüche. Gott setzte die Schlaflosigkeit ein, um meine Ungeduld, meinen Zorn und meinen Eigenwillen zu mildern. Sie beraubte mich auch harter, verletzender Worte und vieler anderer Worte überhaupt; müde Menschen sind schließlich nicht besonders redegewandt. Erschöpfung verlangsamte mich und lehrte mich, aufmerksamer und nachdenklicher zu werden.
Ist es nicht typisch für unseren himmlischen Vater, für uns zu tun, was wir nicht können oder nicht wollen? Weil er mich liebt, zögerte er nicht, das Nötige zu tun, um die harten, abgestorbenen Stellen in meinem Herzen abzutragen. Er demütigte und bändigte mich – und ich wurde dadurch besser. Ich begann zu hoffen, dass die schmerzhafte Zeit der Züchtigung noch die verheißene Frucht der Gerechtigkeit hervorbringen würde ().
Seine Gnade ist genug
Als Paulus Gott um Befreiung von seinem Pfahl im Fleisch bat, antwortete Gott: „Meine Gnade genügt dir; denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“ (). Ich hatte diesen Vers viele Male gehört und selbst zitiert – doch die Schlaflosigkeit lehrte mich seine wirkliche Bedeutung. Ich wollte, dass er bedeutete, Gott schenke in der Schwachheit üppige, ja verschwenderische Gnade, Gnade, die nach dreißig Stunden ohne Schlaf wundersam für unbegrenzte Energie und einen klaren Kopf sorgt. Das ist eine ziemlich kreative Auslegung des Wortes genügt, aber trotz meiner Erschöpfung war ich damals noch Optimistin.
Als die Wirklichkeit einkehrte, lernte ich: Genügt bedeutet, dass Gott das gibt, was nötig ist, um das gute Werk des jeweiligen Augenblicks zu vollbringen. Es war eine „Manna für heute“-Situation; ich lernte, von Augenblick zu Augenblick auf seine Gnade zu vertrauen (). Und Augenblick für Augenblick hielt er Wort. Die Kinder waren angezogen, satt, geliebt und ins Bett gebracht. Das Haus stand noch. Manchmal war sogar das Bad sauber. Ich hatte einen Vortrag für eine Frauenkonferenz in der Gemeinde zusammengestellt. Und ich konnte das alles nicht erklären. Gott sei Dank. Wieder hatte er sein Versprechen gehalten.
Auch andere brauchen Gnade
Mit der Zeit wurde ich besser im nächtlichen Beten. Es half, weniger an mich selbst zu denken. Selbstmitleid ist eine echte Bedrohung für die Tugend. Ich lernte: Wenn Gott „an mich denkt“ und seine Gedanken unzählbar sind, kann ich vielleicht ein paar meiner eigenen Gedanken für andere erübrigen (; ). Ich begann, an all die anderen Menschen zu denken, die ebenfalls nachts wach lagen. Es sind so viele: Eltern von Neugeborenen, trauernde Witwen, Menschen mit chronischer Angst, unheilbar oder chronisch Kranke, frisch Operierte, Nachtschichtarbeiter, Obdachlose und solche, die tief in der Nacht nach flüchtigem Glück suchen. Wie verzweifelt sind wir alle auf Gottes Gnade angewiesen! Wenn Gott mir Menschen ins Herz legte, betete ich für sie, in der festen Überzeugung, dass er bereit war zu handeln, wenn er mich zum Beten bewogen hatte.
Küss die Welle
Wenn du dich in einer ähnlichen schlaflosen Phase befindest, ist dies mein bester Rat: Widerstehe nicht der Welle, die dich gegen den Felsen werfen soll. Du kannst nicht die Luft anhalten und untertauchen, bis sie vorbeizieht. Du kannst dich nicht gegen ihre Kraft stemmen. Es ist Gottes gute Hand, die dich an den Felsen presst. Auch wenn es wehtut wird es dich nicht vernichten. Es mag sich böse anfühlen, aber der Schmerz liegt an Gottes Leine: kontrolliert, eingegrenzt und nur zu seinen guten Zwecken und väterlichen Absichten für dein Leben eingesetzt.
Wenn dir also die Worte ausgehen, leg deine Hand auf deinen Mund und hör zu. Trink das Wort wie die durstigen Israeliten aus dem Felsen in der Wüste tranken. Wenn du deinen Geist nicht beruhigen kannst, um die Schrift zu lesen, dann hör sie dir an. „Das wird Heilung für deinen Leib sein und Erquickung für deine Gebeine“ (). Dann schau auf und schau hinaus. Nimm die vielen maßgeschneiderten Gaben wahr, die die Prüfung begleiten, und danke Gott für jede einzelne mit Namen. Bedenke, wie Gott dich durch die Prüfung neu erschafft und dich vom Bild Adams in das Gleichnis seines geliebten Sohnes verwandelt. Empfange dankbar die ausreichende Gnade, die er wie Medizin aus einem Tropf spendet, einen Tropfen nach dem anderen, und nur so viel wie nötig. Und sieh die vielen anderen, die versuchen, in den brechenden Wellen zu stehen, und bete für sie.
Tu all das, während du deinen geistlichen Felsen festhältst: Jesus, der selbst mit Leid vertraut ist und bereit steht, dir in deiner Not beizustehen (). Er, der Petrus nicht unter den Wellen versinken ließ, wird auch dich nicht in die stürmischen Tiefen gleiten lassen.
Quellen
- Charles H. Spurgeon zugeschrieben, aber wahrscheinlich eine Abwandlung eines Zitats aus seiner Predigt „Sin and Grace“ von 1874. ↩
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.
