Apologetik & Weltanschauungen
In den ersten Jahrhunderten nach Christus führten Christen ausführliche und langwierige Debatten mit den Heiden in ihrer Umgebung. Unter anderem ging es dabei um die Glaubwürdigkeit der Bibel. Der Schwerpunkt dieser Debatten änderte sich jedoch im Verlauf der Zeit. Die römisch-katholische Kirche betrachtet die christliche Offenbarung über Jesus traditionell als ein der Kirche anvertrautes Gut, das sich in zwei Teile aufteilen lässt: (1) die Schrift und (2) die Überlieferungen. Protestanten dagegen vertreten die Auffassung, dass nur die Schrift die einzige und endgültige Offenbarung ist, auch wenn sie die Überlieferungen schätzen und studieren. Mit anderen Worten: Traditionell vertreten die Katholiken die Position, dass die Bibel die Wahrheit sagt, dass aber ergänzende Wahrheit in außerbiblischen Überlieferungen zu finden ist, die durch das Lehramt der katholischen Kirche festgelegt werden.
Protestanten sind hingegen der Ansicht, dass allein die Bibel Wahrheit ist. Katholiken und Protestanten erkennen also beide die Bibel als Wahrheit an, aber Katholiken tendieren dazu, durch das Hinzufügen einer weiteren Quelle für Wahrheit die Schrift der Überlieferung zu unterordnen. Protestanten dagegen entscheiden sich dafür, durch ihr kompromissloses Festhalten an der Schrift die Überlieferung der Schrift zu unterordnen. Diese Unterscheidungen werden erschwert durch unterschiedliche Auffassungen darüber, was zum Kanon gehört, und durch komplexe Debatten über die Allgenugsamkeit und Klarheit der Schrift. An dieser Stelle soll es aber um die Debatten rund um den Wahrheitsgehalt der Schrift konzentrieren, insbesondere in neuerer Zeit.
Im 18. und 19. Jahrhundert (auch wenn die Wurzeln weiter zurück und die Früchte bis in unsere Zeit reichen) entwickelte sich vor allem an den französischen und deutschen Universitäten eine skeptische Haltung gegenüber der Heiligen Schrift, die ihren Wahrheitsgehalt infrage stellte. Da die Geistlichen in der Regel an den Universitäten ausgebildet wurden, verbreitete sich der Unglaube bald auch in den Kirchen. Für gewöhnlich fand diese Entwicklung nicht in Form eines offenen Angriffes auf die Heilige Schrift statt, sondern wurde eher als eine gründlichere und wissenschaftlichere Lektüre der Heiligen Schrift dargestellt. Anstatt den Bericht des Pentateuchs anzuerkennen, zogen die Gelehrten beispielsweise vier weitere, späte „Quellen“ heran, die als JEPD bezeichnet wurden, was zu einer radikalen Rekonstruktion der alttestamentlichen Geschichte und einer impliziten Verneinung vieler historischer Darstellungen im Text führte.
Im Neuen Testament überzeugte der enorme Einfluss von F.C. Baur (1792–1860) an der Universität Tübingen viele davon, dass Datierung, Herkunft und Authentizität der neutestamentlichen Bücher nur nach einem einzigen Kriterium bestimmt werden sollten: ihrer Position auf der Achse, die die damals zunehmenden Spannungen zwischen Juden- und Heidenchristen beschreibt. Alle gegenteiligen Beweise – und davon gibt es eine Menge! – wurden nicht ernst genommen und als Fehler abgetan. Dabei spielte es keine Rolle, ob dieser Fehler durch vermeintlichen Irrtum oder bewusste Täuschung entstanden sein sollte. Obwohl einige konservative Christen der Meinung waren, dass Baur entlassen werden sollte, hielt er den Stürmen stand, da er sich nicht gegen die verschiedenen konfessionellen Strömungen stellte.
Dennoch zweifelten Gelehrte immer mehr die Glaubwürdigkeit der Wunder in den Evangelien an. Viele sahen das Johannesevangelium als historisch zuverlässiger an als Matthäus, Markus und Lukas. Dieser Umstand beruhte auf der zweifelhaften Begründung, dass Johannes von weniger Wundern berichtet und diese eher als Ausgangspunkt für die Reden Jesu behandelt. So wird aus der Speisung der Fünftausend die Rede vom Brot des Lebens (vgl. ) und die Heilung des Blindgeborenen ist Grundlage für die Feststellung, dass Jesus Licht und Sehvermögen schenkt.
Das alles veränderte sich durch den Einfluss von David Friedrich Strauß (1808–1874). Sein umfangreiches dreibändiges Werk Das Leben Jesu (1835–1836) vertrat den Standpunkt, dass das Johannesevangelium weder als historischer Bericht noch als symbolträchtige Parabel, wie liberale Theologen es gern lasen, glaubwürdig sei. Vielmehr seien die Jesus zugeschriebenen Wunder ganz im Sinne des Materialismus und Naturalismus als Erfindungen der frühen Kirche zu verstehen. Die Christen hätten diese Geschichten erfunden und Mythen geschaffen, um die theologischen Überzeugungen zu verbreiten, die sie sich selbst eingeredet hatten. In seinen späteren Schriften verneinte Strauß unmissverständlich die Existenz einer geistlichen Wirklichkeit. Dies war ein so eklatanter Angriff auf die Heilige Schrift, dass er Strauß seine Anstellung an der Universität Zürich kostete. Als Das Leben Jesu 1846 zum ersten Mal in englischer Sprache erschien,1 erklärte es der namhafte Rezensent, Anthony Ashley Cooper, Siebter Earl von Shaftesbury, zum „giftigsten Buch, das je aus dem Rachen der Hölle erbrochen wurde“.
An dieser Stelle wird deutlich, dass Christen, die die Wahrheit der Bibel verteidigten, an zwei unterschiedlichen Fronten auf Gegner stießen: zum einen auf diejenigen, die im Sinne der mittelalterlichen Kirche die Zuverlässigkeit der Schrift durch Berufung auf die Überlieferung relativierten und zum anderen auf die, die im Sinne des aufkommenden philosophischen Naturalismus leugneten, dass Gott in der Schrift die Wahrheit offenbart hat.
Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass der Titel dieses Aufsatzes zwar den zeitgenössischen Angriff auf die Irrtumslosigkeit der Bibel anspricht, dass aber der Aufsatz selbst stärker die Wahrheit der Bibel thematisiert. Das liegt daran, dass man in der heutigen Theologie bei genauerem Hinsehen mit „Irrtumslosigkeit“ eher den Wahrheitsgehalt der Bibel meint und diskutiert. Das soll anhand der folgenden acht Punkte kurz erklärt werden:
Erstens teilen viele Gelehrte die Taten Gottes und die Berichte darüber in zwei unterschiedliche Kategorien ein, um ersterer den Vorrang zu geben und letztere hintenanzustellen. Diese Zweiteilung hat sich auf verschiedene Weise herausgebildet. So hat eine Gruppe von Gelehrten vor einigen Jahrzehnten die Taten Gottes zum Ausdruck seiner Offenbarung erklärt und die Worte Gottes in ihrer Bedeutung heruntergestuft.4 Gottes Offenbarung besteht in dem Ereignis des brennenden Busches, dem Ereignis des Auszugs aus Ägypten, dem Ereignis der Auferstehung Jesu. Die Worte, die diese Ereignisse beschreiben, stellen nicht selbst Offenbarung dar, sondern lediglich „Schilderungen“ dieser Offenbarung. Obwohl es noch einige Vertreter dieser Denkrichtung gibt, wird sie heute größtenteils abgelehnt. Zunächst einmal sind sehr wenige bloße Ereignisse in sich selbst so aussagekräftig, dass sie es nicht nötig hätten, durch Worte erklärt und entschlüsselt zu werden. Jesus wurde gekreuzigt, starb und ist wieder auferstanden – ungewöhnlich, kein Zweifel, aber was soll’s? Brauchen wir nicht Worte, um zu erklären, dass Jesus beim Sterben unsere Sünden trug und dass Gott ihn zu unserer Rechtfertigung von den Toten auferweckte? Sehr häufig sind es Worte, durch die Ereignissen ihre Bedeutung verliehen wird.
Die heute üblichere Form dieser Zweiteilung stellt Jesus, das fleischgewordene Wort (vgl. .14), den geschriebenen Worten gegenüber: „Ich ziehe das menschgewordene Wort dem geschriebenen Wort vor“, lautet die Aussage der Kritiker. Irrtumslosigkeit bezieht sich auf Worte und kann daher als Grundsatz relativiert oder verworfen werden. Aber mit welcher Begründung würde man das geschriebene Wort gegen das fleischgewordene Wort ausspielen? Was zunächst einigermaßen geistlich klingt („Ich ziehe das menschgewordene Wort vor“), entpuppt sich plötzlich als ein Ausdruck von Unglauben. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Begriff „Wort“ nur einige wenige Male auf Jesus angewandt wird, (d.h. die „menschgewordene“ Verwendung), während „Wort“ mehrere hundert Male auf das Evangelium, die Predigt oder die Schrift selbst angewandt wird. Wäre es nicht seltsam zu sagen, dass die Menschwerdung Jesu eine Offenbarung ist und dann zu ignorieren, dass der menschgewordene Christus derjenige ist, der darauf besteht, dass „die Schrift … doch nicht außer Kraft gesetzt werden [kann]“ ()?
Zweitens wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass in der komplexen und verwobenen Dynamik zwischen dem göttlichen Autor und dem menschlichen Verfasser, aus der die Heilige Schrift hervorgeht, sowohl Gott als auch Mensch tatsächlich an der Entstehung des Textes beteiligt waren. Einige schließen daraus aber fälschlicherweise, dass man das Vorhandensein von Fehlern akzeptieren müsse, wenn man nicht von einem rein göttlichen Diktat ausgeht (und die Rolle des Menschen auf den Schreibenden reduziert). „Irren ist menschlich“, sagen sie – und Gott hätte sich der menschlichen Unvollkommenheit angepasst. An der Irrtumslosigkeit festzuhalten würde also bedeuten, den menschlichen Aspekt bei der Entstehung der Heiligen Schrift bewusst zu verdrängen. Nahezu alle christlichen Theologen greifen auf vergleichbare Konzepte zurück, um die unterschiedlichen Arten der Inspiration zu erklären und um zu beschreiben, wie Gott sich menschlicher Verfasser bedient – einschließlich ihrer Erfahrungen und ihres Sprachgebrauchs. Dennoch bestehen bekennende Christen darauf, dass Irrtum nicht den Kern des menschlichen Wesens ausmacht: Jeder einzelne Mensch ist in der Lage eine Aussage zu treffen, die eindeutig und vollkommen wahr ist, auch wenn es sich dabei nicht um eine erschöpfende Aussage handelt. Die vielen biblischen Texte, die Gottes herrliche Güte bezeugen, durch die er auf unsere Begrenztheit als Menschen eingeht, bezeugen auch, dass er in seiner Vorsehung sein Wort in seiner Wahrheit bewahrt.
Der dritte Angriff auf die Irrtumslosigkeit – und damit auf die Wahrheit – ist das Bezweifeln der menschlichen Fähigkeit, Wahrheit über etwas überhaupt erkennen zu können. „Die Kunst der gebieterischen Unwissenheit“ ist ein Ausdruck, der einem wichtigen Aufsatz des verstorbenen Michael J. Ovey entstammt.5 Ein gutes Beispiel dafür, so Ovey, ist das Konzil von Sirmium (357 n.Chr.). In Sirmium diskutierte man das Für und Wider einer bestimmten theologischen Position und kam schließlich nicht nur zu dem Schluss, dass man keine endgültige Entscheidung treffen könne, sondern dass dies sogar grundsätzlich unmöglich sei. Mit anderen Worten: In Sirmium gestand man sich nicht nur seine eigene Unwissenheit ein, sondern bestand darauf, dass Unwissenheit die einzig richtige Position sei – was in der Praxis natürlich bedeutete, dass man jede beliebige Position wählen konnte, solange man diese nicht zur einzig richtigen erklärte. Die Unwissenheit des Konzils war kein bescheidener Agnostizismus, sondern eine gebieterische Forderung. Einige postmoderne Denkrichtungen wählen eine ähnliche Vorgehensweise. Sie behaupten, genau zu wissen, wie viel wir von dem, was die Bibel sagt, nicht wissen können. Wenn sie ihre eigene Erkenntnistheorie etwas mehr anzweifeln würden, könnten sie vielleicht mehr Vertrauen in ihre Lesefähigkeit entwickeln.
Schließlich haben einige Kritiker zu verschiedenen Zeiten der Kirchengeschichte und insbesondere in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts versucht, die Wahrheit (und damit die Irrtumslosigkeit) der Heiligen Schrift zu untergraben, indem sie unterschiedliche Inhalte der biblischen Ethik ins Lächerliche zogen. Dazu gehörten Berichte über Völkermord und die Aussagen der Bibel über Hölle, Homosexualität, Frauenrechte und religiösen Exklusivismus. Einige dieser Themen werden an anderer Stelle beleuchtet. An dieser Stelle soll nur festgehalten werden, dass viele Angriffe auf die Irrtumslosigkeit in Wirklichkeit aus einem Unbehagen gegenüber bestimmten biblischen Wahrheiten entstehen.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei TGC und die Übersetzung bei Evangelium21. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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Über den Autor
Autor
D.A. Carson ist emeritierter Professor für Neues Testament an der Trinity Evangelical Divinity School in Deerfield, Illinois. Er ist Gründungsmitglied von The Gospel Coalition und Autor von How Long, O Lord?
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