Stell dir vor, du würdest einen fremden Mann oder eine fremde Frau auf der Straße anhalten und fragen: „Wie würdest du Bescheidenheit definieren?“ Wahrscheinlich würde sich ihre Vorstellung fast ausschließlich auf Kleidung beziehen: „Kleidung, die nicht zu auffällig ist.“ „Keine enge oder freizügige Kleidung.“ „Mehr Stoff, weniger Haut.“ Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und alles dreht sich um Kleidung.
Stell dir nun vor, du würdest dieselbe Frage einem Christen stellen. Dreht sich christliche Bescheidenheit hauptsächlich um Ausschnitte und Rocklängen? Besteht unsere Definition aus Begriffen wie auffällig, eng, freizügig und Haut? Sicher, wenn es um biblische Bescheidenheit geht, spielt Kleidung eine Rolle. Das machen die Sprüche, Paulus und Petrus deutlich. Die Bibel erklärt ebenso, warum Kleidung überhaupt eine Rolle spielt.
Kleidung ist nicht der Anfang und das Ende biblischer Bescheidenheit. Vielmehr ist sie ein Ausdruck biblischer Bescheidenheit. Betrachte, wie in den folgenden Bibelstellen das, was wir tragen, auf die Haltung dessen hinweist, was in Gottes Augen „von großem Wert“ ist: unser Herz ().
In diesem Interview aus dem Jahr 2016 beantwortet John Piper die Frage, wie Pastoren zu angemessener Kleidung im Schwimmbad ermutigen können. Erstaunlicherweise erwähnt Piper in seiner Antwort kein einziges Mal Badebekleidung. Warum?
Piper argumentiert, dass Regeln zwar ihren Platz im christlichen Leben haben, aber nicht der Ausgangspunkt sein dürfen. Wir wünschen uns Gemeinden, in denen Christen aus Freude und aus freiem Herzen sowohl im Schwimmbad als auch überall sonst bescheidene Kleidung tragen. Mehr oder strengere Regeln schaffen solche Art von Menschen nicht. Das geschieht durch eine Lehre, die die ganze Bibel entfaltet und Christus erhöht. Durch die Kraft des Heiligen Geistes bewirkt eine solche Verkündigung weit mehr, als nur den Inhalt des Kleiderschranks zu verändern. Sie stärkt die Seele.
Solange die Schrift (nicht die Gesellschaft) unser Ratgeber ist und Gott (nicht die Sünde) unser Schatz ist, wird uns bescheidene Kleidung entweder gleichgültig sein oder aus den falschen Gründen wichtig werden. Unser Herz muss sagen:
„Dir zu gehorchen, dich zu ehren und meinem Nächsten mehr zu dienen als mir selbst, all das ist weit besser, als gut auszusehen, Aufmerksamkeit zu erlangen oder meinen eigenen Willen durchzusetzen!“ Erst dann greifen unsere Hände ganz selbstverständlich zu bestimmten Kleidungsstücken und zwar mit Freude. Nach Gottes Ordnung besitzt eine auf Gott ausgerichtete, Christus verherrlichende Verkündigung die Kraft, diese Freude hervorzubringen; etwas, das bloße Gebote wie „Du sollst dies oder jenes nicht tragen“ niemals bewirken können.
Zum Schluss fordert Piper die Pastoren dazu auf, gemeinsam mit den Mitarbeitern der Gemeinde, den Leitern verschiedener Dienste und den Eltern eine Kultur der Bescheidenheit zu fördern. Gemeinsam können sie am besten ein gegen den Zeitgeist gerichtetes Verständnis vermitteln, dass nämlich Bescheidenheit und Schönheit zusammengehören. Die Welt mag eine bescheidene Kleidung als altmodisch oder unattraktiv belächeln. Christen aber wissen, was der Schöpfer dieser Welt darüber sagt. Und sein Wort ist Wahrheit ().
In einem Artikel aus dem Jahr 2021 beginnt Mary A. Kassian mit einer Geschichte aus ihrer Jugend über die sogenannten „Hotpants“ der 1970er-Jahre, extrem kurze Shorts, die oft aus Samt oder Satin gefertigt waren. Als sie mit ihrem ersten Paar nach Hause kam, begeistert über ihren leuchtenden, geblümten und modischen Kauf, beendeten ihre Eltern ihre Freude schnell. Dieser Modetrend entsprach nicht der Definition von Bescheidenheit. Kassian berichtet, dass sie bei diesem Wort innerlich zusammenzuckte.
Während sie sich dagegen sträubte, fragte sie sich auch, warum Bescheidenheit scheinbar vor allem eine Angelegenheit von Frauen und insbesondere ihrer Kleidung sein sollte. Da Männer häufig als stärker visuell orientiert beschrieben werden, reduzieren manche Gemeinden Bescheidenheit auf die Frage, wie Frauen sich kleiden sollen, damit Männer nicht in Versuchung geraten. Natürlich, so Kassian, fordert die Bibel Frauen tatsächlich auf, sich bescheiden zu kleiden (). Doch diese Anweisung enthält keine detaillierte Liste nach dem Motto: „Trage dies“ oder „Trage das nicht.“ Was geschieht also, wenn wir Bescheidenheit ausschließlich auf weibliche Kleidungsstücke beziehen? Was übersehen wir dabei?
Zum einen die Männer. In verwendet Paulus das griechische Wort kosmios, um zu beschreiben, wie sich eine gottesfürchtige Frau präsentieren soll: Sie soll „bescheiden“ oder „anständig“ auftreten. Im unmittelbar folgenden Kapitel benutzt Paulus dasselbe Wort kosmios, um die Anforderungen an Älteste zu beschreiben: Sie sollen „anständig“ oder „ehrbar“ sein (). Daraus wird deutlich, dass Gott Wert darauf legt, dass sowohl Frauen als auch Männer Bescheidenheit zeigen.
Ein Verständnis von Bescheidenheit, das sich nur auf die Garderobe von Frauen konzentriert, schließt Männer aus und verfehlt nach Kassian den eigentlichen Kern biblischer Bescheidenheit: das Herz.
Sehen wir uns selbst als kleine, von der Sünde gezeichnete Menschen vor dem großen, heiligen und gnädigen Gott? Wenn ja, dann werden wir uns ehrfürchtig und bescheiden vor ihm beugen. Wir werden uns seiner rühmen, nicht unseres Ansehens, nicht unseres Reichtums und nicht unserer Kleidung. Alles, was wir sind, und alles, was wir besitzen, ist ein Geschenk Gottes (). Nicht wir selbst sollen im Mittelpunkt stehen, sondern Gottes Herrlichkeit, deren ganze Fülle wir in Christus finden (). Bescheidenheit sagt: „Ihn verkündigen wir“ ().
Eine solche ehrfürchtige, von Herzen kommende Bescheidenheit wird sich selbstverständlich auch in der Kleidung ausdrücken. Kassian warnt jedoch davor, Gespräche über angemessene oder unangemessene Kleidung von den geistlichen Grundlagen zu lösen. Deshalb beendet sie ihren Artikel mit drei eindringlichen Fragen, die wir unserem Herzen stellen sollten, wenn wir über unsere Kleidung nachdenken.
In Artikel von mir aus dem Jahr 2024 ermutige ich Christen ebenfalls dazu, sich Fragen zur Bescheidenheit zu stellen, Fragen, die sich tatsächlich beantworten lassen. Allzu oft versuchen wir, zwischen bescheidener und unbescheidener Kleidung zu unterscheiden, indem wir fragen: „Wäre es falsch, wenn ich das trage?“ Würde man diese Frage jedoch einem biblischen Autor stellen, bekäme man vermutlich kaum eine konkrete Antwort. Wie wir bereits gesehen haben, enthält die Bibel nur sehr wenige genaue Kleidervorschriften. Dafür finden sich umso mehr Prinzipien göttlicher Weisheit.
Anstatt also vor dem Kleiderschrank oder im Geschäft immer wieder und letztlich ziemlich erfolglos zu fragen: „Ist das falsch?“, können wir bezüglich unserer Kleidung eine weisere Frage stellen: „Ist es hilfreich?“ Wird dieses Hemd oder diese Hose meinen Glauben fördern, oder wird dieses Outfit dazu führen, dass ich nach Blicken und Komplimenten suche? Profitieren auch andere von der Art, wie ich mich kleide, oder könnte ich unnötig Neid oder Begierde hervorrufen? Je nach unserem Umfeld, unserer Vergangenheit, unserer Persönlichkeit und unseren persönlichen Versuchungen werden die Antworten unterschiedlich ausfallen. Doch wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, werden wir Antworten auf diese Fragen finden.
Und dort, wo ein bescheidenes Herz sich auch in bescheidener Kleidung ausdrückt, wird Gott verherrlicht und echte Freude gefunden.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.
