Apologetik & Weltanschauungen

C. S. Lewis: Warum Gott zu schweigen scheint

Kyle Tucker5 Min. LesezeitQuelle: The Gospel Coalition

Auf einen Blick

Warum bleibt Gott so oft verborgen? C. S. Lewis ringt in seinem Roman „Till We Have Faces“ mit dem Problem des Bösen und der göttlichen Stille. Seine Antwort ist so überraschend wie tiefgründig.

Viele lieben C. S. Lewis wegen der herzerwärmenden Welt von Narnia und der logischen Präzision von Mere Christianity. Lewis selbst hielt jedoch einen anderen Roman für sein eigentliches Meisterwerk: Till We Have Faces: seine düstere Nacherzählung eines antiken heidnischen Mythos.

Das Buch erzählt den griechischen Mythos von Amor und Psyche aus der Perspektive von Psyches Schwester Orual. Die Geschichte spielt in der trostlosen Stadt Glome und ist sowohl ungewöhnlich als auch schwer. Polytheismus ist selbstverständlich, Leid allgegenwärtig. Der Roman ist Oruals Anklage gegen die Götter, die so viel Ungerechtigkeit zulassen. Am Ende erkennt sie ihre eigene Verdorbenheit und stirbt.

Obwohl der Roman vor 70 Jahren erschienen ist, ist er unter Lewis‘ Werken bis heute wenig bekannt. Nach der Lektüre und dem Hören von Peter Kreefts Vorlesungen, die inzwischen als Kommentar zum Roman veröffentlicht wurden, glaube ich zu verstehen, warum. Stellenweise liest sich der Roman wie eine seltsame Nacherzählung eines ebenso obskuren Mythos.

Und trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Eigenartigkeit, spricht er klar in unsere modernen Fragen hinein. Der Roman enthält Lewis‘ eindrücklichste Antworten auf zwei Fragen: das Problem des Bösen und das Problem der Verborgenheit Gottes.

Das Problem des Bösen

Lewis hat sich häufig mit dem Problem des Bösen befasst. Seine bekannteste Antwort findet sich in Mere Christianity:

Mein Argument gegen Gott war, dass das Universum so grausam und ungerecht zu sein schien. Aber woher hatte ich diese Vorstellung von gerecht und ungerecht? … Ausgerechnet in dem Versuch zu beweisen, dass Gott nicht existiert, sah ich mich gezwungen anzunehmen, dass ein Teil der Wirklichkeit, nämlich meine Vorstellung von Gerechtigkeit, durchaus einen Sinn ergab.

Diese Antwort ist logisch schlüssig, aber Till We Have Faces bietet etwas Tieferes, etwas, das man erlebt, nicht nur denkt. Schmerz und Verlust prägen Oruals Leben in Glome. Ihr Vater misshandelt sie, sie verliert die Schwester, die sie liebt, und verliebt sich in Bardia, den verheirateten Hauptmann ihrer Palastwache, eine Liebe, die keine Zukunft haben kann. Orual begräbt ihren Schmerz und verbirgt ihn buchstäblich. Da sie weniger schön ist als ihre Schwestern, trägt sie nach ihrer Krönung zur Königin stets einen Schleier vor dem Gesicht. Sie wird zum Symbol von Macht, Autorität und Einschüchterung.

Doch Orual erkennt, dass ihre Liebe zu Psyche und Bardia eine selbstsüchtige, verschlingende Liebe ist. In ihrem Verlangen, mehr Zeit mit ihrer Schwester zu verbringen, trennt sie Psyche von ihrem Mann. Und aus Sehnsucht nach Bardias Nähe treibt sie ihn buchstäblich in den Tod. Ihre Zuneigung, so selbstbezogen wie sie ist, zerstört die Menschen, die sie liebt.

Lewis zeigt: Sünde ist ungeordnete Liebe. Jede menschliche Liebe wird zum Götzen, wenn sie nicht von Gottes Liebe geleitet wird. Nur durch die selbstgebende Liebe Gottes werden wir zu Menschen, die wirklich selbstlos lieben können.

Lewis zeigt: Sünde ist ungeordnete Liebe. Jede menschliche Liebe wird zum Götzen, wenn sie nicht von Gottes Liebe geleitet wird.

Diese Neudefinition des Bösen bringt Orual dazu, ihre Klage gegen die Götter zu überdenken. Als sie ihren Mentor fragt, ob die Götter ungerecht seien, antwortet er: „Oh nein, Kind. Was würde aus uns werden, wenn sie es wären?“ Lewis zeigt: Das Böse ist nicht nur eine Realität außerhalb von uns — es ist eine Krankheit, die in jedem Herzen wohnt. Wenn die Götter das Böse vollständig ausrotten würden, müssten sie auch Orual wegen ihrer Sünde vernichten. Gott lässt das Böse nicht vollständig verschwinden und zwar aus Liebe und Barmherzigkeit uns gegenüber.

Das Problem der Verborgenheit Gottes

Die Erkenntnis ihrer inneren Zerbrochheit zeigt Orual, warum die Götter das Böse dulden. Aber sie erklärt nicht ihr Schweigen. Wie Hiob möchte sie mit dem Göttlichen sprechen und eine Erklärung für ihr Leiden empfangen. Wenn die Götter schon nicht verschwinden wollen, könnten sie sich wenigstens zeigen und sagen, was sie von uns erwarten.

Was Orual aufwirft, ist das Problem der Verborgenheit Gottes. Warum ist Gott so schwer zu finden?

Heute ist dies einer der verbreitetsten und grundlegendsten Einwände gegen den Theismus. In Till We Have Faces wird deutlich, dass Lewis tief mit dieser Frage gerungen hat. Ursprünglich begann er das Buch als Ungläubiger, der mit der scheinbaren Abwesenheit Gottes zu kämpfen hatte. Er konnte den Roman erst fertigstellen, nachdem er Christ geworden war.

Ähnlich verhält es sich mit Orual: Sie versteht erst, warum das Göttliche vor ihr verborgen war, nachdem sie so etwas wie eine Bekehrung erlebt hat. Als sie vor den Göttern steht, trägt sie all ihre Klagen vor. Die Götter unterbrechen sie und schweigen. Aber ihr Schweigen ist Gnade, keine Strafe. Orual erkennt: „Ich sah wohl, warum die Götter nicht offen mit uns reden und uns nicht antworten lassen. … Wie können sie uns von Angesicht zu Angesicht begegnen, solange wir kein Gesicht haben?“

Der Grund, warum wir Gott nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen, liegt nicht darin, dass sein Gesicht verborgen ist sondern unseres. Wir tragen Masken, um unsere Fehler zu verbergen. Erst wenn diese Schleier fallen, können wir Gott wirklich begegnen. Unser wahres Gesicht, mit all seinen Mängeln, muss sichtbar werden, bevor wir Gottes Angesicht schauen können.

Der Grund, warum wir Gott nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen, liegt nicht darin, dass sein Gesicht verborgen ist sondern unseres. Wir tragen Masken, um unsere Fehler zu verbergen. Erst wenn diese Schleier fallen, können wir Gott wirklich begegnen.

Lewis hatte das Buch ursprünglich Bareface, also „unverschleiert“, betitelt. Der Titel passt. Das zentrale Drama der menschlichen Seele ist der langsame und schmerzhafte Prozess, die Masken abzulegen. Der Schleier der Selbstrechtfertigung muss durch Buße ersetzt werden. Orual musste zuerst ihre eigene innere Hässlichkeit erkennen, bevor sie Gottes Schönheit sehen konnte.

Die Dunkelheit und Undurchsichtigkeit von Till We Have Faces sind es, die dem Roman seine bleibende Kraft verleihen. Lewis zeigt: Wir müssen unsere Sünde eingestehen, bevor wir Gott wirklich begegnen können. Wir können sein Angesicht erst schauen, wenn wir unsere eigenen Fehler bekannt haben. Lewis beschließt seinen Roman mit diesen Worten: „Ich weiß jetzt, Herr, warum du keine Antwort gibst. Du selbst bist die Antwort. Vor deinem Angesicht sterben alle Fragen. Welche andere Antwort würde genügen?“

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.

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