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Die Jünger Jesu: Wer sie waren und was wir wirklich über die Zwölf wissen

Redaktion29 Min. Lesezeit

Wer an die Jünger Jesu denkt, sieht oft eine fest umrissene Gruppe von zwölf Männern vor sich: Petrus mit dem Schlüssel, Andreas mit dem schrägen Kreuz, Thomas als Zweifler und Judas als Verräter. Dieses Bild ist nicht falsch, aber unvollständig. Jesus hatte weit mehr als zwölf Jünger. Zu seinem Umfeld gehörten Männer und Frauen, Menschen aus Galiläa und Judäa, Fischer, ein Zöllner, wohlhabende Unterstützerinnen und viele, deren Namen nicht überliefert sind. Innerhalb dieses größeren Kreises wählte Jesus zwölf Männer aus. Sie sollten bei ihm sein, von ihm lernen und in seinem Auftrag handeln.

Gerade über diese Zwölf wird erstaunlich viel behauptet, was sich historisch kaum belegen lässt. Mittelalterliche Legenden schicken sie bis nach Spanien, Äthiopien, Armenien, Persien und Indien. Fast jeder von ihnen soll einen besonderen Märtyrertod erlitten haben. Manche dieser Überlieferungen können einen historischen Kern bewahrt haben. Andere entstanden erst Jahrhunderte später. Wer nach den Jüngern Jesu fragt, muss deshalb drei Ebenen auseinanderhalten: die Angaben des Neuen Testaments, die frühe kirchliche Überlieferung und spätere Apostellegenden.

Was bedeutet „Jünger“?

Das griechische Wort mathētēs, das im Neuen Testament gewöhnlich mit „Jünger“ übersetzt wird, bezeichnet zunächst einen Lernenden oder Schüler. Ein Jünger nahm nicht nur einzelne Unterrichtsstunden. Er schloss sich einem Lehrer an, hörte auf ihn und richtete sein Leben an dessen Lehre aus. Bei Jesus bekam diese Beziehung eine besondere Schärfe. Er vermittelte nicht bloß religiöses Wissen, sondern rief Menschen dazu auf, ihm persönlich nachzufolgen.

Die Evangelien schildern diesen Ruf mit knappen Sätzen. Simon und Andreas lassen ihre Netze liegen, Jakobus und Johannes verlassen das Boot ihres Vaters, Levi steht vom Zoll auf. Solche Szenen sind theologisch verdichtet; sie wollen zeigen, dass Jesu Ruf einen neuen Vorrang im Leben beansprucht. Nachfolge konnte bedeuten, Beruf, Besitz, Sicherheit und familiäre Erwartungen zurückzustellen. Jesus sprach offen davon, dass der Weg mit ihm Ablehnung, Verzicht und Leiden einschließen konnte (; ; ).

Dabei darf man „Jünger“ nicht mit „Apostel“ gleichsetzen. Jeder der Zwölf war ein Jünger, aber nicht jeder Jünger gehörte zu den Zwölf. Das Wort apostolos bezeichnet einen Gesandten oder Beauftragten. Nach wählte Jesus zwölf seiner Jünger aus und nannte sie Apostel. Der Begriff konnte im frühen Christentum jedoch weiter gebraucht werden. Paulus bezeichnet sich selbst als Apostel; auch Barnabas wird in so genannt. In unterscheidet Paulus deshalb zwischen „den Zwölf“ und einem größeren Kreis von Aposteln. Daraus folgt nicht, dass die Zwölf ursprünglich keine Apostel gewesen wären. Sie bildeten vielmehr eine besondere Gruppe innerhalb eines weiteren apostolischen Kreises.[1]

Jesus hatte mehr als zwölf Jünger

Die Evangelien lassen keinen Zweifel daran, dass Jesu Anhängerschaft größer war. Lukas berichtet von einer „großen Schar seiner Jünger“ (). Später sendet Jesus nach der handschriftlichen Überlieferung siebzig oder zweiundsiebzig weitere Jünger aus (). Beide Zahlen stehen in alten Handschriften; deshalb findet man in deutschen Bibelübersetzungen unterschiedliche Angaben. Nach wandten sich viele Jünger wieder von Jesus ab. In versammelten sich nach Ostern etwa 120 Gläubige in Jerusalem.

Auch Josef Barsabbas und Matthias hatten Jesus offenbar während seines gesamten öffentlichen Wirkens begleitet, obwohl sie in den Evangelien zuvor nicht namentlich hervortreten. Als ein Nachfolger für Judas gesucht wurde, galten nur Männer als geeignet, die von der Taufe Jesu bis zu seiner Himmelfahrt dabei gewesen waren und die Auferstehung bezeugen konnten (). Das setzt einen stabilen Jüngerkreis neben den bekannten Zwölf voraus.

Ein Teil der ersten Jünger hatte zuvor Johannes dem Täufer angehört. Das Johannesevangelium berichtet, dass Andreas und ein ungenannter weiterer Jünger Jesus begegneten, nachdem Johannes ihn als „Lamm Gottes“ bezeichnet hatte (). Zwischen der Täuferbewegung und dem frühen Jesuskreis bestanden also personelle Verbindungen. Jesus trat nicht in einem religiösen Vakuum auf. Seine Verkündigung vom Reich Gottes knüpfte an die Umkehrpredigt des Täufers an, ging aber zugleich über sie hinaus.

Die oft übersehenen Jüngerinnen

Zum Kreis um Jesus gehörten auch Frauen. Lukas nennt Maria aus Magdala, Johanna, die Frau des Chuza, und Susanna. Zusammen mit „vielen anderen“ begleiteten sie Jesus und die Zwölf und unterstützten die Bewegung aus ihrem Vermögen (). Das waren keine zufälligen Zuhörerinnen am Rand. Sie reisten mit der Gruppe, stellten Mittel bereit und blieben Jesus auch in der Passion verbunden.

Johanna ist dabei besonders interessant. Ihr Mann Chuza war ein Verwalter des Herodes Antipas. Über sie könnte das Umfeld Jesu indirekt mit dem Hof des Herrschers verbunden gewesen sein, der Johannes den Täufer hinrichten ließ. Mehr lässt sich aus der knappen Notiz nicht sicher ableiten, doch sie zeigt, dass Jesu Bewegung Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus erreichte.

Maria von Magdala nimmt unter den Jüngerinnen eine herausragende Stellung ein. Die Evangelien nennen sie als Zeugin der Kreuzigung, der Grablegung und des leeren Grabes. Im Johannesevangelium begegnet sie als Erste dem auferstandenen Jesus und erhält den Auftrag, den anderen Jüngern davon zu berichten (). Die spätere westliche Vorstellung, Maria Magdalena sei eine ehemalige Prostituierte gewesen, steht nicht im Neuen Testament. Sie entstand durch die Vermischung mehrerer Frauenfiguren, besonders der namenlosen „Sünderin“ aus mit Maria aus Magdala.[2]

Auch Maria von Bethanien wird in einer bemerkenswerten Schülerhaltung gezeigt: Sie sitzt „zu den Füßen Jesu“ und hört seiner Lehre zu (). Diese Wendung begegnet auch bei Paulus, der nach „zu den Füßen Gamaliels“ ausgebildet wurde. Lukas beschreibt Maria damit nicht nur als fromme Zuhörerin, sondern in einer Haltung, die zu einem Schüler gegenüber seinem Lehrer passt.

Dass keine Frau zum Zwölferkreis gehörte, bedeutet daher nicht, dass Jesus nur männliche Jünger gehabt hätte. Die Zwölf erfüllten eine besondere symbolische Funktion. Der weitere Jüngerkreis war größer und schloss Frauen ausdrücklich ein. In den Passionsberichten entsteht sogar ein auffälliger Gegensatz: Während die männlichen Jünger fliehen, beobachten Frauen die Kreuzigung, achten auf den Ort der Grablegung und kommen am ersten Tag der Woche zum Grab zurück (; 15,40–47; 16,1–8).

Warum gerade zwölf?

Die Zahl zwölf war kein organisatorischer Zufall. Israel leitete sich in seiner Überlieferung von den zwölf Söhnen Jakobs und damit von zwölf Stämmen ab. Zur Zeit Jesu bestand dieses Zwölfstämmevolk politisch längst nicht mehr in seiner ursprünglichen Gestalt. Nach den assyrischen Eroberungen im 8. Jahrhundert v. Chr. galten große Teile der nördlichen Stämme als zerstreut. Propheten wie Jesaja, Jeremia und Ezechiel verbanden die kommende Heilszeit jedoch mit der Sammlung und Wiederherstellung Israels.

Indem Jesus zwölf Männer einsetzte, erhob er einen weitreichenden Anspruch: Mit seinem Wirken begann die endzeitliche Sammlung des Gottesvolkes. Die Zwölf waren ein sichtbares Zeichen dafür. Jesus versprach ihnen, dass sie bei der Erneuerung der Welt auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten würden (; ). Ihr Auftrag richtete sich zunächst ausdrücklich an Israel (). Erst von dort aus weitete sich die Mission nach Ostern auf die Völker aus.

Diese Symbolik gehört zu den stärksten Gründen dafür, den Zwölferkreis nicht als nachösterliche Erfindung der Gemeinde anzusehen. Die Gruppe ist in voneinander unterscheidbaren neutestamentlichen Traditionen bezeugt: bei Markus, in den übrigen synoptischen Evangelien, bei Johannes, in der Apostelgeschichte und bereits in der von Paulus überlieferten Auferstehungsformel in . Hinzu kommt Judas Iskariot. Eine spätere Gemeinde hätte wenig Anlass gehabt, ausgerechnet einen Verräter in den engsten, von Jesus selbst berufenen Kreis einzubauen. Auch die Nachwahl des Matthias ist nur verständlich, wenn die Zwölfzahl schon vor Ostern eine von Jesus gesetzte Bedeutung besaß.[3]

Wie die Zwölf ausgewählt und ausgebildet wurden

Nach Lukas verbrachte Jesus vor ihrer Auswahl eine Nacht im Gebet. Am Morgen rief er seine Jünger zusammen und wählte zwölf von ihnen aus (). Der Text nennt keine menschlichen Auswahlkriterien. Er sagt aber auch nicht, die Wahl habe „allein“ auf dem nächtlichen Gebet beruht, als hätte Jesus die Männer vorher nicht gekannt. Einige waren ihm bereits gefolgt; ihre Berufungsgeschichten werden zuvor erzählt.

Markus fasst ihre Aufgabe in zwei Bewegungen zusammen: Jesus setzte die Zwölf ein, „dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen“ (). Zuerst steht die Gemeinschaft mit Jesus. Sie hörten seine Gleichnisse, sahen seine Heilungen, erlebten Konflikte und erhielten Erklärungen, die der größeren Öffentlichkeit nicht immer gegeben wurden. Danach wurden sie selbst ausgesandt.

Jesus schickte sie zu zweit. Sie sollten das Reich Gottes verkündigen, zur Umkehr rufen, Kranke heilen und Dämonen austreiben. Dabei sollten sie nur wenig für den Weg mitnehmen und auf die Gastfreundschaft der Menschen angewiesen sein (; ). Ihre Vollmacht war keine eigenständige religiöse Kraft. Sie handelten im Auftrag Jesu und mit der Autorität, die er ihnen gab.[4]

Die Ausbildung der Zwölf verlief allerdings keineswegs geradlinig. Besonders Markus erzählt ihre Geschichte zunehmend als Geschichte des Nichtverstehens. Nach der Speisung begreifen sie die Bedeutung des Geschehens nicht; ihr Herz wird als „verstockt“ bezeichnet (). Petrus erkennt Jesus als Christus, weist aber unmittelbar danach die Ankündigung seines Leidens zurück. Nach einer weiteren Leidensankündigung streiten die Jünger darüber, wer unter ihnen der Größte sei. Jakobus und Johannes verlangen Ehrenplätze. In Gethsemane schlafen die engsten Vertrauten ein, obwohl Jesus sie bittet zu wachen. Bei seiner Verhaftung fliehen schließlich alle.[5]

Diese schonungslose Darstellung ist ein wesentlicher Teil der Evangelien. Die Zwölf werden nicht als geborene Helden eingeführt. Sie verstehen den Weg Jesu erst im Licht von Kreuz und Auferstehung. Selbst nach Ostern erwähnt Matthäus noch Zweifel unter den Jüngern (). Ihre spätere Rolle beruht nach der Darstellung der Apostelgeschichte nicht auf natürlicher Begabung oder moralischer Fehlerlosigkeit, sondern auf der Auferstehungsbegegnung, der Beauftragung durch Christus und dem Empfang des Heiligen Geistes.

Wer waren die zwölf Apostel?

Vier neutestamentliche Listen nennen die Zwölf: , , und . Die Reihenfolge ist nicht identisch, doch die Zusammensetzung bleibt – abgesehen vom bereits ausgeschiedenen Judas in der Apostelgeschichte – stabil. Petrus steht immer an erster Stelle. Judas Iskariot steht in den drei Evangelienlisten zuletzt und wird jeweils mit seinem Verrat verbunden.

Eine weniger bekannte Beobachtung betrifft die innere Ordnung der Listen. Es lassen sich drei Gruppen zu je vier Namen erkennen. Die Reihenfolge innerhalb dieser Gruppen wechselt, aber Petrus führt stets die erste, Philippus die zweite und Jakobus, der Sohn des Alphäus, die dritte Gruppe an. Ob dahinter feste Arbeitsgruppen standen, wissen wir nicht. Die beständige Struktur spricht zumindest dafür, dass die Namen nicht beliebig angeordnet wurden.

Mehrere Namen kommen doppelt vor. Es gibt zwei Simon, zwei Jakobus und zwei Judas. Beinamen, Herkunftsangaben und Verwandtschaftsbeziehungen waren daher nötig, um sie auseinanderzuhalten.

Simon Petrus – Sprecher, Versager und Zeuge

Simon stammte aus Bethsaida und arbeitete als Fischer. Später lebte er offenbar in Kapernaum. Er war verheiratet; die Evangelien berichten von der Heilung seiner Schwiegermutter, und Paulus erwähnt später, dass Kephas auf Reisen von seiner Frau begleitet wurde (; ). Damit erledigt sich die gelegentlich geäußerte Vermutung, alle Apostel seien bei ihrer Berufung unverheiratete Jugendliche gewesen.

Jesus gab Simon den aramäischen Beinamen Kepha, griechisch Petros: Fels oder Stein. Petrus erscheint in den Evangelien als Sprecher der Zwölf. Er wagt es, Jesus auf dem Wasser entgegenzugehen, bekennt ihn als Christus und verspricht, mit ihm zu sterben. Zugleich sinkt er, missversteht den Leidensweg und verleugnet Jesus dreimal. Gerade diese Spannung prägt sein Porträt.

Nach Ostern wurde Petrus zu einer führenden Gestalt der Jerusalemer Gemeinde. In den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte predigt er öffentlich, heilt Kranke und vertritt die Gemeinde vor dem Hohen Rat. Er spielt auch bei der Öffnung der christlichen Botschaft für Nichtjuden eine zentrale Rolle. Paulus nennt ihn neben Jakobus und Johannes eine der „Säulen“ der Gemeinde, berichtet aber ebenso von einem offenen Konflikt mit ihm in Antiochia (). Auch die frühe Kirche bewahrte also kein Bild eines unfehlbaren Petrus.

Sein Tod gehört zu den vergleichsweise gut bezeugten Apostelschicksalen. Der um das Ende des 1. Jahrhunderts verfasste Erste Clemensbrief erinnert an das Leiden und Zeugnis des Petrus. Eusebius berichtet unter Berufung auf Origenes, Petrus sei in Rom gekreuzigt worden und habe darum gebeten, mit dem Kopf nach unten zu sterben. Der römische Märtyrertod ist historisch gut begründet; die genaue Art der umgekehrten Kreuzigung beruht auf späterer Überlieferung.[6]

Andreas – der Jünger, der andere zu Jesus brachte

Andreas war der Bruder des Petrus und ebenfalls Fischer. Im Markusevangelium gehört er zu den zuerst Berufenen. Johannes erzählt ausführlicher: Andreas war zunächst im Umfeld Johannes des Täufers. Nachdem dieser auf Jesus hingewiesen hatte, folgte Andreas Jesus und brachte anschließend seinen Bruder Simon zu ihm ().

Dieses Muster wiederholt sich. Bei der Speisung der Fünftausend macht Andreas auf einen Jungen aufmerksam, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische besitzt. Als einige Griechen Jesus sehen wollen, wenden sie sich zunächst an Philippus; Philippus bespricht sich mit Andreas, und beide bringen die Bitte zu Jesus (; 12,20–22). Andreas steht selten im Mittelpunkt, erscheint aber mehrfach als Vermittler.

Eusebius überliefert im 4. Jahrhundert eine ältere Tradition, nach der Andreas in Skythien missioniert habe. Spätere Berichte verbinden ihn mit Byzanz und mit der griechischen Stadt Patras, wo er gekreuzigt worden sein soll. Das X-förmige Andreaskreuz, das heute sein bekanntestes Symbol ist, lässt sich erst wesentlich später sicher nachweisen. Es sollte nicht als historisch gesicherte Form seines Todes dargestellt werden.[7]

Jakobus, Sohn des Zebedäus – der erste Getötete aus dem Zwölferkreis

Jakobus arbeitete mit seinem Bruder Johannes im Fischereibetrieb ihres Vaters Zebedäus. Markus erwähnt, dass Zebedäus Tagelöhner beschäftigte (). Die Familie besaß also mindestens ein Boot und führte einen kleinen Betrieb. Das passt schlecht zu der verbreiteten Vorstellung, sämtliche Jünger seien völlig mittellose Männer ohne wirtschaftliche Grundlage gewesen.

Jakobus gehörte zusammen mit Petrus und Johannes zum engsten Dreierkreis. Diese drei waren bei der Auferweckung der Tochter des Jairus, bei der Verklärung Jesu und im Garten Gethsemane dabei. Jesus gab Jakobus und Johannes den Beinamen „Boanerges“, den Markus mit „Donnersöhne“ erklärt. Lukas erzählt passend dazu, dass sie Feuer vom Himmel auf ein samaritanisches Dorf herabrufen wollten, das Jesus nicht aufgenommen hatte ().

Ihr Ehrgeiz zeigte sich auch in der Bitte, im kommenden Reich rechts und links neben Jesus sitzen zu dürfen. Jesus versprach ihnen keine Ehrenplätze, sondern sprach vom Kelch des Leidens ().

Jakobus ist der einzige der Zwölf, dessen gewaltsamer Tod im Neuen Testament ausdrücklich berichtet wird. Herodes Agrippa I. ließ ihn um das Jahr 44 mit dem Schwert hinrichten (). Die spätere spanische Tradition machte ihn als Santiago zum Nationalheiligen und verband sein Grab mit Santiago de Compostela. Für eine Missionsreise des Apostels nach Spanien gibt es jedoch keine frühe belastbare Quelle.

Johannes, Sohn des Zebedäus – Apostel zwischen Geschichte und Tradition

Johannes war der Bruder des Jakobus, Fischer und Mitglied des engsten Jüngerkreises. In der Apostelgeschichte tritt er zunächst häufig gemeinsam mit Petrus auf. Beide gehen zum Tempel, heilen einen Gelähmten, werden verhaftet und später nach Samaria gesandt (–4; 8,14–17). Paulus zählt Johannes zu den Säulen der Jerusalemer Gemeinde.

Kirchliche Tradition identifiziert ihn mit dem „Jünger, den Jesus liebte“, mit dem Verfasser des Johannesevangeliums, der Johannesbriefe und häufig auch der Offenbarung. Das Neue Testament selbst macht diese Gleichsetzungen nicht ausdrücklich. Das Johannesevangelium nennt den geliebten Jünger nie mit Namen. Die Offenbarung bezeichnet ihren Verfasser als Johannes, sagt aber nicht, dass er der Sohn des Zebedäus sei. Deshalb wird in der Forschung zwischen der historischen Person des Apostels und verschiedenen johanneischen Verfasserfragen unterschieden.

Für eine spätere Tätigkeit in Kleinasien gibt es eine frühe und beachtliche Überlieferung. Irenäus verbindet Johannes gegen Ende des 2. Jahrhunderts mit Ephesus und berichtet, er habe bis in die Zeit Kaiser Trajans gelebt. Polykrates von Ephesus nennt ebenfalls das Grab des Johannes in Ephesus. Eusebius übernimmt diese Tradition.[8]

Die oft wiederholte Aussage, Johannes sei als Einziger der Zwölf eines natürlichen Todes gestorben, ist daher möglich, aber nicht mit derselben Sicherheit belegt wie der Tod des Jakobus. Um 200 erwähnt Tertullian eine Überlieferung, nach der Johannes in Rom unversehrt aus siedendem Öl hervorgegangen sei. Das ist eine frühe Tradition, aber kein zeitgenössischer Bericht.

Philippus – der praktische Fragesteller

Philippus stammte wie Petrus und Andreas aus Bethsaida. Im Johannesevangelium ruft Jesus ihn direkt in die Nachfolge. Philippus sucht daraufhin Nathanael auf und sagt: „Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben“ (). Als Nathanael skeptisch auf Jesu Herkunft aus Nazareth reagiert, beginnt Philippus keine lange Debatte. Er antwortet schlicht: „Komm und sieh!“

Später prüft Jesus Philippus mit der Frage, wo Brot für die große Menschenmenge gekauft werden könne. Philippus berechnet, dass selbst Brot für zweihundert Denare nicht ausreichen würde. Beim letzten Mahl bittet er Jesus: „Herr, zeige uns den Vater“ (). Das Johannesevangelium zeichnet ihn damit als einen Jünger, der konkrete Fragen stellt und sichtbare Antworten sucht.

Philippus darf nicht mit dem gleichnamigen Evangelisten aus und 8 verwechselt werden. Dieser gehörte zu den Sieben und hatte vier prophetisch begabte Töchter. Die Unterscheidung ist wichtig, weil spätere Quellen die beiden möglicherweise vermischten. Polykrates von Ephesus schrieb um 190, der Apostel Philippus und seine Töchter seien in Hierapolis begraben. Ob er tatsächlich den Zwölferapostel meinte oder Traditionen über den Evangelisten zusammenführte, ist umstritten.[9]

Bartholomäus – ein Apostel, von dem fast nur der Name blieb

Bartholomäus wird in allen Apostellisten genannt, sonst aber nirgends eindeutig. Sein Name ist wahrscheinlich ein Vatersname: aramäisch Bar-Talmai, „Sohn des Talmai“. Sein persönlicher Name wäre uns dann nicht erhalten.

Seit langer Zeit wird Bartholomäus mit Nathanael aus und 21 identifiziert. Dafür spricht, dass Nathanael eng mit Philippus verbunden ist und Bartholomäus in den synoptischen Listen ebenfalls neben Philippus steht. Außerdem kennt das Johannesevangelium keinen Bartholomäus, während die synoptischen Evangelien keinen Nathanael erwähnen. Das ist ein nachvollziehbares Indiz, aber kein Beweis. Der Text selbst sagt nirgends, beide Namen bezeichneten dieselbe Person.[10]

Die Missionsüberlieferungen widersprechen einander erheblich. Bartholomäus wird mit Indien, Armenien, Mesopotamien, Äthiopien und Arabien verbunden. Eusebius berichtet, der christliche Lehrer Pantänus habe gegen Ende des 2. Jahrhunderts in „Indien“ ein hebräisches Matthäusevangelium vorgefunden, das Bartholomäus dorthin gebracht haben soll. Dabei ist unklar, welche Region mit Indien gemeint war und wie alt die zugrunde liegende Tradition ist. Die bekannte Darstellung seines Todes durch Häutung stammt aus späteren Legenden.

Matthäus – der Zöllner im Kreis Jesu

Matthäus wird in am Zoll sitzend von Jesus gerufen. Markus und Lukas nennen den berufenen Zöllner an der entsprechenden Stelle Levi, den Sohn des Alphäus. Traditionell werden Matthäus und Levi als dieselbe Person verstanden. Ganz sicher ist die Gleichsetzung nicht, weil kein Evangelium ausdrücklich sagt, Levi habe zusätzlich Matthäus geheißen. Die Matthäusliste hebt allerdings als einzige ausdrücklich „Matthäus, den Zöllner“ hervor.

Zöllner trieben Abgaben und Zölle im Auftrag der Herrschenden ein. Sie galten vielen Juden als moralisch verdächtig, weil das System Missbrauch begünstigte und mit fremder beziehungsweise herodianischer Herrschaft verbunden war. Jesus aß nach der Berufung des Zöllners mit weiteren Zöllnern und Sündern. Der Vorgang wurde damit zu einem sichtbaren Ausdruck seiner Zuwendung zu gesellschaftlich Ausgegrenzten.

Häufig wird aus der gemeinsamen Zugehörigkeit von Matthäus und Simon dem Zeloten geschlossen, Jesus habe politische Todfeinde in seinem Kreis vereint. Der Gedanke ist anschaulich, geht aber über die Quellen hinaus. Wir wissen weder, ob Simon Mitglied einer organisierten Widerstandsgruppe war, noch welche konkrete Funktion Matthäus im Abgabensystem ausübte.

Die frühe Kirche schrieb das erste Evangelium Matthäus zu. Papias, dessen Werk nur in Zitaten bei Eusebius erhalten ist, schrieb im frühen 2. Jahrhundert, Matthäus habe die „Worte“ oder „Aussprüche“ in hebräischer beziehungsweise aramäischer Sprache zusammengestellt. Wie diese Notiz zu unserem griechisch überlieferten Matthäusevangelium steht, ist eine der großen Forschungsfragen zur Evangelienentstehung. Die Behauptung, Matthäus habe sein Evangelium sicher in Antiochia geschrieben, lässt sich aus der alten Überlieferung nicht ableiten.[11]

Auch über seine spätere Mission gibt es keine einheitliche Tradition. Genannt werden unter anderem Äthiopien, Persien, Parthien und Syrien. Keine dieser Angaben erreicht historische Sicherheit.

Thomas – mehr als der Zweifler

Thomas wird im Johannesevangelium auch Didymus genannt. Sowohl das aramäische T’oma als auch das griechische Didymos bedeuten „Zwilling“. Wer sein Zwillingsgeschwister war, erfahren wir nicht. In syrischer Tradition trägt er auch den Namen Judas Thomas, also „Judas, der Zwilling“.

Seine bekannten Auftritte stehen sämtlich im Johannesevangelium. Als Jesus trotz der Gefahr nach Judäa zurückkehren will, fordert Thomas die anderen Jünger auf: „Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben“ (). Beim Abschiedsmahl fragt er offen nach dem Weg, weil er nicht versteht, wohin Jesus geht. Darauf antwortet Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ ().

Nach der Auferstehung weigert sich Thomas zunächst, dem Bericht der anderen Jünger ohne eigene Begegnung zu glauben. Acht Tage später tritt Jesus erneut in ihre Mitte. Thomas antwortet mit einem der deutlichsten Christusbekenntnisse des Neuen Testaments: „Mein Herr und mein Gott!“ (). Ihn nur als misstrauischen Skeptiker zu erinnern, wird seinem Porträt daher nicht gerecht. Er ist bereit zu sterben, spricht seine Unsicherheit aus und gelangt schließlich zu einem außergewöhnlich klaren Bekenntnis.

Die Überlieferung über seine Reise nach Osten ist vergleichsweise alt. Origenes, zitiert bei Eusebius, verbindet Thomas mit Parthien. Die wahrscheinlich im frühen 3. Jahrhundert entstandenen Thomasakten erzählen seine Mission im Umfeld des indo-parthischen Königs Gundaphar und seinen Tod in Indien. Gundaphar war eine historische Person des 1. Jahrhunderts, was zeigt, dass die Erzählung reale geographische und politische Erinnerungen verarbeitet. Das beweist jedoch nicht jede Einzelheit der Thomasakten. Eine Mission in den Osten bis in den indischen Raum ist historisch möglich und wird von den Thomaschristen Südindiens bis heute als Ursprung ihrer Kirche erinnert; sicher rekonstruieren lässt sie sich nicht.[12]

Jakobus, Sohn des Alphäus – nahezu unbekannt

Jakobus, der Sohn des Alphäus, steht in allen vier Apostellisten. Darüber hinaus lässt sich ihm keine neutestamentliche Handlung sicher zuordnen. Gelegentlich wird er mit „Jakobus dem Kleinen“ aus identifiziert. Das ist möglich, aber nicht bewiesen.

Noch wichtiger ist die Unterscheidung von Jakobus, dem Bruder Jesu. Dieser glaubte nach den Evangelien während Jesu öffentlichem Wirken offenbar noch nicht an ihn, erlebte den Auferstandenen und wurde später zum führenden Mann der Jerusalemer Gemeinde (; ; ; ). Paulus bezeichnet ihn als „Bruder des Herrn“. Es gibt alte kirchliche Versuche, verschiedene Jakobusfiguren miteinander gleichzusetzen, doch das Neue Testament legt zunächst unterschiedliche Personen nahe.

Über das spätere Leben des Alphäussohnes gibt es keine verlässlichen Nachrichten. Berichte über Missionen in Syrien, Ägypten oder Persien sind spät. Hier ist das Schweigen der Quellen selbst eine wichtige Information: Nicht jeder Apostel hinterließ eine rekonstruierbare Biografie.

Judas Thaddäus – der andere Judas

Die Apostellisten verwenden für diesen Jünger unterschiedliche Bezeichnungen. Lukas nennt „Judas, den Sohn des Jakobus“; die griechische Formulierung kann sprachlich auch eine andere Verwandtschaftsbeziehung bezeichnen, wird aber meist als „Sohn des Jakobus“ verstanden. Matthäus und Markus nennen an entsprechender Stelle Thaddäus. Einige Handschriften des Matthäusevangeliums bieten zusätzlich die Form Lebbäus. Wahrscheinlich handelt es sich um verschiedene Namen oder Beinamen derselben Person.

Im Johannesevangelium stellt „Judas, nicht der Iskariot“ Jesus die Frage, warum er sich seinen Jüngern, aber nicht der Welt offenbaren werde (). Mehr erfahren wir im Neuen Testament nicht sicher über ihn.

Er darf nicht ohne Weiteres mit Judas, dem Bruder Jesu und Verfasser des Judasbriefes, gleichgesetzt werden. Der Verfasser des Briefes stellt sich als „Knecht Jesu Christi und Bruder des Jakobus“ vor, nicht als einer der Zwölf.

Spätere Tradition verbindet den Apostel Judas mit Edessa, Armenien und Mesopotamien. Dabei besteht eine erhebliche Verwechslungsgefahr mit Addai beziehungsweise Thaddäus, einem Missionar aus dem weiteren Jüngerkreis, den die syrische Überlieferung zu den Siebzig oder Zweiundsiebzig zählt. Auch die gemeinsame Märtyrertradition von Judas und Simon in Persien ist historisch nicht früh genug belegt, um als sicher gelten zu können.

Simon der Zelot – ein Revolutionär?

Lukas nennt ihn „Simon, genannt der Zelot“. Matthäus und Markus verwenden die Form Kananaios. Diese Bezeichnung bedeutet nicht „Kanaanäer“, sondern gibt wahrscheinlich ein aramäisches Wort für „Eiferer“ wieder.

Ob Simon einer organisierten zelotischen Widerstandsbewegung angehörte, ist offen. Josephus verwendet die Bezeichnung „Zeloten“ besonders für eine Gruppe im Jüdischen Krieg ab 66 n. Chr. Politisch und religiös motivierten Widerstand gegen Rom gab es schon vorher, aber aus Simons Beinamen lässt sich keine genaue Parteimitgliedschaft ableiten. Er könnte ebenso wegen seines Eifers für das Gesetz oder für Gott so genannt worden sein.

Über keine weitere Handlung Simons berichtet das Neue Testament. Spätere Quellen lassen ihn an sehr unterschiedlichen Orten wirken: in Ägypten, Nordafrika, Persien, Armenien oder sogar Britannien. Die Vielfalt der Angaben erlaubt keine sichere historische Entscheidung.

Judas Iskariot – der berufene Verräter

Judas Iskariot gehört zu den zwölf Männern, die Jesus selbst auswählte. Das wird manchmal unbewusst verdeckt, indem Matthias in populären Listen an seine Stelle gesetzt wird. Matthias war jedoch der spätere Nachfolger. Der ursprüngliche Zwölferkreis schloss Judas ein.

Die Bedeutung des Beinamens „Iskariot“ ist nicht abschließend geklärt. Eine verbreitete Erklärung leitet ihn von isch Kerijot, „Mann aus Keriot“, ab. Wenn das stimmt, könnte Judas als einziger der Zwölf eindeutig aus Judäa statt aus Galiläa gestammt haben. Andere Deutungen verbinden den Namen mit einem semitischen Wort für „Falscher“ oder mit den Sikariern, doch besonders die letzte Herleitung ist chronologisch und sprachlich problematisch.

Johannes bezeichnet Judas als Verwalter der gemeinsamen Kasse und wirft ihm vor, Geld entwendet zu haben (; 13,29). Die synoptischen Evangelien berichten, dass er Jesus gegen Geld an die führenden Priester auslieferte und die Verhaftungsgruppe nach Gethsemane führte. Seine Motive werden nicht vollständig psychologisch erklärt. Habgier, satanischer Einfluss und bewusster Verrat werden genannt; moderne Erklärungen, Judas habe Jesus zu einem politischen Aufstand zwingen wollen, bleiben Spekulation.

Matthäus berichtet, Judas habe seine Tat bereut, das Geld zurückgebracht und sich erhängt. beschreibt seinen Tod und den Zustand seines Körpers in anderer Form. Die Texte lassen sich möglicherweise als unterschiedliche Ausschnitte desselben Geschehens verstehen, setzen aber jeweils eigene erzählerische Akzente.

Historisch fällt auf, dass die frühe Kirche Judas’ Zugehörigkeit zu den Zwölf nicht verschwieg. Der Verrat durch einen von Jesus selbst Berufenen war keine apologetisch bequeme Erzählung. In den Evangelien wird er vielmehr zum bedrückenden Beispiel dafür, dass äußere Nähe zu Jesus, Teilnahme am Auftrag und selbst empfangene Vollmacht keine Treue garantieren.

Matthias – der Apostel aus der zweiten Reihe

Nach Judas’ Tod wollte die Jerusalemer Gemeinde die symbolische Zwölfzahl wiederherstellen. Petrus formulierte zwei Voraussetzungen für den Nachfolger: Er musste Jesus während seines gesamten Wirkens begleitet haben und Zeuge seiner Auferstehung sein. Zwei Männer erfüllten diese Bedingungen, Josef Barsabbas mit dem Beinamen Justus und Matthias. Nach einem Gebet fiel das Los auf Matthias ().

Matthias war demnach keineswegs ein später Neubekehrter. Er hatte Jesus vermutlich ebenso lange begleitet wie die bekannteren Apostel, war aber zuvor in keiner Erzählung namentlich hervorgetreten. Darin liegt eine der interessantesten Einzelheiten seiner Geschichte: Ein Mensch konnte zum engsten verlässlichen Jüngerkreis gehören, ohne öffentlich sichtbar zu sein.

Über sein späteres Leben schweigt das Neue Testament. Die Tradition nennt Judäa, Kappadozien, das Gebiet am Kaspischen Meer und Äthiopien als Wirkungsorte. Schon die geographische Streuung zeigt, dass keine sichere Biografie mehr greifbar ist.

Die Wahl des Matthias wurde gelegentlich als menschlicher Fehler bezeichnet, weil später Paulus zum Apostel berufen wurde. Dafür gibt es im Neuen Testament keinen Hinweis. Lukas erzählt die Nachwahl ohne Kritik, betont das gemeinsame Gebet und sagt ausdrücklich, Matthias sei „zugeordnet zu den elf Aposteln“ worden. Paulus verstand seinen eigenen Aposteldienst als besondere Berufung zum Dienst unter den Völkern, nicht als nachträgliche Besetzung des Judas-Platzes.

Waren die Jünger arm, jung und ungebildet?

In Predigten und sozialen Medien erscheint häufig ein einheitliches Bild: Die Jünger seien jugendliche, bettelarme und ungebildete Fischer gewesen. Die Quellen tragen diese Verallgemeinerung nicht.

Nur für Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes ist der Fischerberuf ausdrücklich belegt. Zebedäus beschäftigte Arbeiter. Petrus besaß oder bewohnte ein Haus, war verheiratet und betrieb die Fischerei offenbar gemeinsam mit anderen. Fischerei am See Gennesaret war körperlich harte Arbeit, aber zugleich ein Gewerbe mit Booten, Netzen, Verarbeitung und Handel. Die Familien waren nicht Teil der gesellschaftlichen Elite; völlig besitzlose Tagelöhner waren sie offenbar ebenfalls nicht.

Matthäus arbeitete im Zollwesen und dürfte mit Zahlen, Abrechnungen und mehreren Sprachen oder Sprachformen umgehen können. Über die Berufe der meisten anderen Zwölf wissen wir nichts. Auch ihr Alter wird nicht genannt. Petrus war erwachsen und verheiratet. Für Johannes wird häufig ein besonders junges Alter vermutet, doch dafür gibt es keinen eindeutigen neutestamentlichen Beleg.

Als der Hohe Rat Petrus und Johannes in als „ungelehrte“ oder „einfache“ Menschen wahrnimmt, bedeutet das vor allem, dass sie keine anerkannte schriftgelehrte Ausbildung besaßen. Daraus folgt nicht, dass sie weder lesen noch schreiben konnten. Die Alphabetisierung im 1. Jahrhundert war begrenzt, und die Verfasserfragen einzelner neutestamentlicher Schriften müssen gesondert untersucht werden. Der eine Satz aus der Apostelgeschichte liefert dafür keine vollständige Bildungsbiografie.

Waren alle Apostel Märtyrer?

Die Behauptung, alle Apostel außer Johannes seien für ihren Glauben gewaltsam gestorben, ist in dieser Form nicht belegbar. Das Neue Testament berichtet den Tod von Judas Iskariot und die Hinrichtung des Jakobus, des Sohnes des Zebedäus. Das Johannesevangelium deutet einen gewaltsamen Tod des Petrus an (). Der Erste Clemensbrief und weitere frühe Quellen stützen den Märtyrertod des Petrus in Rom.

Bei Thomas existiert eine alte und in sich beständige östliche Märtyrertradition, deren historische Grundlage ernst genommen werden kann. Für Andreas und einige andere gibt es alte regionale Überlieferungen, aber die Einzelheiten werden erst spät greifbar. Bei Bartholomäus, Matthäus, Jakobus dem Alphäussohn, Simon und Judas Thaddäus sind Ort und Art des Todes historisch kaum festzustellen.

Das heißt nicht, dass diese Apostel friedlich starben. Es heißt nur, dass die erhaltenen Quellen eine sichere Aussage nicht erlauben. Glaubwürdige Geschichtsschreibung muss diese Lücke stehen lassen. Die Überzeugungskraft des frühen christlichen Zeugnisses hängt ohnehin nicht davon ab, für jeden der Zwölf eine spektakuläre Hinrichtungsart nachweisen zu können.

Was nach Ostern aus den Zwölf wurde

Nach der Auferstehung erscheinen die Jünger zunächst verängstigt und hinter verschlossenen Türen. Dann verändert sich ihr Auftreten. Sie bezeugen öffentlich, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt habe. Die Apostelgeschichte führt diesen Wandel auf ihre Begegnung mit dem Auferstandenen und auf den Empfang des Heiligen Geistes zurück.

Trotz der Nachwahl des Matthias tritt der Zwölferkreis bald als Gruppe in den Hintergrund. In den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte handeln die Apostel noch gemeinsam. Danach konzentriert sich die Erzählung auf einzelne Personen, besonders Petrus und Johannes, später auf Paulus. Jakobus, der Sohn des Zebedäus, wird hingerichtet. Als Petrus Jerusalem zeitweise verlässt, übernimmt Jakobus, der Bruder Jesu und kein Mitglied der Zwölf, eine führende Rolle. In beraten Apostel und Älteste gemeinsam über die Aufnahme nichtjüdischer Christen.

Dieses Zurücktreten der Zwölf spricht nicht gegen ihre Bedeutung. Ihre besondere Aufgabe bestand darin, Jesus während seines Wirkens zu begleiten und seine Auferstehung zu bezeugen. Darum beschreibt die Kirche als auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; sieht in einer Vision die Namen der zwölf Apostel auf den Grundsteinen des neuen Jerusalem.

„Die Zwölf“ blieb zugleich eine feste Gruppenbezeichnung. Paulus schreibt in einer sehr frühen Überlieferungsformel, Christus sei „Kephas, danach den Zwölf“ erschienen (). Zu diesem Zeitpunkt war Judas nicht mehr bei ihnen, und Matthias war nach der Chronologie der Apostelgeschichte noch nicht gewählt. Die Zahl funktioniert hier wie ein Eigenname für den von Jesus eingesetzten Kreis, nicht zwingend als aktuelle Zählung der Anwesenden.

Warum die Evangelien ihr Versagen nicht verbergen

Die Evangelien erzählen nicht die Geschichte von zwölf außergewöhnlich begabten Männern, die Jesus wegen ihrer Eignung auswählte. Ihre Schwächen nehmen dafür zu viel Raum ein. Petrus widerspricht Jesus und verleugnet ihn. Jakobus und Johannes wollen Macht und Ansehen. Thomas glaubt den anderen Zeugen zunächst nicht. Philippus versteht Jesu Hinweis auf den Vater nicht. Judas verrät ihn. Die übrigen fliehen, und über viele erfahren wir kaum etwas.

Gerade darin liegt die theologische Linie der Jüngergeschichten. Nachfolge beginnt mit Jesu Ruf, nicht mit fertiger Erkenntnis. Die Jünger müssen lernen, dass das Reich Gottes nicht durch Rang, Gewalt oder politischen Triumph kommt. Jesus stellt ein Kind in ihre Mitte, wäscht ihnen die Füße und deutet seine eigene Sendung als Dienst und Hingabe. Wer unter ihnen groß sein will, soll Diener sein (; 10,42–45; ).

Der Abstand zwischen ihrem Verhalten während der Passion und ihrem späteren öffentlichen Zeugnis ist auffällig. Das Neue Testament erklärt ihn nicht durch eine nachträgliche Selbstoptimierung der Jünger. Im Mittelpunkt stehen die Auferstehung Jesu, seine erneute Zuwendung zu den Versagern und der Heilige Geist. Petrus wird nicht deshalb zum Zeugen, weil seine Verleugnung belanglos gewesen wäre, sondern weil der Auferstandene ihn wieder in den Dienst ruft.

So bleiben die Jünger Jesu zugleich historische Personen und Teil der Botschaft, die sie verkündigten. Einige wurden zu weithin bekannten Gestalten, von anderen blieb kaum mehr als ein Name. Ihre Bedeutung lag nicht darin, dass jeder eine große eigene Geschichte hinterließ. Sie bestand darin, dass Jesus sie bei sich haben wollte und sie anschließend als Zeugen dessen aussandte, was sie gehört und gesehen hatten.

Quellen

Biblische Quellen

  • Die vier Apostellisten: ; ; ; .
  • Berufung und Auftrag: ; 3,13–19; 6,7–13; ; 9,1–6.
  • Weitere Jünger und Jüngerinnen: ; 8,1–3; 10,1–20; 24,1–12; ; .
  • Rolle und Versagen der Zwölf: ; 8,27–33; 9,30–37; 10,35–45; 14,32–50.
  • Auferstehungszeugen und Apostel: ; –2; –15.

Frühe christliche Quellen

  • 1. Clemensbrief 5: frühes Zeugnis über das Leiden und den Tod des Petrus.
  • Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien 3,3–4: Johannes und die Überlieferung von Ephesus.
  • Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte 3,1; 3,24; 3,39; 5,10; 5,24: frühe Traditionen über Petrus, Andreas, Thomas, Johannes, Philippus, Bartholomäus und Matthäus.
  • Polykrates von Ephesus, Brief an Viktor von Rom, erhalten bei Eusebius, Kirchengeschichte 5,24.
  • Tertullian, De praescriptione haereticorum 36: römische Überlieferung über Petrus und Johannes.
  • Thomasakten, entstanden wahrscheinlich im frühen 3. Jahrhundert: wichtigste literarische Quelle der alten Thomas-Indien-Tradition, aber als apokryphe Apostelerzählung kritisch zu verwenden.

Forschungsliteratur

  1. Bible Odyssey, „Apostles vs. Disciples“, Society of Biblical Literature, 2022.
  2. Bible Odyssey, „Mary Magdalene“, Society of Biblical Literature, 2015; ergänzend Herbert Vorgrimler, „Jünger und Jüngerinnen“, in: Neues Theologisches Wörterbuch, Freiburg/Basel/Wien: Herder, 2008, S. 334–335.
  3. Angelika Strotmann, Der historische Jesus. Eine Einführung, hg. von Klaus von Stosch, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2019, S. 142.
  4. Michael J. Wilkins, A Theology of Matthew’s Gospel: Jesus Immanuel; Messiah of the Kingdom of Heaven, Israel, and the Church, Grand Rapids: Zondervan Academic, 2025, S. 421.
  5. Klaus Bäumlin, Das Markusevangelium heute lesen, Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2019, S. 44–45.
  6. 1. Clemensbrief 5; vgl. Eusebius, Kirchengeschichte 3,1.
  7. Eusebius, Kirchengeschichte 3,1; englischer Text: „Church History, Book III“.
  8. Irenäus, Gegen die Häresien 3,3–4; Polykrates bei Eusebius, Kirchengeschichte 5,24; englischer Text: „Church History, Book V“.
  9. Polykrates bei Eusebius, Kirchengeschichte 5,24; vgl. zum Evangelisten Philippus und seinen Töchtern.
  10. Bible Odyssey, „Nathanael from an Indian Perspective“, 2026.
  11. Eusebius, Kirchengeschichte 3,39 zur Papias-Überlieferung; vgl. Bible Odyssey, „The Apostle Matthew“, 2022.
  12. Eusebius, Kirchengeschichte 3,1; Thomasakten; James F. McGrath, „History and Fiction in the Acts of Thomas“, Journal for the Study of the Historical Jesus 6, 2008, S. 297–311; Bible Odyssey, „Thomas“, 2025.

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