Die evangelikale Theologie hat eine Leerstelle. Es ist ein Thema, das in Predigten, Büchern und Liedern oft vernachlässigt wird: Der Gedanke, dass unser Gehorsam Gott tatsächlich erfreut. Wayne Grudem widmet sich in seinem Essay „Pleasing God by Our Obedience“ genau diesem Thema. Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung von Grudems Argumenten.
Viele Christen haben Angst davor, über Gehorsam zu sprechen. Sie fürchten, damit die fundamentale Wahrheit der „Rechtfertigung allein aus Glauben“ zu untergraben. Doch diese Angst führt zu einem Ungleichgewicht. Wenn wir den Gehorsam vernachlässigen, berauben wir uns einer tiefen Freude und einer starken Motivation für das tägliche Leben. Die folgenden neun Punkte, geben basierend auf Grudems Beitrag einige Schlaglichter auf das Thema des Gehorsams im Neuen Testament.
Der erste Schritt, um diese Lehre des Gehorsams zu verstehen, ist ein Blick in die Bibel. Das Neue Testament ist voll von Aussagen, die Gläubige dazu ermutigen, Gott zu gefallen. Es ist kein isoliertes Thema, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die Briefe der Apostel.
Paulus und die Motivation zum Gehorsam.
Der Apostel Paulus nutzt den Wunsch, Gott zu gefallen, oft als Hauptmotivation für christliches Handeln:
Der Hebräerbrief und andere Schriften.
Das ultimative Vorbild. Das stärkste Argument ist jedoch Jesus Christus selbst. Er sagte über sich: „Ich tue allezeit, was ihm gefällt“ (). Bei seiner Taufe bestätigte Gott der Vater dies hörbar: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (). Wenn Jesus danach strebte, dem Vater zu gefallen, sollten wir seinem Vorbild folgen.
Die Vielfalt des Gehorsams. Das Neue Testament nennt zahlreiche spezifische Handlungen, die Gott gefallen. Dazu gehören unter anderem:
Diese unvollständige Liste zeigt, dass jeder Bereich unseres Lebens – ob geistlich, finanziell oder familiär – eine Gelegenheit ist, Gott durch unseren Gehorsam Freude zu bereiten.
Hier liegt der Kern des Problems für viele Christen. Wie passt diese Betonung von Werken und Gehorsam zur protestantischen Lehre der Rechtfertigung allein aus Glauben? Folgende theologische Unterscheidung zwischen Rechtfertigung und Heiligung bietet sich an.
Rechtfertigung ist allein aus Glauben. Das Neue Testament lehrt unmissverständlich, dass wir vor Gott nicht durch Werke gerechtfertigt werden. Unsere Stellung als „Gerechte“ vor dem göttlichen Gerichtssaal ist ein reines Geschenk. Wir können uns den Himmel nicht verdienen.
ABER: Heiligung erfordert Mitwirkung. Aber „Rechtfertigung allein aus Glauben“ bedeutet nicht „Heiligung allein aus Glauben“. In unserer täglichen Beziehung zu Gott (Heiligung) ist unser aktiver Gehorsam gefordert. Unsere tägliche Beziehung zu Gott hängt nicht nur vom Glauben ab, sondern auch davon, wie wir leben. Wir müssen unterscheiden zwischen unserer unveränderlichen rechtlichen Stellung (als Kinder Gottes) und der Qualität unserer täglichen Beziehung zu unserem Vater.
Die Wichtigkeit guter Werke. Obwohl Werke uns nicht retten, sind sie für das christliche Leben unverzichtbar. Wir wurden in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken. Gläubige sollen „reich an guten Werken“ sein und sich diesen widmen. Da Gott diese Werke vorbereitet hat und von uns fordert, ist es nur logisch, dass er sich auch freut, wenn wir sie tun.
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist die Ansicht, dass alles, was ein Christ tut, durch Sünde so sehr besudelt ist, dass es Gott nicht gefallen kann. Manche denken, Gott sieht unsere Taten nur als „wertlos“ an.
Gegen eine übertriebene Sündhaftigkeit. Wenn wir behaupten, dass Gott an unserem Gehorsam keine Freude haben kann, leugnen wir die Kraft des Werkes Christi in uns. Christus hat uns erlöst, um uns zu einem Volk zu reinigen, das eifrig ist zu guten Werken (). Zu sagen, wir könnten keine guten Werke tun, würde bedeuten, dass unsere Sündhaftigkeit mächtiger ist als Christi erlösendes Werk.
Unvollkommen, aber angenommen. Natürlich sind unsere Taten niemals perfekt. Wir haben immer noch sündige Anteile. Aber sie sind nicht zu 100 % böse. Das Westminster-Bekenntnis drückt dies passend aus: „Da die Personen der Gläubigen durch Christus dennoch angenommen sind, sind ihre guten Werke ebenfalls in ihm angenommen.“ (Art. 16) Er sieht nicht auf die Schwächen, sondern belohnt das, was aufrichtig ist, obwohl es unvollkommen ist. Satan möchte uns einreden, dass unser Gehorsam wertlos ist, um uns die Freude an der Beziehung zu Gott zu nehmen. Wir dürfen jedoch glauben, was die Bibel sagt: Unsere Taten können „gut“ und „angenehm“ sein.
Gott zu gefallen ist nichts, was automatisch und sofort in Perfektion geschieht. Paulus beschreibt es als einen Lernprozess.
Wachstum und Übung. In schreibt Paulus an die Gemeinde, dass sie gelernt haben, wie sie wandeln und Gott gefallen sollen. Er ermutigt sie, dies „noch mehr“ zu tun. Das impliziert, dass man darin besser werden kann. Man kann die Fähigkeit, Gott zu gefallen, trainieren.
Unterscheidungsvermögen entwickeln. Im Römerbrief werden wir aufgefordert, durch die Erneuerung unseres Sinnes zu „prüfen“, was der Wille Gottes ist (). Das griechische Wort dokimazō bedeutet, etwas in der Praxis zu testen und das Gute darin zu entdecken. Indem wir täglich versuchen, Gottes Willen zu tun, entwickeln wir ein Gespür dafür. Wir lernen aus Erfahrung, was Gott gefällt und was nicht. Es ist vergleichbar mit dem Erlernen eines Handwerks oder einer Kunst. Je mehr wir uns darin üben, desto sensibler werden wir für das, was dem Meister gefällt.
Praktische Lehre. Für Pastoren und Lehrer bedeutet dies: Wir sollten Menschen ganz direkt lehren: „Tu dies, denn es gefällt Gott.“ Wir sollten die Gläubigen ermutigen, jeden Tag im Licht von Gottes Wohlgefallen zu leben.
Grudem legt in seinem Artikel großen Wert darauf, dass diese Lehre nicht missverstanden wird. Es geht nicht um Willenskraft oder menschliche Anstrengung allein.
Ohne Glauben geht es nicht. „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen“ (). Paulus sagt sogar, dass alles, was nicht aus Glauben geschieht, Sünde ist (). Werke, die aus rein menschlicher Kraft oder Stolz getan werden, sind wertlos.
Gottes Kraft in uns. Wir sind wie Reben am Weinstock (Jesus). Ohne ihn können wir nichts tun (). Paulus betont immer wieder, dass er nur durch die Gnade Gottes arbeitet, die in ihm ist (). In heißt es, dass Gott es ist, der in uns wirkt, sowohl das Wollen als auch das Vollbringen, zu seinem Wohlgefallen. Das ist das Geheimnis: Wir strengen uns an (aktiver Gehorsam), aber wir vertrauen gleichzeitig darauf, dass Gott uns die Kraft dazu gibt.
Warnung vor Heuchelei. Äußerer Gehorsam mit einem kalten Herzen gefällt Gott nicht. Jesus kritisierte die Pharisäer scharf, weil sie Gott mit den Lippen ehrten, aber ihr Herz fern von ihm war (). Echter Gehorsam muss von innen kommen.
Wenn unser Gehorsam Gott gefällt, muss logischerweise unser Ungehorsam ihm missfallen.
Den Geist betrüben. Paulus warnt im Epheserbrief: „Betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes“ (). Sünde in unserem Leben löst bei Gott Trauer und Missfallen aus.
Väterliche Disziplin. Jesus selbst sagt in der Offenbarung zur Gemeinde in Laodizea: „Alle, die ich lieb habe, die überführe und züchtige ich“ (). Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Es handelt sich nicht um die strafende Wut eines Richters, der uns verdammt. Es ist die disziplinierende Liebe eines Vaters. Gott erzieht uns „zu unserem Besten, damit wir Anteil an seiner Heiligkeit haben“ ().
Wiederherstellung der Gemeinschaft. Wenn wir sündigen, verlieren wir nicht unsere Rechtfertigung, aber unsere Gemeinschaft mit Gott wird gestört. Wir fallen unter sein „väterliches Missfallen“. Der Weg zurück führt über das Bekenntnis. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns vergibt. So wird das „Licht seines Angesichts“ über uns wiederhergestellt.
Einer der theologisch interessantesten Punkte bei Grudem ist seine Analyse des Begriffs „Gnade“ (griechisch charis).
Gnade als „Gunst“. Oft definieren wir Gnade nur als „unverdiente Zuwendung“. Aber Grudem zeigt anhand von Lexika und Bibelstellen, dass charis oft einfach „Gunst“ oder „Wohlwollen“ bedeutet, ohne zwingend den Aspekt des „Unverdienten“ zu betonen. Ein Beweis dafür ist Jesus: Lukas berichtet, dass die „Gnade“ (Gunst) Gottes auf ihm war und zunahm (.52). Da Jesus nie gesündigt hat, konnte dies keine „vergebende Gnade“ sein. Es war Gottes wohlwollende Zustimmung.
Zunehmende Gnade. Während die Gnade zur Rechtfertigung ein einmaliges, völlig unverdientes Geschenk ist, gibt es eine Gnade im christlichen Leben, die wachsen kann. Gott gibt den Demütigen „mehr Gnade“. Petrus wünscht seinen Lesern, dass „Gnade und Frieden vermehrt werde“ (). Das bedeutet: Es gibt ein Muster in der Schrift. Gott schenkt denen, die ihm vertrauen und gehorchen, ein größeres Maß an seiner Gunst und Gegenwart.
Der Gehorsam bringt konkrete Segnungen mit sich, aber man darf ihn nicht mit einem Wohlstandsevangelium verwechseln.
Arten des Segens. Die Bibel verspricht verschiedene Segnungen für Gehorsam:
Die Realität des Leidens. Gleichzeitig lehrt das Neue Testament, dass Gehorsam oft in Leiden führt. Jesus, der „voller Gnade“ war (), litt bis zum Tod. Petrus schreibt, dass es „Gnade“ (Gunst) bei Gott findet, wenn wir leiden, weil wir Gutes tun (). Gottes Segen bedeutet also nicht immer ein einfaches Leben, Gesundheit oder Reichtum. Es ist vielmehr die Garantie, dass Gott uns in Schwierigkeiten stärkt und seine Gegenwart besonders spürbar macht. Oft erleben wir Gottes Gunst in Zeiten des Leidens am intensivsten.
Das Ziel dieser Lehre ist nicht Druck, sondern Freude. Grudem schließt mit einer ermutigenden Perspektive für den Alltag eines Christen.
Ein neues Selbstbild. Wie sollen wir über unsere Beziehung zu Gott denken, wenn wir gerade nicht bewusst sündigen, sondern versuchen, ihm zu dienen? Wir dürfen denken, dass der Vater im Himmel in diesem Moment tatsächlich mit uns zufrieden ist.
„Gut gemacht“. Wir warten alle darauf, am Ende unseres Lebens die Worte zu hören: „Recht so, du guter und treuer Knecht“ (). Es ist nicht falsch, zu glauben, dass Gott uns dies auch schon jetzt am Ende eines jeden Tages zuspricht, an dem wir aufrichtig versucht haben, ihm zu dienen.
Diese Gewissheit nimmt uns die Angst und gibt uns eine tiefe, beständige Freude. Wir leben nicht unter einer dunklen Wolke der Missbilligung, sondern im Licht seines wohlwollenden Angesichts.
Wir müssen das Pendel der evangelikalen Lehre wieder in die Mitte bringen. Während die Rechtfertigung allein aus Glauben das Fundament unseres Heils bleibt, ist der Gehorsam das Baumaterial unseres täglichen Lebens mit Gott.
Wir müssen keine Angst vor unseren Werken haben, solange sie aus Glauben geschehen. Gott ist kein harter Zuchtmeister, der niemals zufrieden ist. Er ist ein liebender Vater, der bereit ist, mehr Gnade zu geben und sich über die unvollkommenen, aber aufrichtigen Schritte seiner Kinder zu freuen. Wenn wir diese Wahrheit annehmen, wird unser Christsein nicht gesetzlicher, sondern freudiger, kraftvoller und Gott wohlgefälliger.
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Über den Autor
Autor
John Schröder hat seinen Bachelor in Theologie an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in Gießen abgeschlossen und studiert derzeit auf Lehramt. Er ist glücklich mit seiner Frau Anita verheiratet und lebt seinen Glauben in einer Freikirche in Siegen aus. Auf Dreieinigkeit.de schreibt er über theologische Themen und ihre Anwendung im Alltag.
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