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Wurde der Knecht des Herrn „durchbohrt“ oder „verwundet“ in Jesaja 53:5? Sprachwissenschaftliche Analyse von מְחֹלָל

3. November 2025Markus Buller19 Min. Lesezeit

Die Auslegung von zählt zu den philologisch wie theologisch zentralen Fragen innerhalb der Gottesknechtlieder des Deuterojesaja. Hier soll nun die Deutung des passiven Partizips מְחֹלָל in im Fokus stehen: Bedeutet es „verwundet“ – oder „durchbohrt“ im Sinne einer letalen Gewaltausübung? Diese Entscheidung berührt nicht nur die Morphologie und Semantik der Wurzel חלל, sondern auch die Poetik des Parallelismus im Vers.

Methodisch gehen wir in sechs Schritten vor: (1) lexikalisch-morphologische Bestimmung der Form (2) Untersuchung der Nominalableitung (3) Analyse der alten Übersetzungen (4) Kontext- und Parallelismus-Analyse in (5) Intertextuelle Querverweise (6) zusammenfassendes Ergebnis.

Textgrundlage

וְהוּא מְחֹלָל מִפְּשָׁעֵנוּ
מְדֻכָּא מֵעֲוֹנֹתֵינוּ
מוּסַר שְׁלוֹמֵנוּ עָלָיו
וּבַחֲבֻרָתוֹ נִרְפָּא־לָנוּ

Wörtlich: „Er war מְחֹלָל um unserer Vergehen willen, (er war) zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen wurde uns Heilung.“

I. Lexikalisch-morphologischer Befund zu חלל II

1. Grundbedeutung und Etymologie

Die Lexika trennen übereinstimmend חלל I („entweihen, lösen“) von חלל II1. Für חלל II (Klein führt es als חלל III) wird durchgehend als Basiskonzept bohren, höhlen2, durchbohren3 angegeben.

Gesenius in der 18. Auflage:

חָלַל II HLL mhe.; vgl. akkad. hālı̄lu ein eisernes Werkzeug z. Graben (AHW 311f.); ar. ḥalla durchbohren, (?) vgl. asa. ḥLT Grabkammer (SD 60); vgl. äth. ḥallat Rohr (CDG 261. ESAC 20); ja. (ATTM 579) חֲלִיל vgl. חֶלְאָה Höhlung, חֶלְתָּ Tal, Ossuar; syr. ḥLL; vgl. phön. ḥllt Sarkophag (DISO 88); mand. HLL (MD 148). → חָלִיל₂.4

Enhanced Brown-Driver-Briggs Hebrew and English Lexicon:

†I. חָלַל S2490 TWOT660, 660e, 661 GK2725, 2726, 2727 vb. bore, pierce (Arabic خَلَّ (ḫalla) perforate, pierce through, transfix, Ethiopic ኅለት (ḫəllat) (hollow) reed; Aramaic חֲלַל hollow out, חֲלִילָא pipe; ܚܠܻܝܠܴܐ (ḥlilo) adj. hollow, ܚܠܳܠܴܐ (ḥlolo) cave, ܚܶܠܬܳܐ (ḥelto) sheath, etc.; NH in deriv. חָלָל n. hollow, adj. slain, חָלִיל pipe);5

Klein:

חלל III to be hollow, to hollow out, bore, pierce.6

Swanson beschreibt den Grundsinn als „pierce“, d. h. das Eindringen eines scharfen Gegenstands in den Körper, mit Resultaten von Verletzung bis Tod.2 Gesenius bietet als Grundbedeutungen „bohren, höhlen, durchbohren“ und dokumentiert semitische Parallelen (Aramäisch, Syrisch, Arabisch, Äthiopisch).3 Klein führt dieselben Parallelen etymologisch aus (z. B. aram. חֲלָלָא „Höhle“, arab. khalla „durchbohren“).4

2. Formen und Bedeutungen

Qal. BDB: „pierced (wounded)“7 Gesenius: „durchbohrt sein“.8 Fohrer: „durchbohrt sein“9. Klein: „was pierced, was wounded.“10

Piʿel. BDB: „wound“ (). Gesenius: „durchbohren, verwunden“ (). Fohrer: „durchbohren, verwunden.“ Klein: „he pierced, wounded.“

Puʿal. BDB: „pierced“ Gesenius: „durchbohrt“ Fohrer: „durchbohrt“. Klein: „was pierced, was wounded.“

Poʿel. Gesenius: „durchbohren“ (; ). Fohrer: „durchbohren“.

Polal (passiv). BDB: „pierced, wounded (pass.)“; (Polal pass.); . Gesenius: „durchbohrt, verwundet“ (pass.); Fohrer: „durchbohrt“

3. Morphologische Einordnung von פֹּעַל / פֹּלַל (Poʿel / Polal)

Definition und Einordnung. Polal ist eine seltene passive Stammform im Biblischen Hebräisch; er ist das passive Pendant des aktiven Poʿel. Heiser/Setterholm definieren Polal als „eine seltene passive Stammform (beschreibt, was mit dem Subjekt passiert)“ und leiten ihn explizit vom Poʿel her; als mit der Piʿel‑Familie verwandt (passiv analog zu Puʿal) kann Polal „die Herbeiführung eines Zustands“ ausdrücken, wobei das Subjekt der Empfänger der Handlung ist.1

Klassisch-grammatisch ordnet GKC den Poʿel als seltene Konjugation ein, die „meist in derselben Bedeutung“ wie Piʿel verwendet wird und ein eigenes Passiv (Poʿal/Polal) besitzt.3 Zum aktiven Poʿel notiert GKC außerdem, er „bedeutet ein Suchen oder Trachten nach der betreffenden Handlung, namentlich mit feindseliger Tendenz“; diese Charakteristik erklärt die häufig beobachtete Zielgerichtetheit der Handlung im D‑Stamm‑Bereich.4

Heiser/Setterholm charakterisieren den Poʿel als „eine Variante des häufigeren Piʿʿēl‑Stamms“, die „die Herbeiführung eines Zustands ausdrücken oder die Handlung des Verbs verstärken (intensivieren)“ kann; diese aktive Aktionsart bildet den funktionalen Hintergrund des passiven Polal.5

Konsequenz für die Formbestimmung. Polal ist damit formal das passive Pendant zum Poʿel innerhalb der D‑Stämme (analog zu Puʿal zu Piʿel).

4. Vorkommen und Vergleich mit anderen Stellen (Illustration):

Da eine vollständige lemmabasierte Korpusanalyse den Rahmen dieser Untersuchung übersteigen würde, soll hier illustrativ anhand der Elberfelder 2006 Übersetzung eine Auswahl zentraler Belegstellen betrachtet werden.

durchbohren / erschlagen – 4/7 ≈ 57 %

  • – Poel, Qatal
  • – Poel, Partizip
  • – Piel, Partizip
  • – Pual, Partizip (passiv-intensiv, dem Polal sehr ähnlich)

verwunden/durchbohren – 2/7 ≈ 29 %

  • – Qal, Qatal (metaphorischer Gebrauch für seelische bzw. innere Verletzung; Übersetzung mit „durchbohren“ ebenfalls möglich; Gesenius „mein Herz ist durchbohrt in meinem Innern 11)
  • – Poel, Partizip (Bild eines Bogenschützen; sowohl „verwunden“ als auch „durchbohren“ möglich)

Schmerz zufügen/durchbohren – 1/7 ≈ 14 %

  • – Qal, Infinitiv constructus (metaphorische Verwendung im Sinn einer inneren bzw. geistigen Erschütterung, Gesenius: „mein Durchbohrtsein “12)

5. Zwischenfazit:

Die Beleglage zeigt, dass „durchbohren/erschlagen/töten“ die Hauptbedeutung der Verbes חלל II darstellt und den größten Anteil der Vorkommen ausmacht. Die Bedeutungen „verwunden“ und „Schmerz zufügen“ erscheinen seltener und nur in stark poetischen Texten, wo sie metaphorisch auf seelische oder innere Zustände übertragen werden. In wird zwar häufig mit „verwunden“ übersetzt, doch passt das Bild des Bogenschützen und seiner Pfeile semantisch ebenso gut zu „durchbohren“, was den engen Bedeutungsbezug zur Hauptverwendung verdeutlicht.

II. Lexikalisch-morphologischer Befund zur Nominalform חָלָל

Die Nominalform חָלָל (mask., cstr. חֲלַל, Pl. חֲלָלִים, cstr. חַלְלֵי) leitet sich von der Wurzel חלל II ab. Sie bezeichnet primär einen „Durchbohrten“ bzw. „tödlich Verwundeten“. Die maßgeblichen Lexika (BDB; Gesenius–Buhl; Fohrer; Bosman et al.; Swanson) stimmen darin überein, dass die Hauptbedeutung „durchbohrt, tödlich verwundet, getötet, erschlagen“ ist. Auch Klein:

m.n. a person pierced, a person totally wounded, a person slain. [From חלל ᴵᴵᴵ.]

Belege aus dem MT:

Und ihre Erschlagenen werden hingeworfen, und der Gestank ihrer Leichen steigt auf, und die Berge zerfließen von ihrem Blut.
(; MT: חַלְלֵיהֶם = „ihre Erschlagenen“)

Und die Zisterne, in die Ismael alle Leichen der Männer, die er erschlagen (נכה) hatte, warf, war eine große Zisterne, die der König Asa wegen Baschas, des Königs von Israel, gemacht hatte. Diese füllte Ismael, der Sohn des Netanja, mit den Erschlagenen (חֲלָלִֽים׃).
(; MT: חֲלָלִים)

Und die Söhne Jakobs fielen über die Erschlagenen her und plünderten die Stadt, weil man ihre Schwester entehrt hatte.
(; MT: חֲלָלִים)

Mittelalterliche jüdische Kommentatoren knüpfen daran an: Ibn Esra erklärt zu

והוא מחולל. מגזרת חלל:13
DE: „Und er ist mechulal (מחולל). Von der Wurzel chalal (חלל).“
En: „מחולל Slain. Comp. חלל slain“

In dieselbe Richtung argumentiert Shadal (Samuel David Luzzatto):

מחלל, לשון חָלָל, כמו למעלה (נ“א ט‘) מחוללת תנין (ראב“ע רוז‘ וגיז‘), אלא ששם הוא בינוני פועֵל, וכאן הוא מקבל הפעולה.14
DE: „Mechulal (מְחֻלָּל), Ausdruck von chalal (חָלָל), wie oben () „machulelet tannin“ (nach Ibn Esra, Rosenmüller und Gesenius), nur dass es dort ein Partizip poʿel ist, während es hier die Handlung empfängt (passiv ist).

Targumische Wiedergaben:

  • Targum Onkelos zu : „Die Söhne Jakobs kamen über die Leichname und plünderten die Stadt, die ihre Schwester entehrt hatte.“ (aram. קטיליא / „die Getöteten“)15
  • Targum Jonathan zu : „Und die übrigen Söhne Jakobs kamen zu den Erschlagenen und plünderten die Stadt, weil sie ihre Schwester befleckt hatten.“16

Diese Belege zeigen, dass חָלָל in narrativen und prophetischen Kontexten letal verstanden wurde und im antiken Übersetzungsverständnis (Targumim) klar auf Tote bezogen ist

Hauptbedeutung (Illustration):
Nach der Zählung in der Elberfelder 2006 bezeichnen 88 von 91 Belegen (= 96,70 %) Objekte, die gewaltsam ums Leben kamen, meist in militärischen, teils aber auch in anderen Gewaltszenarien (z. B. Mord, Hinrichtung) oder „Opfer anderer Todesursachen“ wie Hunger (חַלְלֵי־רָעָב, ) oder göttlichem Gericht (). In diesen 88 Belegen übersetzt die Elberfelder meist mit „Erschlagenen“ (72×), daneben mit „durchbohrt“ (10×), „tödlich verwundet“ außerhalb direkter Kampfhandlungen (3×; z. B. ; ) und „getötet“ (3×).

Davon abweichend:

  • „verwundet“, (1×)
  • „entehrt/defloriert“ (2×); vgl. Fohrer; Bosman et al.), nur in wenigen, kontextabhängigen Belegen.

III. Frühe Übersetzungen

LXX (Septuaginta)

Die griechische Übersetzung der Septuaginta gibt מְחֹלָל in mit ἐτραυματίσθη wieder, einem Aoristpassiv von τραυματίζω („verwunden, verletzen“). Im klassischen Griechisch bezeichnet dieses Verb primär das Zufügen einer Wunde, ohne zwingend den Tod einzuschließen. Im Sprachgebrauch der LXX zeigt sich jedoch ein deutlich anderes Bild: τραυματίζω und seine Nominalformen werden nahezu durchgängig als Standardäquivalent für die hebräische Wurzel חלל II verwendet – unabhängig davon, ob im jeweiligen Kontext lediglich Verwundete oder eindeutig Getötete gemeint sind.

Ein besonders klarer Fall ist . Der masoretische Text berichtet, dass die Söhne Jakobs nach der Tötung der Männer von Sichem „über die חֲלָלִים [Erschlagenen]“ kamen, um die Stadt zu plündern. Der Kontext macht deutlich, dass es sich um Leichname handelt. Die LXX gibt dennoch τοὺς τραυματίας („die Verwundeten“) wieder. Der Targum Onkelos übersetzt dagegen wörtlich mit „Leichname“, der Targum Jonathan mit „die Erschlagenen“ – beide spiegeln eindeutig die letale Bedeutung. Damit wird deutlich: Wo der hebräische Text unzweideutig Tote meint, kann die LXX dennoch das schwächer klingende τραυματίζω verwenden, während die Targumim die tödliche Nuance beibehalten.

Ähnliche Beobachtungen ergeben sich in anderen Texten: In werden die חֲלָלִים („Erschlagenen“) von Ismael in eine Zisterne geworfen – dennoch übersetzt die LXX mit τραυματιῶν („Verwundete“). In heißt es מ֥וֹת חָלָ֖ל („Tod eines Erschlagenen“), in der LXX aber θάνατον τραυματία („Tod eines Verwundeten“), während der Targum Jonathan klar formuliert: „Tod derer, die vom Schwert durchbohrt wurden“. Auch spricht von הֶחָלָל („dem Erschlagenen“), die LXX von τοῦ τετραυματισμένου („des Verwundeten“) – wiederum in einem Kontext, der eindeutig von einem Leichnam handelt.

Diese Beispiele zeigen: Im biblisch-griechischen Sprachgebrauch der LXX fungiert τραυματίζω als semantischer Oberbegriff für Opfer (tödlicher) Gewalt – er kann sowohl Verwundete als auch Tote bezeichnen. Eine präzise Unterscheidung zwischen „verwundet“ und „getötet“ erfolgt nicht, selbst wenn der Kontext ausdrücklich von Toten handelt. Die Targumim hingegen geben die tödliche Nuance zuverlässig wieder und bestätigen damit, dass חָלָל im Alten Testament regelmäßig „Getöteter, Erschlagener“ bedeutet.

Für bedeutet das: Die Wahl von ἐτραυματίσθη ist nicht aus der spezifischen hebräischen Form (Polal von חלל II) zu erklären, sondern spiegelt eine generelle Übersetzungsstrategie, die Bedeutungsnuancen weitgehend glättet. Obwohl τραυματίζω im klassischen Griechisch schwächer klingt, kann es im LXX-Gebrauch durchaus eine tödliche Gewaltausübung bezeichnen. Die LXX liefert damit keinen klaren semantischen Beweis für „verwundet“ oder „getötet“ in und ist für diese Entscheidung nur eingeschränkt heranzuziehen.

Syrische Peschitta

Die syrische Peschitta gibt מְחֹלָל in mit dem Ausdruck ܡܬܩܛܠ wieder17, der eindeutig „erschlagen, getötet“ bedeutet18:

ܗܘ ܡܬܩܛܠ ܡܛܠ ܚ̈ܛܗܝܢ ܘܡܬܡܟܟ ܡܛܠ ܥܘܠܢ ܡܪܕܘܬܐ ܕܫܠܡܢ ܥܠܘܗܝ ܘܒܫܘܡ̈ܬܗ ܢܬܐܣܐ19

But he was killed for our sins, he was afflicted for our iniquities; the chastisement of our peace was upon him, and with his wounds we are healed.

Grammatisch ist ܡܬܩܛܠ (methqaṭṭel) das Partizip Präsens des Ethpaʿel zu ܩܛܠ „töten“. Es steht in enger Beziehung zu ܐܬܩܛܠ (ʾethqaṭṭel) „er wurde getötet“ (Perfekt), markiert aber den fortdauernden bzw. charakteristischen Zustand des Getötetwerdens: den Leidenden, der im Prozess der Tötung steht. Genau diese aspektuelle Sicht entspricht der hebräischen Polal-Form von חלל II in מְחֹלָל, die – als passives Pendant zum Poʿel – die Herbeiführung eines Zustands beim Subjekt ausdrückt. Damit bestätigt die Peschitta nicht nur den letal-gewaltsamen Sinn („durchbohren/erschlagen/töten“), sondern spiegelt auch die Polal-Erleidensperspektive präzise wider.

Dies ist nicht verwunderlich, da die Peschitta des Alten Testaments unmittelbar aus dem Hebräischen übersetzt wurde und den masoretischen Text in der Regel mit hoher Genauigkeit wiedergibt.20 Die alttestamentliche Peschitta war bereits gegen Ende des 2. Jh. n. Chr. in wesentlichen Teilen vorhanden21. Die ältesten erhaltenen Manuskripte reichen bis ins 5. Jh. zurück, darunter die beiden ältesten datierten biblischen Handschriften überhaupt: Brit. Libr. Add. 14512 (Jesaja, A.D. 459/60, Palimpsest) und Add. 14425 (Pentateuch, A.D. 463/64).

IV. Kontext- und Parallelismus-Analyse in

Der Vers gliedert sich in vier Kolons:

  1. וּבַחֲבֻרָתוֹ נִרְפָּא־לָנוּ
  2. וְהוּא מְחֹלָל מִפְּשָׁעֵנוּ
  3. מְדֻכָּא מֵעֲוֹנֹתֵינוּ
  4. מוּסַר שְׁלוֹמֵנוּ עָלָיו
  1. Doch er war durchbohrt , um unserer Vergehen willen,
  2. zerschlagen, um unserer Sünden willen.
  3. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden,
  4. und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden.

Die Kolons (1) und (2) sind formal und syntaktisch parallel: jeweils ein passives Partizip (מְחֹלָל, Polal von חלל II; מְדֻכָּא, Puʿal von דכא) mit nachgestellter kausaler Präpositionalphrase (מִן + Suffix).

Nach Gesenius (HWAT, 16. Aufl., S. 161–162) wird מְדֻכָּא in im Sinn von „zerschlagen“ verstanden. Die parallele Bauweise legt nahe, dass מְחֹלָל eine semantisch gleichwertige Intensität aufweist.

Ein enger lexikalischer und poetischer Bezug zwischen diesen beiden Wurzeln findet sich in :

אַתָּה דִכִּאתָ כֶחָלָל רָהַב בִּזְרוֹעַ עֻזְּךָ פִּזַּרְתָּ אֹיְבֶיךָ
„Du hast Rahab zerschlagen (דכא) wie einen Erschlagenen (חָלָל); mit deinem starken Arm hast du deine Feinde zerstreut.“

Hier wird deutlich, dass „zermalmen/zertreten“ (דכא) als Handlungsweise beschrieben wird, durch die jemand „zum Erschlagenen“ (חָלָל) wird. Der Vergleich (wie einen Erschlagenen) macht klar, dass beide Lexeme in einem tödlichen Gewaltkontext zusammengehören – genau wie מְדֻכָּא und מְחֹלָל in .

Dass der Kontext des Gottesknechtsliedes tatsächlich einen tödlichen Ausgang intendiert, wird nach einhelliger bzw. überwiegender Forschungsmeinung durch die anschließenden Verse deutlich bestätigt.22
– Vers 8: „Er wurde aus dem Land der Lebenden weggerissen“ (מֵאֶרֶץ חַיִּים נִגְזָר), LXX: „wegen der Übertretung meines Volkes wurde er zu Tode geschlagen“23
– Vers 10: „Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat“ (אִם־תָּשִׂים אָשָׁם נַפְשׁוֹ).
– Vers 12: „dass erseine Seele ausgeschüttet hat in den Tod“ (הֶעֱרָה לַמָּוֶת נַפְשׁוֹ).

V. Intertextuelle Querverweise: und

gehört in ein Netz alttestamentlicher Texte, die das Leiden des Gerechten – in der jüdischen Auslegungstradition auch messianisch verstanden – mit dem Motiv der Durchbohrung beschreiben und so die kontextuell nahegelegte starke Lesart von מְחֹלָל plausibilisieren. Besonders hervorzuheben sind und :17, die beide das Motiv des „Durchbohrtwerdens“ entfalten – allerdings mit anderen Verben.

  • : מְחֹלָל (Polal von חלל II) – „durchbohrt, (tödlich) verwundet“.
    • Rabbinische Texte wie bSanhedrin 98b oder Pesikta Rabbati 36 deuten die Leidensaussagen dieses Kapitels messianisch, teilweise mit Bezug auf den „Messias, Sohn Joseph“.
  • : „Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt/durchstochen haben“ (דקר).
    • Schon die Targumim (z. B. Tg. Jonathan) deuten diesen Vers messianisch. Auch bSukkah 52a versteht ihn auf den „Messias, Sohn Joseph, den sie durchbohrt haben“.
    • דקר nh., aram. ܕܩܪ, דקר durchbohren. Ḳal pf. i. p. דָּקָֽרוּ, m. suff. דְּקָרֻהוּ, דְּקָרֻנִי; impf. וַיִּדְקֹר, m. suff. וַיִּדְקְרֵהוּ; imp. m. suff. דָּקְרֵ֫נִי — m. d. acc. durchbohren, durchstoßen (m. d. Schwerte, d. Lanze) ; ; ; ; 13:3; .†24 Alle diese Fälle enden mit dem Tod. So auch hier in , wo der unmittelbare Kontext deutlich macht, dass um den Durchbohrten geklagt wird (bes. v. d. Totenklage25), womit der Tod durch die Durchbohrung vorausgesetzt wird.
  • :17: „Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt/durchstochen.“ (4QPsᵃ, LXX, Peschitta26).
    • Mehrere jüdische Quellen deuten den Psalm messianisch, darunter Midrasch Tehillim zu und Pesikta Rabbati 36–37, wo der leidende Messias anhand dieses Psalms beschrieben wird.
    • Das Durchstechen der Hände ist nicht per se letal, steht in jedoch im Kontext expliziter Todesnähe („Staub des Todes“, ).

Die Parallelen zeigen, dass die Verben דקר und כרה in zentralen Texten verwendet werden, die in der jüdischen Tradition messianisch ausgelegt wurden und einen Erwartungshorizont prägen, in dem der Gerechte sowohl durchbohrt und dem Tod ausgesetzt erscheint () als auch tatsächlich stirbt (), ohne dass der Tod zwingend kausal aus der Durchbohrung selbst erklärt werden muss; vor diesem Hintergrund gewinnt die Deutung von מְחֹלָל in als Ausdruck schwerer, auf den Tod hin ausgerichteter Gewalt zusätzliche Plausibilität.

VI. Endergebnis:

Die Analyse des passiven Partizips מְחֹלָל in zeigt, dass es sich morphologisch um eine Polal-Form von חלל II handelt, mithin das passive Pendant des aktiven Poʿel innerhalb der D-Stämme. Die maßgeblichen Grammatiken (GKC; Joüon–Muraoka; Waltke/O’Connor; Heiser/Setterholm) sowie die einschlägigen Lexika (BDB; Gesenius; HALAT; Swanson; Fohrer; Bosman; Neef) dokumentieren übereinstimmend: Grundbedeutung von חלל II ist „durchbohren“, mit semantischen Abstufungen zu „verwunden“ je nach Kontext.

Die Nominalform חָלָל bezeichnet regelhaft den „Durchbohrten, Getöteten“ und verweist damit auf die letale Dimension der Wurzel. Auch die Targumim bestätigen diese Grundbedeutung: In narrativen Kontexten wie oder geben sie חֲלָלִים durchgängig mit aramäischen Ausdrücken für „Getötete, Erschlagene“ (קטיליא u. ä.) wieder. Damit spiegelt die aramäische Übersetzungstradition den klar letalen Sinn der hebräischen Vorlage wider und stützt die lexikalische Hauptrichtung von חלל II.

Die Beleglage zeigt, dass in der großen Mehrheit der Vorkommen (über 90 %) ein tödlicher Ausgang vorausgesetzt ist; metaphorische Verwendungen („verwunden“, „erschüttern“) sind selten und poetisch markiert.

Polal und die Erleidensperspektive

Besonders aufschlussreich ist die Wahl des Polal in . Morphologisch gilt Polal als „seltene passive Stammform, abgeleitet vom Poʿel“ und in seiner Semantik „mit der Piʿel-Familie verwandt“; er „kann die Herbeiführung eines Zustands beschreiben, wobei das Subjekt der Empfänger der Handlung ist“ (Heiser/Setterholm). Damit liegt die Betonung im Polal auf dem Erdulden des Geschehens: Der Knecht wird zum Opfer einer Handlung, die ihn in den Zustand des „Durchbohrtseins“ versetzt. Während die Nominalform חָלָל schlicht den „Erschlagenen“ bezeichnet, hebt das Verbalpartizip Polal die Perspektive des leidvollen Prozesses hervor, der den Knecht bis in diesen Zustand bringt.

Es geht in also nicht um eine sachliche Feststellung der Verwundung bzw. des Todes, sondern um die qualitative Darstellung der Gewalt, durch die der Knecht leidet und schließlich zugrunde geht. Der Vers hebt die grausame Art der Misshandlung hervor – jene schmerzhaften Gewaltakte, durch die der Gottesknecht „durchbohrt, zerschlagen, bestraft, gegeißelt“ wird und die ihn bis in den Tod führen.

Diese Interpretation fügt sich in die dichterische Gesamtkomposition von ein, die das Leiden des Gottesknechts in einer Akkumulation gewaltsamer Bilder entfaltet: „Schmerzen, bestraft, geschlagen, niedergebeugt, durchbohrt, zerschlagen, Striemen, misshandelt, abgeschnitten, zur Schlachtung geführt, Mühsal“ – und schließlich auch der Tod selbst (V. 9. 10. 12).

Bestätigung bei Delitzsch

Bereits Franz Delitzsch hebt diese Dimension in seinem Jesajakommentar hervor. Zu schreibt er:

„מְחֹלָל bed. bestimmter als חָלָל . nicht den nur tödlich Getroffenen, sondern den wirklich Hingemordeten: es ist nicht part. Polal v. חִיל: in Sich winden vor Schmerz versetzt (Hölem.), sondern part. Poal v. חלל: durchbohrt, transfossus (Passiv v. מְחֹלֵל 51,9 vgl. das passive מִנֹּאָץ 52,5). Bei steht dafür in gleichem Sinne דקר. Stärkere Ausdrücke, um gewaltsamen martervollen Tod zu bez., bot die Sprache nicht.“
(Delitzsch, Commentar über das Buch Jesaia, 1889, S. 520)

Damit bestätigt Delitzsch, dass מְחֹלָל in bewusst als besonders starker Ausdruck gewählt ist, um den gewaltsamen und martervollen Tod des Gottesknechts zu beschreiben.

Zusammenfassung

Im Licht der lexikalischen und morphologischen Befunde, der semantischen Distribution, der Nominalableitung, der Parallelstellen (; ; ) sowie der alten Übersetzungen ergibt sich: spricht sehr wahrscheinlich nicht von einer bloßen Verwundung, sondern von einer tödlichen, gewaltsamen Durchbohrung, die den Knecht in den Zustand des Getöteten versetzt. Das Polal-Partizip hebt dabei die Perspektive des Erduldens der Gewalt hervor und macht deutlich, dass nicht einfach „Tod“ ausgesagt ist, sondern der Weg des Leidens bis in den Tod hinein.

Fußnoten:

  1. „Ohne Grund will Gunkel, SuC 31, der חלל II überhaupt verwirft, Pi., Pu., Po. u. חָלָל II v. חלל I ableiten; vgl. dag. 6 u. Budde zu 13.“
    Gesenius, W., Zimmern, H., Müller, W. M., & Weber, O. (1915). In F. Buhl (Hrsg.), Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament (Sechzehnte Auflage, S. 234). F. C. W. Vogel. ↩︎
  2. Gesenius, W., Zimmern, H., Müller, W. M., & Weber, O. (1915). In F. Buhl (Hrsg.), Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament (Sechzehnte Auflage, S. 234). F. C. W. Vogel. ↩︎
  3. Brown, F., Driver, S. R., & Briggs, C. A. (1977). In Enhanced Brown-Driver-Briggs Hebrew and English Lexicon (S. 319). Clarendon Press. ↩︎
  4. Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 18., völlig neu bearb. Aufl., hrsg. von Herbert Donner, Karl-Heinz Bernhardt, u. a. (Berlin/Boston: De Gruyter, 2013–), S. 356–357, s.v. „חָלַל“. ↩︎
  5. Brown, F., Driver, S. R., & Briggs, C. A. (1977). In Enhanced Brown-Driver-Briggs Hebrew and English Lexicon (S. 319). Clarendon Press. ↩︎
  6. Klein (A Comprehensive Etymological Dictionary of the Hebrew Language, 1987 ↩︎
  7. Brown, F., Driver, S. R., & Briggs, C. A. (1977). In Enhanced Brown-Driver-Briggs Hebrew and English Lexicon (S. 319). Clarendon Press. ↩︎
  8. Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 18., völlig neu bearb. Aufl., hrsg. von Herbert Donner, Karl-Heinz Bernhardt, u. a. (Berlin/Boston: De Gruyter, 2013–), S. 356–357, s.v. „חָלַל“ ↩︎
  9. Fohrer, G. (2021). חָלָל. In J. F. Diehl & M. Witte (Hrsg.), Hebräisches und Aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament (4., völlig neu bearbeitete Auflage, S. 108). De Gruyter. ↩︎
  10. Klein (A Comprehensive Etymological Dictionary of the Hebrew Language, 1987 ↩︎
  11. Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 18., völlig neu bearb. Aufl., hrsg. von Herbert Donner, Karl-Heinz Bernhardt, u. a. (Berlin/Boston: De Gruyter, 2013–), S. 356–357, s.v. „חָלַל“. ↩︎
  12. Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 18., völlig neu bearb. Aufl., hrsg. von Herbert Donner, Karl-Heinz Bernhardt, u. a. (Berlin/Boston: De Gruyter, 2013–), S. 356–357, s.v. „חָלַל“ ↩︎
  13. Ibn Ezra on Isaiah 53:5:1-2. (o. D.). https://www.sefaria.org/Ibn_Ezra_on_Isaiah.53.5.1-2?lang=bi&with=all&lang2=en ↩︎
  14. Samuel David Luzzatto – Isaiah 53:5. (o. D.). https://www.sefaria.org/Isaiah.53.5?lang=en&p2=Shadal_on_Isaiah.53.5.1&lang2=en ↩︎
  15. Metsudah Chumash, Metsudah Publications, 2009 [with Onkelos translation]. (o. D.). https://www.sefaria.org/Onkelos_Genesis.34.26-27?lang=bi&with=all&lang2=en
    Onkelos ↩︎
  16. Targum Jonathan on John Wesley Etheridge, London, 1862. (o. D.). https://www.sefaria.org/Targum_Jonathan_on_Genesis.34.27?lang=bi ↩︎
  17. https://archive.org/details/PeshittaOldTestament/27_Isaiah/page/%D9%A9/mode/2up, S. 260 ↩︎
  18. https://www.dukhrana.com/lexicon/word.php?adr=2:18504&font=Estrangelo+Edessa&size=125%25. Auch in wird das griechische ἀποκτείνω („töten/morden“) mit ܐܬܩܛܠ übersetzt.
    https://www.dukhrana.com/lexicon/PayneSmith/page.php?p=501 ↩︎
  19. Leiden Peshitta (). (2008). Peshitta Institute Leiden. ↩︎
  20. „Im AT hält sie sich an den Masoretentext“
    Stubhann, M. (2008). Peschitta. In F. Kogler (Hrsg.), Herders Neues Bibellexikon (S. 584). Herder.
    „All books of the Peshitta OT were basically translated from Hebrew“
    Brock, S. P. (1992). Versions, Ancient: Syriac Versions. In D. N. Freedman (Hrsg.), The Anchor Yale Bible Dictionary (Bd. 6, S. 794). Doubleday. ↩︎
  21. „Die P. des AT war bereits gegen Ende des 2. Jh. n.Chr. vorhanden.“ Peschitta. (2017). In F. Rienecker, G. Maier, A. Schick, & U. Wendel (Hrsg.), Lexikon zur Bibel: Personen, Geschichte, Archäologie, Geografie und Theologie der Bibel (3. Auflage, S. 903). SCM R. Brockhaus.
    „Perhaps most books date from 1st–2d century A.D.“
    Brock, S. P. (1992). Versions, Ancient: Syriac Versions. In D. N. Freedman (Hrsg.), The Anchor Yale Bible Dictionary (Bd. 6, S. 794). Doubleday. ↩︎
  22. Eine abweichende Deutung vertreten nur wenige Exegeten (etwa Duhm und Blenkinsopp), die den Gottesknecht kollektiv auf Israel beziehen und daher die in den Versen beschriebene „Auslöschung“ nicht als physischen Tod, sondern als metaphorische Darstellung der kollektiven Erniedrigung und des Exils verstehen (müssen?). ↩︎
  23. „For his life was taken from the earth; he was led to death because of the lawless acts of my people.“
    Brannan, R., Penner, K. M., Loken, I., Aubrey, M., & Hoogendyk, I., Hrsg. (2012). The Lexham English Septuagint (). Lexham Press. ↩︎
  24. Gesenius, W., Zimmern, H., Müller, W. M., & Weber, O. (1915). In F. Buhl (Hrsg.), Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament (Sechzehnte Auflage, S. 167). F. C. W. Vogel. ↩︎
  25. „pt. pl. סֹֽפְדִים, סֽוֹ׳ — klagen, bes. v. d. Totenklage, abs. 2 S 1 12. 1 K 13 29. 8. 16 5. 49 3. 16. 23. Jo 1 13. 5. 12 12. 4. 12 5“
    Gesenius, W., Zimmern, H., Müller, W. M., & Weber, O. (1915). In F. Buhl (Hrsg.), Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament (Sechzehnte Auflage, S. 549). F. C. W. Vogel. ↩︎
  26. Der MT liest כָּאֲרִי („wie ein Löwe“), während die Lesart „durchbohrt“ (כָּרוּ/כָּרָה) durch ältere Textzeugen wie LXX, 4QPsᵃ und die Peschitta gestützt wird. ↩︎

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Markus Buller

Markus Buller

Autor

Markus Buller ist Prediger in seiner Kirchengemeinde und begeistert sich für Apologetik, die Entstehung des Christentums sowie grundlegende Lebensfragen. Sein Herz schlägt für die christliche Mission und den friedlichen Dialog mit Menschen anderer Glaubensrichtungen. Er absolvierte den Studiengang „Staatlicher Verwaltungsdienst – Allgemeine Verwaltung (Bachelor of Laws)“ an der HSPV NRW und arbeitet als Oberinspektor in der Behörde.

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