Dieser Artikel ist der Fünte Teil einer Artikelreihe über die Messianität Jesu. Erschienen ist bisher:
I. „Bist du der da kommen soll?“
IV. „Auf der Suche nach einem gerechten Gott!“
V. Ich bin!
Den Aspekt des Glanzes des Messias haben wir bisher ausführlich betrachtet, doch es gibt auch das „Elends-Element“ im Leben des Messias. Auch hier besaß Jesus von Beginn an ein eindeutiges Selbstverständnis. Die drei Synoptiker berichten uns, dass Jesus sein Leiden drei Mal angekündigt hat (Matthäus berichtet uns von der ersten Leidensankündigung in Kap. 16,21-23; vgl. Mk 8,31-33; Lk 9,22), über die zweite Leidensankündigung berichtet Mt 17,22-23; Mk 9,30-32; Lk 9,43-45; die dritte Leidensankündigung findet sich in Mt 20,17-19; Mk 10,32-34; Lk 18,31-34.
Gerade Markus ist es, der die Leidensankündigungen nicht nur geschickt positioniert, sondern auch das christologische Element dieser Ankündigungen betont. In allen drei Ankündigungen verwendet Jesus hier die Selbstbezeichnung Menschensohn und in allen drei Ankündigungen findet sich die Verheißung der Auferstehung. Gerade das erste Mal, als Jesus seine Leiden ankündigt, passt das nicht in die Vorstellung eines herrlichen Messias, wie Petrus sie hat und es kommt zur scharfen Zurechtweisung des Petrus durch Jesus, als dieser ihn „anfängt zu tadeln“ (Mk 10,32). Markus unterstreicht in diesem Zusammenhang auch, dass die Offenheit, mit der Jesus über sein Leiden sprach, die Jünger sämtlich überrascht hat.
Das zeigt uns, dass Jesus schon zu Beginn seines Dienstes eine klare Leidenserwartung besaß. Im Gespräch mit Nikodemus macht Jesus diesem klar, dass der Menschensohn so erhöht werden muss, wie die Schlange in der Wüste (Joh 3,14). Wir haben schon oben Jesu Ausführungen zu seinem Wiederaufbau des Tempels betrachtet, die nur kurz davor stattfanden und ebenfalls im Zusammenhang von Zerstörung und Wiederherstellung bzw. Tod und Auferstehung zu deuten sind.
Dieses Selbstverständnis des nahenden Leidens und Sterbens wurde wie wir gesehen haben, selbst von seinen engsten Jüngern nicht verstanden. In einer gewissen Weise wird das besonders in der Salbung in Betanien deutlich, wie sie uns von Johannes berichtet wird (Joh 12,1-8; vgl. Mt 26,6-13 und Mk 14,3-9). Maria nimmt ein Pfund Salböl und salbt Jesus die Füße. Die Jünger sind irritiert und sehen durch Judas Iskariot angetrieben, vor allem eine große Verschwendung. Doch Jesu Reaktion überrascht am meisten, da er in dieser Salbung eine Vorbereitung zu seinem Sterben sieht. Er sagt: „Lass sie. Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses“ (Joh 12,7). Es scheint, dass Marta zu den wenigen gehört hat, die über das nahestehende Sterben Jesu einen klaren Blick hatte.[1]
Wenn bereits seine Jünger kein Konzept für einen leidenden Messias hatten, so sah die Situation der Kritiker Jesu noch eindeutiger aus. Gerade im Leiden Jesu sahen sie den Beweis dafür, dass Jesus nicht „gottgewollt“ gehandelt hat. Lästerlich äußern sie sich: „Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Er ist der König von Israel, er steige nun herab vom Kreuz. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.” (Mt 27,42–43) Gerade, dass Jesus am Kreuz hängt, ist für die Hohepriester, Schriftegelehrten und Ältesten der Beweis dafür, dass Jesus nicht der Messias sein kann. Wie wir schon gesehen haben, scheitern sie daran, die Spannung zwischen Gerechtigkeit und Gnade, wie sie im Messias ihren Schnittpunkt findet, aufzulösen. Dabei prophezeit Jesaja deutlich und ausführlich über den leidenden Knecht (Jes 42,1-4; 49,1-6, 50,4-9; 52,13-53,12). Kein anderer Abschnitt des Alten Testaments wird häufiger im Neuen Testament zitiert, als Jes. 53![2]
Der Leidensaspekt wird deutlich in Jes 53 prophezeit. Dass jedoch der Messias Versöhnung mit Gott für sein Volk bringt, ist ein übliches Motiv zahlreicher Prophezeiungen, denken wir an Zef 3,14-16; Obd 21; Sach 9,9-10; Mi 4,8.
Allerdings ist festuzhalten, dass es nicht wenige Kritiker an einem Bezug von Jes 53 auf Jesus gibt, da es alttestamentlich keinen Bezug gibt, wo eine Verbindung zwischem dem leidenden Gottesknecht und dem Messias hergestellt wurde. Ebenso finden sich in der jüdischen Auslegung diesbezüglich keine Quellen. Aber diese Perspektive nimmt man nur ein, wenn man das Leiden Jesu isoliert betrachtet und es von Aspekten der Versöhnung von Gottes Volk mit Gott betrachtet, vom Wohnen Gottes unter seinem Volk, von der Wiederherstellung des Bundes. Dies sind die Themen, von denen einerseits die Propheten vorausschauend reden und die die Apostel als erfüllt ansehen (betrachten wir wie zentral Themen der Adoption in den Paulus-Briefen ist).
Jesu Leiden widerfuhren ihm nicht einfach, weil er unter die Räder der Mächtigen dieser Welt geriet, sondern weil hier Gottes Heilsplan große Schritte nach vorne machte. Ein Begriff der in diesem Zusammenhang unbedingt berücksichtigt werden muss, ist der Begriff des Mittlers. So wird Jesus wirklich zu einem Mittler zwischen Gott und Mensch, der eben beides ist, sowohl souveräner Gott und völliger Mensch. Das Westminster Bekenntnis drückt es auf diese Weise aus:
„Es hat Gott in seinem ewigen Vorsatz gefallen, den Herrn Jesus, seinen eingeborenen Sohn, zum Mittler zwischen Gott und Menschen zum Propheten, Priester und König, zum Haupt und Heiland seiner Kirche, zum Erben aller Dinge und zum Richter der Welt zu erwählen und einzusetzen.“[3]
Konfrontiert mit dem Kreuz wird der Messias-Anspruch Jesu eine alles oder nichts Entscheidung. Entweder ist Jesus der Messias, der er zu sein beanspruchte, dessen Dienst er in Übereinstimmung mit den Prophezeiungen mit den von einem Gesandten Gottes zu erwartenden Wundern ausübte und in einem leidenden Knechtsdienst führte, jedoch nicht im Tode blieb und auferstand oder eben nicht. Entweder Jesus oder eben nicht. Vor diesem Absolutheitsanspruch Jesu ist schon manch einer zurückgeschreckt. Aber das ist nun einmal der Anspruch Jesu: ENTWEDER, ODER . Alles oder nichts. Entweder ein ganzer Messias, ein ewiger König, ein einziger Priester und wahrer Prophet, als einzig möglicher Mittler zu Gott oder eben gar kein Messias.
Dieser Anspruch braucht uns aber nicht unnötig zu erschrecken. In gewisser Weise macht er uns die Entscheidung sogar leichter. Es macht keinen Sinn in Jesus „nur“ einen guten Lehrer oder einen Philanthropen zu sehen oder gar einen ungewöhnlichen, beinahe einmaligen Wunderheiler, einen Vordenker, einen, der missverstanden wurde von seiner Zeit, wenn wir gleichzeitig nicht bereit sind, in ihm auch den einzigen möglichen Messias zu sehen. Entweder war Jesus wirklich der Messias, der er zu sein beanspruchte, und als den ihn seine Jünger verkündigten (und die Propheten vorhersahen) oder er ist schlicht ein sadistischer Lügner oder ein zu bemitleidender Irrer. Ein bloßes Bewundern eines überdurchschnittlichen Lehrers ist bei Jesus schlichtweg nicht möglich. Aus eschatologischer Perspektive gilt, dass Jesus entweder zum Erlöser oder Richter wird. Die apologetische Schlagkraft dieses Arguments wurde bereits von einigen Christen erkannt, man vergleiche beispielsweise das Handbook of Christian Apologetics[4] von Kreeft und Tacelli oder die Bibel im Test von McDowell.[5]
Diesen Hinweis verdanke ich Tim Kellers Predigt “With the Anxious”, vgl. https://podcast.gospelinlife.com/e/with-the-anxious-1701380637/ [letzter Zugriff 06.09.2024].
[2] Kenneth Barker (Hrsg.). The NIV Study Bible. Grand Rapids: Zondervan, 1995, 1094.
[3] Thomas Schirrmacher (Hg.). Der evangelische Glaube kompakt – Ein Arbeitsbuch. Bonn: VKW,2017, 81-82.
[4] Peter Kreeft/Ronald K. Tacelli. Handbook of Christian apologetics: hundreds of answers to crucial questions. Westmont: IVP Academic, 1994, 175ff.
[5] Josh McDowell. Die Bibel im Test. Bielefeld: CLV, 2002, 161-168.
















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